Der Kurzfilm



Eine junge Dokumentarfilmerin erzählt, wie sie zu diesem Beruf gekommen ist. Der Weg führte über ein Physikstudium und ein Obdachlosen-Asyl zu einem Zeichentrickfilm.

Es stellt sich auch hier die alte Frage: Kann sich eine Arbeit lohnen, auch wenn man kaum Geld damit verdient?


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Musiktitel: „Homeless“ von My Poor Ida / CC BY-NC-SA 3.0



„Repetition Compulsion“ von Ellie Lee


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Die Geschichte zum Lesen

HW: Dokumentarfilmerin bist Du? Wie cool! Kannst Du denn davon leben, Dokumentarfilme zu machen?

FA: Diese Frage kommt immer, wenn ich jemandem meinen Beruf verrate. Immer!

HW: Tut mir leid. Aber es interessiert mich wirklich!

FA: Es ist… schwierig. Besonders in Deutschland ist es schwierig. Eigentlich kaufen oder beauftragen fast nur die Öffentlichen gute Dokus. Da kann man dann von ca. 1000 Euro pro Minute ausgehen, superbrutto.

Einer meiner Filme kostet mich an die sechs Monate Zeit. Meistens habe ich so um die 40, 50 Drehtage pro Film, dann kommt noch Schnitt dazu mit zehn Tagen im Studio. Weil ich Autorin und Regisseurin und Cutterin in Einem bin, bleibt etwas hängen, wenn ich einen 45-Minüter verkaufe. Aber üppig ist das nicht.

HW: Und warum ist das in anderen Ländern anders?

FA: Na ja, in den Staaten gibt es viele Firmen und Institutionen, die wissen, wie wichtig Filme sind. Da hat man eine breitere Kundschaft und flexible Preise. Bei uns ist das eher wie in einer Planwirtschaft.

HW: Verstehe. Lohnt sich das dann eigentlich überhaupt?

FA: Ja! Es lohnt sich total! Ich erreiche mit meiner Arbeit andere Menschen. Und wenn alles gut geht, dann habe ich ihr Leben nachher zum Besseren verändert. Ich mache das nicht, um reich zu werden… das wäre dafür eher ungeeignet.

HW: Dann ist das also Dein Traumberuf gewesen?

FA: Nein! Oder doch… Irgendwo zwischen Ja und Nein. Es ist auf jeden Fall sehr, sehr nahe an meinem Traumberuf dran. Gott sei Dank! Beinahe wäre das anders gekommen!

HW: Wie das?

FA: Meine Eltern wollten natürlich, dass ich meinen erlernten Beruf ausübe. Das wäre sicherer, meinten sie. Du musst wissen, die sind 1980 aus dem Iran eingewandert, wegen Chomeini und so. Und sie haben sich super integriert. Die haben sich so gut integriert, dass sie selber schon beinahe Karikaturen von Deutschen geworden sind!

Wir sind Parsen, aber natürlich hatten wir einen Christbaum! Und es gab sogar Geschenke an Weihnachten! Meine Eltern gingen sogar in der Osternacht in die christliche Kirche, trauten sich aber nie, ihren ursprünglichen Glauben aufzugeben.

Vielleicht, weil ihr neuer Glaube die Naturwissenschaft war. Und Deutschland. Und darum sollte ihre einzige Tochter einen sicheren, deutschen, wissenschaftlichen Beruf erlernen! Also studierte ich Physik!

HW: Echt? Du hast Physik studiert?

FA: Jepp. „Theoretische und experimentelle Untersuchungen der nichtlinearen Frequenzkonversion einzelner Photonen“ ist der Titel meiner Master-Arbeit.

HW: Du bist Quantenphysikerin?

FA: Aber ich habe nach dem Studium kein einziges Bewerbungs-Schreiben verfasst. Eigentlich, hab‘ ich den Master gemacht, um meinen Eltern einen Gefallen zu tun. Aber Physikerin ist nie das gewesen, was ich als Beruf machen wollte. Und schon gar nicht in der Quantenphysik – da sitzt man nur am Rechner.

Ich wollte eigentlich immer nur zeichnen. Aber nicht nur einfach zeichnen…

HW: Sondern?

