Der Weißbier-Messias


play_circle_filled
pause_circle_filled
volume_down
volume_up
volume_off

Wenn man alte Klassenkameraden nach vielen Jahren wieder trifft, gerät das nur selten zu einem Treffen voller Überraschungen.

In der heutigen Sendung nimmt ein Abend, der nostalgisch zu werden drohte, eine dramatische Wendung, als sich ein ungebetener Gast an den Tisch setzt und von seinen letzten zwanzig Jahren berichtet.


Erzählung: Der Großinquisitor von Dostojewski
Download der Sendung hier.
Musiktitel: „Jesus on Facebook“ von RONCOLINO MARAJÀ / CC BY-NC-SA 3.0


Was denkst Du? Deine Meinung über diese Geschichte bei uns im Forum.
(Nur für Sektenmitglieder)


Die Geschichte zum Lesen

„Bist Du wirklich der Oliver Wunderlich? Der, mit dem ich im Deutsch-Leistungskurs war?“ Das war der ganze Inhalt einer Email mit dem Betreff: „Gymnasium München-Moosach“. Keine Ahnung, wer das geschrieben hatte, die Absender-Adresse war ein kryptischer Gmail-Account.

Ich wollte die Mail löschen, war wohl nur Spam, aber manchmal bilde ich mir ein, witzig zu sein.

Ich antwortete: „Ja, ich bin DER Oliver Wunderlich. Unterwegs im Namen des Herren, die Heiden zu bekehren, Wunder zu vollbringen und die Welt zu heilen. Momentan sammele ich Spenden, weil ich wirklich richtig viel Pflaster kaufen muss. Interesse?“

Die Antwort kam prompt: „Ja, Du musst DER Oliver Wunderlich sein. Keine Frage. Ich bin der Holger und wohne mittlerweile wieder ganz in der Nähe von München. Hast Du Lust, dass wir uns wieder einmal treffen und in die Eule gehen? So wie früher?“

Holger! Mit keinem hatte ich mehr blau gemacht als mit ihm. Dabei stammten wir aus zwei verschiedenen Welten. Er war das, was man damals „Popper“ nannte. Kaschmirpullunder, Seitenscheitel, Bundfaltenhosen und der Anspruch, zur Oberschicht zu gehören.

Ich hingegen Öko der ersten Generation und allergisch gegen Leistungsgesellschaft, Ausbeutung und Umweltverschmutzung.

Wir hätten uns dauernd in den Haaren liegen müssen. Und wir lagen uns dauernd in den Haaren. Doch uns verband die Art der Kommunikation. Ehrlich, direkt, mit offenem Visier. Wir respektierten uns, auch wenn Außenstehende unsere Freundschaft nicht verstanden.

Ich antwortete: „Klar. Gerne. Aber ich wohne nicht mehr in München, sondern in Augsburg. Und ich trinke keinen Alkohol. Du musst also alleine weinerlich, pessimistisch und dann religiös werden.“

Die Antwort: „Kein Problem, werde ich einfach für uns beide trinken müssen. Aber das kriege ich hin. Sonntag, 18:00 h, in der Eule, o.k.?“ Das war alles.

Die Eule war damals unsere Stammkneipe und äußerlich war sie unverändert. Das Publikum war ein anderes; weit und breit keine Studenten oder Pärchen, dafür alte,unglückliche Männer mit Münzen. Statt dem Piano hingen drei Glücksspielautomaten an der Wand. „Sizzling Hot“, „Triple Chance“ und „Playboy“ hießen die. Slots werden mit eigenem Publikum ausgeliefert.

Holger hatte sich auch verändert. Der blonde Seitenscheitel war dem Nichts zum Opfer gefallen. Und wie viele lange Menschen, die spät im Leben übergewichtig werden, sah sein Bierbauch aus, als hätte er sich einen Fußball umgeschnallt.

Wir schwelgten in nostalgischen Erinnerungen. Ich klammerte mich an ein Apfelschorle, während ein Schnitzel und zwei Weißbier in meinem Gesprächspartner verschwanden.

