Der siebente Onkel

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Pha, der von allen „Papagei“ genannt wird, erzählt vom Besuch des rätselhaften „siebenten Onkels“. Und davon wie er mit seiner Familie 1982 in einem Boot aus Vietnam geflüchtet ist.

Damals nannte man diese Flüchtlinge „Boat People“.


Download der Sendung hier.

Musiktitel: „Quà Cuoi Em“ von Ha Chanh

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Die Geschichte zum Lesen

Als ich sieben Jahre alt war, lebte ich mit meiner Mutter, meinen Brüdern und meiner Großmutter auf dem Land. In Vietnam. An jenem Tag, an dem diese Geschichte anfängt, kam ich, wie an jedem anderen Tag, von der Schule zurück und spielte mit meinem Bruder und meiner Tante im Hof unserer kleinen Hütte.

Ein fremder Mann blieb vor uns stehen und kuckte uns mit einem Lächeln zu. Dann ging er vor mir auf die Knie und fragte: „Du musst Ket sein, oder?“

Und ich sagte: „Ja, ich bin Ket!“

„Ket“ ist vietnamesisch und heißt „Papagei“. Eigentlich heiße ich ja Pha, aber ich habe wohl schon als sehr kleines Kind alles nachgeplappert, was die Erwachsenen so gesagt haben.

Dieser fremde Mann sah auf eine seltsame Art und Weise bekannt aus. Als hätte ich ihn schon einmal gesehen. Vor nicht allzu langer Zeit hatten wir einen Bruder meines verstorbenen Vaters besucht, in Saigon.

„Bist Du mein siebenter Onkel?“, fragte ich den Mann, der immerhin wußte, dass mich alle Ket nannten.

Er lächelte mich an, gab mir einen Kuss auf die Backe und sagte: „Ja, genau. Ich bin Dein siebenter Onkel!“ Und er nahm mich in den Arm und drückte mich ein bisschen zu lange und ein bisschen zu fest.

Danach bat er mich, dass ich ihn zu meiner Mutter brachte. Also gingen wir die kurze Strecke zu dem Schneider, bei dem sie gerade arbeitete.

„Mama, der siebente Onkel ist zu Besuch!“, sagte ich.

Sie blickte von der Nähmaschine empor, sah den Onkel an, sprang hoch, rannte zu uns und sprang auf den siebenten Onkel und küsste ihn und weinte.

Ich war sehr verwirrt und stand ratlos daneben. So hatte ich meine Mutter noch nie erlebt.

„Kleiner Papagei, das ist nicht Dein siebenter Onkel. Das, mein lieber Sohn, das ist Dein Vater!“

Nun, das war natürlich eine gewaltige Überraschung. Eine der allerersten Erinnerungen, die ich überhaupt habe, ist eine Szene, wo mir klar wurde, dass andere Kinder Mutter und Vater haben, aber ich nicht. Also frage ich meine Mutter: „Wo ist mein Vater?“

UNd meine Mutter sagt unter Tränen zu mir: „Kleiner Papagei, Dein Vater ist tot. Er ist im Krieg gegen die Kommunisten gestorben. Es tut mir sehr leid!“

Mein Vater hat sich als junger Mann freiwillig zum Dienst gemeldet und bekam eine Offiziersausbildung. Er brachte es bei der Marine bis zum Korvettenkapitän, ein Dienstgrad, der bei der Armee dem Major entspricht.

Aber er war natürlich auf der Verlierseite, als der Krieg im Jahre 1975 endete und er kam in ein Gefangenenlager nach Nordvietnam.

Meine Mutter hörte nie wieder von ihm und nach Jahren des Wartens ging die Familie einfach davon aus, dass er, wie vier Millionen vietnamesischer Soldaten auf beiden Seiten, im Krieg gestorben war.

Aber mein Vater war nicht im Lager gestorben, sondern er hatte überlebt und uns gefunden. Bald zogen wir alle um nach Saigon, um dort bei seinen Eltern und seinen Brüdern und Schwestern zu leben.

Dort versuchten wir, ein normales Leben zu führen. Zusätzlich zum Unterricht in der Schule brachte er uns Kindern noch Mathematik und alles an Englisch bei, das er selber beherrschte.

Aber das mit dem normalen Leben war nicht so einfach. In unregelmäßigen Abständen und stets ohne Ankündigung bekam mein Vater Besuch von der Polizei. Wir Kinder wurden dann aus der Wohnung geschickt und bekamen die stundenlangen Verhöre nicht mit.

