Der Barnum-Effekt


Eigentlich leben wir alle doch in dem Gefühl, dass das, was wir wahrnehmen auch die Realität ist, oder? Klar – sonst würden wir einfach nicht richtig gut funktionieren.

Doch mittlerweile kennen wir dank der Psychologie mehrere Schwächen in unserer Wahrnehmung. Und eine dieser Tricks, mit denen wir uns gerne selber reinlegen, ist der sogenannte Barnum-Effekt.

Klingt nach Zirkus – wegen P.T. Barnum im Namen – ist aber die Lebensgrundlage von Menschen die wahrsagen, hellsehen oder Horoskope schreiben.

Es ist also heute ein Training zum Selbstschutz, wenn wir uns die Methoden ansehen, mit denen man den Barnum-Effekt anwendet.


Duval Guillaume: Amazing mind reader reveals his ‚gift‘
Download der Episode hier.
Musik: „Comme chez Barnum“ von GEROH / CC BY-NC-SA 3.0
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Skript zur Sendung


Phineas Taylor Barnum ist in Amerika ein ausgesprochen berühmter Mann – bei uns erst seit „The Greatest Showman“, dem Film mit Hugh Jackman etwas bekannter.

Ich dachte immer, er wäre hauptsächlich berühmt geworden für sein Kuriositätenkabinett, wo er falsche Nixen aus Affen und Tunfischen nähen ließ. Oder für seine Freak-Show, in der er sehr dicke Frauen, „lebende Skelette“, Albinos, Siamesische Zwillinge, Zwerge, Riesen, „das Bindeglied zwischen Mensch und Affen“, Männer und Frauen ohne Kopf, Arme oder Unterleib oder „The True Kaspar Hauser“ zum Begaffen gegen Eintritt ausstellte.

Wenn man ein bisschen mehr über ihn liest, dann könnte man auch sagen, dass er den Wanderzirkus neu erfunden hat. Oder, dass er viel Geld gespendet hat, um die Sklaverei zu bekämpfen. Oder um Alkoholikern zu helfen. Oder Forschungseinrichtungen finanziert hat.

Was selten erzählt wird, ist, dass er das Marketing und die Pressearbeit, wie wir sie heute kennen, eigentlich erfunden hat. Indem er zum Beispiel unzählige Leserbriefe unter falschem Namen schrieb und so selber Skandälchen um seine Unternehmungen produzierte.

Er selbst nannte sich The „King Humbug“ und eines seiner berühmtesten Werbeslogans war, dass es in seinem Kabinett, dem „Barnum’s American Museum“ so viel zu sehen gab, dass für jeden etwas dabei war!

Und wegen diesem Zitat gibt es ein Phänomen der menschlichen Psyche, dass auch heute noch stolz seinen Namen trägt. Den sogenannten Barnum-Effekt!

Von diesem Effekt leben die Wahrsager und Wahrsagerinnen. Und die sind heute nicht mehr auf Jahrmärkten zu finden. Sondern in jeder Illustrierten und Zeitung. Nämlich in der Kolumne, die sich „Horoskope“ nennt.

Die leiten heute gerne Kurse und Coachings, machen Unternehmensberatung oder Motivations.- und Personality Trainings. Die haben mit Astro-TV sogar ihren eigenen Fernsehsender.

Und das alles wegen des sogenannten Barnum-Effekts. Weil es einfach so viel zu sagen gibt, dass für jeden etwas dabei ist!

Ich habe hier vor mir das Jahreshoroskop des Herrn Wunderlich. Der Schütze ist. Geholt habe ich’s von Jahreshoroskop.info. Einfach die erste Website, die bei Frau Google auftaucht, wenn man Jahreshoroskop sucht!

Beruf und Finanzen
Übermut ist in beruflichen und vor allem in finanziellen Dingen selten ein guter Ratgeber. Das sollten Sie in diesem Jahr stets im Hinterkopf behalten, wenn Sie über ihre Karriere oder neue Investitionen nachdenken. Denn Jupiter im Schützen verleitet zu Übertreibungen. Wenn es Ihnen aber gelingt, maßvoll und gut überlegt ans Werk zu gehen, sind die Erfolgsaussichten prima. Dank Uranus dürfen Sie sich auf viele neue Impulse freuen. Vielleicht lässt sich aus einer spontanen Idee heraus ein erfolgversprechendes Konzept entwickeln.

