Der Unsichtbare


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Manche Menschen sind für den modernen Arbeitsalltag weniger geeignet als andere. Unser junger Erzähler heute ist denkbar schlecht geeignet, schon Schule und Studium empfand er als Gefängnis.

Als ihn das Grau des Alltags zu erdrücken droht, begegnet er einer seltsamen Hippiefrau. Vielleicht gibt es ja doch noch einen Ausweg? Einen kleinen Trick? Ist auf jeden Fall einen Versuch wert, oder?


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Musiktitel: „Ich bin reich!“ von MAXIMAL EGAL / CC BY-NC-SA 3.0
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Die Geschichte zum Lesen

Schule war ja schon doof. Extrem doof. Die Lehrer waren doof und die Lehrerinnen auch. Die Klassenkameraden waren erträglich, aber für sechs Stunden eingesperrt zu sein, das ist doch Folter.

Und dann steht da vorne ein Lehrer und betet, mitten an einem herrlichen Sommertag, einen Text über die Verzinsung von Staatsanleihen in der Weimarer Republik herunter… also bitte.

Er litt wie ein eingesperrtes Tier. Ein Blick auf die Sonne und die Sehnsucht zerfraß ihn. Am liebsten hätte er seinen Kopf immer wieder auf die Tischplatte gehauen, bis er keinen Schmerz mehr spüren würde, aber die Schulpsychologin verdrehte eh nur genervt die Augen, wenn sie ihn sah.

Die Universität war nicht viel besser. In so einer Uni ging man als Individuum ein bisschen unter. Vorlesungen fern zu bleiben war keine Sache, über die sich jemand aufgeregt hätte.

Doch man landete auch in Seminaren, wo die Mitgliederzahl so überschaubar war, dass es auffiel, wenn man blau machte. Aber er konnte nicht anders. Keiner konnte nachvollziehen, dass sinnloses Rumhocken für seine Pantherseele die reine Folter war.

Auch, wenn Germanistik als brotlose Kunst gilt: Seine lebendige Schreibe und die Tatsache, dass er ein menschlicher Almanach in Sachen Gaming war, machten schon seine zweite Bewerbung nach dem Studium zu einem Volltreffer.

Schneller als viele seiner Altersgenossen bezog er also ein regelmäßiges Gehalt und konnte sich eine hübsche Wohnung leisten, weil er einen Job in der europäischen Dependance von Nintendo bekam.

Ein halbes Jahr fühlte er sich auch wie der König von Deutschland, dann holte das Grau ihn ein: Am Tag der Offenbarung war sein Fahrrad geklaut und er musste zu Fuß in die Arbeit.

In der herbstlichen Dämmerung am frühen Morgen, bei leichtem Nebel. So schlich er vorbei am Imbisswagen, dem Parkhaus, an der Bundesagentur für Arbeit, Aldi, Lidl, der Spedition Schenker und dem Innside-Luxushotel.

Als er aus dem Aufzug stieg und sein Büro betrat, wurde er von der Wärme des Gebäudes beinahe erschlagen. Doch noch schlimmer schmerzten seine Augen. Das ganze Büro war in den happy-quietschibunty Farben eines Supermariospiels gestaltet.

Der rechte Teil seines Gehirns begann zu pochen, als ihm klar wurde, dass er auf dem ganzen Weg zur Arbeit keine Farbe gesehen hatte: Draußen alles grau und schwarz und drinnen alles pink und cyan und signalgrün.

Das war sein Leben. Acht Stunden im Regenbogenland, acht Stunden Schlaf und acht Stunden im Nebelland. Für den Rest seines Lebens. Ausgerechnet heute würde der Tag besonders lange dauern, denn Super Mario Maker 2 kam für die Switch auf den Markt.

Am Ende des ersten grauen Tages pochte sein Kopf so fest, dass er beschloss, mit der Trambahn nach Hause zu fahren.

Da stand der Panther also an der Trambahnhaltestelle und kämpfte mit der Verzweiflung, die in ihm aufstieg.

So stand er betäubt inmitten der Großstadt. Manchmal schob sich der Vorhang seiner Pupillen auf und sie ließen ein Bild hinein. Aber nichts in ihm reagierte auf die graue Welt und der Eindruck hörte in seinem Herzen auf, eine Bedeutung zu haben.

„Na, junger Mann! Du schaust aus, als würde gerade etwas in Dir sterben! Kann ich irgendwie behilflich sein?“, sagte eine viel zu gut gelaunte Stimme viel zu nahe an seinem Ohr.