Mein Vater musste über alle seine Tätigkeiten berichten und wenn er den Ablauf eines Tages nicht bis ins kleinste Detail erinnerte, gab es Ärger. Die Polizisten drohten ihm damit, dass sie ihn jederzeit, ohne Angaben von Gründen wieder ins Lager stecken könnten.

Das ist natürlich eine perfide Art der Folter und funktionierte ausgesprochen gut. Mein Vater litt immer mehr an den schlimmen Alpträumern, in denen er die Greuel des Lagers immer und immer wieder erlebte.

So schlimm wurde ihm die ständige Bewachung durch die Polizei, dass meine Mutter und er beschlossen, dass die Familie Vietnam verlassen musste. Aber wie? Das ist nicht so einfach. Vietnam ist ein kommunistisches Land, das verlässt man nicht einfach so. Aus Vietnam muss man fliehen.

Und aus Vietnam musste man mit dem Boot fliehen, denn die unmittelbaren Nachbarstaaten auf dem Land schickten Flüchtlinge umgehend wieder zurück.

Im Jahre 1982 aber kostete der Platz auf so einem Flüchtlingsboot aber umgerechnet 10.000 Euro. Geld, dass wir schlicht nicht hatten, wir waren ja immerhin fünf Leute. Aber mein Vater versprach uns, er würde einen Weg finden.

Eines Tages, als ich und meine beiden kleinen Brüder wieder einmal meine Oma auf dem Land besuchten, tauchten auch meine Eltern überraschend auf und nahmen mich zur Seite.

Sie erklärten mir, dass wir zu dritt am nächsten Tag nach Saigon zurückkehren würden und am nächsten Tag mit dem Boot fliehen würden. Ich fragte, ob wir meine Brüder nicht mitnehmen könnten und sofort begann meine Mutter zu weinen.

Sie erklärte mir, dass mein Vater als Kapitän ein Flüchtlingsboot fahren würde. Weil er Kapitän war, durfte er noch zwei Personen kostenlos mitnehmen, aber nicht mehr.

Meine Brüder mussten bei meiner Oma zurückbleiben. Und – sie wurde sehr, sehr ernst – ich dürfe ihnen kein Sterbenswörtchen sagen. Nicht, dass sie sich aus Versehen verplappern und wir alle im Lager landen. Und dieses Mal würde mein Vater nicht mit dem Leben davonkommen!

Am nächsten Tag, als meine Eltern und ich den Bus bestiegen, um nach Saigon zu fahren, gab es niemanden, der nicht verzweifelt geweint hätte.

Meine Mutter war kaum in der Lage den Bus zu betreten, so sehr wurde sie von ihrer Trauer ergriffen, aber auch mein siebenjähriger Bruder heulte wie ein verwunderter Hund. Er begriff genau, dass wir ihn zurückließen.

Diesen Tag hörte meine Mutter nicht auf zu weinen. Ihr hellblaues T-Shirt war komplett durchgeweicht von den Tränen, als wir den Bus in Saigon verließen.

Am nächsten Tag, in aller Frühe, brachen wir auf. Mit dem Bus fuhren wir erst nach Binh Hung, von da in ein Dorf im Mekong-Delta. Wir wechselten auf ein kleines Boot, dass uns zu einem anderen Boot brachte.

Und diese Boot brachte uns schließlich zu dem Fischerboot, auf dem wir fliehen sollten. Meine Mutter und ich verschwanden, wie alle die anderen Flüchtlinge im Bauch des Schiffs. Als alle angekommen waren, wurden die Luken geschlossen und wir saßen in kompletter Dunkelheit und warteten.

Ich muss eingenickt gewesen sein, aber ich erinnere mich, wie sehr ich erschrecke, als der Motor plötzlich anspringt. Und unsere Fahrt beginnt.

Wir wurden schneller und immer schneller und nach ein oder zwei Stunden höre ich auf einmal da draußen das Geräusch von Gewehren oder Pistolen.

Ich kannte das nur aus Filmen, aber Angst hatte ich natürlich trotzdem. Bis jetzt war mein Vater an meiner Seite gewesen, um mich zu trösten. Aber der war irgendwo da draußen auf dem Boot und auf uns wurde geschossen.

