Der perfekte Überfall



Verbrechen lohnt sich nicht! Außer in den Fällen, wo es sich halt doch lohnt. Waffenschmuggel, Drogenhandel oder Schmiergeldzahlungen würden mir da als Erstes einfallen.

Es gibt auf jeden Fall eine Faszination für die Kriminellen, die es irgendwie geschafft haben. Ein gewisser Neid – egal, wie die Rechtslage ist.

Speziell, wenn der Täter keiner Fliege etwas zuleide tut und mit seiner Millionenbeute spurlos verschwindet.

Da kann man ins Grübeln geraten, wie der junge Japaner in der heutigen Geschichte.


Download der Sendung hier.
Musiktitel: „Koisuru Ra-Ra-Ra“ von The Phoenix (1968, Kieselstein)


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Die Geschichte zum Lesen

Als Du die Anzeige gesehen hast, dass die Autobahnpolizei von Tokio neue Rekruten mit Motorradführerschein sucht, da hast Du Dir erst einmal nichts dabei gedacht. Beinahe hattest Du das vergessen.

Das wäre natürlich besser als Dein blöder Job bei Toyota am Fließband. Aber Polizei? Nein, das musste nicht sein. Keine Uniform für Dich! Vielen Dank – davon hatten wir in Japan echt genug. Vor allem in Deiner eigenen Familie!

Dann bist Du Tage später in der Pause vor dem Werk gestanden und hast mit Deinem Kumpel eine geraucht. Er hat auf die Autobahn hoch gezeigt, auf einen Transporter. Auf dem stand „Nippon Konzernbank“ und der kam mit den Gehältern und den Bonuszahlungen angefahren. Sagte Dein Kumpel.

„Da sind locker 300 Millionen Yen drin“, hat er gesagt. „Wir haben das einmal ausgerechnet. Kannst Du Dir so viel Geld auf einem Haufen vorstellen?“ Hat er gefragt. Das hat spontan Deine Phantasie angeregt. 300 Millionen Yen!

Schauen wir uns das einmal in Ruhe an: Da ist ein Transporter. Der ist voller Geld. So viel Geld, dass Du nie mehr arbeiten musst. Wenn Du dieses Geld hättest, musst Du nicht mehr arbeiten!

Und das wäre gut, weil Du Deine Arbeit verabscheust. Arbeit zu verabscheuen ist unjapanisch, aber was kann man dagegen machen? Das ist wie eine Behinderung: Du bist einfach nicht bereit, so zu tun, als würde es Dir Spaß machen, von Deinem Chef angeschrien zu werden, einfach, weil sich das so gehört.

Das Geld in dem Transporter gehört einer Bank und es ist versichert. Keiner kommt zu Schaden, wenn Du das besitzt statt der Bank, aber Dir geht es deutlich besser. Warum also darauf verzichten?

Allerdings werden die Menschen in dem Transporter Dir das Geld nicht geben. Auch wenn Du sehr höflich danach fragst. Selbst, wenn sie Deine Argumente verstehen würden, können sie das nicht tun, denn sonst holt sich die Bank das Geld bei ihnen wieder.

Man muss die Menschen im Transporter verstehen! Möglicherweise arbeiten die auch nicht gerne. Möglicherweise werden die auch nicht gerne angeschrien.

Du müsstest schon der Kaiser höchstpersönlich sein, dass Dir die Menschen im Transporter das Geld geben. Wenn der Kaiser dastehen würde und befehlen würde: „Gebt mir das Geld!“, dann würden die das machen.

Aber der Kaiser trägt ja jetzt einfach einen Anzug. Wahrscheinlich würden sich die Männer im Transporter denken: „Was ist das für ein komischer, alter Mann?“ Und sie würden den Kaiser auslachen und weiterfahren.

Besser wäre es, der Kaiser hätte eine Uniform an. Wenn man erkennen würde, dass er ein Militär ist oder ein Polizist, dann wäre das einfacher. Wenn ein Polizist sagen würde: „Gebt mir das Geld!“, dann würden die Menschen im Transporter auf jeden Fall darüber nachdenken. Aber wahrscheinlich würden sie trotzdem einen Grund wissen wollen.

Wenn der Polizist sagen würde: „Gebt mir das Geld, oder der Transporter wird gesprengt!“, dann wäre das ein Grund. Aber warum sollte ein Polizist wahllos Autos sprengen? Nein, jemand anders müsste den Sprengstoff versteckt haben.

„Verlasst den Transporter, sonst geht er in die Luft!“ Auch Unsinn, woher soll der Sprengstoff wissen, dass jemand am Steuer sitzt! Nein, das muss unausweichlich sein: „Der Transporter geht in die Luft! Bringt euch in Sicherheit!“ Das würde funktionieren.

Dann würden die aussteigen und der Polizist kann dann einsteigen und mit dem Geld der Bank einfach wegfahren. Oder nicht? Die Menschen im Transporter sind bewaffnet, vielleicht hätte einer von denen mehr Angst vor dem Chef, der ihn anschreit als vor dem Polizisten. Das kann schon passieren.