FA: Teil meiner Erziehung und Indoktrination in westlicher Kultur war ein ungehinderter Zugang zu allen Disney-Filmen. Meisterstücke der Animation wie z.B. „Atlantis“ oder „Der Schatzplanet“, die kaum einer mag, habe ich Dutzende Male gesehen und oft jeden Frame einzeln studiert.

Denn ich liebe Animation. Eine Zeichnung ist ja schön und gut. Man erfindet mit dem Bleistift auf dem Block, sagen wir einmal, ein grausames Monster mit riesigen Augen. Das ist vielleicht wirklich gruselig und die Leute respektieren das.

Investiert man aber nur ein bisschen mehr Zeit, dann kann das Auge auf einmal blinzeln. Sind nur drei kleine Zeichnungen vom Augenlid. Und schon ist die eigene Schöpfung lebendig! Animation ist für mich die Krönung der Illustration. Eine Zeichnung, die nimmt nur Raum ein, aber eine Animation, die nimmt Raum und Zeit ein.

HW: Aber Du hast Dich nicht in Zeichentrick-Studios beworben?

FA: Nein. Ich habe nach dem Studium ein FSJ gemacht. Um meine Pläne meinen Eltern schonend, so Schritt für Schritt, beizubringen. Da habe ich in einem Obdachlosenasyl für Frauen gearbeitet, hier in Frankfurt.

HW: Ganz ‚was anderes.

FA: Ja. Schritt für Schritt, weißt Du? Ich lernte auf jeden Fall eine Menge obdachloser Frauen kennen. Und ich führte viele Gespräche. Die allermeisten dieser Frauen waren mit genauso obdachlosen Männern zusammen. Und in den meisten dieser Lebensläufe kommt irgendwann der Alkohol ins Spiel. Vorher oder nachher.

Bei diesen Frauen war das nicht anders. Aber ein großer Unterschied war da noch: Die allermeisten Frauen lebten in Partnerschaften, in denen sie geschlagen oder misshandelt wurden. Auf der Straße funktionieren Liebesgeschichten nicht wie in meinen Disney-Filmen.

Die meisten Deutschen werfen einem Obdachlosen auch kein Geld in den Pappbecher. „Weil der oder die sich dann eh‘ nur etwas zu trinken kauft!“ Da kann ich mich so drüber aufregen, über so einen Satz! So ausgegrenzt sind Obdachlose!

Die müssen nicht nur um Geld betteln, nein, der ach so großzügige Spender wünscht sich dann auch noch eine glaubwürdige Abhandlung darüber, was denn jetzt aus der Investition von 50 Cent wird!

Weil sie einfach keine Ahnung haben, was es bedeutet, obdachlos zu sein! Weil sie nicht wissen, wie unsagbar schwer es ist, täglich mit den Ängsten eines Obdachlosen zu leben. Und mit dem Alkoholismus noch oben drauf. Der ist nämlich keine Betäubung, sondern oft das Problem selber. Alkohol macht depressiv!

Was aber trotzdem niemanden das Recht gibt, den Partner zu schlagen. Da gibt es keine Diskussion.

Ich redete also mit diesen Frauen und hörte immer wieder ähnliche Geschichten. Geschichten, die sie niemandem erzählten. Auch nicht den Kumpels von der Straße. Und ich dachte mir: Wenn die Menschen nur hören und sehen könnten, was diese Frauen aushalten müssen. Und wenn die Frauen selber hören und sehen könnten, dass es ihnen allen ähnlich geht – ohne Filter – dann könnte man etwas verändern!

Und da war sie! Die Idee für meinen ersten Film! Ich würde einfach eine Reihe von Interviews machen. Das Leben und die Persönlichkeiten dokumentieren. Um den Frauen damit ein bisschen Würde wieder zu geben.

Da war nur ein Problem… Egal, wen ich fragte: Niemand, wirklich niemand wollte das vor einer Kamera erzählen! Alle meine Frauen schämten sich viel zu sehr!

Also fasste ich den Plan, diese Erzählungen aufzunehmen und mit Zeichnungen zu illustrieren. Mit Animation natürlich. Ich würde einen Zeichentrickfilm über meine Frauen machen! Ich würde illustrieren, wie sie von Einsamkeit, Verzweiflung und von der Gewalt erzählen.

