Der U-Bahn-Geiger


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Nicht immer ist das Leben einem wohl gesonnen. Der Violinist in unserer Sendung wurde vom Schicksal geprüft und verlor etwas, das ihm sehr wichtig ist.

Bis er eines Tages in einer U-Bahn-Station einen Meister spielen hört. Das entfacht eine lange verdrängte Glut wieder neu…


Download der Sendung hier.
Musiktitel: Violinist Patrick Contreras plays the Blues!


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Die Geschichte zum Lesen

Es war ein nasser Tag im Januar. Igor machte sich, wie jeden Morgen auf den Weg zu seiner U-Bahn-Station. „Seine“ Station war Arlington Street, ein wichtiger Knotenpunkt der Washington Metro.

Igor hatte keine Eile. Er hatte es schon lange nicht mehr eilig. Die Uhrzeit spielte in seinem Alltag keine Rolle mehr: Keine Termine, keine Arbeit, keine Familie!

Der einzige Grund, warum er jeden Tag zu seiner U-Bahn-Station ging: Es war dort unten ein kleines bisschen wärmer als oben.

Igor fuhr seit zwanzig Jahren nicht mehr U-Bahn. So lange lag der Tag zurück, dass er seine Berufung verloren hat. Als der Arzt in der Notaufnahme meinte, er würde nie mehr professionell Violine spielen können.

Igor Kalnikov war Konzertmusiker der Washingtoner Philharmonie. Seit er in den Neunzigern aus Russland eingewandert war. Und er liebte seinen Beruf, denn er liebte Musik.

Seine Eltern hatten ihrem einzigen Sohn ein Studium am Konservatorium in Imsk finanziert. Und wie stolz sie waren, als er seine Prüfung erfolgreich abschloss. Klassische Meistervioline! Ihr Sohn!

Die Philharmonie in Washington hat ihm schnell eine Verpflichtung als Konzertviolinist angeboten und er verdiente angemessen. Für amerikanische Verhältnisse vielleicht bescheiden, für ihn ein Garant für ein freies und sicheres Leben.

Vor zwanzig Jahren kam er aus einer Konzertprobe, von der Metro waren es nur wenige Minuten bis zu seiner Wohnung. Ein Lieferwagen bog ab, der Fahrer sah den Mann im dunklen Anzug nicht und erfasste ihn ungebremst.

Als er überrollt wird hält er die Violine weit von sich, um sie zu schützen. Das war das letzte Mal, das er an einer Konzertprobe teilnehmen konnte.

Seitdem spielte Igor Kalnikov keine Violine mehr. Seitdem hatte Igor keinen Konzertsaal mehr betreten, weder als Musiker noch als Zuhörer. Seitdem kam er zur Arlington Station.

Zuerst nur manchmal und als er keine Wohnung mehr hatte, jeden Tag.

Hier gab es jeden Tag Konzerte. Straßenkonzerte. Kostenlos. Ein „richtiges“ Konzert, so wie vor 20 Jahren, das konnte er sich nicht leisten.

Seinen schwarzer Smoking, seine Berufskleidung, hatte er schon lange versetzt. Für ein paar warme Mahlzeiten…

Manchmal tagträumte er noch von Musik. Und sieht sich, in seinem Smoking. Wie er von der Garderobe zum Orchestergraben geht. Wie er die Philharmonie betritt. Wie sich die Geigen, Bratschen und Violinen einstimmen – diese herrliche Kakophonie vor der Harmonie!

Heute war es zu kalt, um zum träumen. Als er die Treppen zur Metro hinunter stieg, wünschte er sich nur einen heißen Kaffee. Mit ein bisschen Glück konnte er sich den vielleicht bald leisten.

Die Igor-Methode funktioniert so: Er suchte sich einen Platz neben einem Straßenmusiker und setzte sich daneben auf den Boden. Vor sich den gepflegten Geigenkoffer und einen Pappbecher.

Früh morgens waren hier Tausende Menschen auf dem Weg zur Arbeit. Manchmal steckte einer von Tausend ihm einen Dollar in seinen Becher. Die Musik, die sie von dem Straßenmusiker gehört hatten, strahlte magisch auf ihn ab, so erklärte sich Igor das.

Denn er spielte nicht. Nie. Igor Kalnikov war kein Musiker mehr. Nie mehr.

Die Menschen, die jeden Tag an ihm vorbeiliefen, hatten es eilig. Besonders morgens. Arbeit, Schule, Einkauf, Termine, Verpflichtungen: Jeder versuchte, so schnell wie möglich die Arlington Station zu verlassen.