Nein. Das reicht noch nicht. Man müsste das mit dem Sprengstoff beweisen. Wenn der Polizist den Transporter anhält und dann unter den kriecht und mit dem Sprengstoff rauskommt, das wäre ein Beweis.

Aber dann wäre auch die Gefahr gebannt. Nein, das mit dem Entfernen müsste schief gehen, dann würde so eine Uhr beginnen zu ticken und allen wäre klar: Gleich fliegt uns hier alles um die Ohren!

Du stellst Dir diese Szene vor Deinem geistigen Auge vor. Und Du erkennst natürlich gleich den Haken: Die Menschen, die vor dem Transporter stehen, sehen ja die Uhr gar nicht! Das müssten sie Dir glauben. Das ist noch nicht stark genug.

Besser wäre es, wenn der Sprengstoff ein bisschen explodiert. Wenn es so Funken regnen würde. Dann würde der Polizist schnell unter dem Transporter rauskrabbeln und laut schreien: „Haut ab! Versteckt euch hinter der Mauer! Gleich fliegt uns das hier um die Ohren!“

Das kannst Du Dir schon besser vorstellen. Während die Menschen aus dem Transporter hinter der Mauer kauern, kann der Polizist in aller Ruhe einsteigen und wegfahren.

Wie macht der Polizist wohl den Funkenregen? Nun, er könnte eine Signalrakete verwenden. So eine Notfall-Fackel, wie Du sie auch in Deinem Boot liegen hast. Wenn er unter dem Auto liegt, zieht er die aus seinem Ärmel, steckt sie fest und zündet sie. Das schaut ziemlich gefährlich aus.

Du stellst Dir die Frage: Wäre das schon stark genug? Würde dieses Schmierentheater die Menschen im Transporter überzeugen? So komplett überzeugen, dass sie hinter die Mauer springen? Wahrscheinlich.

Aber die haben immer noch ihre Pistolen. Das Risiko ist hoch. Sicherheit geht vor. Kannst Du das noch irgendwie verstärken?

Man könnte das ankündigen. Ein Verrückter könnte der Bank vorher schreiben: „Ich werde euren verdammten Transporter in die Luft jagen!“ Klar, das würde das Schmierentheater sehr glaubhaft machen. Aber wahrscheinlich würden die Menschen im Transporter viel schneller ihre Pistolen benutzen. Oder aber echte Polizisten begleiten den Transporter!

Der Verrückte könnte schreiben: „Ich werde euren verdammten Transporter in die Luft jagen! Irgendwann!“ So ein Unsinn. Dieser Verrückte ist irgendwie unglaubwürdig. Der müsste von dem Transporter ablenken.

Der müsste schreiben: „Ich hasse den Chef dieser Bank. Er hat sein Gesicht verloren und verdient es nicht, Chef zu sein. Ich hasse ihn so sehr, dass ich ihn umbringen werde und der Bank, wo ich nur kann, Schaden zufügen werde!“

Das wäre besser. Dann wäre wahrscheinlich alle sehr, sehr aufmerksam in den nächsten Tagen. Und dann würden sie die Verteidigung wieder fallen lassen. Nichts macht unaufmerksamer als Langeweile. Vier, fünf Tage sollten reichen.

Der Drohbrief wäre schon eine Erinnerung, aber noch nicht vergessen, an dem Tag, an dem der Polizist den Transporter mit dem Geld anhält. Ganz schnell und hastig würde er reden. Du stellst Dir vor, wie er erklärt, dass er vorgeschickt wurde, gleich kommen die Polizeiautos. Aber er war der Schnellste auf seinem Motorrad und wollte das Leben der Menschen im Transporter retten.

Denn gerade eben, so würde der Polizist erklären, ist das Haus des Chefs von der Bank in die Luft geflogen! Und in der Bank hätte man eine weitere Bombe gefunden und entschärft. Man rechne fest damit, dass der Verrückte noch mehr Bomben verteilt hat. Der Transporter mit dem vielen Geld war sicher auch ein Ziel!

Das wäre gut. Das wäre glaubhaft. Du würdest natürlich eine Polizeiuniform brauchen. Eine richtige Polizeiuniform. Vielleicht solltest Du am besten eben doch Polizist werden. Du würdest einfach ab und zu aus einem Spind ein Kleidungsstück nach dem anderen mitnehmen.

Das wäre natürlich ein großes Opfer für Dich, denn bei der Polizei gibt es mit Sicherheit einen Haufen Chefs, die einen anbrüllen. Aber, Du könntest ja so tun, als wärst Du krank und den Dienst quittieren, sobald Du Hose, Hemd, Jacke und den Helm geklaut hättest. Der wäre ein Problem, der Helm! Mit dem solltest Du anfangen und danach erst einmal stillhalten, um zu lernen, was passiert.