Na, Herr Wunderlich, fühlst Du Dich angesprochen? Passt doch wie die Faust auf’s Auge, oder?
HW: Schon. Ich arbeite da tatsächlich an einem Konzept gerade…
FA: Was schon sehr seltsam ist, denn eigentlich ist das ein Ausschnitt für das Jahreshoroskop für Zwillinge. Also genau dem Schützen gegenüberliegenden im astrologischen Kreislauf.

Das liegt daran, dass die Aussagen so banal sind, dass sie für jeden passen. „Übermut ist selten ein guter Ratgeber“ gilt für jeden Menschen. Und wenn man maßvoll ans Werk geht, sind die Erfolgsaussichten immer besser, als wenn man zuviel oder zuwenig für etwas tut. Neue Impulse gibt es auch für jeden soviele, wie er aufzunehmen bereit ist. Und aus einer Idee ein Konzept zu entwickeln, das dann VIELLEICHT erfolgs-versprechend ist? Unkonkreter kann man etwas kaum formulieren.

Aber irgendwie beziehen wir Menschen halt gerne Dinge auf uns, auch wenn sie allgemeingültig formuliert sind. Dieses Problem nennt man „Täuschung durch persönliche Validierung“. Wir geben einer Aussage erst dann einen Wert, weil wir sie fehlerhafterweise auf uns beziehen.

Das vermutete auch der amerikanische Psychologe Bertram Forer und dachte sich ein cleveres Experiment aus, um das zu verifizieren. Meßbar zu machen. Ist das ein kleiner Effekt oder ein großer? Tritt er bei vielen Menschen auf oder bei wenigen?

Also ließ er seine Studenten einen Persönlichkeitstest machen. Und den wertete er dann aus und gab jedem seine individuelle Auswertung, eine Beschreibung des individuellen Charakters. Das konnte zum Beispiel so aussehen:

„Sie sind auf die Zuneigung und Bewunderung anderer angewiesen, neigen aber dennoch zu Selbstkritik. Ihre Persönlichkeit weist einige Schwächen auf, die Sie aber im Allgemeinen ausgleichen können.

Beträchtliche Fähigkeiten lassen Sie brachliegen, statt sie zu Ihrem Vorteil zu nutzen. Äußerlich diszipliniert und selbstbeherrscht, neigen Sie dazu, sich innerlich ängstlich und unsicher zu fühlen.

Mitunter zweifeln Sie stark an der Richtigkeit Ihres Tuns und Ihrer Entscheidungen. Sie bevorzugen ein gewisses Maß an Abwechslung und Veränderung und sind unzufrieden, wenn Sie von Verboten und Beschränkungen eingeengt werden.

Sie sind stolz auf Ihr unabhängiges Denken und nehmen anderer Leute Aussagen nicht unbewiesen hin. Doch finden Sie es unklug, sich anderen allzu bereitwillig zu öffnen.

Manchmal verhalten Sie sich extrovertiert, leutselig und aufgeschlossen, dann aber auch wieder introvertiert, skeptisch und zurückhaltend. Manche Ihrer Erwartungen sind ziemlich unrealistisch.“

Danach bat er jeden Studenten seine Charakterauswertung zu beurteilen.
Auf einer Skala von 0 bis 5. „0“ bedeutete „…hat mit mir überhaupt nichts zu tun“ und „5“ das trifft haargenau auf mich zu.

Das Ergebnis war dann ein Durchschnittswert von stolzen 4,6 Punkten. Die allermeisten der Studenten fühlten sich also durch ihre Charakterbeschreibung gut analysiert.

Was die Studenten aber nicht wissen konnten, ist, das ALLE genau den Text bekommen haben, den ich euch gerade vorgelesen habe. ALLE bekamen haargenau die gleiche Auswertung.

Und die hatte sich Forer nicht einmal selber ausgedacht. Den Text hatte er sich aus den Tageshoroskopen eine Zeitschrift, die er am Kiosk gekauft hatte, zusammengebastelt.

Dieses kleine Experiment erregte in Fachkreisen einige Aufmerksamkeit und dürfte eines der am häufigsten wiederholten Experimente der Geschichte der Psychologie sein. Tatsächlich ist es mittlerweile so populär, dass man es mit Studenten heute gar nicht mehr durchführen kann, weil die den Braten mittlerweile Meter gegen den Wind riechen.

