Der Schlüsselkater


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Märchen sind sehr alte Erzählformen und funktionieren immer noch! Frisch für euch erfunden heute die Geschichte von der hübschen Zauberin; dem Kater, der ein Schlüssel ist und dem Bäcker, der eigentlich keine Chance hat und sie trotzdem nutzt.


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Musiktitel: „She’s my witch“ von Moderator / CC BY-NC-SA 3.0
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Die Geschichte zum Lesen

Gut, dann muss ich meine Geschichte wohl erzählen, wenn Du mir ein Bier spendierst, Fremde. Es stimmt, was die Anderen gröhlen: Ein Märchen ist es auch! Du kommst aus der großen Stadt, haben sie gesagt. Denn musst Du eines vorher wissen:

Wenn eine Stadt so klein ist wie unsere, dann kennt man fast jeden. Und das schon immer. Der Besuch eines Fremden ist bei uns lange ein Gesprächsthema. Auch wenn die meisten nur zu unserer Zauberin wollen, wie Du auch.

Man kennt sich hier. Also kenne ich auch Deirdre schon immer. Seitdem ich denken kann. In meiner allerersten Erinnerung kommt sie schon vor! Ich weiß nicht genau, wie alt ich da war, aber ich vermute, ich war gerade zwei.

Die Bilder sind undeutlich: Ich stehe vor dem Kräutergarten und knabbere etwas. Nüsse, glaube ich. Da kommt mein großer Bruder und beginnt, mich zu beschimpfen. Keine Ahnung, warum. Er wird immer lauter und wedelt aufgeregt mit den Armen.

Ich betrachte ihn wie durch ein Fenster und beziehe sein Verhalten nicht auf mich. Ich schaue ihm zu, wie er sich aufregt. Das fuchst ihn umso mehr.

Er gerät so außer sich, dass er mich einfach umschubst. Ich falle hart zu Boden und haue mir ordentlich den Kopf an – natürlich beginne ich zu heulen.

Nicht nur, weil es schmerzt, sondern, weil ich beim besten Willen nicht verstehe, warum mein Bruder mich nicht mehr liebhat. Warum er mich anschreit und mir wehtun will.

Als ich hochschaue, ist da Deirdre. Sie beruhigt meinen Bruder mit einem Lächeln und redet sanft auf ihn ein. Ihr langes, schwarzes Haar fällt bis zum Boden, als sie sich bückt, um mir zu aufzuhelfen und mich zu trösten.

Das ist meine früheste Erinnerung überhaupt! Die früheste Erinnerung an mich oder an andere Menschen oder an eine Frau! Nicht meine Mutter, sondern Deirdre. Die schönste und liebste Kreatur auf Gottes Erde, da war ich mir mit Zwei schon völlig sicher.

Das ist lange her, zugegeben, doch ich war seit diesem Tag in sie verliebt. Auch heute stellt es hier niemand in Frage: Deirdre ist – ganz sachlich – die schönste Frau in unserer Stadt! Und auch die intelligenteste Person. Ihr Turm ist gefüllt mit Büchern. Die meisten sind in Latein oder Griechisch, viele aber in noch fremderen Sprachen. Viele glauben es ja nicht, aber in diesen Büchern gibt es sogar Bilder von Orten auf der anderen Seite der Erde!

Deridre ist höflich und hilfsbereit. Und immer gut gelaunt. Manchmal kann sie einem schon Angst einjagen, aber trotzdem sind wir alle sehr stolz auf sie und unsere Stadt. Da kann man schon stolz sein, wenn eine der mächtigsten Zauberinnen des Reichs ihren Turm genau in der Mitte hat, oder?

Genug Aufschneiderei. In Wirklichkeit kann ja keiner der Bewohner etwas dafür, dass sich die Zauberin entschlossen hat, unter uns zu wohnen. Immerhin ist sie seit über zweihundert Jahren nicht fortgezogen und: Nachdem sie immer noch so aussieht wie am ersten Tag, schadet ihr unser Brot nicht und unser Wasser, oder?

Deirdre kam in ein Alter, wo sie entschied, sie wolle auch einen Mann haben. Keine Ahnung, wann dieses Alter bei Zauberinnen erreicht ist, für die stricken ja die Nornen die Fäden langsamer.

Als das im Städtchen zum Gerücht wurde, dachten wir alle, sie würde einen der stolzen Ritter nehmen, die immer als Boten der mächtigen Könige oder Kaiser kamen, um Deirdre um Rat zu fragen. Die waren nämlich alle sauber, gepflegt und gesund. Und sie rochen gut!