Das Schicksal, die Welt und speziell die Frauen hatten dem armen Holger übel mitgespielt. Den Sprung in die Oberschicht versuchte er mit dem Verkauf von Aktien schaffen und Ende der Neunziger funktionierte das prächtig.

Selbst Rentner spielten damals mit dem Gedanken, sich ein, zwei Telekomaktien anzuschaffen. In der Tagesschau tickerten Börsenkurse. Dann platzte die Blase und viel Geld später verlosch das Interesse der Deutschen an Aktien.

Eine teure Scheidung und Unterhaltungszahlungen für zwei Kinder leerten seine Konten, in die eigene Leere schüttete er Bier und Schnitzel. Wie zu erwarten, war in unserem Gespräch Zustand eins erreicht: Weinerlichkeit, Selbstmitleid, unerträgliche Melancholie.

Zwei Bier später wurde das zweite Schnitzel bestellt und die Stimmung schwankte ins Apokalyptische. Die Rückversicherungsgesellschaft, für die er arbeitet, bereitet sich auf die Klimakatastrophe vor, sagt Holger.

Hamburg, Rostock, Kiel, Bremen – alles in zehn Jahren überschwemmt. Bayern, Baden-Württemberg und Sachsen von Flüchtenden überrannt. Man rechnet mit einer Milliarde Menschen ohne Heimat – da helfen keine Grenzen, keine Mauern.

Das war schwer zu verdauen. Vielleicht hätte ich mir besser statt eines Café au Lait für diese Runde auch Alkohol bestellt? Gott sei Dank war nun der religiöse Teil des Abends erreicht, Holger war wohl routinierter als damals.

Die Religion sei schuld, dass die Menschen nicht den Arsch hochkriegen, meinte Holger. Der Glaube, dass der Schöpfergott doch noch eingreift und alles repariert, sei der Grund, dass alle weiterwirtschafteten wie bisher.

Aber keiner kümmerte sich um die Menschen, wir seien ganz auf uns gestellt! Jetzt wurde er laut: „Und euer Scheiß-Jesus wird nicht kommen, um euch zu retten! Findet euch damit ab, ihr Schwächlinge!“

Für eine Sekunde blickten die Glücksspiel-Abhängigen auf Holger. Aber nur bis die Computermusik der Slots den nächsten Verlust einläutete. Ein Mann mit ungepflegtem Vollbart löste sich von der Theke und stapfte auf uns zu.

„In Wirklichkeit“, sagte er zu Holger, „bin ich schon seit 1999 wieder da! Aber das interessiert keinen!“ Er stützte sich auf den Tisch und schaute uns abwechselnd mit irritierend hellblauen Augen an. Ich konzentrierte mich angestrengt auf seine Tätowierungen, weil sein Körpergeruch Würgereiz auslöste.

„Wollt ihr wissen, was ich in 20 Jahren auf der Erde über die Menschheit gelernt habe?“, fragte er, während er sich zu unserem Entsetzen an den Tisch setzte. Auf dem linken Arm war ein Wappen tätowiert mit einer Schlange und einem Engelsflügel und in Frakturschrift: Johannes 3,16.

Das nahm ich wahr, während ich mit meinem Brechreiz rang. Schweiß, Alkohol, Urinstein und Schimmel. Wie alt waren die Käsereste in seinem Vollbart? Er nahm sich das Bier von Holger und trank durstig. Dann stellte er es vor sich auf den Tisch und bediente sich bei den Pommes, die Holger beim zweiten Schnitzel gar nicht mehr angerührt hatte.

„Ich sehe schon“, meinte Johannes 3,16 kauend, „ihr glaubt mir kein Wort. Ihr denkt, ich bin nur ein Penner, der sich hier regelmäßig besäuft und Leute anquatscht, damit er umsonst essen und trinken kann, stimmt‘s?“

Holger versuchte vorsichtig, sich wieder an sein Bier zu tasten.

