Der Mörder ist immer …

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Ein Landhaus in England, ein herbstlicher Regenschauer und dann der Aufschrei: Im Studierzimmer liegt die Leiche des Patriarchen! Doch wer hat ihn umgebracht? Scotland Yard setzt, dem Hörspiel sei Dank, einen weltberühmten Detektive ein, um das Verbrechen aufzudecken!


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Nach einer Geschichte von Segaco auf reddit.
Download der Sendung hier.
Musiktitel: „Murder“ von den River String Lizards / CC BY-NC-SA 3.0

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Die Geschichte zum Lesen

Er wisse, wer der Täter sei, hatte der schnöselige Detektiv verkündet und uns alle im Wohnzimmer versammelt. Das hatte mich erst beunruhigt, aber er gönnte mir nicht einen Blick. Ich nahm in einem der Ledersessel Platz und setzte mein Pokerface auf.

„Seien Sie bitte nicht beunruhigt“, sagte der dicke Mann und zwirbelte an seinem Schnurrbart, „die ganze Sache wird uns genau dreizehn Minuten belasten!“

Allgemeines Schweigen.

Vater war nicht einmal eine Stunde tot und schon hatte dieser Geck mit dem lächerlichen Akzent die Lösung parat! Die 20 Minuten, bis er hier eintraf, müssen wir auch noch abziehen!

In vierzig Minuten hatte er also diesen Mordfall gelöst – er war zurecht berühmt!

Meine Geschwister dachten Ähnliches, als wir und unser Butler Wadsworth gespannt auf eine Äußerung des Detektivs warteten. Obwohl ich mehr damit beschäftigt war, lautlose Stoßgebete zu formulieren.

„Wer war also der Täter?“, unterbrach meine Schwester die Stille. Sie flüsterte beinahe, aber in der aufgeladenen Atmosphäre war selbst Flüstern laut.

Sie hatte der Tod von Vater am meisten erschüttert. Erst als der Detektiv eintraf, hatte sie die Fassung wiedergewonnen. Ihre Augen waren vom Weinen zugeschwollen.

So viel Tränen, wegen dieses Tyrannen!

„Bevor wir diese Frage beantworten können, müssen wir erst einmal die Umstände würdigen. Denn die Lösung dieses Falles hängt, alles in allem, an einem einzigen Indiz!“

Und dann … dann drehte er sein pomadiges Haupt in meine Richtung!

Ich war geliefert! Musste der Constable ausgerechnet Hercule Poirot zu diesem Fall hinzuziehen?

Intro

„Beginnen wir mit Ihnen, mein Sohn. Bitte rekapitulieren Sie die Ereignisse, bevor Sie das Studierzimmer Ihres Vaters betraten.“

Ich hatte mein Alibi auswendig gelernt, schon als ich vor Wochen mit der Planung begann.

„Ich bin mit Wadsworth in Vaters Studierzimmer gegangen, um ihm ein paar Briefe zu geben. Aber er war nicht da, also ließ ich sie auf dem Schreibtisch liegen. Wadsworth verschloss dann das Zimmer mit dem Generalschlüssel und wir gingen wieder.“

„Und was geschah als Nächstes?“

„Ich habe Wadsworth ins Gesindehaus begleitet und bin dann in mein Zimmer, um ein Buch zu lesen.“

„Gut. Und, wenn ich mich richtig erinnere, sagten Sie, es hätte zu regnen begonnen, kaum, dass sie den Hauseingang erreichten und Sie hätten dann gesehen, wie ihr Herr Vater – Gott habe ihn selig – die Treppen zum Studierzimmer hinaufstieg.“

Ich nickte und ergänzte: „Der Regen war so laut, man hätte sich dort sowieso nicht unterhalten können. Also beschloss ich, die Korrespondenz erst am nächsten Tag mit ihm zu besprechen.“

„Das klingt logisch“, ergänzte der dicke Belgier und wandte sich meinem Bruder zu. Um ein Haar hätte ich vor Erleichterung einen Seufzer getan!

„Und nun zu Ihnen, junger Mann. Sie sagten aus, Sie wären mit ihrer Schwester am Hinterausgang gestanden. Und zwar vom Moment, als der Regen begann, bis Sie einen Schrei hörten. Wegen des Alarms, meinten Sie.“

„Ja, richtig. Wir … wir haben die Alarmanlage scharf gemacht. Und uns unterhalten. Wegen … Na, damit niemand einbrechen kann!“

Man sah es meinem Bruder nicht an, aber auch er war vom Tod Vaters gezeichnet. Die beiden hatten ein enges Verhältnis – ein zu enges Verhältnis! Es hatte manchmal den Anschein, als wären sie die besten Freunde und nicht miteinander verwandt. Mich hingegen hatte Vater innerlich immer abgelehnt.

Wie er nur dasaß, mein Herr Bruder! Wenn ich ihn nicht so gut gekannt hätte, dann hätte ich nicht hinter die herausgeputzte Fassade blicken können.

