Der Kündigungsgrund

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Wenn man sich den besten Boss der Welt ausmalen müsste, dann käme wahrscheinlich der liebe Gott in die Top Ten. Im Himmel, da sollte doch ein Job wirklich paradiesisch sein! Denken wir Lebenden uns. Ein Angestellter – der mit den meisten Urlaubstagen ausgerechnet – hat aber die Nase voll und berichtet uns, warum er kündigen musste.


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Download der Sendung hier.
Musiktitel: „Santa’s Boogie“ von Franck Camu / CC BY-NC-SA 3.0

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Die Geschichte zum Lesen

Der Boss sagt immer, ich darf mich nicht beschweren. Immerhin sei mein Job einzigartig. Keiner hat so einen Job wie Du, sagt er. Keiner auf diesem Planeten, sagt er. Keiner im Universum, sagt er.

Und er hat ja irgendwie recht, denke ich mir, als ich meine Siebensachen zusammenpacke. Zuerst den Sack mit einer beinahe unendlichen Zahl an Geschenken, in der vierten Dimension gepackt.

Dann wäre da die Liste mit den guten Kindern und die Liste mit den Kindern, die nicht ganz so gut sind. Natürlich kriegen die auch Geschenke, ist ja nur alles ein Riesenspaß!

Als Nächstes schnalle ich den Revolvergurt um und blinzele in die Trommel meines Smith & Wesson Model 29 Colts. Alle sechs 44er-Specials in den Kammern.

Diesen Teil meiner Arbeit mag ich nicht besonders.

Aber es hilft nichts. Ich nehme die Liste mit den guten Kindern und die Liste mit den nicht ganz so guten Kindern und dann die Liste mit den Kindern, die echte Probleme mit meinem Boss haben!

Ich stecke den Revolver in den Halfter, zünde mir einen Zigarillo an, schultere den Sack und stapfe durch den Schnee zum Stall. Hoffentlich hat Knecht Ruprecht das Gespann fertig.

Er ist wirklich nicht leicht, mein Job. Ich frage mich, ob nicht jemand anders ihn einfach übernehmen könnte.

Bis auf die Kinder, die ich hinrichten soll, sieht ja sowieso keiner den Nikolaus, oder?


Während ich also mit meinem Schlitten durch den Nachthimmel gleite, kann ich sehen, wie sich unten Menschen über die hübsche Sternschnuppe freuen und sich wünschen, jemand hätte sie lieb. Erbärmlich!

Ich kann es nicht verleugnen, mein Job hat mich im Laufe der Jahrhunderte zynisch gemacht, muss ich mir selber eingestehen, während ich einen Schluck Wodka aus dem Flachmann die Kehle runterrieseln lasse.

Dabei war es die ersten Jahrhunderte eigentlich recht angenehm gelaufen. Ich meine, in einer Sache hat der Boss ja recht: Ich muss nur an einem, na ja, wegen der Zeitzonen an fast zwei Tagen arbeiten – aber ich habe immerhin 363 Tage im Jahr bezahlten Urlaub!

Doch dann – mein Flachmann tröstet mich noch einmal – dann hat der Boss die Kill-Liste eingeführt. Er meinte, wir haben die nicht ganz so guten Kinder immer durch die Maschen fallen lassen und das wäre jetzt drei Mal wirklich in die Hosen gegangen.

Na ja. Vielleicht.

Da war dieser kleine Junge, der einmal als Postkartenunternehmer ein nicht unbeträchtliches Einkommen verdienen sollte. Seine Mutter war sehr streng, also habe ich mir das Schimpfen gespart. Und dann? Kaum sehe ich mich um, ist Hallmark der größte Postkartenhersteller der Welt und nicht, wie geplant, Hitler!

Mein Fehler meint der Boss!

Und dann der Kleine in Georgien! Was für ein Potential! Obwohl ihn sein Vater im Suff ohne Grund regelmäßig windelweich prügelte, verlor er seinen Glauben nicht! Er wollte sogar Priester werden! War immer der beste Schüler! Und dann nennt er sich plötzlich Stalin und alles geht den Bach runter!

