Der Zweck der Sense

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Heute also nach der Zwangs-Sommerpause letzte Woche eine neue Geschichte, die sich um eine ungewöhnliche Begegnung in einer noch ungewöhnlicheren Landschaft dreht.

Die Erzählerin wacht nach einem tödlichen Unfall auf und – na ja, dann ist halt alles, wie gewohnt anders und wunderlich!


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Download der Sendung hier.

Musiktitel: „Life goes by“ von MIDNIGHT PRÉFOU / CC BY-NC-SA 3.0

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Die Geschichte zum Lesen

Meine letzte Erinnerung sind Scheinwerfer, die auf mich zurasen. Und dieses schreckliche Geräusch von Luftdruckhörnern, wie sie nur LKWs als Hupe benutzen.

Dann war da einfach … Nichts. Einfach nichts! Also nicht schwarz oder weiß, nicht einmal grau: Es war keine Farbe. Es war auch nicht laut oder still, sondern gar kein Schall. So war es wohl, tot zu sein, dachte ich mir.

Ah! Immerhin! Ich kann ja denken!

SFX: Husten

Und ich kann husten. Also huste ich. Warum huste ich eigentlich? Ich öffne die Augen. Punkt zwei auf der Checkliste: Ich kann die Augen öffnen! Kann ich etwas sehen?

Ich kann sehen: Ich sehe graue, dicke Rauchschwaden um mich herum, die … ja, was machen Schwaden? So rumwabern tun die Schwaden halt. Schwaden wabern?

Und warum riechen die Schwaden eigentlich nach fucking Trauben? Warum riecht das Leben nach dem Tod nach Trauben? Ist das hier die Hölle oder der Himmel?

„Oh, sorry! Tut mir total leid! Das wollte ich nicht, ich dachte nicht, dass Du schon so wach bist. Das ist eine blöde Angewohnheit von mir. Ich versuche mit Zigaretten aufzuhören und deshalb dampfe ich …“

„Traube?“

„Wie? Traube? Ja, stimmt, hat etwas von Traube. Ist ‚White King‘ von Dampf-Lion. Das Coole an dem Aroma ist, dass, wenn man die Flaschen sammelt, kriegt man ein Schachspiel zusammen. Krass, oder?“

Ich starrte ungläubig auf den Tod.

Der kuckte noch einmal sehnsüchtig auf seine komische E-Zigarette und ließ sie dann dampfend irgendwo in den Untiefen seines Umhangs verschwinden.

Dann zuckte er mit den Schultern und gab ein leises Stöhnen von sich. Keine Ahnung, wie das funktionierte, aber ich hatte den Eindruck, als würde der Totenkopf schmunzeln.

Wir standen auf einer Autobahn. Einer menschenleeren Autobahn. Auf beiden Seiten waren keinerlei Fahrzeuge unterwegs. Stattdessen konnte man die Vögel zwitschern hören und ein Schmetterling ließ sich auf der Kutte von Tod nieder, ohne dass dieser das bemerkte.

Schweigend trabten wir nebeneinander her. Ich war völlig fassungslos, denn für mein Zeitempfinden waren seit dem Gehupe des LKWs und der leeren Autobahn nur Sekunden vergangen.

Die Zeit im absoluten Nichts hatte keine Ausdehnung. Für mich war erst die Hupe und dann – zack – Traubendampf! So hatte ich mir das Leben nach dem Tod … Moment, war das der Tod, der da neben mir ging?

„Warum eigentlich eine Autobahn?“

„Hä? Autobahn?“

„Na ja, Du weißt schon: Warum ist der Weg in das Leben nach … Dir? Das Leben nach dem Tod? Warum ist das hier eine Autobahn?“

„Ich habe keine Ahnung, warum Du eine Autobahn gewählt hast. Das solltest Du besser wissen als ich. Für jeden ist das anders. Jeder sieht da etwas Anderes.“

„Ach.“

„Ja. ‚Ach‘ eben.“

„Und? Was siehst Du?“

„Ich?“

„Ja, Du!“

Tod blieb stehen und schwenkte seinen Totenkopf einmal hin und her. Er blickte aus den leeren Augenhöhlen auf den Horizont und dann direkt mich an.

„Ich sehe eine riesige Wüste. Rund um mich nur Wüste. Nur hier, dieser Weg, den wir gehen, das ist ein Trampelpfad. An dessen Rändern sind große Steine zur Markierung. Hinter mir, da ist Zuhause. Und vor uns, wenn Du das wirklich wissen willst, vor uns liegt ein dunkler Wald!“

„So.“

„Ja. So.“

„Und …“

„Und, was?“

„Wohin gehen wir?“

„Du bist aber schon neugierig, oder?“

„Kannst Du nicht darüber reden?“

„Doch, klar. Ich kann reden, worüber ich will.“

„Also: Wohin gehen wir?“

„Zum Ende.“

„Zum Ende? Zum Ende von was?“

„Na, einfach zum Ende!“

„Was bedeutet das?“

„Na, zum Ende dieses Trampelpfads, nur als Beispiel!“

„Und dann?“

„Das Ende!“

„Oh, mein Gott! Du bist ungefähr so hilfreich wie eine IKEA-Bauanleitung!“

„Danke!“

„Das war eine ironische Bemerkung.“

„Oh. Ist so ein Ikea schwierig zu bauen?“

„Ein Ikea ist unmöglich zu bauen.“

„Aha. Verstehe.“

Irgendetwas am Ausdruck des Gerippes neben mir ließ mich wieder schweigen. Ich hatte den Eindruck, nicht die richtigen Antworten von ihm bekommen zu können, wenn ich mir nicht bessere Fragen überlegen würde. Aber mir fielen jetzt keine besseren Fragen ein. Also schwieg ich.