„Einfach ein Schizophrener, der sich für Jesus hält, stimmt‘s? Ihr stellt euch vor, wie ich besoffen im Englischen Garten stehe und den Leuten das Evangelium predige. So stellt ihr euch das vor! Oder?“

Er schaute mir direkt in die Augen und ich antwortete: „Nun ja. Um ehrlich zu sein …“ Er nickte: „Mein Vater hat mich auf die Erde geschickt, wegen des Jüngsten Tags im Jahre 2000. Große Sachen waren da geplant, sage ich euch. Große Sachen!“

„Also, es war1999 und da war ich. Ich wandelte durch die Straßen und erwartete natürlich, dass sich die Frommen um mich scharen. Das könnte man doch erwarten, oder? Wenigstens ein paar Hundert der Treuesten. Und? Was passiert? Nichts passiert! Man könnte doch damit rechnen, dass der leibhaftige Sohn Gottes mehr Aufmerksamkeit bekommt als eine minderjährige Kosmetik-Youtuberin!“

„Wisst ihr, was passiert ist? Wollt ihr wissen, was passiert ist?“ Er stopfte sich eine Handvoll Fritten in den Mund, eine verfing sich im Bart. Dann kippte er einen Schluck Weißbier. „Ah! Das tut gut! Wollt ihr also wissen, was passiert ist? Kostet nur einen Kurzen!“

Holger signalisierte die Bestellung an die Theke und Sohn Gottes holte sie ab.

„Eingesperrt haben sie mich! In die psychiatrische Klinik haben sie mich gesteckt. Medikamente haben sie in mich gepumpt, bis ich die Stimme meines Vaters nicht mehr hören konnte. Ich saß da so lange, bis ich selber nicht mehr geglaubt habe, wer ich bin!“

„Dann wieder raus und auf die Straße. Ohne Pillen konnte ich wieder Stimmen hören, aber immer noch interessierte sich keine Sau für das, was ich zu sagen hatte. Es dauerte kein Jahr, bis sie mich wieder holten und wegsperrten. Damals wollte ich die Welt immer noch retten!“

„Ich meine, es ist nicht nur schlimm in der Psychiatrie. Einige der Vernünftigsten habe ich dort kennengelernt. Da sitzen ein Haufen Leute, die sich wirklich über existentielle Dinge Gedanken machen und nicht über ihren Bausparvertrag oder wie ihr Verein am nächsten Samstag spielt.“

„Aber ich bekam wieder Medikamente. Die haben wieder die Stimme Gottes ausgeschaltet und mich in eine Art Parkinson-Patienten verwandelt. Ich war die ganze Zeit hippelig, konnte aber trotzdem die Gesichtsmuskeln nicht kontrollieren. Ich bin getorkelt, weil Gehen einfach zu kompliziert war für meinen Körper.“

„Als sie der Meinung waren, mit Medikamenten bei mir nichts erreichen zu können, haben sie die Behandlung verändert. Wisst ihr, was Elektrokonvulsionstherapie ist? Nicht? Das sind Stromschläge für Dein Gehirn. So wie in ‘Einer flog über das Kuckucksnest‘. Man würde denken, die machen das nicht mehr. Aber die machen das. Und wie die das machen!“

„Danach wieder raus auf die Straße. Ich habe lange gebraucht, bis ich die Stimme meines Vaters wieder gehört habe. Jahre habe ich gebraucht. Und natürlich keinen Job gekriegt. Zimmerer sind nicht mehr so richtig gefragt am Arbeitsmarkt.“

Wieder nahm unser Gast einen Zug aus dem Weißbierglas, mein Blick konzentrierte sich auf die eine Fritte, die sich hartnäckig im Bart festklammerte.

„Also suche ich alles ab. Ich latsche kreuz und quer durch die Levante, den Maghreb und durch Europa. Immer auf der Suche nach ein paar Gerechten. Nach nur einem einzigen Christen, der nach den Evangelien lebt. Ich meine, es ist nicht so schwer, oder? In dem Buch steht die ganze Story vier Mal drinnen, damit jeder das kapieren kann, oder?“

„Aber nichts. Weit und breit keiner zu finden. In den Kirchen habe ich schon gar nicht mehr gesucht, das war ja komplette Zeitverschwendung! Die haben sich nach meinem Tod gemütlich damit eingerichtet, dass es genügt, zum Abendmahl zu gehen. Danach kann man den Nächsten weiter bescheißen nach Strich und Faden.“

Wir unterbrechen das Programm für einen Schluck Weißbier. Ich hatte mich mittlerweile an den Gestank gewöhnt und hörte dem Monolog aufmerksam zu. Ich sah die Tätowierungen auf der Innenseite des anderen Arms: Ein kitschiges Landschaftsbild mit einer untergehenden Sonne, davor ein Schäfer mit seiner Herde, der melancholisch in die Ferne starrte.

