Der Scammer

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Es kann zu jeder Uhrzeit passieren. Man sitzt ahnungslos am Rechner und dann klingelt das Telefon. Am Apparat: Microsoft höchstpersönlich. Denn es wurde bemerkt, dass der heimische Computer Schadsoftware verschleudert. Zum Glück kann der junge Mann mit dem indischen Scan gleich weiterhelfen!


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Download der Sendung hier.
The Guardian: The scammers gaming India’s overcrowded job market
Microsoft: Vom Enkeltrick zum Tech Support Scam

Musiktitel: „I Made A Song With A Tech Support Scammer again“ von Quackity

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Die Geschichte zum Lesen

HW: Hallo, mein Name ist Richard Dawkins und ich arbeite für Microsofts Cyber-Security-Abteilung. Meine Dienstnummer ist ID46733 und ich rufe Sie an, weil uns gemeldet wurde, dass von ihrem Rechner aus Schadsoftware verbreitet wird.
FA: (gespielt) Oh, mein Gott! Das ist ja furchterbar! Wie konnte das nur passieren? Können Sie mir vielleicht zufällig helfen?
HW: Aber natürlich kann ich Ihnen helfen!
FA: Das ist ja ein Geschenk der Götter! Vielen, vielen Dank!

FA: Von wo aus rufen Sie noch einmal an?
HW: Von Microsoft. In Redmond, Kalifornien.
FA: Können Sie das beweisen?
HW: Sehen Sie die Telefonnummer auf Ihrem Display?
FA: (Off) Stimmt, ist eine amerikanische …

HW: Wir müssen nun erst einmal herausfinden, was für ein Trojaner sich in ihr System geschlichen hat. Bitte drücken Sie die Tasten „Steuerung, Alt und Entfernen“ gleichzeitig.
FA: Da steht: Sperren, Benutzer wechseln, Abmelden und Task Manager.
HW: Wir brauchen den Task Manager.
FA: Okay. Da steht nun Apps, Hintergrundprozesse und dahinter eine Tabelle mit Prozentzahlen.
HW: Richtig. Können Sie mir einmal die Hintergrundprozesse vorlesen. Von oben nach unten?

FA: Klar, da ist Adaware, das ist, glaube ich das Virenprogramm und dann Classic Start Menü und dann „Com Surrogate“ …
HW: Aha! Da haben wir doch schon den Verdächtigen! Wissen Sie, was „Surrogate“ bedeutet?
FA: Ja, das ist Englisch und heißt Ersatz. Oder eben Surrogat.

HW: Genau! Da wurde ihre COM-Datei ersetzt!
FA: Meine COM-Datei? Ist die wichtig?
HW: Die regelt ihre gesamte Kommunikation mit dem Internet! Natürlich ist die wichtig!
FA: Oh, mein Gott! Das ist ja eine Katastrophe? Und was könnt ihr da bei Microsoft dafür tun?

HW: Das ist kein Problem, das machen wir hundert Mal am Tag. Sie geben mir einfach Zugriff auf Windows und ich installiere ein Microsoft-Tool zur Entfernung von Schadsoftware.
FA: So. Das ist ja praktisch. Ich habe da aber ein Problem, Richard …
HW: Was ist ihr Problem?
FA: Darf ich ganz ehrlich sein?
HW: Natürlich.

FA: Sie müssen wissen, ich bin mir nicht einmal sicher, ob ich eine richtige Lizenz für Windows habe. Das ist der alte Rechner von meinem Sohn und der .. na, wie soll ich sagen … der kennt sich mit Computern aus, aber der verwendet nicht immer Lösungen, die so hundertprozentig legal sind. Wissen Sie? Das Virusprogramm zum Beispiel kostet nicht einmal Geld. Das ist doch nicht normal, oder?
HW: Da seien Sie mal nicht beunruhigt. Ich bin nicht von der Lizenz-Abteilung. Das interessiert mich hier nicht. Mir geht es nur darum, Ihren Rechner davon abzuhalten, andere Rechner zu infizieren. Denn damit geraten Sie in die Haftung. Das könnte sehr teuer für Sie werden!

FA: Oh, mein Gott! Sie haben ja recht! Da geht es gar nicht nur um mich, oder?
HW: Nein. Da geht es darum, die Verbreitung von krimineller Software zu bekämpfen. Das liegt Microsoft sehr am Herzen!
FA: Gut. Prima. Was muss ich also tun, Richard?

