Der 10-Tage-Beatle


Man kann über die Beatles denken, was man will – Frau Anders zum Beispiel mag die nicht – doch sie waren sicher die einflussreichste Pop-Band der Nachkriegszeit.

Ohne diese Boy-Band aus Liverpool wäre die Geschichte des Pop und des Rock nicht vorstellbar. Was aber wenige wissen: Die Beatles hatten außer dem berühmten Ringo Starr noch zwei andere Drummer!

Und einen stellen wir heute vor. Er heißt Jimmie Nicol, war zehn Tage lang ein Beatle auf dem Höhepunkt der Beatlemania und ist heute völlig vergessen.


Jimmie Nicol and the Subdubs: Night Train und Humpty Dumpty
Musik: „I Quit The Beatles“ von ICON GIRL PISTOLS / CC BY-NC-SA 3.0
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Skript zur Sendung


Ja, die Beatles hatten drei Schlagzeuger. Oder vielleicht sogar vier, wenn man ganz genau sein will. Da wäre natürlich in den Anfangstagen der immerhin noch einigermaßen bekannte Pete Best.

Der hatte mit John Lennon, Paul McCartney und George Harrison die wilden Hamburger Tage mitgemacht und wurde, kaum gab es einen Plattenvertrag, aus der Band geworfen.

Und dann kam natürlich Ringo Starr, den jeder kennt und jeder schätzt. Der aber die Schlagzeuger auch polarisiert. Die Hälfte hält ihn für mittelmäßig bis schlecht, die andere für gut bis genial. Ich hab‘ da leider keine Ahnung.

Der dritte Schlagzeuger der Beatles war Paul McCartney, der eine Zeitlang, als Ringo drohte, die Band zu verlassen, für ihn einsprang.

Und dann gibt es noch den vergessenen Schlagzeuger der Beatles. Dessen Name ist Jimi Nicol und er war zehn Tage lang ein Beatle und zehn Tage ein Superstar. Und damit er nicht ganz vergessen wird, erzähle ich heute seine Geschichte.

Die ganze Story um den vergessenen Drummer beginnt natürlich mit der Beatlemania. Mit der unvergleichlichen Hysterie um die vier jungen Männer aus Liverpool. Eine Fan-Begeisterung, die die halbe Welt erfasste und heute schon wieder völlig unverständlich ist.

Übrigens ist der Ausdruck „Beatlemania“ von Heinrich Heine geklaut. Der hatte die Begeisterung um Franz Liszt hundert Jahre vorher „Lisztomania“ getauft. Um zum Ausdruck zu bringen, dass es sich um ein Symptom einer psychischen Erkrankung handelt.

Und das kann man für die Beatlemania auch sagen. Eine weltweite Nervenkrise für einen großen Teil der weiblichen Babyboomer, das war die Beatlemania. Dutzendweise wurden ohnmächtige Mädels aus den Konzerten getragen – und das schon bevor die Band überhaupt die Bühne betreten hat.

Dann kamen die Fab Four auf die Bühne, spielten ihre elf Songs herunter – länger war das Programm nicht – und kein Mikro auf der Welt konnte das ordentlich aufnehmen, so laut war das Geschrei. Es gibt da die Aufnahme eines Fans, der das erste Konzert im Shea-Stadion aufgezeichnet hat. Aus den hinteren Rängen.

Das ist nur Rauschen. Nur mit allerhöchster Konzentration kann man im Krach leise ein Schlagzeug erahnen. Musikalisch gesehen waren die Konzerte der Beatles wahrscheinlich eine Katastrophe.

Sie hörten sich gegenseitig sowieso nicht mehr spielen und jeder leierte seinen Part herunter, alle – auch Ringo – kuckten auf John und den Rhythmus, den er mit seinem Stampfen vorgab. Machte er aber nicht gut.

Das ist auch der Grund, warum die Beatles selber von den ununterbrochenen Welt-Tourneen nach mehr als zwei Jahren die Schnauze voll hatten und sich in ihrem Studio versteckten, bis sie sich trennten.

Der Höhepunkt dieses Wahnsinns mit Namen Beatlemania war sicher 1964, als sie es schafften, auch in Amerika zur ersten richtigen Boy-Band zu werden. Und ein Jahr lang in allen Charts auf Nummer eins zu sein.