Ich begann zu weinen vor Angst und ich war nicht der einzige der Flüchtlinge. Doch zum Glück war da noch meine Mutter. Sie drückte mich ganz fest an sich und flüsterte mir ins Ohr: „Hab‘ keine Angst! Dein Vater bringt uns durch diese Gefahr. Uns wird nichts geschehen!“

Und genau in diesem Moment hörte das Schießen auf!

Erschöpft schlief ich bald danach ein, das monotone Dröhnen des Dieselmotors hypnotisierte mich förmlich. Ich erwachte ein paar Stunden später wieder. Das Boot schaukelte auf den Wellen und Menschen rund um mich herum mussten sich übergeben.

Der Geruch und die Geräusche sorgten dafür, dass mir auch bald sehr, sehr übel war. Kurz bevor ich mich auch ins Innere des Schiffs übergeben musste, wurden aber plötzlich die Klappen geöffnet.

Draußen war es mittlerweile Tag geworden und es war hell. Ein leichter Regen fiel auf uns herab und die frische Luft war eine eigene, kleine Befreiung.

Mein Vater stieg die Leiter herab und erklärte allen: „Ihr fühlt euch alle so elend, weil das die Wellen des Ozeans sind. Wir haben es geschafft. Wie haben Vietnam verlassen und sind jetzt auf dem freien Ozean!“

Das Boot explodierte förmlich! Alle freuten sich und jubelten und applaudierten und sangen und tanzten und alle bedankten sich bei meinem Vater.

Doch die Gefahren waren noch nicht ausgestanden.

Um uns herum lag schwarz und blau in alle Himmelsrichtungen nur der blanke Ozean. Als der leichte Regen sich in einen Sturm verwandelte, war es zuerst tröstlich, als die flache Scheibe des Meeres sich in Wellen verwandeltet.

Aber nach Tagen, in denen unser Boot wie eine Nussschale den Gewalten der See ausgesetzt war, lagen die Nerven aller Insassen blank.

Immer noch bestand die Gefahr, dass vietnamesische Patrouillen uns abfangen könnten. Wahrscheinlicher aber und bei weitem schlimmer: Vielleicht würden uns auch thailändische Piraten aufbringen und uns – im besten Fall – ausrauben und im schlechtesten Fall ausrauben und versenken.

Doch nach drei Tagen auf der Südchinesischen See beruhigte sich das Wetter und die Sonne schien auf uns. Das lauteste Geräusch war nicht mehr das Rauschen des Sturms, sondern das sanfte Tuckern des Diesels.

Noch am gleichen Tag zeichnete sich am Horizont ein schwarzer Strich ab. Wir fuhren direkt auf die Freiheit zu. Innerhalb von nur drei Tagen hatten wir es, dank meines Vaters, geschafft nach Indonesien.

Dort nahm uns alle ein Flüchtlingslager der UNHCR auf. Es dauerte ein Jahr, bis wir als Asylsuchende anerkannt wurden und 1984 nach Deutschland kamen wie 38.000 andere Vietnamesen auch.

Es dauerte sogar zehn Jahre, bis es uns gelang, den Rest der Familie auch nach Deutschland zu holen, aber jetzt sind wir alle wieder zusammen.

Meine Eltern haben sich die kleine Wohnung, in der wir lebten, gekauft. Mein mittlerer Bruder war bei unserer Flucht sieben. Jetzt ist er Steuerberater. Mein kleinster Bruder war sechs Jahre alt und ist Kaufmann. Und ich bin Notfall-Chirurg geworden.

Happy End eigentlich für mich und meine Familie. Wir haben es geschafft, weil mein Vater ein unglaublicher Dickkopf ist.

Er hat sich geweigert im Krieg zu sterben und er hat sich einfach geweigert, in den fünf Jahren im Gefangenenlager planmäßig zu verhungern.

Er hat sich geweigert, dass wir unter dem Terror der Polizei und der kommunistischen Machthaber in Vietnam leiden. Er hat sich geweigert, dass der Sturm unser Boot und alle Flüchtlinge verschluckt. Ich schulde ihm also mein Leben.

Wir haben uns, wie die allermeisten Vietnamesen, mittlerweile in Deutschland integriert und eigentlich können wir mit unserem Leben also durchaus zufrieden sein.

Wenn mich meine Brüder und meine Eltern bloß endlich nicht mehr „Kleiner Papagei“ nennen würden!


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