Also begann ich sofort mit meinen Zeichnungen. Ich wählte als Medium Zeichenkohle. Das produziert in der Animation einen vibrierenden, lebendigen Strich. Und Schwarz auf Weiß war auch die ehrlichste Art der Darstellung.

Doch natürlich hatte ich den Aufwand unterschätzt. Mein soziales Jahr ging zu Ende und mein Film war weit davon entfernt, fertig zu sein. Wie eine Besessene sperrte ich mich in meine Wohnung ein und zeichnete und zeichnete.

Bis mir das Geld ausging. Bis mir die Wohnung gekündigt wurde. Bis ich mir nichts mehr zu essen kaufen konnte. Doch ich hatte ja noch ein Backup. Im Gegensatz zu meinen Frauen. Mein Backup waren meine Eltern. Ich offenbarte meine Probleme am Telefon und schon wollte meine Mutter vorbeikommen und mich wieder nach Hause holen.

Also packten wir meine Sachen in den Kofferraum. Ganz oben legte ich einen Karton mit den fertigen Zeichnungen hin. 1200 Kohlezeichnungen. Für immerhin 15 Minuten Film. Und ab ging die wilde Fahrt zurück zu Mami und Papi. Im strömenden Regen.

Wilde Fahrt sage ich, weil meine Mutter das ist, was man einen „sportlichen“ Fahrer nennt. Warum das Sport ist, habe ich nie begriffen… Es kommt also diese Kurve und es kommt dieses Schlagloch. Und es kommt die Tatsache, dass der Kofferraumdeckel nicht wirklich zu ist…

Er schnappt auf, das Auto piept und meine Zeichnungen – und NUR meine Zeichnungen – fliegen auf die Autobahn! Ich bitte meine Mutter, rechts ran zu fahren. Und dann schreie ich so lange, bis sie das auch tut.

Ich laufe zurück dahin, wo meine Zeichnungen liegen! Und ich beginne immer, wenn gerade kein Auto kommt, auf die Autobahn zu rennen, ein paar Zeichnungen zu packen und wieder zurück zu hetzen.

Aber sie sind verloren! Ich kann zusehen, wie die Kohle auf dem Papier im Regen verläuft! Schon bei meinem dritten Lauf kann ich nichts mehr retten als leeres Papier. Meine Arbeit war weg. Verloren.

Meine Laufbahn als Animatorin verschwimmt irgendwo auf der A3. Als wir nach Hause kommen, verbringe ich gut vier Stunden alleine und kucke auf einen altbekannten Schmutzfleck im Teppich. Ich werde beinahe so katatonisch wie meine Frauen manchmal.

Noch in dieser Nacht habe ich alle meine Zeichensachen in die Mülltonne getreten. Ich würde nie mehr einen Stift anfassen! Einen Zeichenstift. Das habe ich mir geschworen.

Es dauerte wirklich sehr lange, bis ich mich aus diesem Loch wieder frei gebuddelt habe. Meine Traurigkeit war auf jeden Fall Grund genug, dass meine Eltern einmal ehrlich und offen mit mir über meine beruflichen Pläne gesprochen haben.

Und sie stimmten zu, dass ich versuchen sollte, im Film irgendwie Fuß zu fassen. Also bewarb ich mich – statt auf ein Doktorat – für ein Praktikum bei der AG DOK, der Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm hier in Frankfurt.

Und begann eine langsame Laufbahn, die mich am Ende zur unabhängigen Dokumentarfilmerin machen sollte.

Aber meine Frauen habe ich nie mehr gesehen. Ich habe mich nicht dahin getraut. Ich dachte, ich hätte sie irgendwie verraten, als ich den Film nicht gemacht habe. Es war als hätte ich einseitig unseren unausgesprochenen Eid gebrochen.

Es sollte vier Jahre dauern, bis ich mich getraut habe, auch nur die Notizen zu diesem „verflossenen“ Projekt wieder anzuschauen. Oder die Aufnahmen anzuhören. Von Gertie, Petra. Von Heidi und von Angie.