Doch in den nächsten Gerüchten hieß es: „Nein, nein! Auf keinen Fall so einen Lakaien. Sie, die mächtigste Zauberin, die man sich nur vorstellen kann, wollte jemanden aus unserer Stadt!“

Das war eine kleine Sensation und der Aufreger für einen Sommer, das könnt ihr mir glauben! Andauernd gab es neue Gerüchte, wer denn nun ihr Gemahl werden würde! Alle alleinstehenden Männer begannen sich zu waschen und zu putzen und wie die Gockel – scheinbar völlig zufällig – um den Turm zu flanieren.

Da waren wirklich hübsche Männer dabei und muskulöse, die gepflegte, lange Locken hatten. Und da waren wohlhabende Männer dabei, die nicht mehr so besonders jung waren, aber trotzdem nicht dick. Unser Barde gehörte zu den Anwärtern und unser Stadtdichter auch.

Alles wichtige Menschen. Ich aber war nur der kleine Bäcker. Und ich hatte keinen Heller auf der hohen Kante, denn ein schlechter Geschäftsmann war ich noch dazu.

Das nächste Gerücht war dann, das Deirdre am Sonntag nach der Messe verlauten lassen würde, wie sie ihren Mann finden wolle. Und richtig: Ein paar Minuten nach dem Aaronschen Segen flatterten wir alle wie aufgeregte Hühner aus der Kirche.

Alle hatten sich schon um den Turm der Zauberin versammelt und redeten wild durcheinander, als ich endlich den Anschlag an der Tür ihres Turms lesen konnte.

Auf dem Plakat war das Bild eines etwas pummeligen Katers mit einer goldenen Kette um den Hals. Und darunter hatte Deirdre in ihrer Handschrift geschrieben:

„Der Schlüssel um den Hals meines Katers Nachtmahr ist der Schlüssel zur Vordertür meines Turms. Ich werde den ersten Mann heiraten, der eintritt.“

Mir sank das Herz in die Hose, denn um ehrlich zu sein, hatte ich gehofft, auch eine Chance zu haben. Aber Nachtmahr mochte vielleicht ein bisschen zu pummelig sein, trotzdem war er der Kater einer Zauberin und das Gegenteil von zutraulich!

Am Anfang beteiligte ich mich auch an der Jagd. Jeder von uns stürzte dem Kater hinterher, sobald der sich sehen ließ. So schnell war Nachtmahr aber immer verschwunden, sobald ein Freier ihn erblickte, dass es schon hieß, er könne sich unsichtbar machen.

Nach ein paar Tagen zog ich mich aus dem Rennen zurück. Ich war nicht athletisch genug, um dauernd auf Bäume oder Mauern zu klettern oder quer durch die Stadt zu rennen, sobald jemand rief: „Da ist der Kater!“

Abgesehen davon hatte ich auch nicht die nötige Zeit, denn bloß weil alle Ledigen in der Stadt jetzt auf Katerjagd waren, aßen die Leute ja nicht weniger Brot. Ich musste einfach trotzdem meine Arbeit machen.

Wie ich das so in meiner Backstube stand, machte ich mir so meine Gedanken: Es war jetzt schon fast eine Woche vergangen, seitdem Deirdre den Anschlag an ihre Tür genagelt hatte.

Niemand hatte sie seither gesehen. Sie hatte sich folgerichtig in ihren Turm eingesperrt und wartete, bis ihr Zukünftiger die Tür aufsperren würde. Sie war auch nie in die Bäckerei gekommen, um ihr Brot und ihre geliebten Pasteten zu holen.

Die Arme! Wenn die Ledigen unserer kleinen Stadt sich weiter so anstellen würden, dann könnte sie glatt in ihrem Turm verhungern!

Ich stellte ihr also jetzt jeden Abend Brötchen, eine Breze und eine Pastete vor die Tür. Keine Ahnung, ob sie die holte und aß, aber immerhin stand das Geschirr am nächsten Morgen leer vor dem Turm.

Die wilde Katerjagd machte unsere Stadt schnell vier ganze Wochen verrückt und die Methoden der Verehrer wurden immer brutaler. Die halbe Stadt war voller fieser Fallen und man musste des Abends um sein Leben fürchten, wenn man kein Licht bei sich führte!

Überall steckten Pfeile, die auf den armen Kater geschossen wurde und unser Nachtwächter verlor gar ein Ohr durch den Armbrustbolzen eines Freiers! Ich war also auf der Hut, als ich eines Abends, beim Abliefern meiner Bäckereien im Efeu des Turms etwas beobachtete.

