Der Turm des Teufels


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Waren die Menschen früher verrückter als heute? Weniger mutig? Wie zum Beispiel George Hopkins, der 1941 mit dem Fallschirm auf einem ausgesetztem Berg, dem „Devil’s Tower“ landet und dann, nach einer kleinen Panne, keinen Schimmer mehr hat, wie er da wieder runterkommt?


Where is Waldo? George?

Lassen wir uns diese Geschichte also am besten einmal mit allen Details erzählen, um uns selber ein Urteil zu erlauben, oder?


Download der Sendung hier.

Musiktitel: „I Don´t Want To Set The World On Fire“ von Horace Heidt & His Musical Knights


Was denkst Du? Deine Meinung über diese Geschichte bei uns im Forum.
(Nur für Sektenmitglieder)


Die Geschichte zum Lesen

HW: Ich bin mir nicht sicher, ob Du recht hast. Ich würde sagen, früher gab es viel, viel mehr Verrückte als heute.

FA: Wie bitte? Wir haben Donald Trump als Präsidenten, eine Kardashian, die nur für ihre Implantate im Po bekannt ist und in den Schulen gibt es regelmäßig Schießereien. Ist das nicht verrückt genug?

HW: Ich will Dir ja nicht zu nahetreten, aber verrückte Präsidenten gab es schon immer. Du solltest einmal nachlesen, was Andrew Jackson so alles im Amt getrieben hat.
Und was die Karashidan betrifft: Früher wurden Menschen berühmt, weil sie drei Beine hatten oder keinen Unterleib.

Und statt Schulschießereien hatten wir immer wieder Massenmörder. Ich habe selber über Albert Fish geschrieben, der sich sicher war, ein Werwolf zu sein. Der hat über 100 Kinder getötet und teilweise… Lassen wir das!

Was ich eigentlich meine, ist die Alltagsverrücktheit. Heute strengen sich die Menschen viel mehr an, sich anzupassen als früher. Wenn jemand einsam oder traurig ist, dann bekommt er Pillen. Oder er wird verrückt, dann sperrt ihr ihn weg.

Damals, in den Vierzigern, als ich meinen Job angefangen habe, da liefen noch Originale durch den Ort. Die Leute lebten da sehr einsame Leben, die meisten hatten nicht einmal ein Telefon. In unsere Kleinstadt kamen die meisten nur selten, wenn sie unbedingt etwas einkaufen mussten.

Einsamkeit macht Menschen oft verrückt. Und selbst die Nicht-Einsamen hatten ôkdamals mehr Zeit, ihren eigenen… sagen wir einmal: Stil zu entwickeln. Die Menschen waren verschiedener.

Wir haben das ausgehalten, dass jeder völlig anders war.

FA: Du meinst, ihr wart in den Vierzigern toleranter?

HW: Ich sehe schon, Du nimmst das zu persönlich. Ich erzähl’ Dir einmal eine Geschichte über einen, nein, über zwei sehr seltsame Menschen. Der Erste hieß Earl Brockelsby. Und der war kein Earl, sondern der wurde von seinen Eltern so getauft. Ein langer Lulatsch mit einem Hut, wie jeder Mann damals.

Wenn er in die Redaktion kam, dann lupfte er zur Begrüßung seinen Hut, wie jeder Mann damals. Aber bei Earl kam dann eine Klapperschlange zum Vorschein. Und wenn jemand fragte, warum, dann drückte er ihm eine Reklame für seinen Park in die Hand. Die sogenannten „Reptiliengärten“.

Ein Dollar Eintritt. Und dafür konnte man auf seiner Farm ein Gatter anstarren, in dem er hunderte Schlangen hielt. Alle hielten Earl für verrückt. Aber das machte niemandem etwas. Wir kannten ja seine Schlange und kuckten schon gar nicht mehr hin.

FA: Die Reptiliengärten sind doch ein Riesenpark, oder? Die größte Ausstellung von Reptilien auf der Welt!

HW: Jetzt schon, mein Liebling, aber nicht 1941. Das war ein sehr seltsames Jahr. Wir Amerikaner saßen auf unseren Hintern und starrten gebannt auf die Schlagzeilen, während der Rest der Welt sich die Köpfe einschlug.

Es war klar, dass wir uns nicht auf ewig da raushalten konnten, wenn gleich mehrere Nationen mit Gewalt ein Weltreich zusammenklauen wollten. Und das betraf uns junge Männer besonders. Sollte man einen Job annehmen oder warten bis nach dem Krieg? Oder die „Reptiliengärten“ ausbauen oder nicht? Heiraten? Kinder zeugen? Es war eine angespannt ruhige Zeit, wenn Du verstehst.

Für mich persönlich war es eine aufregende Zeit, denn meine Artikel im „News Record“ wurden alle veröffentlich. Ich war der „Neue“, der so spannend schrieb.

Auf jeden Fall kam eines Tages dieser Earl in die Redaktion. Er lüpfte seinen Hut, kuckte enttäuscht, weil keiner die Klapperschlange beachtete und stellte seine Begleitung vor. Ein kleiner Mann mit schlechten Zähnen namens George Hopkins.