Na ja, eigentlich wären diese beiden schon genug Grund, das der Boss über meine Art, den Beruf auszuüben, das Nachdenken beginnt, aber besonders gestört hat ihn Mao. Dabei war der nicht einmal Christ! Ich meine der Hitler und der Stalin haben auch nicht viel mit Religion am Hut …

Egal! Auf jeden Fall habe ich jetzt hier die Liste mit Kindern, die ich zeitnahe in ein Leben nach dem Tod befördern soll. Das verdient doch noch einen Schluck aus dem Flachmann, oder?

Oh, schon leer? Na ja, macht auch nichts. Wenn ich ehrlich wäre, dann müsste ich zugeben, dass der Wodka der Grund ist, warum ich sechs Kugeln brauche und nicht eine. Aber, was soll das Jammern? Jetzt habe ich ja sechs Kugeln. Und noch drei andere Flachmänner!

Rudolf kennt den Weg und wir landen sanft wie eine Feder in einem kleinen Wäldchen, nahe irgendeines Kaffs in Ostfriesland. Ich lass mich vom Kutschbock gleiten, nehme noch einmal einen Schluck und dann schleiche ich zu dem kleinen Haus als wäre ich ein verdammter Ninja!

Ich, der Nikolaus! Ninjas können sich lautlos bewegen! Ich hingegen habe Arthritis – kein Wunder, wenn man 1690 Jahre alt ist, oder? Meine Knochen knacksen mit 100 Dezibel! Und statt ganz in Schwarz gekleidet zu sein, trage ich völlig unauffälliges Meuchelmörder … SIGNAlrot! Was sich der Boss nur immer ausdenkt!

Eigentlich war er mit 1964 immerhin so weit zufrieden, dass ich dachte, er vergisst die Kill-Liste vielleicht wieder. Er hat sich echt über den Friedensnobelpreis für Martin Luther King gefreut. Oder über die Einführung der Demokratie in Afghanistan. Oder über die Geburt des einstmals wichtigsten Podcasters Deutschlands.

Aber nein! Der Boss vergisst nichts! Und heute soll also dieser kleine Junge dran glauben, um den Planeten vor größerem Leid zu bewahren. Dabei hat der nicht einmal eine Vorgeschichte auf der Liste der nicht ganz so guten Kinder.

Na ja, ich bin ja nur ein einfacher Angestellter, spreche ich mir den Trost zu, den der Wodka mir immer noch nicht geben will. Ein guter Grund eigentlich, ihm noch einen Versuch zu erlauben, oder?

Ich schleiche langsam zu dem kleinen Reihenhaus und spähe ins Wohnzimmerfenster. Da sitzen seine Eltern. Der Hans, der mit Glück die Wehrmacht überlebt hat und die Edith, die bei Kriegsausbruch erst drei Jahre alt war.

Sie kucken in einen dieser modernen Kästen und kucken „Wien und wir im Walzertakt. Irgendeinen Kitsch über Johann Strauß.“ Das waren eigentlich gute Kinder, die zwei. Glaub‘ ich. Bin langsam ein bisschen zu benebelt, meine Erinnerungen geraten durcheinander.

Der Kleine pennt im ersten Stock, hat Rudolf mir zugeflüstert. Weil ich auch das natürlich schon vergessen hatte. Also klettere ich die Regenrinne hoch! Ich! Der Nikolaus-Ninja! Wie ein Frischverliebter auf dem Weg zu seiner Angebeteten früher. Hatte ich mein Alter schon einmal erwähnt?

Ich schwinge mich auf den kleinen Balkon und schnappe erst einmal nach Luft. Das ich auf meine alten Tage noch solche Kunststückchen aufführen muss! Kann der Nikolaus eigentlich kündigen? Glaubt ja sowieso keiner mehr an den Scheiß!

Ich sehe den kleinen Dieter in seinem Bett liegen. Kerzengerade liegt er im Bett und atmet gleichmäßig. Es brennt kein Licht mehr, aber ich bin mir keineswegs sicher, dass er schon schläft.

„Das mit dem Kündigen, das werde ich machen! Ich will das hier nicht! Fragt mich irgendeiner, wie es mir dabei geht? Ich habe nur einen einzigen Freund! Dich!“, flüstere ich meinem dritten Flachmann des Tages zu und öffne mithilfe von himmlischem Hokuspokus die Balkontür, als wäre sie nicht geschlossen.

