Der Türmattenmacher


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Kesselflicker, Scherenschleifer, Drücker, Kolporteure, Kiepenkerle, Kaufrufer und damit Hausierer allgemein sind eine beinahe ausgestorbene Gattung. Aufgerieben zwischen immer schärferen Gesetzen und dem One-Click-Einkauf im Internet.

Dabei kam es bei der Geschäftsanbahnung zum Teil zu hochinteressanten Gesprächen, wie in dem heutigen Hörspiel. Wir erleben das Gespräch zwischen zwei Generationen. Ein Vamp Türmattenmacher und… Ach, hört lieber selber!


Download der Sendung hier.
Musiktitel: „Emo Vampire Song“ von The Key of Awesome


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Die Geschichte zum Lesen

(Es klingelt an der Haustür)

FA: Hallo?

HW: Äh. Hallo! Ist Deine Mutter auch da, Kleines?

FA: Ja.

HW: Schön, schön. Äh, meinst Du, ich kann die auch einmal sprechen?

FA: Ja.

HW: Gut. Gut. Meinst Du, ich könnte sie jetzt einmal sprechen?

FA: Nein.

HW: So. Schade. Warum denn nicht?

FA: Weil Du hier an der Tür bist und sie im Badezimmer.

HW: Ach so. Ja, stimmt. Das macht es ein bisschen schwierig.

FA: Ja.

HW: Meinst Du, ich könnte vielleicht warten, bis sie wieder aus dem Badezimmer kommt?

FA: Von mir aus.

(Tür schließt sich. Hausierer klingelt wieder.)

FA: Hallo?

HW: Hallo. Also, ich bin’s wieder.

FA: Stimmt. Auf jeden Fall schaust Du genau aus wie Du.

HW: Was? Äh… Ja. Genau. Meinst Du ich kann drinnen warten, bis Deine Mama aus dem Badezimmer kommt?

FA: Nein.

HW: Also nein. Und warum nicht?

FA: Weil ich niemanden reinlassen darf.

HW: Niemanden? Auch nicht… Sagen wir einmal: Deine Oma?

FA: Du bist nicht meine Oma.

HW: Oder Deinen Opa?

FA: Du bist auch nicht mein Opa.

HW: Aber vielleicht bin ich mit Deinem Opa verwandt?

FA: Vielleicht solltest Du dann bei Opa klingeln, wenn Du das nicht weißt.

HW: Wie? Nein, ich weiß ja nicht einmal, wo der wohnt.

FA: Kann ich jetzt wieder weiterspielen? Meine Katze wartet auf den Tee.

HW: Ja. Das ist natürlich wichtiger. Wenn Deine Katze auf den Tee wartet. Das ist wichtiger, als mir armen Armen eine Türmatte abzukaufen. Verstehe.

FA: Ich kann Dir keine Türmatte abkaufen.

HW: Warum?

FA: Ich hab’ kein Geld.

HW: Das ist natürlich ein Problem. Aber Du weißt, wo Deine Mami ihren Geldbeutel hat, oder?

FA: Ja.

HW: Dann könntest Du ja aus dem Geldbeutel Geld nehmen und mir eine Türmatte abkaufen.

FA: Das könnte ich.

HW: Ja, das könntest Du. Und… Machst Du das?

FA: Nein.

HW: Also nein. Weil Deine Mami es Dir verboten hat, stimmt’s?

FA: Nein.

HW: Ah. Warum dann nicht?

FA: Weil wir schon eine Türmatte haben. Du stehst drauf.

HW: Oh. Stimmt. Aber die ist hässlich und meine ist schön.

FA: Die ist nicht hässlich.

HW: Doch. Die ist ja nur braun und voller Bürsten. Meine hingegen ist ganz bunt und da steht „Willkommen“ drauf. Das ist doch viel hübscher, oder?

FA: Nein.

HW: Warum nicht? Das ist doch nett, wenn man auf der Türmatte „Willkommen“ sagt! Das ist wie eine Einladung an jeden ins Haus zu kommen.

FA: Ich will aber nicht, dass jeder ins Haus kommt.

HW: Na ja, die Tür gibt es ja auch noch. Und, wenn ihr mir die Türmatte abkauft, dann tut ihr ein gutes Werk.

FA: Was ist ein gutes Werk?

