Der Bungee-Sprung


Es ist Allgemeinwissen: Eine Phobie überwindet man, indem man sich dem Objekt der Angst aussetzt. In den Flieger steigt oder in Spinnen badet oder nackt über den Marktplatz läuft.

So stellt man sich das vor. Oder so ähnlich. Was macht aber nun ein mittelalter Herr Wunderlich, als er in seiner Midlife-Crisis entdeckt, dass er plötzlich Höhenangst entwickelt?

Hat jemand Vorschläge? Kleiner Tipp: In der Antwort kommt das Wort „Bungee“ vor!


Musik: „Old man“ von The Arbiters / CC BY-SA 3.0
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Skript zur Sendung


Kapitel eins: Die Nagetiere sind schuld!

Wir erzählen ja ab und an von dem Zoo, den wir hier haben. Vor allem von unserem freien Mitarbeiter, der aber sowieso nur den ganzen Tag pennt. Und nachts auch bei -4 Grad draußen rumstromert. Vor der A4, also vor meinem Aufenthalt in diesem Haus hatten wir ja keine Haustiere. Bis auf diese beiden Wüstenspringmäuse…

Finde ich immer noch tolle Haustiere. Sind niedlich, zutraulich und erstaunlich wenig pflegeintensiv. Es reicht den Stall einmal die Woche zu reinigen, die sind als Wüstentiere sehr sparsam mit ihren Körperflüssigkeiten.

Angeschafft hatte die mein kleiner Punkersohn, der natürlich eigentlich eine Ratte wollte. Aber wir konnten ihn in langen Diskussionen runterhandeln auf diese beiden Nagetierchen. Nach einiger Zeit landete der Käfig bei mir im Büro.

Das fand ich aber eigentlich ganz prima. Und Sprüche wie: „Das war mir von Anfang an klar, dass dann ICH mich um Deine Tiere kümmern muss“ habe ich nicht geklopft. Ich war eher dankbar, dass ich nicht immer alleine im Büro saß.

Doch bei aller Pflegeleichtigkeit: Wenn man in den Urlaub fährt, dann müssen die Tierchen versorgt werden. Gott sei Dank ist so ein Mäusekäfig transportabel. Anfang der Sommerferien sind dann mein Sohn und ich aufgebrochen, um die beiden – zugedeckt – zu einer Freundin und Klassenkameradin zu fahren.

Nach Laim. In ein Hochhaus. Da wohnte die. Siebter Stock. Kein Aufzug.

Und so trägt der starke Vater dem Sohn also folgerichtig den Käfig sieben Stockwerke hoch. Für jemanden, der seit 15 Jahren im Vorort lebt und Erdniveau gewohnt ist, fast schon aufregend hoch.

Aus purer Neugier beschließe ich im siebten Stock aus dem Fenster im Treppenhaus zu kucken. Und mit einem gewaltigen Schub überfällt mich eine Attacke an Höhenangst, so das mir fast die Knie versagen! Schnell trete ich mit dem Käfig einen Schritt zurück. Auf die Füße meines Sohnes.

„Nein nein, keine Sorge – alles in Ordnung. Alles paletti! Null Problemo!“

Kapitel zwei: Die Midlife Crisis

Von wegen! Nichts war in Ordnung! Überhaupt nichts war in Ordnung! Höhenangst! Musste das auch noch sein! Das mit dem Altwerden war ja so schon kein Spaß! Ich war immerhin 45 Jahre alt und die ersten Verschleiß-Erscheinungen waren deutlich zu erkennen.

Mit 35 Jahren hatte ich 100 Kilo auf die Waage gebracht. Das war mir damals deutlich zuviel. Damals, erst damals hatte ich mit Sport angefangen. Mit dem Laufen, wie sich das gehört für mittelalte Männer in der Vorstadt. Machten praktisch alle.

Und weil ich trotz toller Kondition und Idealgewicht immer unbeweglicher wurde, musste noch etwas passieren. Also fing ich mit Krav Maga an. Davon erzähle ich noch einmal in einer anderen Olli-Geschichte. Im Ernst: Wenn ich mich gebückt habe, um die Schuhbandl zu zubinden, dann war das schon eine Anstrengung vor dem Krav Maga.

Wenn ich aber nicht im Training blieb, dann nahm ich sofort zu wie eine Hefeknödel. Und wenn ich mich im Training verletzte, dann dauerte die Heilung Wochen. Statt ein paar Tage, wie bei den jungen Männern im Kampfkunststudio.

Und dann war da noch die größte narzisstische Kränkung von allen. Damals begann ich es nicht mehr verdrängen zu können, dass meine Augen schlechter wurden. Das war zwar noch durchaus in der Phase, dass die Arme reichten. Aber alleine die Vorstellung in Zukunft immer auf eine Brille angewiesen zu sein: Horror!