Die Beatles waren praktisch zwei Jahre lang fast ununterbrochen auf Tour und das forderte auch einen Zoll. Klar, sie waren junge Männer und klar, sie griffen auf eine ganze Reihe von pharmakologischen Helferchen zurück. Aber es war nur eine Frage der Zeit, bis jemand krank werden musste. Und das war dann der Senior der Band. Der Schlagzeuger. Ringo Starr.

Er hatte seine Mandelentzündung lange bekämpft, aber jeden Abend in ein Mikro brüllen, war nicht besonders hilfreich. Am Abend des zweiten Juni erlitt er einen Kreislaufzusammenbruch. Am nächsten Tag wurde er in eine Klinik eingewiesen.

Blöd halt, dass es der Tag war, an dem er eigentlich seine Koffer hätte packen müssen, um am nächsten Tag eine wichtige Tour zu beginnen, die die Beatles auch nach Australien bringen sollte.

So saßen dann George Martin und Brian Epstein zusammen und überlegten, was man denn tun kann. Und Martin schlug vor, Ringo auszuwechseln, solange er krank war.

Und er hatte auch schon einen Kandidaten im Auge, den er schon einmal im Studio hatte.

Jimmie Nicol war der Schlagzeuger einer Band, die Billigversionen von Beatles-Songs produzierte. Johnny Harris war der Kopf dieser Idee. Er versuchte einfach zu erraten, welcher Beatles-Song der nächste Hit wurde. Und dann arrangierte er ihn so lange um, bis er sehr ähnlich klang, aber urheberrechtlich doch eine eigene Komposition war.

„Sound-A-Like“ hieß dieses Konzept. Eine Low-Budget-Version der Beatles zum halben Preis des Originals.

Das hatte aber den Vorteil, dass der Drummer, Jimmie Nicol eben, das Portfolio der vier Originale kannte und geübt darin war, so zu trommeln wie der Mann mit der Mandelentzündung.

So wollten die beiden Erwachsenen, Epstein und Martin, das mit ihren Jungs machen. Ringo einfach austauschen. War ja nur der Drummer.

Zuerst sprachen sie mit Lennon und McCartney, die sich sehr schnell überzeugen ließen, und dann mit George Harrison, der das für völlig undiskutabel hielt. „Wenn Ringo nicht mitkommt, bleibe ich auch hier. Du kannst Dir gleich noch ein Ersatz-Beatle suchen!“

Sprach’s und schritt von dannen. George. Loyal. Treu.

Aber dann ließ er sich doch noch überreden. Er wollte nicht alleine schuld daran sein, so viele Fans zu enttäuschen und seine Freunde gleich mit. Also erklärte er sich zu diesem Kompromiss bereit. Aber er sprach kein Wort mit Jimmie, der ja eigentlich auch nicht schuld war an dieser Situation.

Epstein bot dem unbekannten Musiker 2500 Pfund für jeden Auftritt und 2500 Pfund für das Unterschreiben des Vertrags. Klingt nicht nach viel Geld, aber inflations-angepasst haben 2500 Pfund die Kaufkraft von heutigen 50.000 Pfund.

„Mein Gott, Brian, Du machst den Typen ja völlig verrückt!“ meinte John Lennon bei den Verhandlungen. Und Jimmie, war gerade erst vor zwei Stunden angerufen worden war und stand bereits mit gepackten Koffern im Studio. Der dachte nun: „Das war’s! Die wollen mich nicht!“

Dabei, das hat er später gesagt, wäre er auch umsonst mitgekommen. Alleine die Tatsache, dass sein Name zusammen mit dem der Beatles überall auftauchte, sollte genug Ruhm sein, um seine eigene Band bekannt und erfolgreich zu machen.

Dann meinte John noch: „Du musst ihm mindestens 10.000 Pfund geben!“ Alle lachten erleichtert auf. Aber natürlich blieb es bei 2.500 Pfund. Dieser John – sooo witzig!

Man hatte noch ein paar Stunden Zeit, bis der Flieger nach Dänemark ging, also übte man die elf Songs gemeinsam. Oder dann nur noch zehn Songs, denn obwohl Ringo ein lausiger Sänger war, Jimmie war noch schlechter. Und so nahm man „I Wanna Be Your Man“ aus dem Programm.