Darum griff der französische Psychologe Michel Gauquelin zwanzig Jahre später auch auf eine andere Methode zurück. Er erwarb für teures Geld ein Programm zur Erstellung von Horoskopen – im Jahre 1968!

Dann suchte per Inserat 150 Freiwillige, denen er ein individuelles Horoskop ausstellen wolle, wenn sie ihm nur Feedback geben, wie genau sie sich darin beschrieben fanden.

94% bejahten die Frage, dass sie in Gauquelins Horoskop ihre persönlichen Problem gut beschrieben sahen und neunzig Prozent fanden den Text sogar sehr gut passend.

Doch, ihr ahnt es, alle 150 Personen haben das gleiche Horoskop bekommen. Und zwar das Horoskop für eine Person namens Marcel Petiot. Der war damals ziemlich berühmt, denn er war ein Serienmörder. Der Juden in seinem Haus vor den Nazis versteckte. Diese dann aber ermordete und ausraubte.

Makaber, gell… Darum heißt dieses Experiment auch das „Serienmörder-Experiment“.

Aber der Effekt ist immer der gleiche. Man kann Aussagen so formulieren, dass „für jeden etwas dabei“ ist. Das ist der Barnum-Effekt.

Allgemein sind diese Aussagen alle erst einmal nicht objektiv. Aber das erwartet man ja auch nicht von einem Wahrsager. Und sie sind alle nicht wirklich falsifizierbar.

Und natürlich werden Aussagen bevorzugt, die für alle Menschen zutreffen. Wenn man zum Beispiel sagt: „Sie gehen ungern zu große Risiken ein“ – dann fühlt sich jeder angesprochen. Selbst der Freizeit-Bungee-Jumper, der es gleich mit Stahlseilen probieren will, statt mit Gummiseilen.
Weil „zu groß“ oder „zu klein“ rein logisch immer falsch ist!

Aber es gibt auch einige andere Muster, mit der man Barnum-Effekte erreicht.

Methode eins: Man spricht einfach Grundängste an, die völlig normal sind. Die jeder Mensch hat, aber über die wir halt selten miteinander reden. Zum Beispiel: „Du würdest alles tun, um Deine Kinder zu schützen!“ Klingt, als hätte mir da jemand aus dem Herz gelesen, aber in Wirklichkeit geht es den meisten Müttern und Vätern so.

Methode zwei: Die Pole. Man baut eine Aussage in der Spannung zweier Pole auf. Wie zum Beispiel: „Sie handeln oft entschlossen, sind aber auch häufig unsicher, wie Sie sich verhalten sollen.“ Tja, genau so bin ich! Und der Herr Wunderlich. Und Du. Und Dein Nachbar. Und Deine Mudda!

Methode drei: Statt Ängsten kann man natürlich auch Wünsche ansprechen. Denn auch über unsere Wünsche sprechen wir nicht gerne offen. Heutzutage haben wir zum Beispiel alle den Wunsch, weiter in Frieden zu leben, dass die Umwelt geschont wird oder unser Job sicher ist. Wenn wir Methode eins bis drei kombinieren, können wir zum Beispiel diesen Satz bilden:

„Eigentlich sind sie ein sehr optimistischer Mensch, aber manchmal verunsichern sie die Nachrichten aus dem Nahen Osten doch.“

Methode vier ist die Unschärferelation. Nicht die vom Heisenberg, sondern die vom Horoskop. Wenn man eine Aussage trifft, dann macht man die unscharf. Man sagt also:
„Was wenige wissen ist, dass sie einen leichten Hang zu Faulheit haben“.
Klar. Hat jeder. Aber hätte ich scharf gesagt bekommen : „Sie sind eine faule Sau!“ dann hätte das mit mir natürlich gaaar nichts zu tun.

Methode fünf ist die Suggestion. Wenn wir eine bestimmte Aussage hören, dann klopfen wir die nur in eine Richtung ab. Und nicht, wissenschaftlich und objektiv, auch in die andere.

Zum Beispiel: „Heute könnte es sein, dass Sie jemand verletzt.“ Schon checken wir im Kopf ab, wem wir heute so begegnen werden und ob diese Person uns schon einmal verletzt hat und wie.

Und wenn man einen Lebenspartner oder einen Berufskollegen hat, wird man natürlich auch immer fündig. Und bestätigt durch diesen Fund unbewusst die Pauschal-Aussage.