Das wäre machbar. Viel Arbeit wäre das, aber, wenn Du dann nie mehr arbeiten musst, dann wäre das dieses Opfer wohl wert. Solltest Du auch das Motorrad stehlen? Das geht nicht. Das kannst Du nicht machen, die sind sicher registriert.

Aber was fahren die denn schon? Das sind doch einfach Honda-CB450-Motorräder. Klar, mit Sonderausstattung für die Polizei. Mehr PS und eine Sirene. Aber die PS kann man nicht sehen von außen. Von außen sieht man nur die weiße Farbe. Und auf dem Tank steht „Polizei von Tokio“.

Das kann nicht so schwierig sein. Man müsste so eine Honda CB450 in einer anderen Stadt klauen, umlackieren, „Polizei“ auf den Tank pinseln und fertig.

Wenn da die Menschen aus dem Transporter auf der Straße stehen und die echte Polizei kommt, dann darf das Motorrad keine Spur hinterlassen. Überhaupt: Du darfst keine Spuren hinterlassen!

Aber das ist unmöglich. Die Menschen im Transporter haben Dich gesehen, das Motorrad steht da rum und Deine Notfallfackel. Und, machen wir uns nichts vor, mit ein bisschen Pech, sogar noch mehr Indizien.

Das wird nicht gehen mit dem „Keine Spur hinterlassen.“ Wenn man das nicht kann, dann muss man sich auf’s Glück verlassen. Das ist nicht gut genug. Glück reicht nicht. Nein, Du musst das anders machen. Statt keine Spur zu hinterlassen, hinterlässt Du ganz viele Spuren!

Denen soll ganz schwindelig werden vor lauter falschen Fährten. Die sollen tagelang an den falschen Orten suchen und tagelang die falschen Menschen befragen, während Dein Boot schon lange die japanischen Gewässer verlassen hat. Mit dem Geld von der Bank aus dem Transporter. Scheiß auf Deine Familie!

Feuerzeuge, Kugelschreiber, Süßigkeiten, Visitenkarten, Münzen, was auch immer Dir einfällt! Du wirst am besten ab jetzt lauter Dinge sammeln, die wie Indizien aussehen, aber immer nur falsche Fährten sind. Die wirst Du dann am Tatort verteilen.

Du lässt noch einmal Deinen Plan vor Deinem geistigen Auto Revue passieren. Hast Du noch etwas vergessen?

Na ja, da wäre ein Problem. Du fliehst von dem Tatort mit einem Geldtransporter. Wenn sich die Fackel nicht löst, sogar mit einem Funken sprühenden Geldtransporter.

Das ist das Gegenteil von “unauffällig”. Das sorgt für Aufregung, selbst wenn Du das in der Nähe vom Fuchu-Gefängnis machst, wo kein Verkehr ist.

Denn wenn der Transporter zu nahe an seinem Ziel ist, der Fabrik von Toyota, dann gäbe es zu viele Zeugen. Nein, der Ort beim Gefängnis ist schon gut.

Du stellst am besten auf dem Parkplatz vom Gefängnis ein Auto ab. Du lädst die zwei Aluminiumzylinder mit den 10.000-Yen-Noten in das andere Auto und lässt den Transporter stehen.

Das Auto muss natürlich vorher gestohlen werden, damit es nicht direkt auf Deine Fährte führt.

Aber selbst das ist nicht sicher genug. Denn beim Gefängnis kann es schon sein, dass Dich einer sieht. Die Wächter könnten ja ausnahmsweise aus dem Knast rauskucken statt hinein.

Du würdest noch einmal das Fahrzeug wechseln müssen. Zwei gestohlene Autos sind das Minimum. Das ist natürlich ein Problem. Wenn Du die in Tokio klaust, dann kannst Du die nicht lange rumstehen lassen. Die werden ja gesucht.

Besser wäre, Du klaust die in einer ganz anderen Stadt, versteckst die ein paar Monate, bis kein Polizist mehr nach denen kuckt und dann verteilst Du die am Tag vor dem Überfall erst an ihre Plätze.

Würde eine Menge Fußmarsch bedeuten, aber was soll’s? Das wäre das Sicherste.

Aber, wenn Du das mit der nötigen Geduld angehst, dann kann eigentlich nichts schief gehen.

Du nimmst Dir einfach zur Vorbereitung genug Zeit. Erst einmal bewirbst Du Dich bei der Motorrad-Polizei. Und klaust die Uniformteile und sammelst falsche Indizien aus der ganzen Stadt. Ganz ruhig angehen das Ganze.

Das mit dem Autoklauen musst Du halt noch lernen, aber das kann ja nicht so schwierig sein. Schließlich schraubst Du ja bei Toyota Autos zusammen, da kannst Du sicherlich das eine oder andere ausprobieren, bevor Du bei der Polizei anfängst.

Du machst Deine Zigarette aus. Pause vorbei. Der Plan steht.