27 Stunden nach dem Telefongespräch saß Jimmi Nicol also auf dem Platz, der eigentlich Ringo zustand. Man hatte ihm noch schnell eine Beatles-Frisur verpasst. Das ist der berühmte Pilzkopf. So eine seltsame Mischung aus Bubi-Kopf und Prinz-Eisenherz-Pony.

Man kann heute niemandem erklären, dass das 1964 noch lange Haare waren und wild und gefährlich und böse. Die Frisur schaut an allen Beatles seltsam aus, aber bei Jimmie hatte die Friseuse am schlimmsten gewütet. Schaut aus, wie mit der Machete geschnitten.

Da saß er also, der unbekannte Jimmie Nicol. In Dänemark. Unzählbar viele Mädchen um ihn herum, die ihn angafften und schrien wie Furien. Er war jetzt ein Beatle!

Er saß da in einem Anzug von Ringo Starr, der ihm natürlich ein bis zwei Nummern zu klein war. Aber wen interessiert so ein Stück Kleidung, wenn innen drinnen ein echter Beatle steckt. So wie er nun einer war. Er war jetzt ein Beatle.

Paul McCartney zählt den ersten Song ein. Das war gerade die Nummer eins der Charts. „She Loves You“. Er zählt also „One… two…“. Nichts passiert. Kein Schlagzeug setzt ein. Und noch einmal „One… two…“ Nichts. Jimmie sitzt mit offenem Mund auf seinem Hocker und kann nicht fassen, was da um ihn herum passiert!

„Am Tag zuvor war ich ein häßlicher junger Mann. Mädchen interessierten sich einen Dreck für mich. Und jetzt saß ich mit den Beatles in einem Auto und da draussen waren Hunderte von hübschen Mädchen, die sterben würden, nur um mich einmal zu berühren. Das war sehr, sehr seltsam und machte mir eine Heidenangst.“

Paul bemerkte das und fragte Jimmie in regelmäßigen Abständen: „Und? Geht’s schon besser?“. Worauf er immer antwortete: „Es wird besser mit der Zeit.“

Dank Jimmie können wir uns auch ein Bild machen, was die Beatles so anstellten, wenn sie nicht gerade ihre zehn Songs in den Lärm brüllten.

Zum Beispiel in Amsterdam. Da verlautet Mr. Lennon nach dem Konzert, er würde jetzt gerne das beste Bordell im Ort besuchen. Das teilt Mr. Epstein dann dem Veranstalter mit. Und der dann der Polizei. Eine halbe Stunde später fährt ein Polizeiauto Mr. Lennon und Mr. Carol also in das berühmte „Satyricon“, wo man alle „normalen“ Kunden bereits heraus expeditiert hatte.

Dort verbringen der alten und der neue Beatle dann die Nacht, bis sie morgens auf allen vieren aus dem Puff kriechen. Der Polizei-Beamte sagt freundlich: „Guten Morgen, Herr Lennon!“ fährt die beiden zurück ins Hotel. Im Flieger zum nächsten Konzert schlafen die beiden dann ihren Rausch aus.

Insgesamt wird Nicol für acht Auftritte mit den Beatles touren. In Sydney überreicht ihm eine Radio-DJ während eines Interviews einen Sack mit Post. Innerhalb von zwei Tagen waren 5000 Liebesbriefe nur an ihn geschrieben worden.

In Melbourne dann liegen die Beatles alle in ihren Betten und schlafen wahrscheinlich wieder irgend einen Rausch aus, als Brian Epstein Jimmie wachschüttelt.

Gerade eben war Ringo wieder angekommen und deshalb war Jimmie nun schlagartig kein Beatle mehr. Von heute auf morgen.

Man läßt also John, Paul und George schlafen, sie verabschieden sich nicht von Jimmie. Gemeinsam mit Brian Epstein fährt er in seinem Beatles-Anzug und seinen Beatle-Boots zum Flughafen von Melbourne.

Epstein überreicht ihm noch einmal zehn Fünfzig-Pfund-Noten. Und eine „Eterna-Matic 3000 Dato“. Das ist damals die Schweizer Luxus-Uhr schlechthin, die leichteste und schmalste Herrenarmbanduhr der Welt.