Das sicherste Symbol für den nahenden Tod! Nach der Lesebrille kommt sofort der Rollator! Und dann natürlich sofort COPD, die chronisch obstruktive Lungenerkrankung. Das habe ich ja als langjähriger Raucher auch verdient. Leb wohl, schnöde Welt!

Und jetzt auch noch das! Höhenangst! Eine Phobie! Die Psyche hörte auch auf, ordentlich zu arbeiten! Das kann doch nicht wahr sein! Da muss man ‚was machen!
Und was macht man bei einer Phobie? Man setzt sich der Angst aus, weiß doch jeder!

Kapitel drei: Wissenswertes zum Bungeejumping

Alles fängt mit Queen Elizabeth II an. Die ist an allem schuld sein, nicht die Mäuse, ich nehme das zurück. 1974 besuchte die Queen eine ihrer Kolonien, die Neuen Hebriden. Die Bewohner haben ihr zu Ehren einige dolle Dinge veranstaltet. Zum Beispiel sich an Lianen von Bäumen zu stürzen.

Das macht man da so. Soll gegen Kater helfen, habe ich gehört.

Diese eigentlich grunddämliche Sitte faszinierte aber einige junge Männer vom „Oxford University Dangerous Sports Club“. Und die dachten sich: Wenn wir statt Lianen einfach ein Gummiband nehmen, dann können wir von noch viel höheren Sachen runterhüpfen! Hurra! Und weil das gegen Kater hilft, können wir noch viel mehr saufen!

O.k. Das mit dem Kater stimmt nicht. Das habe ich mir ausgedacht.

Auf jeden Fall fand dann am 1. April 1979 unvermeidlich der erste Sprung von der Clifton Suspension Bridge in Bristol statt. Das sind 75 Meter. Damals landeten die Extremdoofsportler noch im Knast, wo Bungeejumper ja, wie jeder weiß, eigentlich auch hingehören.

Seit 1986 gibt es das Bungeejump-Seil, wie es heute auch verwendet wird. Irgendwann danach begann dann Jochen Schweizer sich eine goldene Nase damit zu verdienen, dass er Menschen von Brücken geschubst hat. Der Todessprung wurde ein bisschen zum Freizeitspaß. Der Extremsport zur Mutprobe für junge und mittelalte Menschen. Denn Alte dürfen das nur mit Attest.

Am liebsten wirft Herr Schweizer seine Mitmenschen von Kränen, denn die sind auch gut beweglich. Aber das extremste Angebot auf seiner Webseite ist die Europabrücke. Die steht bei Innsbruck und da kann man dann 150 Meter in die Tiefe stürzen.

150 ist auch die Schlüsselzahl dieser Geschichte. Denn soviel kostet das auch, ob man dann springt oder nicht. Und Innsbruck ist ungefähr 150 km von Holzkirchen weg, wo ich damals noch lebte.

Klar, was der Herr Wunderlich in der Midlife Crisis bucht, oder? Nicht so klar war, ob ich meine Ex-Frau überreden könnte, mich dahin zu fahren. Denn schon beim Anklicken von „Verbindlich bestellen“ hatte ich recht feuchte Hände.

Kapitel vier: Die Brücke

Die Brücke ist wirklich hoch. Sehr hoch. Verdammt hoch. Am Parkplatz unterschreibt man erst einmal ein Anmeldeformular. Ich bestätige, dass plötzliche Herzinfarkte, Nervenzusammenbrüche, kaputte Knie oder Knöchel für mich kein Problem sind. Die Unterschrift fiel mir schon nicht ganz leicht.

Dann musste ich über die halbe Brücke in meinen sicheren Tod spazieren. Es hat einen guten Grund, dass das normalerweise für Fußgänger nicht erlaubt ist! Die ist wirklich sehr, sehr, sehr hoch. Aber es kam noch schlimmer. Man kommt zu der Stelle, wo Herr Schweizer unter die Brücke sein Baugerüst geschraubt hat, von dem man abspringen soll.

Dazu muss man drei Leiterstüfchen auf die Absperrung klettern und eine Leiter auf der anderen Seite runter zur Plattform. Ich hatte extrem weiche Knie und einen Puls von gefühlt 1400. Geübt in Meditation atmete ich tief in den Bauch und sagte mir: „Kurzer Schmerz – Sprung – nie wieder Höhenangst!“

Auf der Plattform wickelten drei frohgelaunte Österreicher mir ein sauschweres Gummiseil um die Beine. Das sieht aus wie aus weißen Haushaltsgummis geflochten und ist Unterarm-dick.