Und er konnte das auch ganz prima, so dass wir lautlos auf der Autobahn entlang liefen. Auf dem Weg zum Ende eben.

Ohne Smalltalk schritten wir nebeneinander her, auf einer schier unendlich langen Autobahn aus heißem Asphalt. Schweigend. Für Stunden und Stunden. Für Tage und Tage. Endlos streckte sich unser Weg!

Oder vielleicht dauerte es auch nur Sekunden, keine Ahnung. Auf jeden Fall hatte ich die Nase ziemlich voll von diesem bedeutungsschwangerem Geschweige:

„Sag‘ mal, was ich schon immer wissen wollte: Wofür ist eigentlich die komische Sense?“

Der Tod zuckte bei meiner Frage ein bisschen zusammen und blickte mich aus den Winkeln seiner Augenhöhlen an. „Selbstverteidigung!“, raunte er.

Zum ersten Mal kam es mir so vor, als ob mein Begleiter doch Emotionen hat. Irgendetwas an meiner Frage hatte ihn verunsichert. Er wirkte nervös!

Hah! Ich hatte den Tod nervös gemacht. Oder? Hatte ich? Nein, ES hatte. Dann war ich plötzlich selber nervös.

Denn, ganz im Ernst: Wenn etwas sogar dem Tod himself Angst machen kann, dann dürfte das durchaus eine ernste Bedrohung sein, oder?

Ich flüsterte: „Selbstverteidigung vor WEM?“

„Es gibt ja die Fee. Und bei den Feen gibt es die Wisps, die Aos Shi, die Fee selbernatürlich, die Elfen, die Kobolde und dann die Gegner, die mich jagen, die …“

„Die was?“

„Die Ooligans!“

„Und die jagen Dich?“

„Ja!“

„Die jagen den Tod?“

„Es gibt nur drei Grundgewalten, Kleine! Das Leben, mich und …“

„Die Ooligans!“

„Genau!“

Das gab mir sehr zu denken. Das hatte ich noch nie gehört. Was würde wohl passieren, wenn der Tod sich nicht selbst verteidigen könnte? Wäre das dann gut oder schlecht für mich? Wollte ich überhaupt zum ‚Ende‘ gehen, was immer das auch sein sollte?

Unsanft wurde ich aus meinen Grübeleien gerissen, als der Tod stehenblieb, mich schützend am Arm festhielt und mit schnellen Kopfbewegungen die Umgebung scannte. Er wirbelte die Sense über seinem Kopf und nahm dann eine halb kauernde Körperhaltung ein.

Während er langsam alles um uns herum kontrollierte, fluchte er leise vor sich hin: „Scheiße, Scheiße, Scheiße, Scheiße, Scheiße, Scheiße, Scheiße, Scheiße …“

Ich flüsterte: „Was ist?“

„Mein Gott! Runter mit Dir! Leg‘ Dich ganz flach auf den Boden! Schnell!“

Ich ließ mich fallen und versuchte, mich in eine Pfütze zu verwandeln, so flach legte ich mich hin!

„Oh, mein Gott! Es sind zu viele! Sie sind … überall! Sie sind einfach überall!“

Und dann machte der Tod ein Geräusch, dass so schrecklich war, dass mir das Knochenmark gefror! Ein übermenschliches Kreischgeräusch – alle Muskeln in mir verkrampften sich zu Beton.

Der Tod drehte, die Sense über den Kopf erhoben, während er kreischte, seinen Totenschädel in meine Richtung … und … lachte!

Ich nahm die Hände vom Kopf und schaute ihn an. Er krümmte sich vor Lachen und hielt sich den Bauch vor Schmerz!

„Ich krieg‘ mich nicht mehr ein! Du solltest einmal Dein Gesicht sehen!“

„Wie?“

„Hach, das war genial! Zu gut!“

„Du verarschst mich, oder?“

„Deine Generation ist einfach die Beste! Ich überleb’s nicht!“

„Du hast mich zu Tode erschrocken!“

„Hah! Noch besser! Ich glaube es einfach nicht: Hooligans!“

„Das hast Du Dir nur ausgedacht?“

„Der Tod hat die Sense wegen der Hooligans! Und Du hast Dir glatt in die Hosen gemacht!“

„Ist das Dein Humor? Findest Du das witzig?“

„Sag‘ mal, Deiner Generation kann man wirklich jeden Scheiß andrehen, oder?“

„Und jetzt auch noch Häme? Ist das die Hölle hier, oder was?“

„Dir ist schon klar, dass Du tot bist, oder? Was sollte Dir denn noch Schlimmes widerfahren?“

„Keine Ahnung? Ich mache das zum ersten Mal, Du Arsch!“

„Hooligans! ‚Es gibt nur drei Grundgewalten! Das Leben, mich und Hooligans‘: Ich überlebe es nicht!“

„Okay. Sehr lustig. Geht das noch lange?“

„Echt, so flach wie Du ist noch keiner da gelegen! Respekt!“

„Ich geh‘ dann einfach mal weiter, okay?“

„Warte, warte, ich komm ja schon!“

„Aber nur, wenn Du aufhörst, zu kichern!“

(Kichert weiter.)

„Du?“

„Yep?“

„Für was ist die Sense dann?“

„Ach, die. Die hat keinen Zweck. Bevor ich diesen Job angenommen habe, war ich Bauer. Das ist eine Art Souvenir, mehr nicht.“

„Ach.“

„Ja, mehr nicht.“

„Du, Tod?“

„Ja, Tote?“

„Eins noch.“

„Und zwar?“

„Ich kann Dich echt nicht ausstehen!“

(Kichert) „Ist okay!“

(Pause)

„Hooooligans!“ (Kichert wieder)