„Wer sind Sie? Wo kommen Sie her?“

„Ich bin die große Olson. Und ich stehe schon länger hier als Du. Ich war bloß unsichtbar. Aber Du hättest mich eh nicht bemerkt, so verzweifelt wie Du Fluchtpläne schmiedest!“

„Die große Olson? Das ist doch kein Name! Sind sie dem Zirkus fortgelaufen?“

„Hah! Da ist in dem geplagten Gehirn noch ein Rest Verstand, der zynische Bemerkungen machen kann! Gratuliere, junger Mann, Du bist noch nicht ganz verloren für die Welt des Lebendigen!“

„Woher wissen Sie, dass ich Fluchtpläne schmiede?“

„Das ist kein Zauberstück, das konnte ich vor Shangrila. Du stehst an einem grauen Tag mitten im Gewerbegebiet, bist Ende Zwanzig, Berufsanfänger und Du kämpfst mit Depressionen. Mach einmal die Augen auf und schau‘ Dich um: Alle Menschen, die hier arbeiten, haben Fluchtpläne! Entweder ist es Drogen, Filme, Sex, Urlaub, Hobbies, Bücher, Musik oder Sport: Wir haben eine Industrie, die Menschen in einer grauen Welt Fluchtpläne verkauft!“

„So. So ist das also. Und sie haben das natürlich nicht nötig. Denn die große Olsen ist eine Zauberin, die ein freies und selbstverwirklichtes Leben führt und mir für ein paar Euro Ratschläge verkauft, wie man auch anders leben kann! Die große Olsen ist meine Mentorin auf meiner Heldenreise!“

„Ich verkaufe überhaupt nichts. Aber es lohnt sich, selbst für Zyniker wie Dich, einmal nachzudenken, warum man Depressionen hat, oder?“

„Ich habe bloß wieder einen Migräneanfall, das ist alles. Kein Grund, dass ich einer dahergelaufenen Hippiefrau mit einem Sergeant-Pepper-Mantel irgendeine Weisheit abkaufen würde.“

„Gut. Dann sag‘ ich Dir nicht, was Dein Problem ist. Passt schon – viel Spaß beim Grauwerden.“

„(Wütend) Mein Problem ist Kohle! Wenn ich Kohle hätte, dann müsste ich nicht so einen beschissenen Job haben. Das ist doch einfach!“

„Hey, prima! Grauhirn ist wieder da und redet mit mir! Willkommen! Gute Analyse! Du hast kein Geld. Mitten in Frankfurt. Wer könnte in Frankfurt denn Geld haben?“

„(Sarkastisch) Die Banken. Die haben so viel Geld, dass sie mir jede Woche schreiben, sie würden mir gerne welches leihen.“

„Und wenn Du jetzt in eine Bank gehen würdest und Dir einfach Geld nehmen würdest, wäre das schlimm?“

„Ach was, die sind versichert. Denen entsteht schon kein Schaden, da haben die schon aufgepasst. Aber in so einer Bank ist ja nichts mehr zu holen. In so einer Filiale liegt ja kaum noch Geld.“

„Dass Du Dich da nicht täuschst! 200.000 Euro kann man da schon noch abholen.“

„Ach. Woher weiß die große Olson das denn?“

„Weil ich das mache, wenn ich pleite bin.“

„Was? Hippieoma geht in die Bank und holt sich einfach Geld?“

„Ja, klar. Denn Hippieoma war in ihrer Jugend in Shangrila und hat gelernt, wie man sich unsichtbar machen kann!“

„So ein Quatsch! Die große Olson hat sich bloß das Große-Olsonhirn mit LSD beschädigt.“

„Ach. Und wie erklärst Du Dir das?“

Und dann nähert sich die Patchoulifrau dem Panther und öffnet ihre Jutetasche. Und die Tasche istvoller Geldscheinbündel. Sie nimmt einen Packen und wedelt ihm damit vor der Nase herum.

„Das sind 75.000 Euro in meiner Tasche, Grauhirn! Das reicht mir und meiner Truppe wieder für zwei Jahre. Und dann komme ich wieder nach Frankfurt und suche mir einen anderen Laden.“

„Wie, die Kohle hast Du gerade aus der Bank geholt?“

„Nein, ich habe mir die aus dem „Nestlé Marketplace Shop“ geholt. Aber ich bin ja auch Profi. Für Dich wäre eine Bank zu schwer für den Anfang. Da muss man warten, bis jemand in den Kassenraum geht und mit dem reinschlüpfen, ohne ihn zu berühren. Haarig.“

„Und das merkt keiner, weil ich ja unsichtbar bin?“

„Genau. Und dann musste aufpassen, dass niemand mitbekommt, wenn das Geld durch den Raum schwebt, denn das wird natürlich nicht unsichtbar.“

„Und Du machst das alle drei Jahre?“

„Früher habe ich das viel öfter gemacht. Da habe ich jeden Einkauf so erledigt. Aber es ist trotz Unsichtbarkeit nicht ohne Risiken, kannst Dir ja denken.

