Der frühe Vogel


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Der frühe Vogel fängt den Wurm. Und, wenn er so ist wie unser Erzähler heute, dann macht er auch noch viele andere Dinge, bevor wir Normalmenschen ihn wieder eingeholt haben.

Denn die heutige Sendung beschäftigt sich mit der Frage: Wie geht es wohl jemanden, der aus irgendeinem Grund ein paar Sekunden oder Minuten in die Zukunft schauen kann?


Download der Sendung hier.

Musiktitel: „Early Bird“ von Zach Green


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(Nur für Sektenmitglieder)


Die Geschichte zum Lesen

Ich bin pünktlich. Ich war schon immer pünktlich. Ja ja, ich weiß schon, was Du sagen willst. Wirklich, ich weiß es genau. Aber für mich ist das eine Tugend. Viele Menschen denken, wenn man eine Uhrzeit ausmacht, dass man eigentlich diese Uhrzeit plus eine Viertelstunde meint. Cum tempore, die akademische Viertelstunde.

Was für ein Unsinn! Warum sollte das so sein? Warum nicht gleich sagen: Viertel nach drei, wenn man Viertel nach drei meint? Die Zeit hat einen gewissen Respekt verdient. Schließlich macht sie uns, zu dem, was wir sind.

Ich war in diesem Punkt schon immer anders. Ich war schon immer der blöde frühe Vogel, der den Wurm fängt. Und dann auf die anderen wartet. Der sich dann vor lauter Langeweile noch einen Kaffee macht, eine raucht und ein halbes Buch liest. Dann sind die Zeitstrahlmenschen so langsam damit fertig, ihren Wecker zu hassen.

Ich habe sogar selber einen Wecker, geschenkt bekommen. Aber ich weiß nicht, was der für ein Geräusch macht, wenn er klingelt. Ich bin immer vorher aufgewacht. Ich war schon immer früh dran.

Etwas Anderes macht einfach keinen Sinn! Zeit ist nicht etwas, das man haben kann. „Ich habe keine Zeit!“ – so ein Blödsinn! Zeit kann man auch nicht ‘sparen’. Und man kann sich auch keine Zeit ‘schaffen’ oder sich Zeit ‘einräumen’.

„Hast Du heute Zeit?“ Was soll diese Frage? Mein Tag hat 24 Stunden, Deiner auch. Es geht nicht darum, ob ich Zeit habe, die Zeit hat immer mich. Es geht nur darum, wie ich meine Prioritäten setze.

Ehrlich müsste die Frage lauten: „Wollen wir heute ein langweiliges Gespräch führen oder willst Du lieber zu Hause auf der Couch rumhängen und Dich zudröhnen?“

Es ist doch so: Die Zeit ist ein Muster. Ein vibrierendes Muster. Sie geht durch uns durch. Sie ist kein Zeitstrahl, an dem wir entlang spazieren. Wir sind der Strahl, durch den die Zeit geht. Nicht kapiert: das wußte ich!

Anders gefragt: Gibt es Dinge, die Du auf alle Fälle verdrängen und vermeiden möchtest? Termine, die unangenehm sind; Aufgaben, die zu lösen sind; Dinge, die besprochen werden müssen, egal, wie sehr Du sie auf die lange Bank schiebst? Ja, hast Du, kennst Du?

Dann lass Dir von mir sagen, der ich mich mit Zeit auskenne: Deine Furcht ist berechtigt! Das wird alles geschehen! Es gibt kein Entrinnen, wenn für etwas die Zeit gekommen ist, dann kann man sich nicht drücken. Es gibt keinen Ausweg. Glaub‘ mir.

Es ist, wie ich sage. Aller Raum ist Zeit. Zeit und Raum ist identisch. Wir sind Zeit und Raum. Raumzeitwesen sind wir. Zeit sind Muster, die alles durchdringen und die man sehen kann. Die Muster pulsen. Wie Herzschlag. Sie haben immer andere Rhythmen. Man kann das hören. Wir Raumzeitwesen haben einen Sinn für Zeit!

Wenn ich mich konzentriere, dann höre ich am Pulsen, was für ein Muster auf mich zukommt. Ich sehe das Muster und weiß die Fortsetzung. Die haben immer die gleichen Tricks, wenn sie die Zeit zusammenbasteln. Die sind durchschaubar.

Angefangen hat alles damit, dass ich die Antworten auf Fragen der Lehrer oft schon wusste, bevor sie überhaupt fertig gestellt waren.

Das war für alle, außer mir, natürlich verblüffend. Ein Fehler. Das fiel auf. Die glotzten mich an, als wären mir Antennen gewachsen. Sehr unangenehm.