Ich schleiche in das Kinderzimmer und husche hinüber zum Bett. Da liegt er, der Dieter und schaut aus, als könne er kein Wässerchen trüben. Die Augen hat er zu und er atmet auch gleichmäßig. Aber, ob er auch wirklich schläft?

Da öffnet er die Augen und schaut mich an. Diese Augen! Sie sind schwarz wie die Nacht! Es ist, als würde mich der Teufel anschauen! Nein, es ist schlimmer, Lucifer ist eigentlich so als Typ echt okay, ihr würdet euch wundern, der hat Schoten auf dem … Aber diese Augen!

Dann sagt der Kleine zu mir: „Hey, Nikolaus, weißt Du, was der Unterschied ist zwischen Dir und einer Wolke?“
Ich sage „Nein, keine Ahnung!“ und er meint trocken: „Keiner!“

Aber, bevor ich mich freuen kann, ergänzt er: „Ein schöner Tag wird es nur, wenn ihr euch verzieht!“

„So redet man doch nicht mit dem Nikolaus!“, sage ich und ziehe meine Knarre aus dem Halfter. Noch so einen Spruch und mein schlechtes Gewissen löst sich im Wodka auf!

Ich richte den Revolver auf das Blondschöpfchen und zische:

„Noch so einen Spruch und mein schlechtes Gewissen löst sich im Wodka auf!“
Und ich ergänze noch, nach einer klitzekleinen Pause angestrengten Nachdenkens: „Dieter.“

Was macht aber der Rotzbub? Er verdreht nur genervt die Augen und meint: „Hey, Nikolaus, weißt Du, was der Unterschied ist zwischen Dir und einem Eimer Scheiße?“
Ich sage „Nein“ und er dann: „Na, der Eimer!“

Ich spanne den Hahn und ziele genau zwischen seine Augen. Aber … Diese Augen! Er schaut mich wieder mit diesen Augen an! Es ist, als würde man durch diese Augen hindurch in die Abgründe der tiefsten Hölle blicken können! Ich bin wie hypnotisiert!

Ich höre sogar vor meinem geistigen Ohr die Musik aus der Hölle! Es ist ein körperlicher Schmerz, den ich spüre. Meine Eingeweide verknoten sich!

Es geht nicht! Ich kann das nicht! Nicht mehr! Morgen werde ich kündigen! Ich muss hier weg!

Ich stolpere zusammengekrümmt auf den Balkon, halte mir die Ohren zu und lasse mich vom Balkon in den Schnee fallen. Ich renne, die Smith & Wesson noch in der Hand, zum Schlitten und rufe Rudolf zu: „Nichts wie weg hier, Rudolf! Es geht um Leben oder Tod“

Ich falle auf den Kutschbock, als die Rentiere durchstarten und richte dabei einen letzten Blick auf das Haus, in dem das personifizierte Grauen aufgezogen werden wird! Gegen Gottes Willen, nur wegen mir!

„Ich habe versagt!“,denke ich und leere den Flachmann.

Wenn der Boss mir kündigt, wäre das ein Triumph. Sogar eine Ewigkeit im Fegefeuer kann nicht so schlimm sein, wie das, was ich gesehen habe.

Und, vor allem, was ich gehört habe! Womit habe ich das verdient? Ich bin doch nur ein kleiner türkischer Bischof! Ich hatte doch nie geahnt, dass das alles einmal so endet! In diesem Grauen!

Das heftige Selbstmitleid quetscht ein paar Tränchen aus meinen Augen, als ich zurückblicke auf das schlimmste Erlebnis meines Lebens. Niemals würde ich dieses Haus jemals wieder betreten!

Ich leere den letzten Flachmann bis auf den Grund und ich rufe hinunter zum Haus:

„Das habt ihr davon! Jetzt müsst ihr wohl ohne den Nikolaus auskommen, ihr blöde Familie Bohlen!“

Man kann das Haus kaum noch erkennen.

Rudolf schüttelt den Kopf.

Ich muss mich übergeben.


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