Früher habe ich mich schlapp gelacht, wenn die Verkäuferin dem Gebäck nachkuckt, wenn es aus der Tür schwebt. Heute werfe ich das Geld nahe dem Kassenraum in den Müll und räume es dann erst ein bisschen später in die Tüte. Feinheiten. Bin Profi. Daher: die große Olson.“

„Pah. Ich glaube Dir kein Wort. Und selbst, wenn das wahr wäre, warum solltest Du mir den Trick verraten?“

„Ich würde den niemals verraten. Du musst mich schon bezahlen. Ist wie in der Psychotherapie: Wenn es nichts kostet, dann wirkt es auch nicht.“

„Wie? Du hast da 75.000 Euro und ich soll Dir noch mehr Geld geben?“

„Klar. Sagen wir fünfhundert Euro und ich zaubere Dich unsichtbar!“

„So einen Unsinn habe ich ja noch nie gehört.“

„Tja. Auch recht. Dein Nachteil. Ich mache das ja nicht wegen der Kohle. Aber Du könntest die gebrauchen, dann könntest Du Deinen Job hinschmeißen, Grauhirn.“

Und wie die Frau mit der Jutetasche und der Panther mit der Migräne da an der Trambahnhaltestelle stehen, beginnt es leise zu nieseln. Etwas arbeitet in dem jungen Mann. Die Trambahn kommt nicht.

„Gut. Ich mach’s. Ich habe aber nur vierhundert Euro.“
„Soll mir auch recht sein. Du musst die Aral da schräg gegenüber nehmen. Da sollte aber auch an die 50.000 drinne sein um neun Uhr abends. Und es ist für den Anfang viel einfacher, weil die Kasse nicht hinter Sicherheitsglas eingesperrt ist.“
„Gut. Aber für eine Aral zahle ich nur dreihundert.“
„Mein Gott! Dann zahl mir halt nur dreihundert! Ihr seid vielleicht eine Generation an Analverklemmten!“

Das Geld wechselt den Besitzer. Die große Olsen steckt die Scheine in ihren Sergeant-Pepper-Mantel. Sie umfasst mit ihren Händen den Kopf des jungen Mannes und beginnt in einer seltsamen Sprache zu beten. Ein leiser Singsang erst, der immer lauter wird. Sie drückt den Kopf immer fester und wird immer lauter, am Ende schreit sie laut und schüttelt ihn wild hin und her. Dann lässt sie ihn, nach einem wilden Jaulen, einfach los.

„Sehr gut! Du bist jetzt unsichtbar. Du musst Dich noch ausziehen, denn Deine Klamotten sieht man noch. Jetzt pass auf: Wenn Du in der Tanke bist, dann warte, bis die die Schublade offen haben. Dann steckst Du da einfach Deine Faust rein. Dann geht die Schublade nicht mehr zu. Die versuchen das ein paar Mal, dann geben sie auf und rufen jemanden auf dem Handy an. Dann nimmst Du Dir alle Kohle, die Du greifen kannst und haust einfach ab. Alles klar?“

„Alles klar!“, sagt er, während er sich auszieht. „Wie finde ich Dich, wenn ich Dich noch einmal brauche?“

„Ich habe eine Karte mit einer Handynummer. Lege ich auf Deinen Klamottenstapel.“

Splitterfasernackt überquert Panther die Lyoner Straße. Auf der anderen Seite geht ein Pärchen Hand in Hand. Um seine Unsichtbarkeit zu testen, rennt er vor sie hin, stellt sich hin und macht ein paar Hampelmänner. Keinerlei Reaktion der beiden.

Ein Stückchen die Straße hinunter steht jemand mit einer Fliegerjacke und spricht Türkisch in sein Handy. Auch vor ihm baut sich der junge Mann auf, aber auch hier erzeugt sein Hampeln nicht einmal das Zucken einer Augenbraue.

Er fühlt sich so frei wie schon seit vielen Jahren nicht mehr. So frei wie vor seiner Einschulung. So frei wie ein Kind, bevor das Gefängnis angefangen hat. So frei, als hätte diese langen eingesperrten Jahre niemals gegeben!

Nackt und unsichtbar tanzt er singend auf das Gelände der Tankstelle. Kein Mensch reagiert auf ihn, keiner schaut ihn auch nur an!

Nackt fährt er, in Handschellen, auf der Rückbank des Streifenwagens zum Revier. Als der Wagen an der Trambahnhaltestelle vorbeikommt, sieht er seine Kleidung, hübsch zusammengelegt und aufgestapelt. Und daneben die Jutetasche von der großen Olson.


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