Aber ich war noch jung und dumm. Ich spürte die Muster und hörte den Puls, aber ich dachte, das können alle. Ich dachte noch, ich bin völlig normal.

Auf diese Art lernte ich, mein Wissen zu unterdrücken. Wenn ich aus dem Fenster glotzte und tagträumte, dann wurde das Pulsen leiser und ich leistete mir keine Peinlichkeiten mehr.

Später, auf Parties, besonders falls Alkohol im Spiel war, passierten mir immer noch Ausrutscher. Wenn das Alphamännchen einen Witz vorträgt und man schon 30 Sekunden vorher lacht, dann. ist. das. ungut. Man stört das Muster. Nicht gut.

Nicht, dass ich etwas zu befürchten gehabt hätte. In einem normalen Boxkampf bin ich nicht zu besiegen. Ich sehe die Schläge, Knuffe und Tritte kommen und muss nur ausweichen. Irgendwann gibt der andere dann auf. Aber auch das stört das Muster.

Man könnte sagen, ich kann in die Zukunft sehen. Wenn man ein blöder Zeitstrahl-Langweiler ist, dann könnte man das sagen. Doch das sind keine Visionen, wie in den Filmen oder im Fernsehen. So ist es nicht!

Ich sehe das Muster und höre den Puls, ich kann es nur so beschreiben!

Meistens lasse ich mich einfach treiben, lasse meinen Körper reagieren. Jeder macht das so, das hat die Hirnforschung ja belegt. Bevor unser Gehirn reflektiert, ist die Entscheidung gefällt. Weil alles ein Teil des Musters ist. Weil wir die Zeit sind und die Zeit ist wir. Weil Raum, Zeit, Hirn und Gefühl das Muster ergeben.

Ich sehe das Muster kommen, ich erkenne den Rhythmus des Pulsens. Klar, die Mustermacher bauen Zufall ein. Das mögen sie. Es ist dann so, dass sie die Webart des Musters ändern. Und den Takt des Pulses.

Dann reden die Zeitstrahlmenschen von Zufall. Als wäre für die nicht alles Zufall, was ihnen widerfährt! Manchmal, wenn ich mich ausschalte und über die nachdenke, denke ich mir: Auch arme Schweine. Die müssen sich ganz schön ohnmächtig fühlen.

Aber ich bin auch ein armes Schwein. Meine Gabe ist nicht irgendeine Superkraft. Selbst, wenn ich sie manchmal so einsetze. Wenn ich zum Beispiel pleite bin, dann gehe ich halt ins Casino. Zwar muss ich mittlerweile weit fahren, um noch eines zu finden, in dem ich nicht Hausverbot habe, aber die Welt ist groß!

Dann sitze ich am Roulettetisch und kucke zu, bis ich das Muster erkenne, bis ich das Pulsen höre und dann gewinne ich. Ich achte natürlich darauf, nicht zu viel zu gewinnen und auch macnhmal zu verlieren. So ca. 20.000 Euro geht an einem Abend schon einmal.

Spätestens dann kommt jemand vom Personal und gratuliert einem und schenkt einem Champagner. An der Theke! Das ist die höfliche Art zu sagen: Verlassen Sie den Spieltisch! Das Haus verliert nicht!

Okay, ich gebe es doch zu. Manchmal fühlt es sich an wie eine Superkraft. Nicht im Casino, aber wenn man so mit anderen Menschen redet. Es ist komisch, wie Katastrophen und Unfälle bei Zeitstrahlmenschen die Biographie ausmachen. Das sind wahrscheinlich so Stellen im Muster, auf die die Mustermacher besonders stolz sind.

Aber es ist auch echt Scheiße, ich zu sein. Ich bin mittlerweile so gut in der Erkennung, dass ich mich mit fast niemandem mehr unterhalten kann. Die Zeitstrahler führen ihre Gespräche so berechenbar, manchmal macht mich das richtig wütend.

Eine stabile Liebesbeziehung kann man so nicht führen. In jedem Gespräch weiß ich vorher, was meine Herziputz sagen wird. Also schaue ich mir derweil an, wie das Muster durch jede mögliche Antwort verändert wird. Wie der Rhythmus sich beschleunigt oder verlangsamt.

Ich bekomme immer, was ich will, in einer Beziehung, so könnte man das ausdrücken. Die Langeweile macht mich zum König der Manipulation. Selbst ein Streitgespräch mit meiner Geliebten kann ich so gestalten, dass wir fünf Minuten später leidenschaftlich Liebe machen!

Das ist so langweilig! Wenn die Beziehung ein paar Monate läuft, dann wähle ich immer das Muster, das am abwegigsten ist. Einfach, um nicht zu Tode gelangweilt zu werden. Aber auch das ist nicht gut. Gar nicht gut. Das mögen die Mustermacher gar nicht. Das verschiebt das ganze Muster!