Geweint wie ein Säugling hatte er! Wie Schwesterlein auch!

Diese Heuchler – auch die beiden wollten doch letztlich nur ihr Erbteil verprassen.

Poirot wandte sich an alle Anwesenden:
„Mit anderen Worten: Es gab keine Möglichkeit, den Landsitz nach Einfall des Regens zu betreten. Der einzige Weg hinein war der Haupteingang. Oh, bleiben Sie sitzen, junger Mann. Ich weiß, was Sie sagen wollen: Aber ich muss Ihnen mitteilen, dass der Sensor am Haupteingang gewaltsam zerstört wurde!“

Was hatte denn der Sensor für eine Bedeutung? Worauf wollte der dicke Belgier hinaus? Den hatte ich vor einer Woche aus Versehen im Vollrausch zerbrochen, als ich mit meinem Stock elegant die Klingel drücken wollte. Aber was hätte daran Relevanz?

„Gut. Jetzt, wo wir uns mit den Rahmenbedingungen vertraut gemacht haben, lassen Sie uns gemeinsam erörtern, warum dieser Fall so unmöglich zu lösen scheint. Den einzigen Schlüssel zum Studierzimmer – hier im Landsitz – fand ich in der Weste des Opfers. Die Fenster waren von innen verschlossen. Wir können auch ausschließen, dass ihr Herr Vater den Raum nach Verlassen des Täters selber verschlossen hat, weil er instantan an seinen Stichwunden verstorben ist. Es handelt sich hierbei also folgerichtig um ein typisches Pièce-fermé-Rätsel!“

Was auch immer das bedeutet! Was für eine Aufführung! Ich kann mir leibhaftig vorstellen, wie der Herr Detektiv im Schwarzen Loch über der Leiche meines Vaters kniet und sich beinahe freut, als er den Schlüssel in der Weste findet!

Kurz erläutert: ‚Schwarzes Loch‘ nenne ich das Büro meines Vaters, weil dieser einen perversen Faible für schwarz hatte. Das ganze Zimmer war schwarz gestrichen, es hingen keine Bilder an den Wänden und die einzige Lichtquelle war seine Wallstreetlampe auf dem Schreibtisch. Hässlich, zugegeben, aber nur deswegen hatte mein Plan funktioniert.

Poirot dozierte weiter: „Der einzige andere Schlüssel befand sich nun in den Händen des treuen Butlers Wadsworth.“

Er ging einen Schritt auf Wadsworth zu, der schon panisch zu werden begann, sich aber sichtlich entspannte, als der Detektiv fortfuhr:

„Allerdings hatten sich zum Zeitpunkt meiner Ankunft bereits alle Wege zwischen dem Gesindehaus und dem Landsitz in Schlamm verwandelt. Trotzdem fand ich nicht einen einzigen Fußabdruck. Und, wie sie erwähnten, hatte der Regenguss kurz vor dem Aufschrei des Opfers wieder aufgehört?“

Alle nickten.

„Folgerichtig wäre es dem Butler unmöglich gewesen, zurück zum Haus zu gehen, ohne gut sichtbare Spuren zu hinterlassen.“

Wadsworth fühlte sich entlastet und meinte: „Auch, wenn ich erleichtert bin, möchte ich erwähnen, dass ich es beschämend finde, überhaupt verdächtigt worden zu …“

„Ich bin keineswegs am Ende!“, schnappte Poirot scharf und richtete sich auf.

„Der Generalschlüssel ist also der einzige Weg, in das Studierzimmer zu gelangen. Und die Möglichkeit, dass sie selbigen Schlüssel diesem jungen Mann überreicht haben …“ – er deutete mit dem Stock auf mich – „… ist noch nicht ausgeschlossen!“

„Ich darf Sie beide also bitten, hier ihre Taschen auszuleeren, so dass wir alle dies bezeugen können! Befindet sich der Schlüssel in der Tasche des jungen Masters, enden sie beide im Gefängnis. Darf ich bitten? Oder muss der Constable …“

Bei diesen Worten zog Wadsworth den Generalschlüssel aus der Tasche.

„Gut. Folgerichtig gab es bei der Tat also keine Komplizen!“

„Ich habe die Nase voll von diesem Zirkus!“, schimpfte meine Schwester, „Hören Sie auf, hier ihre Volten zu schlagen und sagen Sie uns gerade heraus, wer unseren Vater auf dem Gewissen hat!“

„Es tut mir leid, Herr Poirot“, mein Bruder erhob seine Stimme, „… aber ich muss meiner Schwester zustimmen! Wir sind alle erschöpft und am Boden zerstört durch diese Katastrophe! Sie drehen sich hier nur im Kreis – wir wollen aber nur die Wahrheit wissen!“

Ich hielt mich zurück. Der Belgier lachte nur kurz höhnisch auf.

„Gut. Ihre Situation ist mir nicht unverständlich, dies ist nicht mein erster scheinbar unlösbarer Fall. Bitte nehmen Sie Platz und ich werde das Mysterium zu Ihrer Zufriedenheit auflösen!“

Meine Schwester versank wieder im Sessel und stöhnte: „Endlich!“.