HW: Als erstes muss ich auf Ihren Rechner zugreifen können. Dazu brauche ich ein Programm namens „TeamViewer“. Haben Sie dieses Programm installiert?
FA: Woher soll ich das wissen?
HW: Gut. Dann surfen Sie doch einfach zu „Teamviewer.com“.
FA: Ok. Da bin ich.
HW: Und da sehen Sie ja den Button: „Gratis Download“. Klicken Sie darauf.

FA: Ach ja. Sehe ich. Aber, wissen Sie was, Richard. Das werde ich nicht tun.
HW: Ohne Zugriff auf den Rechner kann ich aber nicht die Microsoft-Software zur Entfernung von Schadsoftware installieren!
FA: Die mich wie viel Euro kostet?

HW: Äh. Die Software kostet einmalig € 199, wenn Sie sie jetzt über mich beziehen. Im freien Handel kostet sie € 499. Aber durch mich haben Sie einen Microsoft-Vorzugspreis!
FA: Und wie zahle ich am besten?
HW: Der sicherste und schnellste Weg sind Gutscheinkarten von Apple iTunes, Amazon oder Google Play.
FA: Wissen Sie, Richard, das habe ich mir beinahe schon gedacht!

HW: Sie können die in jedem Supermarkt an der Kasse kaufen. Dann sagen Sie mir einfach die Nummer auf der Rückseite und sie haben für immer Ruhe von Viren und Trojanern.
FA: So so …
HW: Das ist immer noch billiger, als eine Klage von der Staatsanwaltschaft wegen der Verbreitung von krimineller Software, oder?

FA: Also, Richard, hören Sie einmal zu: Die Software, von der sie reden, kann man tatsächlich bei Microsoft herunterladen. Da kostet sie keinen Cent. Den Teamviewer brauchen Sie aber, um mir überhaupt erst einmal einen Virus zu installieren. Und die Datei „COM Surrogate“ ist ein ganz normaler Teil des Betriebssystems.
HW: Das schaut nur aus wie ein normaler Teil des Systems, aber …

FA: Aber ich bin Journalistin und schreibe gerade einen Artikel über die sogenannten „Technical Support Scams“. Die kosten alleine die amerikanische Bevölkerung 1,5 Milliarden Dollar im Jahr. Die Firmen, die das betreiben, sitzen zu 85% in Indien.
HW: Aber Sie haben doch meine Telefonnummer gesehen? Ich rufe nachweisbar aus Redmond an!
FA: Das nennt man einen Caller-ID-Spoof. Das ist heute mit Voice-Over-IP kein Hexenwerk mehr. Die Software, um eine falsche Nummer zu generieren, wie zum Beispiel FreeSwitch oder Asterisk, ist Open Source und kostet keinen Cent.

HW: Na gut. Ist ihr Problem, wenn Ihr Rechner schädliche Software verbreitet. Nachdem ich sie aber jetzt informiert habe, ist ihre Vorgehensweise kriminell!
FA: Nein. Ihre Vorgehensweise ist kriminell! Sie, mein lieber Richard, sind ein Krimineller! Sie betrügen ahnungslose Menschen am Telefon. Und dann installieren Sie erst einmal die schädliche Software selber! Ist Ihnen klar, wie sie sich am guten Glauben anderer bereichern?

HW: Ich? Ich bereichere mich? Sie haben ja keine Ahnung! Ich verdiene hier einen Stundenlohn von zwei Dollar! Ist das „Bereichern“ in Ihren Augen? Wie viel verdienen Sie denn in der Stunde?
FA: Mehr. Aber bekommen Sie denn keine Provision?
HW: Doch. Aber das sind 1,5%. Drei Dollar, wenn Sie mir die Nummer der Geschenkkarte geben.

FA: Drei Dollar? Und wer verdient den Rest der 200 Euro?
HW: Na, die Firma, für die ich arbeite.
FA: Und wie oft klappt der Trick denn überhaupt?
HW: Momentan sind wir bei 4%.
FA: Sie müssen also 25 Leute anrufen, um einen Verkauf zu tätigen?
HW: Ja. Aber die meisten Anrufe sind sehr kurz.

FA: Danke, Richard. Das hilft mir sogar bei der Recherche. Aber Sie sollten sich wirklich einen anderen Job suchen! Früher oder später fliegt ihr Laden auf!
HW: Unsinn! Hier gibt es Tausende von solchen Firmen! Und unser Scam ist nicht wirklich ein schlimmer Scam. Vor einem Jahr noch habe ich Amerikaner angerufen und so getan, als wäre ich das Finanzamt. Denen habe ich gedroht, dass die Polizei gleich anrückt – da hätten Sie dabei sein sollen! Da haben die Leute regelmäßig geheult am Telefon!