Wenn ich mir so einen Eingriff erlaube, dann versuche ich, in der nächsten Zeit nicht aufzufallen. Ich schalte mich aus. Weg! Ich tagträume oder nehme Drogen oder ich besaufe mich, ich tu dann alles, um nicht das Muster zu sehen. Nicht einzugreifen. Damit die Mustermacher sich wieder in Sicherheit wägen.

Wer das ist, diese Mustermacher, weiß ich auch nicht. Keine Ahnung. Das ist mir auch völlig egal. Ich glaube nicht, dass es so etwas wie die Nornen sind, die unseren Schicksalsstrahl spinnen. Oder der liebe Gott, der das Universum häkelt. Dafür ist das alles zu sinnlos, was dabei entsteht.

Aber ist auch nicht eine Software oder eine künstliche Intelligenz. Dafür ist das Muster manchmal einfach zu schön. Völlig sinnlos schön. Und ich würde dann wohl kaum spüren, wie sich die Mustermacher ärgern, wenn ich das Muster reite, oder?

Mittlerweile ist das Einzige, was mich interessiert und antreibt, das Muster im Zufall zu erkennen. An manchen Stellen ist das Gewebe der Zeit durcheinander, lockerer gewebt. An den Stellen, wo sie Zufall einbauen wollen. Von dort kann sich alles entweder in das eine oder andere Muster fortsetzen. Der Zufall, diese Sollbruchstellen im Gewebe, das sind die spannenden Stellen! Da spürt man den Willen der Mustermacher am meisten!

Das ist wie bei Dreijährigen. Die haben meinetwegen ein Spongebob-Malbuch und man erklärt ihnen, sie müssen Patrick innerhalb der Linien rosa ausmalen. Machen die auch brav. Aber manchmal, auch wenn sie sich alle Mühe geben, manchmal müssen sie die Linien ignorieren! Manchmal muss Spongebob einfach lila sein und nicht gelb!

Und so ist der Zufall für die Mustermacher. Das lieben sie!

Wenn ich den Zufall im Muster auch erkennen kann, dann werde ich die Mustermacher verstehen. Und nur so werde ich überleben.

Nicht, um noch mehr Geld im Kasino zu verdienen oder noch mehr von den Menschen gelangweilt zu sein. Auch nicht, um als Profiboxer berühmt zu werden oder sich nicht mehr bei jedem Scheiß-Film und jeder Scheiß-Serie zu Tode zu langweilen.

Diese Langeweile! Das ist das Problem! Das. ist. das. Problem! Ganz ehrlich: Ihr seid alle zum Kotzen langweilig! Das ganze Leben ist zum Kotzen langweilig!

Ich will mich nicht mehr abschalten! Und ich habe nicht vor darauf zu warten, wenn ich im Muster meinen Krebs kommen sehe oder meinen Herzinfarkt auf mich zupulsen höre!

Dieses Scheißleben hat nur einen Sinn, wenn ich ihnen entkommen kann! Das ist meine Aufgabe, das ist mein Kampf! Ihr Zeitstrahlidioten seid mir völlig egal. Ihr seid nur simple Gefangene der Mustermacher.

Nein, ich muss das Muster im Zufall erkennen. Ich muss sie erkennen, wie sie sind. Ich muss begreifen, wie das Muster von ihrer Position aus aussieht.

Denn es besteht kein Zweifel, dass sie mich kennen. Dass sie mich gefunden haben. Und dass sie nicht froh sind, dass ich ihnen dauernd alles durcheinanderbringe. Jede meiner Reaktionen bringt denen alles durcheinander.

Ich weiß: Sie kommen mir näher! Sie verfolgen mich. Sie müssen mich ausschalten! Cool, oder? Wie Du weißt, weiß ich ja, was Du denkst. Du denkst: Das klingt furchtbar. Nein! Das ist das überhaupt Schönste an diesem schrecklichen Leben! Das ist das Paradox, das mich am Leben lässt. Darum schalte ich mich nicht komplett aus. Darum lohnt es sich, zu kämpfen.

Es ist doch völlig logisch: Meine Existenz macht das Muster kaputt. Die Mustermacher müssen einen Weg finden, mich daraus zu entfernen! Mich auszuschalten, mich zu töten.

Und das können Sie nur auf eine Art und Weise. Sie müssen mich überraschen! Mich! Cool, oder? Sie müssen ihr Muster kaputtmachen und mich überraschen.

Ich freue mich schon, endlich überrascht zu werden! Das wird toll! Selbst, wenn die Überraschung mein Tod sein wird. Aber das ist auf jeden Fall den Kampf wert, oder?

So. Alles gesagt. (lacht)