Mein Bruder blieb stehen und verschränkte die Arme.

„Lassen Sie mich noch einmal zur Person des Butlers zurückkehren. Am Gesindehaus montiert fand ich einen Gartenschlauch von beträchtlicher Länge. Tatsächlich reicht er, einmal ausgerollte, leicht bis zur Eingangstür des Landsitzes. Er wäre also für Mr. Wadsworth ein Kinderspiel gewesen, seine Spuren zu verwischen, seine Schuhe zu reinigen, ihren Herr Vater zu ermorden und dann, nach getaner Tat den Schlauch wieder aufzuräumen und auf dem Rückweg hinter sich alle Fußabdrücke fortzuspülen.“

Wadsworth erstarrte. Wir alle waren fassungslos, als Poirot seinen Spazierstock nun auf ihn richtete und theatralisch ausrief: „Ja! Das ist richtig! Der Mörder ihres Vaters ist also folgerichtig … der Butler!“

„Was behaupten Sie da! Ich habe nichts dergleichen gemacht!“ Wadsworth wurde bleich.

„Das ist eindeutig die Beweislage bei Berücksichtigung aller Indizien! Wenn Sie anderer Meinung sind, rate ich Ihnen, sich einen Rechtsanwalt zu suchen!“

Während der Constable Wadsworth Handschellen anlegte, konnte ich mir meine Bewunderung nicht verbeißen! Was für ein kreatives Genie, dieser affektierte Belgier! Kommt hierher und schüttelt in vierzig Minuten einen umständlichen Plan aus dem Ärmel, wie ihn sich keine Krimiautorin auszudenken erlaubt hätte!

Ich war so erleichtert, dass ich mir mein Lachen beinahe nicht hätte verkneifen können!

„Wadsworth, wie konnten Sie nur! Mein Vater hat sie all‘ die Jahre behandelt wie ein Familienmitglied!“ Meine Schwester war nahe der Ohnmacht.

Mein Bruder erhob die Fäuste, um den armen Butler zu züchtigen, doch der Belgier schob seinen mächtigen Bauch in seinen Weg.

„Das hat er in keiner Weise, Madame! Er wollte mich entlassen! Ich war ihm zu alt geworden! Dieser Tyrann hätte mich ohne Altersversorgung nach fünfzig Jahren wie Sperrmüll einfach auf die Straße geworfen!“ Wadsworth wurde wütend.

„Vielen Dank für die Nachlieferung eines Motivs vor zahlreichen Zeugen!“, meinte Poirot und wir begannen alle, brav in einem Tross, das Wohnzimmer zu verlassen.

Ich hatte erwartet, dass einem berühmten Detektiv die Nägel im Gebälk des Studierzimmers aufgefallen wären. Ich hatte befürchtet, dass er meine Fingerabdrücke auf dem Schlüssel in der Weste meines Vaters findet.

Eigentlich hatte ich mir sogar ausgemalt, wie ein Hercule Poirot sofort riecht, dass es in diesem Fall nicht mit rechten Dingen zugeht – aber nun hatte mich der berühmteste Detektiv der Welt höchstpersönlich von aller Schuld reingewaschen!

Möge der alte Tyrann in Ruhe verfaulen! Nachdem sich die Sache so zu meinen Gunsten gedreht hatte, bekam ich zu dem veruntreuten Geld vielleicht sogar noch ein Scheibe des Erbes hinzu!

Im Flur angekommen, unternahm Wadsworth dummerweise einen Fluchtversuch. Das hätte ich dem alten Knacker nicht zugemutet! Wegen des Gerangels auf so engem Raum kam der dicke Detektiv ins Stolpern und kippte dabei den Schirmständer im Flur um.

Die Plane fiel heraus. Die schwarze Plane, die ich als falsche Wand verwendet hatte!

Wegen Wadsworths Fluchtversuch hatte ich nun keine Zeit mehr, das Beweisstück verschwinden zu lassen.

„Moment! Halt, Constable! Es war gar nicht der Butler!“, rief Poirot aus. Aber ich hatte schon im Spurt das andere Ende des Flurs erreicht und sprang, wie geplant, aus dem geöffneten Fenster. Darunter wartete auf mich bereits der Koffer mit dem Geld in meinem nagelneuen Bugatti!

Als ich das Gaspedal durchdrücke, kann ich mir ein Lachen nicht verkneifen. Hercule Poirot, der Meisterdetektiv! 40 Minuten watschelt er über den Landsitz und wer war dann – ‚folgerichtig‘ – der Mörder?

Natürlich, wie in allen schlechten Krimis, der Butler!

Oh, Herr, gepriesen sei Dein Name und ewig Dank sei Dir für die Erfindung des Peter-Prinzips! Denn, auch Detektive, selbst die berühmten, erreichen irgendwann die Stufe ihrer Inkompetenz!


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