Zwei Pupillen fixierten mich und folgten jeder meiner Bewegungen. Es war Nachtmahr, der sich versteckt hatte und darauf wartete, dass ich mit meiner Lieferung vorbeikam.

Also buk ich jeden Tag zusätzlich noch eine kleine Pastete mit Fisch – extra für den Kater und legte sie ihm in den Efeu. Der hatte sicher besonderen Hunger, seit er von allen Ledigen der Stadt ununterbrochen gejagt wurde!

Es dauerte keine zwei weiteren Tage, bis sich das Tier schon auf die neue Regelung umgestellt hatte und nicht einmal eine Woche, bis er schon vorher bei mir in der Backstube auftauchte. Wahrscheinlich, um seine Sonderanfertigung noch warm zu vertilgen.

Ich hatte natürlich einen Riesenrespekt von dem wilden Kater, der es geschafft hatte, alle Freier für mehr als sechs Wochen an der Nase herumzuführen! Eines Tages fasste ich meinen Mut zusammen und kraulte ihn trotzdem hinter den Ohren, nachdem er sich nach dem Fressen zum Ausruhen neben den Ofen gelegt hatte.

Was soll ich noch erzählen? Das war eigentlich schon die ganze Geschichte! Nachtmahr, der Kater der Zauberin und der arme Bäcker wurden Freunde! Er hatte überhaupt kein Problem damit, sich von mir das Halsband abnehmen zu lassen!

Und ich starrte höchstens eine Stunde ungläubig auf das kleine Schlüsselchen, bevor ich beschloss, zum Turm zu gehen und – ganz wörtlich – mein Glück zu versuchen.

Ich hatte Angst, dass mir meine Nebenbuhler den Schlüssel mit Gewalt abnehmen würden, doch keiner der Gockel nahm mich überhaupt wahr! Sie waren es ja auch gewohnt, dass der dumme Bäckerjunge, der sowieso keine Konkurrenz darstellte, einmal am Tag etwas für die Zauberin vor der Tür abstellte.

Ich steckte also das winzige Schlüsselchen aus Gold in das große Türschloss aus Eisen und es passte einfach perfekt. Als ich die Tür öffnete, stand dahinter Deirdre und starrte mich mit großen Augen an.

„Ach, mein Gott! Du bist es! Oh, mein Gott, bin ich froh! Mann, warum hat das so lange gedauert!“

„Aber…“

„Ich bin so froh, dass Du es bist! Komm schnell rein!“

Ich folgte ihr in die Küche, die im Erdgeschoss des Turms war. Auf der Arbeitsplatte stand ein Korb. In dem Korb waren ungefähr vierzig Brezen.

„Ich habe jeden Tag die Breze aufgehoben, um mich daran zu erinnern, warum ich diesen Wettbewerb veranstaltet habe. Und um mich zu erinnern, dass jeden Tag dafür bete, dass Du das Rätsel endlich löst!“

„Ich? Aber wieso ich? Ich bin weder reich noch stark und sonderlich schlau bin ich auch nicht! Wieso sollte ich das denn lösen können?“

„Weil Du der Liebvollste bist! Der Sanfteste! Diese Prüfung war dazu da, dass nur Du sie bestehen konntest! Nie im Leben könnte ich einen Mann heiraten, der einer Katze Leid antut, nur um an den Schlüssel zu kommen!“

„Dafür heiratest Du lieber den dummen Bäcker? Der Dir seine Brezen kostenlos bringt, obwohl Du sie nicht einmal isst?“

Tja, was soll ich sagen? An dieser Stelle der Erzählung fallen wir uns dann in die Arme und lachen beide wie verrückt. Ein oder zwei Tage lang, ich weiß es nicht mehr genau – ich musste ihr jedes Detail genauestens schildern.

Jetzt sind wir auf jeden Fall Frau und Mann. Ich backe Nachtmahr immer noch eine Fischpastete jeden Tag, obwohl wir wirklich etwas für seine Figur machen sollten. Aber er ist ja schon hundertunddrei, jetzt muss man auch nicht mehr anfangen, oder?

Und, seit Deirdre die Boten der Könige und Kaiser, so wie Dich, immer bei der Bäckerei vorbeischickt, laufen auch sonst die Geschäfte nicht schlecht.

Das wäre dann also das Ende vom Märchen. Und, jetzt wirklich ganz zum Schluss: Nachdem wir nicht gestorben sind, leben wir noch heute! Prost!


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