Oft beobachtete Igor die Menschen. Und überlegte sich Geschichten zu den Gesichtern. Besonders, wenn sie ihre Schritte verlangsamten, weil sie die Musik wahrnahmen. Aber das passierte selten.

An diesem Morgen hörte er, während er die Stufen zum Bahnhof nahm, dass heute ein Streicher spielte! Das war für Igor ein besonderes Geschenk. Die Musik zog ihn unwiderstehlich an, neugierig wurde sein Schritt immer schneller. Die Klänge trieben ihn mit einer Kraft in das unterirdische Netz.

!Zeitenwechsel!

Hier spielt jemand, der sein Handwerk verstand. Ein Virtuose, ein Meister.
Als er sich dem Stück hingibt, steigt in ihm eine altbekannte Fröhlichkeit auf. Eine Lebensfreude mit Namen Musik.

SFX Musikstück von Bach wäre hier cool, aber nicht zuuu lang…

Fast traut er sich nicht, sich in die Nähe des Meisters zu setzen. Im Schatten solcher Kunst ein paar Dollar abzustauben, kommt ihm wie Betrug vor.

Aber da gibt es neben der Kunst auch Fakten. Fakt 1: Igor friert. Fakt 2: Der verführerische Geruch von heißem Kaffee in seiner Nase. Also setzt er sich mit seiner Violine und dem Pappbecher doch an seinen gewohnten Platz.

Was für eine Musik! Hier spielt ganz offensichtlich ein absoluter Meister seines Faches! Obwohl der Straßenmusiker noch so jung ist, beherrscht er mühelos die schwierigsten und komplexesten Kompositionen.

Doch keinem fällt das auf. Keine Menschentraube bildet sich vor dem Künstler. Kein begeisterter Applaus brandet auf. Keiner staunt mit offenem Mund, so wie Igor Kalnikov.

Die Menschen hetzen weiter. So wie gestern oder vorgestern, so wie jeden Tag. Niemand bleibt stehen, um auch nur einen kurzen Blick auf den Meister zu werfen. Niemand nimmt diese unvergleichlichen Töne in den Tunneln wahr.

Einmal verlangsamt ein Mann seine Schritte. Stutzt. Bleibt stehen. Und er beginnt sich wohl zu wundern. Dann piepst sein Smartphone und er läuft weiter.

Es ist nicht so, dass die Meisterschaft des Spiels die Menschen stört. Der Virtuose verdient nicht mehr und nicht weniger als jeder andere Straßenmusiker, doch sein Genie bleibt unerkannt.

Immerhin landet so auch bald ein Dollar in Igors Pappbecher. Der erste Kaffee des Tages wäre verdient – den wird er sich gleich holen. Nur noch dieses Stück.

Die größte Aufmerksamkeit schenkt dem Geiger ein Dreijähriger, der sich von seiner Mutter losreißt und sich gebannt genau vor dem Musiker aufbaut. Er verfolgt jede Fingerbewegung fasziniert.

Seine Mutter schleicht sich an, um den Kleinen wieder einzufangen, aber der reißt sich immer wieder los und zeigt auf das Instrument. Bis sich die Erwachsene doch durchsetzt: „Komm jetzt endlich! Für so einen Quatsch haben wir jetzt wirklich keine Zeit!“

Der Junge wehrt sich mit Händen und Füßen, aber er ist natürlich körperlich unterlegen. Trotz des Ringkampfs wendet er keine Sekunde seinen Blick von dem Geiger.

An diesem Vormittag wiederholt sich dieses Spektakel noch zweimal: Es ist, als ob die Kinder mehr Verständnis für klassische Musik haben als ihre Eltern.

An diesem Morgen vergisst Igor seinen Kaffee. So versunken war er in die Musik. So erfüllt von der Meisterschaft des Musiker. So viel Angst hatte er, auch nur eine Note zu verpassen.

Nach mehr als einer Stunde nähert sich ein elegant gekleideter Mann und hört lange zu. Dann geht er zur Mütze des Geigers und steckt mindestens fünf Zwanzigdollarscheine hinein!

Einhundert Dollar. Hat er das geträumt? Das kann nicht sein. Der Mann hat sich vergriffen in der Eile, oder?

Was tun? Natürlich will er den Geiger nicht um den Lohn bringen, doch vielleicht kann man den Irrtum aufklären.

Der großzügige Spender blickt gerade auf seine Armbanduhr, als Igor ihn erreicht: „Entschuldigen Sie bitte Mister.“
„Ja bitte?“ sagt der Mann und lächelt.