Nun, dessen Berufung und Beruf war es, aus Flugzeugen zu springen. Mit einem Fallschirm natürlich. Aber die Fallschirme damals hatten nichts mit den High-Tech-Modellen der Paraglider heute gemein. Das waren nicht steuerbare Rundkappenschirme. Der erste Fallschirmsprung aus einem Flugzeug war 1941 gerade erst einmal 27 Jahre her.

Wenn also zum Beispiel in einem Film ein Flugzeug abstürzen sollte, dann rief man George. Der flog das Ding, zündete es an uns sprang in letzter Sekunde raus. Er war, als ich ihn kennenlernte, gerade dabei, alle Rekorde des Fallschirmspringens einzustellen, die es gibt.

Wie Earl und George sich kennengelernt haben, weiß ich nicht. Auf jeden Fall hatten sie eine Wette am Laufen. George wettete, dass es ihm gelingen würde, von einem Flugzeug zu springen und auf dem Devil’s Tower zu landen.

Den kennst Du, oder? Das ist dieser seltsame Felsen, nicht weit von Gilette, der aussieht, als hätte Gott beim Zimmern der Milchstraße einen Holzdübel vergessen. Ein 400 Meter hoher Monolith. Und sein stumpfes Ende war nicht einmal ein Fußballfeld groß.

Das ganze Unternehmen war also ein Ding der Unmöglichkeit. Eigentlich. Aber George war ein erfahrener Fallschirmspringer und der ganze Stunt sicher eine Meldung wert.

Vor allem, weil die beiden uns die Story exklusiv verkaufen wollten. Für $ 50,- als genau in der Höhe des Wetteinsatzes. Doch wir hatten die Geschichte geheim zu halten, sagten die beiden. Denn die Behörde des Nationalparks, in dem der Devil’s Tower steht, hätte den Sprung nie zugelassen.

Am 1. Oktober war es dann soweit. George hatte einen Plan und ein Flugzeug. Ich und Earl und noch ein paar Eingeweihte warteten am Devil’s Tower. Und dann kam das Flugzeug und George sprang ab.

Aber über dem Felsen herrschte ein böiger Wind und George wurde beinahe abgetrieben. Irgendwie schaffte er es aber, über Devil’s Tower zu bleiben. Aber um zu landen, musste er seinen Schirm halb kollabieren. Keine Ahnung, wie man das macht. Ich glaube, er hat einfach die Seile gekappt.

Deswegen stürzte er die letzten Meter einfach ab wie ein Stein. Wir sahen dann noch, wie der heftige Wind ihn über den Felsen zog, aber schließlich kollabierte der Schirm ganz. George war gelandet. Und Earl damit 50 Dollar ärmer.

Stufe zwei des Plans war nun, dass das Flugzeug zurückkehrt und einen Rucksack abwirft. In diesem Rucksack war die zugespitzte Achse eines Autos, ein Vorschlaghammer und über 300 Meter Seil. Der Plan war, George haut die Achse in den Felsen, macht das Seil fest und lässt sich herab.

Klar, das war nicht genug Seil, aber er hoffte, die letzten Meter auch ohne Seil abzusteigen. An den Rucksack war noch ein Anker angebunden, damit das Paket nicht abstürzt. Ein guter Plan, möchte man meinen.

Das Flugzeug kommt also zurück und fliegt über George und wirft das Rettungspaket ab. Doch das bleibt nicht liegen, der Anker greift nicht. Stattdessen hüpft der prall gepackte Rucksack einmal auf wie ein Flummi und stürzt den Devil’s Tower hinunter.

So. Da hatten wir das Schlammassel. So verrückt waren die Leute in den Vierzigern, mein Schatz. Denn jetzt saß der gute George da oben auf dem Felsen fest und kein Mensch hatte eine Idee, wie man ihn da wieder runterbringt.

Du meinst vielleicht, man könnte einfach einen Hubschrauber schicken, der ihn aufliest. Tja, das ist auch eine gute Idee. Leider gab es in ganz Amerika 1941 nur einen experimentellen Hubschrauber der Navy. Hubschrauber waren offiziell noch gar nicht erfunden.

Zu allem Überfluß setzt jetzt auch noch ein Unwetter ein. Sturmböen und heftiger Regen. Auf der Höhe des Devil’s Rock sogar Schnee und Eis.

Das Flugzeug fliegt trotzdem noch einmal los und wirft ein zweites Dreihundert-Meter-Seil auf dem Gipfel ab. Leider nicht in einem Rucksack. Das Seil landet auf dem Gipfel, aber es ist heillos verknotet und friert dann auch noch fest.

Ein dritter Versorgungsflug bricht auf und versorgt George wenigstens mit Essen, Trinken, Decken und einem Megaphon. So konnte man sich, wenn der Wind nicht zu laut heulte, wenigstens mit ihm verständigen.

Für die nächste Lieferung wünscht er sich – zu medizinischen Zwecken – eine Flasche Whiskey. Und die schafft es mit dem nächsten Päckchen zusammen mit Sandwiches und Konserven und einem Gaskocher auch auf den Felsen.