HW: Eine gute Tat, meine ich. Ihr helft damit mir und meinen Freunden. Wir haben es nicht leicht, denn wir haben alle eine Behinderung. Und mit Türmatten wird unser Leben einfacher.

FA: Was ist eine Behinderung?

HW: Na ja. Wir sind alle einfach anders als alle anderen.

FA: Seid ihr alle so blass wie Du?

HW: Ja, wir sind alle sehr, sehr blass. Wir vertragen absolut keine Sonne, musst Du wissen.

FA: Und das ist eine Behinderung, wenn man blass ist?

HW: Schon. Wir können zum Beispiel nicht tagsüber einkaufen gehen oder einfach Spazieren.

FA: Das macht ihr dann nachts?

HW: Genau. Das machen wir nachts. Und alle anderen Sachen auch.

FA: Zum Beispiel Türmatten.

HW: Wie? Ja, genau. Wir machen die ganze Nacht hübsche Türmatten.

FA: Ihr seid alle Türmattenmacher.

HW: Ja. Wir sind alle arme, arme Türmattenmacher.

FA: Haben die anderen auch so spitze Zähne wie Du?

HW: Was? Ich hab’ doch keine spitzen Zähne?

FA: Wenn Du lächelst sieht man die. Schaut aus wie bei meiner Katze.

HW: Na ja. Vielleicht ein kleines bisschen spitzer als bei normalen Menschen. Das kommt vom fehlenden Sonnenlicht, musst Du wissen. Vitamin-D-Mangel.

FA: Ihr Armen. Meine Katze wartet auf den Tee. Hast Du sonst noch Fragen?

HW: Wie? Ich? Nein, ic h habe sonst keine Fragen. Ich dachte, vielleicht hast Du…

(Türe schließt. Türe klingelt)

FA: Hallo?

HW: Ich bin’s!

FA: Habt ihr alle so Schlitze in den Augen wie Du?

HW: Ich? Ich hab’ doch ganz normale Pupillen?

FA: Die schauen auch aus wie bei einer Katze, Deine Augen. Bloß, dass sie rot sind und bei meiner Katze sind sie grün. Seid ihr alle Katzenmenschen?

HW: Katzenmenschen? Nein. Nein. Wir sind keine Katzenmenschen. Nur eben anders als ihr anderen.

FA: Esst ihr vielleicht Katzenfutter?

HW: Katzenfutter? Nein, wir essen kein Katzenfutter. Siehst Du, das mit dem Essen ist auch so ein Problem mit uns armen, armen Türmattenmacher. Das, was wir zum Essen brauchen, das gibt es nur in den Häusern von euch Nicht-Türmattenmachern. Und selbst da ist das noch ziemlich kompliziert verpackt.

FA: Wie Batterien?

HW: Batterien?

FA: Ja, Batterien sind so verpackt, dass die Mama immer schimpft, wenn sie eine Packung aufmachen muss.

HW: Stimmt. Batterien sind furchtbar verpackt. Du hast recht. Wenn wir die Verpackung von unserem Essen aufmachen, dann ist die nachher auch tot. Äh, ich meine kaputt.

FA: Eure Behinderung ist, dass ihr Lebensmittel nicht auspacken könnt?

HW: Äh. Hm. Also, im übertragenen Sinn stimmt das irgendwie.

FA: Und wenn meine Mama eine Türmatte kauft, dann geht das leichter?

HW: Also, falls Deine Mutter eine Türmatte kauft und ihr die da hinlegt, dann geht das sehr viel leichter!

FA: Warum?

HW: Sagen wir einmal, dass dann ein Hindernis wegfällt beim Auspacken.

FA: Verstehe ich nicht.

HW: Ich weiß nicht, wie ich Dir das erklären soll, Kleines. Also, die Nahrung von mir und meinen Freunden ist praktisch in einer Verpackung aus Biomaterial. Und die ist wieder umgeben von einer größeren Verpackung aus Stein. Oder Holz. Aber in Europa meistens Stein. Und diese Verpackung, also die aus Stein, die dürfen wir nicht… Da kommen wir nicht rein…. Also, wir können nicht… Es sei denn, jemand aus Biomaterial, der in der Verpackung aus Steinmaterial wohnt, lädt uns dazu ein. Verstehst Du, was ich meine, Kleine?

FA: Kein Wort.

HW: Wie erkläre ich das?