Dann zählen die „5,4,3,2,1 Bungy“ und man springt. Drei Sekunden dauert der freie Fall, dann schnalzt man mit 100 km/h noch einmal 100 Meter zurück. Die Arme hält man dabei vor’s Gesicht, damit man sich nicht auffschürft, sollte man gegen das Seil schleifen.

Ein paar Mal hüpft man noch hoch, wie ein Jojo und dann hängt man 50 Meter über dem Grund. Kopfüber. Bis die ein Stahlseit herablassen, dass man sich mit Karabiner an der Brust festmacht. Dann ziehen sie einen hoch, geben einem eine Urkunde, eine DVD mit einem Film vom Sprung und heftige Klopfer auf die Schulter. 150 Tacken.

So geht der Plan also. Gut, dass zu wissen. Und ich bin auch voll dabei und wild entschlossen. Na gut, das Seil ist erstaunlich schwer und zieht meine Füße ganz schön in die Tiefe. Aber so ist das halt. Machen die hier tagaus, tagein, siebzig Mal am Tag. Nie ist etwas passiert. Sagen die drei fröhlichen Österreicher. Ich bin mir nicht sicher, ob sie sich nicht hinter meinem Rücken zuzwinkern.

Dann schreite ich also an die Kante der Plattform und halte mich verzweifelt mit beiden Händen fest. Und blicke in die Tiefe. Da sind winzig kleine Bäumchen, wie bei der Modelleisenbahn. Nur kleiner. Und winzig kleine Autos parken da. Ich stelle Fotos auf die Website, damit ihr mir auch glaubt…

Nun war es an mir zu springen. Hinter mir warteten schon die nächsten drei Todeskandidaten. Gut gelaunt und nicht ganz nüchtern. Warum auch. Hilft ja gegen Kater…

Und ich begann sehr mit mir zu ringen. Gefühlt ging mindestens einmal die Sonne unter und der Mond auf und die Sonne wieder auf. Auf dem Video sieht man, dass es aber nur 30 Sekunden sind.

Wie ich da so stehe, überkommt mich wieder etwas. Zur Höhenangst obendrauf.
Auf einmal finde ich mich so unerträglich lächerlich! Wie konnte ich so einen Unsinn machen? Nur um mich zu beweisen! Wie bei einer Mutprobe als kleiner Junge! Mit 45 Jahren!

Der kleine Macho in meinem Stammhirn will unbedingt die eigenen Schwächen mit Heldentaten besiegen. Mit Gewalt einen Triumph erringen – gegen mich selber!
Eine ganz schöne Witzfigur gab ich ab, da oben auf der Europabrücke. Ich kann nicht anders, ich fange laut an zu lachen über mich und über das ganze Szenario. Über die drei Österreicher, die mich anschauen, als ob ich völlig bescheuert bin.

Sie fragen mich, ob ich springe oder nicht. So eine bescheuerte Frage! Natürlich springe ich nicht! Ich habe eine Heidenangst und das ist ungefähr das Dümmste, was man tun kann!

Ich lasse mich abschnallen und klettere zurück. Einsam latsche ich zurück zum Parkplatz und muss immer noch über mich lachen. Meine Ex ist sehr erleichtert, meine Kinder ein bisschen enttäuscht.

Eine typische Olli-Idee! Ganz klar, das war eine Niederlage und kein Sieg, aber doch sehr erhellend. Ich bin kein Held.

Kapitel fünf: Die Nachwirkungen

Ich weiß nicht, was wirklich passiert ist, während ich da zwei Tage dreißig Sekunden auf der Plattform stand. Und was nachgewirkt hat. Und schon gar nicht wie.

Aber ich weiß, dass das für mich keine Schmach ist, an der eigenen Angst gescheitert zu sein. Es war eher eine Erleichterung, endlich zuzugeben, dass ich Angst habe. Ein Phobie. Plötzlich. Im Alter.

Aus irgendeinem Grund zwingt mich das Leben immer wieder in die Knie. Immer wieder kriege ich Scheitern ins Hausaufgabenheft geschrieben. Pleitegehen, Scheidung, Überfahren werden, Verbrannt werden, Beschissen werden, alle Freunde verlieren und dann nicht 150 Meter von einer Brücke zu springen.

Es heisst ja immer, es gehöre mehr Mut dazu in so einer Situation „Nein“ zu sagen und die peinlichen Konsequenzen zu ertragen als so etwas einfach zu machen.
Das. Ist. Kompletter. Quatsch! Den Schmarrn habe ich mir nicht eine Sekunde eingeredet. Es war viel, viel einfacher NICHT zu springen, als mich da hinunterzustürzen – alles andere wäre brettlbreit gelogen. Und: Ich bin mir sicher. Ganz, ganz sicher.

Zwei Wochen später habe ich mir übrigens im Baumarkt meine erste Lesebrille gekauft.
Sag‘ ich jetzt mal. Völlig zusammenhanglos…

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