„Das war lecker!“, rief unser Gast und wollte anheben, weiter zu predigen, als der Wirt von der Theke rief: „Tommy, lass die Gäste in Ruhe! Wenn hier schon einmal normale Leute reinkommen, musst Du sie mir nicht gleich wieder verjagen!“

„Klar, Chef!“, antwortete der Sohn Gottes, „Ich wollte sowieso gerade gehen!“ Dann wandte er sich verschwörerisch an uns. Dazu verringerte er den Abstand zwischen Nasen und Gestank.

„Tommy ist nur mein Tarnname! Ich bin sehr vorsichtig geworden, ich will nicht noch einmal in die Klapse! Da habe ich einfach den Namen meines Lieblingsjüngers angenommen.“

„Du, mein lieber Freund“, sagte er zu Holger, „hast völlig recht. Ich werde euch nicht retten. Und wisst ihr, warum? Wisst ihr das? Hm? Habt ihr eine Ahnung? Wollt ihr das wirklich erfahren?“

Holger gestikulierte wieder zur Theke, Sohn Gottes holte die zwei Schnaps ab.

„Der wirkliche Grund ist, dass es euch zu gut geht! Ihr habt euch alle in einer Welt eingerichtet, in der es Glauben nicht mehr braucht. Weil ja alles schön bunt und harmonisch und friedlich ist!“

„Jeder darf euer Freund sein, wenn er nur ein regelmäßiges Einkommen und Manieren hat und sich pflegt. Sobald er aber eine Warze auf der Nase bekommt, ist es vorbei mit der Freundschaft. Ihr seid euch alle so gleich in eurer Weichspülerunterwäsche, dass ihr gar nicht bemerkt, wie die Welt aussieht.“

„Den Bettler schaut ihr nicht an und wenn ihr Bilder seht von Menschen, die im Mittelmeer ersaufen, dann schaltet ihr schnell um. Muss man ja nicht anschauen, man kann ja auch tagelang frei erfundene Serien kucken!“

„Und wenn die Traurigkeit nicht weggehen will, dann kann man ja tief in den Bauch atmen und ganz im Hier und Jetzt leben! Die Sintflut kommt und ganz oben treiben lauter Menschen im Lotussitz!“

„Darum, lieber Holger, werde ich euch nicht retten. Weil ihr nicht hinschaut!“ Er nahm noch einen Zug aus dem Weißbierglas und verkündete, so dass es jeder in der Eule hören konnte: „Euch rette ich nicht! Schnallt euch fest an für die nächsten Jahre, denn ihr müsst den Karren selber aus dem Dreck ziehen!“

Und er sprach die Worte, nahm seine Jacke aus Jeans und verließ die Eule für immerfort.

Im Hintergrund dudelten die Automaten weiter, im Fernseher über der Theke spielten Menschen gegeneinander Fußball, der Wirt spülte Gläser ab, Stubenfliegen setzten sich auf die Fritten.

Holger starrte katatonisch vor sich hin. Er reagierte nicht, als ich ihn ansprach und mit den Fingern vor seinen Augen herum wedelte. Wo kuckte der hin?

Dann sah ich es auch! Auf dem Tisch stand sein Weißbierglas.

Und es war voll.


Ähnliche Geschichten:

  • Das mit der Liebe
  • Conny und Peter haben beim Versteckspielen Zeit, endlich einmal über ein wichtiges Thema zu reden! Über das mit der Liebe halt!


  • Alfie und Candy
  • Zwei künstliche Wesen geistern durch die menschenleere Wüste und tauschen sich über Philosophischeres aus, als man das von Maschinen erwarten mag.


  • Regentropfenerleuchtung
  • Einfach mal den bestgekleideten der Junkies rauspicken, Bier spendieren und fragen: Wie ist das eigentlich so, dieses Heroin?