„Von den Beatles und Brian Epstein – in Anerkennung und Dankbarkeit“ steht auf der Rückseite eingraviert.

Dann schüttelt man sich noch einmal die Hände. Epstein geht. Jimmie Nicol sitzt alleine am Flughafen, der in den frühen Morgenstunden noch menschenleer ist. Und wartet auf seinen Flieger.

Keiner erkennt ihn. Keiner weiß, wer er ist. Erst ein Nobody, dann ein Beatle, dann sofort wieder ein Nobody.

Das muss man erst einmal verkraften. Kann man wahrscheinlich nicht wirklich nachempfinden.

Im Flieger wird ihm klar, dass er jetzt nur ein kleines Zeitfensterchen hat, um von diesem kurzen Ruhm zu profitieren. Die Band, in der er spielt, wird umgetauft. Statt „The Shubdubs“ heißt sie nach seiner Rückkehr „Jimmie Nicol and the Shubdubs“.

Schnell werden zwei Singles auf den Markt geworfen. Erst „Night Train“ und kurz darauf „Humpty Dumpty“. Seinen Bandmitgliedern zeigt er in diesen aufgeregten Tagen, wie man ein Superstar ist. Und führt den Lebensstil eines Beatles weiter. Von seiner Kohle.

Doch kein Mensch kauft die Singles. Keiner interessiert sich für den Ersatzmann. Den Reserve-Beatle.

Ein Jahr später hat er nicht nur seine 23.000 Pfund durchgebracht – also heute eine halbe Million Euro – sondern auch noch 4000 Pfund Schulden gemacht, so dass er Privat-Insolvenz anmelden musste.

Er wird danach noch einmal Schlagzeuger für die einigermaßen erfolgreiche schwedische Band „The Spotnicks“, bleibt aber auf einer Tour 1967 in Mexiko hängen. Er wolle den Bossa Nova studieren, eröffnet er der Band. Wahrscheinlich nicht völlig ohne Drogeneinfluß.

1977 verdient er, zurück gekommen, seine Kohle mit Wohnungsrenovierungen. Die Welt hatte ihn komplett vergessen. 1987 gibt er ein letztes Interview, indem er wörtlich sagt:

„Standing in for Ringo was the worst thing that ever happened to me. Until then I was quite happy earning £30 or £40 a week. After the headlines died, I began dying too.“

Als die Schlagzeilen starben, starb ich auch.

Ein Jahr später kommt er noch einmal in die Zeitungen, als sein Tod bekannt gegeben wird. Jimmie macht sich nicht einmal die Mühe, eine Gegendarstellung zu verlangen, denn er war durchaus noch lebendig.

2005 dann unterrichtet die „Daily Mail“ ihre Leser mit der Neuigkeit, dass „Jimmie Nicol doch nicht tot“ ist. Seitdem ist wieder einmal Ruhe um ihn.

Er ist jetzt 79 Jahre alt und wir können nur hoffen, dass er irgendwo sitzt und ein neues Leben gefunden hat. Musikalisch hat er eigentlich keinen Nachlass geschaffen. Die zwei Singles mit den Shubdubs sind… na ja…

Hört sie euch selber an, ich hab‘ sie verlinkt, spielen darf ich sie ja nicht.

1967 geht Paul McCartney mit seiner Hündin Gassi. Martha heißt die übrigens. Wie in „Martha, my dear“. Begleitet wird er von Hunter Davies, der an einer offiziellen Biographie der Beatles arbeitet.

Während des Spaziergangs bricht die Sonne durch den Frühnebel. Und Paul meint nur „Das Wetter wird die ganze Zeit besser.“

Da muss er lachen, denn auf einmal fällt ihm Jimmie wieder ein. Denn er in den verrückten zehn Tagen regelmäßig gefragt hat: „Und? Geht’s langsam besser?“ Und der immer geantwortet hat. „It’s getting better all the time.“

Genau wie in der Songzeile von „Getting better“ auf der Sergeant Pepper. Das ist doch ein kleiner, positiver Nachlass für einen der vier Drummer der Beatles, oder?

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