FA: Versuch’ doch mal verständlich!

HW: Also, wie gesagt, meine Freunde und ich, wir sind wirklich sehr, sehr arm. Und keinem ist das wichtig, dass wir arm sind. Die meisten Menschen hassen uns sogar, weil wir so sind, wie wir sind. Bloß, weil wir halt andere Sachen essen als andere. Findest Du das gerecht?

FA: Esst ihr Katzenbabies?

HW: Nein!

FA: Esst ihr Hundebabies?

HW: Was? Nein?

FA: Esst ihr Spielsachen?

HW: Spielsachen?

FA: Also nicht?

HW: Nein? Warum fragst Du?

FA: Weil das dann gerecht wäre, wenn wir euch hassen. Weil, man isst doch keine Tierbabies!

HW: Wie? Nein! Natürlich! Keiner meiner Freunde und ich würde das machen! Versprochen!

FA: Du findest aber, dass das ungerecht ist?

HW: Wie? Das wir keine Tierbabies essen?

FA: Dass die Leute euch hassen.

HW: Ja, das finde ich ungerecht. Ich meine, schau’ Dir die Welt an, die die Nicht-Vampi… Äh, ich meine, die die Leute gemacht haben, die nicht Blut sau… Äh, die nicht so arm dran sind wie wir!

FA: –

HW: Was machst Du? Warum kuckst Du auf den Boden?

FA: Du hast doch gesagt, ich soll mir die Welt anschauen!

HW: Äh….

FA: Und das ist doch die Welt, oder?

HW: Ja. Schon….

FA: Finde ich sehr schön.

HW: Ach. Findest Du?

FA: Ja. Ich möchte nicht auf dem Mond wohnen, weißt Du? Lieber hier.

HW: Auf dem Mond?

FA: Ja, da gibt’s nur Käse.

HW: Was? Wieso gibt es da Käse?

FA: Dummkopf! Weil der Mond aus Käse ist! Das weiß doch jeder! Du musst ihn Dir nur anschauen, dann siehst Du das.

HW: Aus Käse. Tja. Wenn Du das sagst. Dann schau’ ich mir den einmal an. Danke für den Tipp!

FA: Kein Problem.

(Tür schließt sich. Türklingel)

FA: Hallo?

HW: Hallo! Ich bin’s schon wieder.

FA: Hast Du Dir so schnell den Mond angeschaut?

HW: Äh. Nein… Das heißt, ich meine: Ja! Ja, habe ich! Du hast völlig recht! Der ist eindeutig aus Käse! Man sieht ja die Löcher! Schaut aus wie Edamer! Und die Farbe stimmt auch! Kauft ihr jetzt eine Türmatte?

FA: Und möchtest Du auf dem Mond leben?

HW: Ich? Nein? Auf keinen Fall! Ich hasse Käse!

FA: Oh. Ich mag Käse gerne. Vor allem Butterkäse.

HW: So? Interessant. Aber lass’ uns doch wieder auf die Behindertenproblematik zu sprechen kommen.

FA: Wegen Deiner Freunde?

HW: Genau. Wegen meiner armen, armen Freunde.

FA: Und wenn wir eine Türmatte kaufen, dann sind die nicht mehr arm.

HW: Nicht ganz so arm.

FA: Und das wäre gut.

HW: Das wäre sehr gut. Für alle meine Freunde und mich. Sogar für Deine Mama.

FA: Warum für meine Mama?

HW: Weil Deine Mama, die ist doch schon ziemlich alt.

FA: Ja. Schon. Aber Oma ist noch älter.

HW: Und Du weißt, was mit alten Menschen passiert?

FA: Ja, weiß ich.

HW: Was denn?

FA: Sie bekommen Falten.

HW: Und was noch?

FA: Sie lutschen Eukalüppu-Bonbons.

HW: Ja, das ist ekelhaft, stimmt’s?

FA: Nein. Gar nicht. Manchmal gibt mir meine Oma sogar ein… Dings-Bonbon.

HW: Und was passiert noch mit alten Menschen?

FA: Sie spielen Lotto?

HW: Nein, das meine ich nicht.

FA: Sie tragen häßliche Schuhe?

HW: Nein, das meine ich auch nicht!

FA: Sie essen gerne Kuchen?

HW: Nein, das auch nicht! Ist Deine Oma zum Beispiel manchmal krank?

