Der Bär im Glaskasten

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Wer sind wir? Was ist unsere Identität? So befragt, beginnen wir unsere Erinnerungen abzuspulen. Anscheinend machen unsere Erfahrungen uns zu dem, was wir sind.

Doch es gibt durchaus Erlebnisse, die unsere Identität ins Wanken bringen können. So ergeht es dem Erzähler der unheimlichen Geschichte des heutigen Tages nach einem schweren Autounfall.


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Download der Sendung hier.

Musiktitel: „La Bear Song“ von „Les Hey Babies“

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Die Geschichte zum Lesen

Simon Beljajew atmete tief ein und sammelte aller Energie, die Klinke seiner Zimmertür entschlossen in der Faust. Er würde nicht am Arbeitszimmer seines ‚Vaters‘ vorbeikriechen! Dieses Mal.

Lautlos drückte er die Klinke, zog die Tür auf und trat mit drei Schritten aus seinem Zimmer. Ganz vorsichtig ließ er die Türfalle ins Schließblech gleiten und machte sich auf Strümpfen auf den Weg.

Sein Blick blieb auf die Arbeitszimmertür fixiert, die einen Spalt offenstand, eine Tastatur klickte leise.

„Ich bin völlig verrückt!“, dachte eine ängstliche Stimme, „Ich muss völlig verrückt sein!“

Er schob sich einen Schritt weiter. Ein Schauer rannte ihm den Rücken hinab!

Es war nicht so, dass Simon ein Feigling war. Sicher, er mochte auf einen unbefangenen Betrachter zerbrechlich wirken und unsicher, aber er war ein Überleber!

Er hatte den Schwertransporter überlebt und die Zerstörung seines Körpers und achtzehn Monate Koma, was ihn alle Erinnerungen und die geistige Gesundheit gekostet hatte.

Nichts hinter dieser Tür konnte ihm Angst machen! Nichts. Nicht sein Vater, nicht der Tod selber.

Aber was, wenn die Tür jetzt plötzlich aufgeht?

Was, wenn sein Vater ihn wieder so mitleidsvoll anlächelt?

Und dann voller Anteilnahme fragt: „Na, Simon, wie läuft Dein Tag?“

Dann würde er sich eine Antwort ausdenken und auch vorspielen müssen. Gut möglich, dass sich die Smalltalk-Folter dann noch über mehrere Sätze ausdehnt! Möglich, dass er immer neue Lügen würde erfinden müssen, bis ihn sein ‚Vater‘ mit seinem befremdend körperlichen Schulterklaps entließ.

Heute wäre das zu aufreibend, heute würde ihm vielleicht keine Antwort einfallen. Und was dann?

Auf Zehenspitzen schleicht er die Treppe hinab, die zweite und die achte Stufe lässt er aus. Er schlüpft in seine Schuhe, nimmt seine Jacke und in Zeitlupe den Autoschlüssel vom Schlüsselbrett.

Die Haustür hat noch nie gequietscht und man kann sie lautlos ins Schloss ziehen.

Das Auto steht in der Einfahrt. Seine Eltern lassen ihn nicht gerne fahren seit dem Unfall. Aber er war 21 Jahre alt – was sollten sie tun? Einsperren?

Als er hinter dem Steuer sitzt, erschreckt ihn sein Klingelton!

„Simon, wo willst Du hinfahren?“
Diese Stimme! Die Stimme seiner Mutter, mehr gehaucht als gesprochen. Eine Silbe genügt und er spürt das schlechte Gewissen. Wie konnte er ihr es nur antun, beinahe zu sterben. Seiner – Mutter?

„Ich fahre nur ein bisschen rum!“

„Wohin?“

„Weiß noch nicht! Nur ein bisschen rum!“

Da sind seine Kopfschmerzen wieder. Sie trommeln von innen gegen seine Schläfen. Diese Frau macht ihm Kopfschmerzen. Wenn sie nur aufhören würde, zu reden! Wenn Sie nur aufhören würde, zu atmen!
„Du kannst nicht einfach …“

„Ciao!“

Er wirft das Telefon auf den Beifahrersitz, dreht den Zündschlüssel und fährt los. Er hat von einem See geträumt und den würde er jetzt suchen.

In ihm erklingen so viel Stimmen, um ihn wirbeln so viele Bilder, doch er wird einfach immer weiter fahren! So!

Simon Beljajews Seele wurde in genau zwei Richtungen gezerrt.

Da war zum einen das, was ihn zu Simon machte: sein Vater, seine Mutter, seine Freundin. Oder sein Lieblingsbuch; ‚Schuld und Sühne‘, das er immer wieder gelesen hat – sagten seine Freundin und seine Mutter und sein Vater.