Mittlerweile war der Zeppelin der Firma „Goodyear“ aufgebrochen. Die Parkverwaltung hat diesen Versuch zwar abgelehnt, aber „Goodyear“ wollte auf die kostenlose PR wohl nicht verzichten.

Es ist jetzt schon drei Tage später und George da oben auf dem Felsen ist die Meldung in der Presse überall in den USA. So richtig exklusiv kann man so eine Story nicht haben, wie ich gerade gelernt hatte. Selbst ein Radiosender schickt einen Bus, um den Idioten auf dem Berg zu interviewen.

Aber das Wetter lässt das nicht zu. Per Telegraf kommt dann die Nachricht, dass der Zeppelin von „Goodyear“ wegen der Stürme notgelandet sei und wohl noch eine Woche braucht, um am Einsatzort zu sein.

Die Navy hat übrigens auch ihren Helikopter angeboten. Der hatte vor drei Monaten erst seinen ersten Testflug gehabt und hatte noch massive technische Probleme. Im Kern war es ein normales Flugzeug mit zwei Rotoren auf den Tragflächen rechts und links. Das man nicht sehen konnte, was unter einem war, war das eine Problem. Und das zweite war, das es komplett luftstill sein musste, um diesen Bastard zu bewegen.

Die Wahrscheinlichkeit, dass George da überhaupt nicht runterkam, nahm so langsam zu und die ganze Nation fieberte mit.

Die Parkverwaltung hatte mittlerweile Jack Durrance kontaktiert. Das war damals der berühmteste Kletterer in den Staaten. Er hatte den Devil’s Rock schon ein paar Jahre vorher als erster Mensch bestiegen und war berühmt geworden, als er den K2 zu bezwingen versuchte.

Doch der Gute studierte brav im Dart Mouth College in New Hampshire und konnte wegen des schlechten Wetters nicht fliegen, sondern nur mit dem Zug kommen.

Das bedeutete für George noch einmal drei Tage im Schneesturm auf dem Gipfel auszuhalten. Dann kam Jack und sah und siegte. Innerhalb von vier Stunden war er mit seinem Team aufgestiegen und sie halfen dem durchfrorenen Fallschirmspringer auch wieder vom Felsen runter.

Deren Route kann man übrigens immer noch klettern. So richtig abseilen muss man sich da nur 150 Meter, aber das musste natürlich erst ein Alpinist erkennen. George und Earl waren dafür zu schlicht im Gemüt.

Unten angekommen, gab George der Presse vor Ort gleich ein Interview. Er war guter Dinge und hatte weder Erfrierungen erlitten, noch sonst körperlichen Schaden.

Er sagte: „Oh Mann, war mir da oben langweilig. Ich habe alle größeren Gesteinsbrocken da oben hundert Mal gezählt und dann habe ich ihnen Namen gegeben und sie, jeden einzelnen, jeden Tag angeschimpft. Das war sehr langweilig!“

Und was den Wetteinsatz betraf, meinte er: „Das war das Erste, was ich gemacht hab’. Ich bin zu Earl und habe stumm meine Hand hingehalten und er hat mir die 50 Dollar gegeben. Davon werde ich mir jetzt erstmal eine Rasur und einen Haarschnitt leisten!“

Tja, so verrückt waren die Menschen in den Vierzigern. Klar, alle Fallschirmrekorde von George sind mittlerweile gebrochen. Aber die heutigen Extremsportler haben ganz andere technische Möglichkeiten.

George hat sich nicht einmal gefragt, was passieren würde, wenn sein Seil aus Versehen abstürzt. Alles nur, um 50 Dollar zu verdienen und einen kleinen Artikel in Gilettes „News Record“ zu bekommen.

Er wurde dann, ein paar Monate später, Fallschirm-Ausbilder für die Infanterie. Earl wurde auch eingezogen und machte seine „Reptilien-Gärten“ deshalb während des Kriegs zu. Die gibt es immer noch und werden von seinen Kindern und Enkeln weitergeführt.

Jack Durrance hörte das Klettern auf und wurde Arzt. Bekannt wurde er Botanikern vor allem durch seine Leidenschaft im Züchten von Schwertlilien.

Meine Zeitung gibt es auch immer noch, aber ich weiß gar nicht, warum. Sie verkauft gerade einmal 6000 Exemplare am Tag.

Ach, übrigens! George hat doch noch einen Rekord! Nach ihm ist nie mehr ein Mensch mit dem Fallschirm über dem Devil’s Tower abgesprungen. Wenn das nicht Beweis genug ist für meine These, dann weiß ich auch nicht!

FA: Gut. Für heute gebe ich mich geschlagen. Deine Generation war verrückter als meine. Wir haben das Internet erfunden und ihr die Atombombe. Hoffentlich müssen wir niemals herausfinden, was davon die verrücktere Erfindung ist!

HW: Na ja, Du bist eigentlich auch ganz schön verrückt, Dir jede Woche von mir eine langweilige Geschichte aus längst vergessenen Zeiten anzuhören.

FA: Stimmt. DAS ist nun wirklich verrückt!


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