FA: Ach, aber dann hatten Sie ein Gewissensproblem?
HW: Na ja, irgendwie seid ihr Westler ja alle auch zu naiv und dumm, oder? Wer glaubt denn bitteschön, dass das Finanzamt Geschenkgutscheine von iTunes oder Google annimmt?
FA: Das ist Deine Entschuldigung? Sehr bequem.

HW: Jetzt hör mal zu, schlaue Frau aus Deutschland: Du sitzt da in Deinem fetten Deutschland und lebst wie eine Made im Speck. Wir hier in Indien leben im Dreck, weil ihr uns Jahrhunderte lang ausgeraubt habt …
FA: Deutschland?
HW. Deutschland, England, die USA: Das ist doch egal!
FA: Und Du bist unterwegs, um Indien zu rächen?

HW: Nein! Aber, wenn ihr so naiv seid, dann seid ihr selber schuld! Hätten Dir denn die 200 Euro gefehlt?
FA: Na klar hätten mir die gefehlt!
HW: Hättest Du auf Essen verzichten müssen oder auf Dein fettes Auto oder den Urlaub in der Dritten Welt?
FA: Wie bitte? Nein, hätte ich nicht! Aber ich mache keinen Urlaub in der Dritten Welt und ich habe nicht einmal ein Auto!

HW: Gut, ich auch nicht! Und ich mache nie Urlaub! Und, wenn ich diesen Job nicht mache, dann muss meine Familie auf Essen verzichten! Das kannst Du Dir nicht vorstellen, weil Du gerade eine Diät machst, aber ohne meinen Job bekommt meine Kinder nur Reis!
FA: Aber dann such‘ Dir halt einen anderen Job! Du wirst da doch eh nur ausgebeutet!
HW: Es gibt aber keine anderen Jobs! Hier in Gurugram gibt es fast nur Scammerfirmen. Weißt Du, wie viele Leute sich hier für die 115 Jobs beworben haben?
FA: Wie viele?

HW: 19.000 Menschen! Alle mit einem Bachelor oder einem Master. Ich habe den Job nur bekommen, weil ich Deutsch kann. Nur mit Englisch hätten die mich nicht genommen! Und was hätte meine Familie dann gemacht?
FA: Richard, das ist wirklich tragisch. Und es tut mir wirklich leid für Dich. Ich spüre, dass Du Dein Gewissen noch nicht ganz am Empfang abgegeben hast. Suchst Du denn einen anderen Job?

HW: In jeder freien Minute! Ich bete jeden Tag für einen anderen Job! Ich kann das hier auf Dauer nicht mehr! Als ich noch den Finanzamt-Scam durchgezogen habe, da habe ich eine Frau erwischt, die lebte mit ihren Kindern von Essensmarken. Das ist in San Francisco mittlerweile wie in Indien. Die hat so geweint und die war ärmer als ich. Da habe ich zu meinem Vorgesetzten gesagt: Ich kann die nicht abziehen. Dann hat er das Gespräch übernommen und den Scam durchgezogen.

FA: Hat er sich nicht geschämt?
HW: Der hat sich feiern lassen! Der ist 23 Jahre alt und hat einen Porsche! Der führt genau das Leben, von dem die jungen Männer träumen, die hier arbeiten! Die wollen sein wie Leonardo DiCaprio in „The Wolf of Wall Street“. So sehen die sich hier. Die halten sich für Helden.
FA: Aber Jordan Belfort in dem Film ist ein Riesenarschloch!

HW: Aber Millionär!. Tolles Auto, tolle Frau, viel Geld. Das reicht.
FA: Ach, Richard …

HW: Ich heiße Rashid.
FA: Und ich heiße Karoline.
HW: Hallo Karoline!
FA: Ich würde Dir gerne helfen, Rashid, aber ich wüsste nicht, wie. Ich hoffe sehr für Dich, dass Dein Traum wahr wird und Du einen Job findest, der nicht kriminell ist.
HW: Würdest Du auch dafür beten?
FA: Ich bete nie.

HW: Dieses eine Mal? Für mich?
FA: Gut. Ich bete für Deinen Job, Rashid. Versprochen.
HW: Danke, Karoline!
FA: Mach’s gut!
HW: Du auch!


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