Seine Lieblingsmusik und natürlich seine Leibspeisen, das waren die Dinge, die er von sich wusste. Das war er. Das hatten sie ihm erzählt. Seine Freunde, seine Eltern, Sonja, sie alle hatten ihre Geschichten auf der Reihe. Sonja.

Dann war da noch die zweite Kraft. Eine beinahe mystisch diffuse Energie, die ihn aus den Fakten zog. Eine Stimme in seinem Kopf, die nichts gelten ließ und alles in Frage stellte. Ein Flüstern nur, aber es war immer da. „Das alles hier ist so falsch! Du weißt doch, dass das alles falsch ist!“

Sonja. Eben. Die wunderschöne, herrliche, liebevolle Sonja. Die Frau, die ihn so verehrte und ihm gerne erklärte, dass sie beide eines Tages heiraten würden, weil das Schicksal es so bestimmt hatte.

Die Sonja, die ins Zimmer gekommen war und ihn so leidenschaftlich geküsst hatte, als er aus dem Koma erwachte. So eine Frau konnte man nicht vergessen. Bei so einem Kuss, da musste doch etwas in einem passieren, oder? Nichts. Gar nichts.

Und er stellte sich die Gesichter seiner Freunde vor. Die Freunde, mit denen er schon seit Kindergartentagen durch das Leben schritt und die ihn in hübscher Regelmäßigkeit besucht haben. Die ihm sein Leben erzählt haben.

Harry, Michael, Thomas, Daniel – nein, nicht Daniel. Der hieß nicht Daniel, sondern Martin. Mann! Er konnte sich nicht einmal die Namen seiner besten Freunde merken!

Da gab es doch einen Daniel, oder?

Nein, da gab es keinen. Er dürfte sich nicht selber dauernd verrückt machen!

Oder doch?

Nein! Unsinn!

Simon folgt der Straße immer weiter in die Stadtmitte, ohne zu wissen, wo er genau hinfährt. Der Himmel wird dunkelblauer, bis mit einem Schlag alle Laternen der Stadt anspringen und sich in den Pfützen des Autobahnrings spiegeln.

Er setzt den Blinker, verläßt den Ring und fährt, bis er Baumreihen vor sich sieht und weiß, er hat den Stadtpark erreicht.

Er schlüpft in seine Jacke und trottet ziellos in den Park. Er folgt den mäandernden Wegen, bis er einen kleinen See erreicht, auf dem sich im Licht der Laternen Schwäne und Enten tummeln, als gäbe es weder Tag noch Nacht.

Das ist der See aus seinem Traum, dachte es noch. Dann hört seine Wahrnehmung auf, normal zu funktionieren. Die Zeit zwischen zwei Atemzügen, zwischen zwei Herzmuskelkontraktionen, zwischen zwei Augenaufschlägen dehnt sich auf einmal wie Käsefäden auf der Pizza.

Simon sieht Simon an dem See stehen und vor ihm die Schwäne und Enten, neben ihm der Kinderwagen mit der Mutter, hinter ihm auf der Bank den Penner und den Park und die Stadt.

Und – bäm – da ist er wieder!

Luft holen, Herzschlag, Zwinkern, Babyschrei, Leben. Er am See.

Und dann: Nichts. Die Welt war nicht stehen geblieben. Da ist niemand, dem er erzählen konnte, was ihm gerade widerfahren ist. Die junge Mutter schaut ihn ängstlich an und der stinkende Penner auf der Bank? Der widmet sich nur der Flasche, die er in der Hand hält. Oder?

Da war noch etwas. Eine Spur Freude vielleicht oder eine Ahnung von Gelassenheit oder sogar ein Molekül Weisheit an diesem Menschen.

Er erschrickt nicht, als der Mann zu ihm sagt:

„Du! Junge! Komm‘ her und setz‘ Dich zu mir!“

Und so wird Simon Beljajews Seele wieder in genau zwei verschiedene Richtungen gezerrt. Die eine Richtung führt fort vom süßlichen Alkoholgeruch, zurück ins Auto, zurück zu Mutter und Vater, die andere Sucht dringend Gesellschaft.

Der Mann mit der Glatze winkt noch einmal und lacht. Als Simon sich neben ihn setzt, ist die Flasche ein Becher und der Geruch von Alkohol der von Tabak.