„Ähm, Mister, entschuldigen Sie bitte, aber … Ich meine, … hat Ihnen die Musik gefallen?“

„Ob mir die Musik gefallen hat? Aber ja, natürlich! Ich schätze Joshua Bells Geigenmusik sehr.“

„Joshua Bell?“

„Ja der junge Mann dort, Joshua Bell. Wohl einer der bekanntesten Musiker derzeit. Gerade letzte Woche habe ich sein Konzert hier in der Philharmonie verpasst und nun bin ich doch noch in den Genuss gekommen!

Ist das nicht toll! Wirklich ungewöhnlich, oder? Ein so professioneller Musiker in der Metro! Wenn man bedenkt das eine Konzertkarte um die 100 Dollar kostet. Und seine Geige wahrscheinlich Millionen Dollar wert ist…“

„Ja. Ungewöhnlich, sehr ungewöhnlich… Das ist Joshua Bell? Mister? Sind Sie sicher…?“

„Ohja, natürlich. Ich habe ihn bereits im letztes Jahr in Boston gesehen. Ein außergewöhnliches Talent, denke ich.“

Der Mann lächelt Igor noch einmal zu, dann lässt er ihn stehen.

Als Joshua aufhört zu spielen, kehrt wieder der Gleichklang der Schritte in die U-Bahn-Station zurück. Stille. Doch dieses Mal ist die Stille leerer – das Fehlen der Musik ist schmerzhaft.

Niemand bemerkt das. Niemand applaudiert.
Das sind nur die Schritte, nur der Alltag.
Alles ist wieder genauso wie vorher.
Alles ist so, als ob es nie eine Musik gegeben hätte.

Joshua packt sein Instrument ein – seine Millionen-Dollar-Geige – und bricht auf. Igor blinzelt noch. Er ist noch nicht ganz aus diesem Traum erwacht.

Schnell rennt er Joshua hinterher: „Halt! Warte, Mann! Warte! Nur ganz kurz!“
„Klar, kein Problem, was gibt’s?“
„Das war so wunderschön! Vielen, vielen Dank! Das war die schönste Musik, die ich seit 20 Jahren gehört habe, Mann! Hier, nimm den Dollar!“
„Hey, nein! Lass‘ gut sein! Du bist ein Kollege, oder?“
„Ich? Nein. Ich habe ‚mal Violine gespielt, aber schon lange nicht mehr…“
„Warum hast Du aufgehört?“
„Ich hatte einen Unfall. Und meine Hand war zertrümmert. Und dann habe ich meine Arbeit verloren. Als Musiker übrigens…“
„Echt? Oh, Mann! So eine Scheiße! Und jetzt kannst Du die Finger nicht mehr bewegen, oder wie?“

„Doch, schon. Bewegen kann ich sie ganz normal. Aber ich werde nie mehr gut sein. Ich krieg‘ nie mehr eine Arbeit als Musiker. Weißt Du?
„Ja. Klar. Das ist echt Mist. Tut mir wirklich leid. Ich weiß nicht, was ich machen würde, wenn mir das passiert…“
„Ja. Aber ich denke, dass…
„Aber auf jeden Fall würde ich niemals aufhören, Musik zu machen, Mann. Niemals. Ich kann einfach nicht anders. Ich muss das machen, das ist meine Welt, meine Sprache. Darum komme ich auch hierher, wenn es einfach raus muss, verstehst Du, Mann?“
„Ach…“

„Ja, wenn man mir den ganzen Arm abhackt, dann würde ich halt Maultrommel spielen, verstehst Du? Oder geht das dann auch nicht? Egal: Wenn man mit beide Arme abhacken würde, dann würde ich halt auf Trommeln hüpfen, Mann. Aber ich könnte niemals aufhören. Nie.“
„Mir geht’s da halt anders…“
„Ach was, Mann! Red‘ keinen Quatsch! Aber ich muss jetzt gehen, ok? Danke für das Lob, Kollege!“
„Du warst genial! Danke noch einmal!“

Igor schaut Joshua nach. Wie jung der noch ist! Hm. „Maultrommel!“ So ein Unsinn.

Jetzt fällt ihm der Kaffee wieder ein. Er holt sich einen Becher und setzt sich wieder zu seinem Instrument.

„Na ja. Vielleicht könnte ich ja den Koffer wenigstens einmal wieder öffnen. Morgen vielleicht.

Genau. Morgen werde ich den Koffer wieder öffnen. Und dann muss ich sie endlich wieder stimmen, meine Geige. Das muss ich wirklich machen. Schon aus Respekt.

Vielleicht…
Vielleicht sollte ich das sogar gleich machen?“