FA: Nein. Nie.

HW: Das ist dann ein blödes Beispiel. Wo ist denn die Oma von Deiner Oma?

FA: Weiß nicht. Auch in Hannover?

HW: Das führt hier zu nichts! Kleines, alle Menschen müssen sterben!

FA: So wie alle Hunde und Katzen?

HW: Genau!

FA: Auch meine Oma?

HW: Genau!

FA: Und dann bewegt sie sich nicht mehr? So wie unser Hund?

HW: Genau!

FA: Und dann begraben wir die im Garten?

HW: Genau! Was? Nein? Das ist, glaube ich, nicht erlaubt. Auch, wenn ich persönlich das für keine schlechte Idee halte…

FA: Und wenn wir eine Türmatte kaufen, dann sterben die Menschen nicht mehr?

HW: Na ja, die meisten schon. Aber Deine Mama und Deine Oma und Dein Papa und Dein Opa nicht. Weil, meine Freunde besuchen euch dann und sehen, dass ihr eine Türmatte von uns habt. Und dann lesen sie „Willkommen“ und wissen, dass sie reinkommen dürfen und dann kommen die rein und danach seid ihr alle unsterblich!

FA: Und sterben nie?

HW: Nie!

FA: Aber alle anderen Menschen schon?

HW: Ja. Cool, oder?

FA: Nein. Ungerecht ist das.

HW: Warum?

FA: Weil ja nicht jeder eine Türmatte von Dir kaufen kann, oder?

HW: Nicht jeder. Aber ihr könnt das und eure Nachbarn und… Ich komme schon ganz schön weit rum, wenn Du mich fragst.

FA: Kommst Du weit rum?

HW: Äh. Ja.

FA: Aha.

HW: Danke, dass Du fragst.

FA: Kein Problem, gerne geschehen!

(Türe schließt sich. Türe klingelt.)

FA: Hallo?

HW: Ich bin’s.

FA: Stimmt.

HW: Kauft ihr jetzt so eine beknackte Türmatte, oder nicht?

FA: Ich nicht.

HW: Ja, das weiß ich. Du hast ja kein Geld.

FA: Und meine Katze wartet auf ihren Tee.

HW: Gut. Könntest Du dann vielleicht Deine Mama fragen.

FA: Nein.

HW: Warum denn nicht? Hast Du denn kein Mitleid?

FA: Mit meiner Mama?

HW: Mit mir! Und den anderen, armen Türmattenmachern!

FA: Die kenne ich doch gar nicht.

HW: Die sind genau wie ich. Bloß noch viel armer. Die können nicht einmal hausieren gehen, so einen argen Hunger haben die!

FA: Was ist denn Hausieren?

HW: Na, von Haus zu Haus gehen und Türmatten verkaufen.

FA: Habt ihr kein Internet?

HW: Ob wir Internet haben? Klar, aber was hat das damit zu tun?

FA: Dann könnt ihr doch einen online-shop machen und Türmatten verkaufen.

HW: Hmmm.

FA: Das machen wir auch immer… Weil, wir kaufen nichts an der Tür. Nicht vom Roten Kreuz oder von den Zeugen oder von Werwölfen. Und auch nicht von Vampiren. Sagt meine Mama immer.

HW: Ach so.

FA: Tut mir leid.

(Türe schließt sich. Tür klingelt.)

FA: Hallo?

HW: Hallo. Ich bin’s.

FA: Mein Kater ist wirklich sauer, wenn ich jetzt nicht komme.

HW: Ja, tut mir leid. Ich habe nur noch eine Frage!

FA: Na gut.

HW: Weißt Du, wie man das macht mit so einem Online-Shop?

FA: Logo. Das ist nicht schwierig. Soll ich das für euch machen?

HW: Kannst Du das?

FA: Ja, claro… hier meine Karte. Ihr schickt mir einen Überblick über eure Produktpalette und den Lagerbestand und ich euch ein Angebot für den Shop, o.k.? Aber jetzt hab’ ich keine Zeit mehr.

HW: O.k. Dann tschüss, Kleine!

FA: Tschühüss, Herr Vampir!

(Türe schließt.)

FA: (off) So. Miezekatze. Tut mir leid, neeein… man darf keine Vampire essen, auch wenn man noch so hungrig ist!

SFX: Tigerbrüllen.


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