Also benutzte ich alle meine Ersparnisse und Geld von meinen Eltern und alle meine Kontakte in der Branche, um den Film doch noch zu machen! Um von vorne anzufangen! Dieses Mal heuerte ich mir Animatoren an, die mir halfen. Davon gibt es in Frankfurt mehr, als man glauben mag.

Und ein Jahr später war mein Film fertig! Und ich nahm ihn und führte ihn genau in dem Asyl vor, in dem ich alle diese tollen Frauen kennengelernt hatte.

Der Film berührte das Publikum natürlich. Denn das waren ja alles Frauen in genau der gleichen Situation. Natürlich klatschte niemand begeistert. Oder johlte oder applaudierte. Aber nach der Vorführung kam eine Frau auf mich zu.

Ich weiß noch genau, wie sie vor mir stand. Sie gab mir nicht die Hand mit den Nikotinflecken. Und sie lächelte mich auch nicht mit ihren gelben Zähnen an. In Wirklichkeit kuckte sie mir nicht einmal ins Gesicht.

Aber sie sagte: „Vielen Dank für ihren Film. Es ist toll zu sehen, dass es meinen Heldinnen, der Heidi oder der Gertie, genauso geht wie mir. Ich hab‘ immer zu denen hochgekuckt. Ich dachte immer, die haben das im Griff. Die machen das, weil sie das gut finden. Dabei halten die sich genauso für Versagerinnen wie ich auch.“ Ich habe noch ein bisschen mit ihr geredet, sie hieß Yvonne.

HW: Ein erster Fan?

FA: So in der Art. Aber die Geschichte ist noch nicht zu Ende. Denn, als ich anderthalb Jahre später, in der Harmonie, meinen neuen Film präsentiert habe, da kommt nachher eine junge Frau auf mich zu. Aber ich erkenne sie nicht.

Sie steht aufrecht vor mir, schüttelt mir leidenschaftlich die Hand und strahlt mich an. Und ich schaue genauer hin. Irgendwie kommt mir diese Frau bekannt vor. Und ich sage vorsichtig: „Yvonne?“

Und richtig: Diese Person vor mir war dieselbe, die nach der Premiere meines ersten Films zu mir gekommen ist. Sie hat aufgehört zu trinken, sie hat einen Job – im Kino, zu allem Überfluss – und eine kleine Wohnung.

Und sie sagte: „Dein Film war der Wendepunkt für mich. Nach Deinem Film habe ich mich nicht mehr so geschämt. Wenn es allen Frauen so ging wie mir, dann bedeutete das, dass ich nicht der letzte Dreck bin. So wie mein Freund mir das jeden Tag eingetrichtert hat. Mein ehemaliger Freund. Danke noch einmal für diesen Film.“

HW: Wow! Das ist toll, wenn man etwas macht, das Menschen bewegt, oder?

FA: Das ist das einzige, was Sinn macht für mich. Das klingt jetzt, wenn man es so erzählt, doch ziemlich nach Happy End. Doch nach meinen geliebten Disney-Filmen, oder?

HW: Spielt ja keine Rolle. Ist Dir ja so passiert, oder?

FA: Ja, ist so passiert. Da kann man nichts machen. Manchmal, ganz selten, ist das Leben sogar ein bisschen wie ein Disneyfilm. Aber weißt Du, was noch kurioser ist?

HW: Nein.

FA: Nachdem Treffen mit Yvonne habe ich meinen ganzen Mut genommen und habe wieder angefangen zu zeichnen.

HW: Das ist eine sehr gute Idee, glaub‘ ich.

FA: Das Tolle ist, dass nicht Yvonne mir danken muss. Sondern ich muss mich bei allen diesen Frauen aus dem Film bedanken. Und bei Yvonne auch.

HW: Ich verstehe jetzt, was Du meinst. Man verdient nicht viel Geld. Aber es lohnt sich für dich.

FA: Genau. Wenn wir schon beim Thema sind: Meinst Du, wir zwei Künstlerseelen können uns noch einen Kaffee leisten?

HW: Ich denke schon. Ich hab‘ noch einen Zwanziger.

FA: Siehst Du: Schon wieder ein Happy End!