Der letzte Einsiedler

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Heute eine kleine Wiederholung, während wir im Hintergrund der Webseite heftige Wartungsarbeiten ausführen. Die heutige Sendung lief vor fünf Jahren schon einmal beim Explikator und beschäftigt sich mit Christopher Thomas Knight, der 27 Jahre ohne menschlichen Kontakt in den Wäldern Maines gelebt hat.


Download der Sendung hier.

Musiktitel: „Whooo!“ von Bernard, the Hermit / CC BY-SA 3.0

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Die Geschichte zum Lesen

Maine, im äußersten Norden Neuenglands ist uns hauptsächlich von Geschichten Stephen Kings bekannt. Es ist ein bisschen kleiner als Ägypten und hat so viele Einwohner wie München. Es lebt viel von seiner Schönheit und dem damit verbundenen Tourismus. Sechs Monate lang liegt es unter Schnee verborgen, die Temperaturen sind dann schon ‚mal unter 20 Grad minus.

Christopher wurde am 7. Dezember 1965 in Albion geboren, einer Stadt mit weniger als 2000 Einwohnern. Er hat vier ältere Brüder und eine jüngere Schwester, seine Eltern seien gute Eltern gewesen, sagt er. Eine alte Yankee-Familie, meint er. Nicht so emotional, so touchy-feely. Eine stoische Lebenseinstellung wird erwartet.

Er bleibt unauffällig, hat gute Noten in der High-School, aber keine Freunde, macht eine neunmonatige Ausbildung zum Elektroniker und tritt dann für nicht einmal ein Jahr eine Arbeit an. Er verlegt Alarmanlagen – das wir noch nützlich sein.

Bis er, irgendwann 1986, seinen Rucksack packt und das Zelt und mit dem Auto, das er sich mit einem Bruder teilt, losfährt. Warum, weiss er nicht. Einen Plan hat er nicht.

Erst einmal weit weg, dann in die Wälder, auf immer kleinere Feldwege, bis der Tank beinahe leer ist. Er legt den Schlüssel in die Mittelkonsole und wandert los.

Und kommt nie mehr zurück. Kein Brief, kein Anruf, die Eltern geben keine Vermisstenanzeige auf.. Irgendwann, in den frühen Neunzigern begegnet er einem Wanderer, sagt er. Dem sagt er „Hi.“

Das einzige Wort, das er in 28 Jahren spricht.

27 Jahre ohne Steuererklärung, Geld, Fernsehen, Internet, Telefon, Post, Supermarkt, ohne Arzt, Medizin, Dusche, Bett, fliessend Wasser, Heizung, Toilette oder sogar nur einem schönen Lagerfeuer. Der Rauch hätte gesehen werden können.

Nachdem er sich nicht aus der Natur ernähren kann, beginnt er, wenn kein Schnee liegt, die Häuser der Anwohner, Ferienhütten, Campingplätze und Freizeitresorts zu beklauen. Immer nachts, nur, wenn niemand da ist. Er stiehlt bei ca. 40 Einbrüchen im Jahr alles, was er braucht. Essen, Besteck, Propangas, Kleidung, Toilettenpapier, Seife, Waschmittel, Deo, Rasierer, Mausefallen, Taschenlampen, Kissen und Bücher und Zeitschriften. Im Spätsommer bereitet er sich auf den harten Winter vor. „Viel Zucker und Alkohol um fett zu werden“, berichtet er. Seine Zähne sind auch entsprechend verfault.

Trotzdem überlebt er manchen Winter kaum. Um 2:00 nachts, wenn es am kältesten ist, lässt er sich wecken, denn da ist’s am gefährliuchsten. Das Kondenswasser im Schlafsack droht zu gefrieren. Er steht auf und läuft immer wieder um’s Zelt, jede Nacht, damit die Durchblutung wieder in Gang kommt. „Wenn die Zikaden dann wieder zu hören waren, war dies das Zeichen, dass es bald geschafft war.“

Mittlerweile war er in Maine zu einem Mythos geworden. Zu einer Figur, mit denen man Kindern Angst macht, ähnlich wie der Sasquatch. Er wird nicht einmal gesehen. Er verlässt seinen Zeltplatz im Winter nicht, um keine Spuren zu machen und bewegt sich von Wurzel zu Stein, ohne einen Fussabdruck zu hinterlassen. Sein Zelt ist unter Camouflage-planen versteckt und alles, was Licht reflektieren könnte wird grün oder braun bemalt.

Mit den Jahren lässt seine Konstitution nach, die Zähne gehen kaputt und die Brille, die er als 19Jähriger verschrieben bekommen hat, hilft ihm nur auf Armlänge beim Sehen, danach verschwimmt alles. Schliesslich wird er entdeckt. Moderne Bewegungsmelder werden ihm bei seinem letzten Raubzug im Pine Tree Summer Camp zum Verhängnis. Er wird festgenommen und gesteht alle Einbrüche reumütig. Er ist sauber, gepflegt und frisch rasiert bei seiner Festnahme.

Die Untersuchungshaft aber wird für ihn zur Qual, er nimmt dramatisch ab und pflegt sich nicht mehr.

Sein Schicksal wird währenddessen zum Nummer-Eins-Gesprächsthema in Maine.

„Soll er doch in der Natur leben, wenn er will. Er hat niemandem etwas getan und nur gestohlen, was er brauchte“. Ein Kickstarter wird eingerichtet, einige Bewohner wollen ihn kostenfrei auf ihrem Besitz wohnen lassen.

„Aber er hat hunderte Menschen um ihren Schlaf gebracht und ihres Gefühls für Sicherheit beraubt! Woher sollte man denn ahnen, dass er unbewaffnet ist? Wenn er wirklich wie ein Trapper leben will, soll er halt jagen oder fischen und nicht einfach klauen gehen. Der ist doch nur faul und geisteskrank, der muss für immer weg!“

Im Endeffekt hat Christopher sieben Monate eingesessen, der Richter konnte erkennen, dass er im Gefängnis einfach eingehen würde wie eine Primel. Er muss sich wöchentlich melden und entweder einen Job finden oder zu Schule gehen. Er ist zurück zu seiner Mutter gezogen, die immer noch im gleichen Haus lebt, das er 1986 verlassen hat.

Das macht ihn nicht glücklich. „Mir gefällt die Gesellschaft nicht, die ich da sehe. Da pass ich nicht rein. Es ist zu laut, zu bunt, zu hässlich. Voller Unwichtigkeiten.“

Er hatte sich für das Leben eines Einsiedlers entschieden, er verwendet den Ausdruck „Hermit“ für sich selber und bewusst. Er hat keine Notizen gemacht, kein Buch geschrieben, warum auch, er ging ja davon aus, einsam und unentdeckt im Wald zu leben – wie das ein echter Einsiedler eben tut.

„Aber Du musst doch nachgedacht haben über etwas? Über das Leben, darüber, warum man lebt?“ fragt ihn Michael Finkel beinah verzweifelt. Was sind Deine Erkenntnisse als Einsiedler?

„Ich habe mich selber untersucht. Das Alleinsein hat meine Wahrnehmung geschärft. Aber, das Trickreich ist: Wendete ich diese Fähigkeit auf mich selber an, verlor ich meine Identität. Ich war einfach nur da. Ohne Zuhörer, ohne Publikum. Es war überhaupt nicht nötig, mich selber zu definieren. Ich war irrelevant. Der Mond war mein Minutenzeiger, die Jahreszeiten mein Stundenzeiger. Ich hatte nicht einmal einen Namen. Ich war nicht einsam. Romantisch ausgedrückt: Ich war total frei.“


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