„Ich bin Solomon. Wie heißt Du?“

„Ich bin Simon Beljajew.“

„Russe? Du schaust überhaupt nicht russisch aus!“

„Ich bin …“, Simon zaudert. Er will sagen: ‚Ich bin …‘, aber er ist sich nicht sicher. Er weiß nicht wirklich, ob das stimmt. Er wird daheim erst seine Eltern fragen müssen.

Solomon spürt die Verunsicherung und fragt im Plauderton:

„Weißt Du, was für Typen um diese Uhrzeit an diesen See kommen?“

„Nein.“

„Es gibt genau zwei Typen. Die einen, die sind so wie ich. Das sind die, die kaputt sind. Vom Leben zerbrochen, seelisch aufgebraucht und nicht mehr bereit, den Kampf jemals wieder aufzunehmen. Weißt Du, was Quitter sind?“

„Nein.“

„Quitter findet man oft an Plätzen, die heimlich hübsch sind. So wie dieser See. Wir hoffen, dass irgendetwas von der Schönheit, die Gott solchen Orten im Übermaß gegeben hat, auf uns abfärbt!“

„Das könnte ich sein!“

„Nein!“, antwortet Solomon, ohne zu zögern. „Du bist Typ 2.“

„Ach! Ich weiß selber nicht, was ich bin, aber Du kannst das erkennen?“

„Typ 2 sind die mit den Fragen, die sie nicht ruhen lassen.“

Simon blickt dem Mann neben ihm in die Augen. Woher kam sein Vertrauen?
„Vielleicht bin ich ja beide Typen in einem!“
„Nein. Das gibt es nicht. Das schließt sich aus. Du bist Typ 2. Was für Fragen treiben Dich denn herum?“

„Meine Frage ist einfach: Wer bin ich?“

„Sag‘ Du mir, wer Du bist.“

Simon schüttelt den Kopf.

„Das geht nicht. Jeder sagt, ich wäre … ich. Hätte ich nur echte Erinnerungen!“

„Was soll das bedeuten? Erklär‘ mir das!“

Und der junge, dürre, blonde Mann schaut in die Sterne, als ob es da eine Antwort zu sehen gäbe. Und er sucht Bilder und sagt:

„Kennst Du ausgestopfte Bären? Also, ich meine echte Bären, die jemand ausgestopft hat? So ein Bär kann vor einem stehen wie ein richtiger Bär und die Zähne fletschen, SEINE Zähne fletschen und es schaut echt aus und es macht einem auch Angst, weil es so echt ausschaut, aber …“

„Was, aber?“

„Aber es macht einem keine echte Angst, weil es nur echt aussieht, aber nicht echt ist. Es fehlt etwas, verstehst Du? Die Seele fehlt! Dem Bären fehlt die Seele.“

Der alte Mann reibt sich das Kinn: „Ich verstehe …“

„So fühlt sich mein Leben an!“

Der kleine See liegt spiegelglatt vor dem ungleichen Paar. Die Schwäne und die Enten sind verschwunden, das Thema ist ihnen wohl zu schwülstig. Ein Uhu, der sich zum ersten Mal in den Park getraut hat, versteckt sich im Geäst. Dem ist das schnurz.

Nach langer Zeit antwortet der alte Mann:

„Sag‘ mal: Hast Du schon einmal einen ausgestopften Bären gesehen?“

„Ja. Oder, nein. Ich meine, ich muss ja … Ich glaube schon. Ich bin mir sicher. Ein schwarzer Bär in einem großen Schrank aus Glas.“

„Dachte ich mir. Du bist noch da drinnen. Irgendwo weggesperrt, aber immer noch da. Das echte Du ist versteckt, so wie sich kleine Kinder vor dem Gewitter verstecken, aber immer noch da. Du musst nach Dir suchen. Aber Du darfst keine Angst haben: Jedes Gewitter endet!“

Mit großen Augen starrt Simon den Mann an. Es gab den Bären. Alle Gewitter enden.

„Sie … Sie haben recht! Das hilft mir! Der Bär! Vielen Dank!“

„Kein Problem, Kleiner!“

Er steht auf und atmet zum ersten Mal frei durch. Die Nacht war kühl geworden, er wird zurückfahren und das Gewitter abwarten. Auch sein Gesprächspartner macht sich auf den Weg. Ihre Wege trennen sich.

„Vielen Dank noch einmal! Vielleicht sehen wir uns einmal ja wieder!“

„Das wäre ein Zufall, was?“

„Ja! Leben Sie wohl, Solomon!“

„Ja, Du auch, Daniel!“

Und er geht noch bis zum Auto und er öffnet noch die Tür und er setzt sich. Tatsächlich nimmt er sogar noch den Zündschlüssel und möchte schon starten!

Doch dann erstarrt er.


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