So. Das waren die Methoden der Horoskop-Schreibenden. Mit diesen fünf Werkzeugen an der Hand kann man im Prinzip jedes Horoskop auseinander sezieren.

Denn natürlich basieren die nicht auf Erkenntnissen, die etwas mit dem Wirken der Planeten auf uns zu tun haben. Man sehe sich nur einmal an, wie die Astrologen gewerkelt und getan haben, um ab 1930 den frisch entdeckten Planeten Pluto in die Astrologie einzubauen!

Dann hat man entdeckt, dass es noch einige Planetoiden gibt, die zum Teil sogar größer sind als der Pluto und ihm folgerichtig den Rang „Planet“ wieder aberkannt. Bauen die Astrologen aber diese neuen Planetoiden – Ceres zum Beispiel oder Xena – jetzt ein in ihre Horoskope oder werfen sie den Pluto raus? Weder noch. Hmmm, merkwürdige Strategie oder?

Apropos Astrologen! Das bringt uns ja wieder zu Astro-TV. Und damit zur Wahrsagerei. Und professionelle Wahrsagerei ist schon noch ein bisschen mehr als nur der Barnum-Effekt.

Zauberkünstler und Illusionisten kennen dabei noch zwei andere wichtige Methoden. Die nennen sich „Cold Reading“ und „Hot Reading“.

Cold Reading ist dabei die Methode, die nicht gefährlich ist. Sie basiert auf genauer Beobachtung und auf Menschenkenntnis. Das beginnt damit, dass die wahrsagende Person erst einmal kuckt, wen er oder sie da so vor sich hat. Ist die Person gepflegt oder ungepflegt? Teure Kleidung? Alte Kleidung? Sportlich? Braun gebrannt? Gute Haltung? Schlechte Haltung? Gute Zähne? Lächelt sie?

Und dann beginnt er oder sie mit Aussagen aus dem Barnum-Zauberkasten, den ich euch gerade vorgestellt habe. Und kuckt dabei genau auf eure Reaktion. Werden die Augen groß? Fahrt ihr euch unsicher mit der Zunge über die Lippe? Lächelt ihr? Stockt ihr?

Das klingt jetzt so, als müsste man dazu ein Studium der Micro-Expressions hinter sich bringen, aber in Wirklichkeit ist das ein Sinn, den wir alle schon haben. Wir sind alle richtig gut darin, auch kleinste Emotionen im anderen zu erkennen, wir müssen das nur ein bisschen üben und halt aufpassen. Also einfach genau hinschauen…!

Hot Reading ist dann die gefährlichere Methode. Da besorgt sich der Hellseher seine Informationen auf andere Art. Meistens braucht man für Hot Reading einen Helfer.

Berühmt geworden ist da zum Beispiel der Wunderheiler und „Prophet“ Peter Popoff. Der hat über die Personen, die zu ihm auf die Bühne kamen, erstaunliche Details gewusst.
„Du kommst, weil Du Magenkrebs hast. Das sagt der heilige Geist mir!“

In Wirklichkeit war es aber seine Frau. Die hatte die Gäste beobachtet, während sie ihre Gebetsanfragen in einen Kasten geworfen haben und ihrem Mann dann diese Erkenntnisse während des Gottesdiensts ins Hörgerät gefunkt.

Bis James Randi, übrigens der gleiche Skeptiker wie gestern bei Dir und Uri Geller, diesen Funkverkehr erfolgreich abgefangen hat.

Heute ist es aber noch einfacher. Man lässt Leute einfach beim Betreten einen Fragebogen ausfüllen – gibt tolle Preise zu gewinnen. Und ein freundlicher junger Mensch nimmt diese dann in herzlich Empfang.

Ausgefallenere Namen und die Gesichter dazu merkt er sich. Und dann googelt er gemütlich. Und liest die intimen Erkenntnisse aus Twitter und Facebook dann einfach dem oder der Wahrsagenden auf der Bühne in das Headset.

Wenn ich mir’s so recht überlege, finde ich eigentlich, diese Sendung war für uns ein wirklich neuer Impuls, Herr Wunderlich! Wenn ich so in deinem Horoshop blättere… Dann hat dir dein Uranus doch jetzt einen neuen Impluse gegeben oder? Dann könnte wir daraus möglicherweise ein sehr erfolgversprechendes Konzept entwickeln?

HW: Vielleicht?