Demogorgon


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Man sollte sich heute weder von der Grafik noch dem abschreckenden Titel täuschen lassen: Im Kern handelt es sich heute um eine Liebesgeschichte.

Wir garantieren, hiermit sogar schriftlich, dass es keine Toten oder Verletzten zu beklagen gibt!


Download der Sendung hier.
Musiktitel: „Born Lovers“ von DOLININ / CC BY-NC-SA 3.0


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(Nur für Sektenmitglieder)


Die Geschichte zum Lesen

Gedanken kann man nicht lesen. „Lesen“ ist nicht die richtige Metapher. Menschen denken nicht in ganzen Sätzen. Es ist ein Wörterbrei, ein Babygebrabbel, es ist Geflüster und Geraune. Manche Wörter sind zu leise und manche zu laut. Gedanken klingen wie Channel-Flippen beim Fernsehen. Nur manchmal bildet das Gehirn richtige Sätze. Ganz, ganz selten sind es Sätze.

Ich kann das hören, das Channel-Flipping und die Sätze. Konnte ich schon immer. Als kleines Kind war das kein Problem: Menschen öffnen manchmal beim Reden den Mund und manchmal nicht.

Natürlich war es seltsam, dass nur ich immer den Mund benutzen musste, damit man mich versteht, aber als Baby nahm ich das einfach hin.

Ob meine Mutter oder mein Vater nun dachten: „Was für ein Engel!“, oder es laut aussprachen, machte keinen Unterschied. Als kleines Kind lebte ich in einer perfekten Welt, ich war ein Mensch unter vielen.

Ich war vier Jahre alt oder höchstens fünf, als ich begriff, dass ich auf dem Holzweg war. Es sammelten sich verstörende Erlebnisse an und ich hatte den Verdacht, dass andere Menschen keine Gedanken hören konnten, dass ich ein Sonderfall war, eine Ausnahme. Kurz: Ein Freak!

Bei meinen Spielkameraden im Kindergarten gab es wenig spürbaren Unterschied zwischen dem, was sie dachten und dem, was sie äußerten. Sie waren mir ähnlich, meine Andersartigkeit war erträglich.

Ganz anders bei unserer Erzieherin. Die dachte: „Oh, mein Gott, diese Brut! Die kosten mich den letzten Nerv!“, sagte aber: „Ihr Lieben, wollen wir alle gemeinsam in den Garten gehen?“. Ihr Lächeln war eine Maske, ihre Freundlichkeit gelogen.

Mit diesem Lächeln beginnt mein Leiden. Ich fürchtete mich vor diesem Gesichtsausdruck wie andere Kinder vor dem Monster unter ihrem Bett. Lächeln wurde zum Symbol für mein Anderssein. Lächeln verfolgte mich im Schlaf!

Ich war klein und verortete das Problem bei mir: Ich musste die Ursache sein, bei allen anderen verursachte das Lächeln ja keine Panik. Ich war böse, ich machte etwas falsch, etwas an mir war kaputt.

Wahrscheinlich strahlte ich das aus. Da ich Angst vor anderen Menschen hatte, fürchteten diese sich vor dem kleinen Kerl, der zu weinen begann, wenn man ihn anlächelte.

Wie aber soll ein Fünfjähriger darauf reagieren, wenn er einen Luftballon geschenkt bekommt von einem Mann, der dabei denkt: „Ich wünsche mir, dass Du nackt bist und mich …“ Lassen wir das lieber.

Es folgten Diagnosen: Lernschwäche, Dyslexie, Legasthenie, ADHS, Verdacht auf Autismus. Ich schluckte Medikamente und ich erhielt Ergotherapie. Nach der Grundschule verbesserten sich meine schulischen Leistungen. Meine Eltern und die Psychiaterin klopften sich auf die Schultern, der Grund für meinen Erfolg war nicht die Therapie: Ich hatte gelernt, wie man die Gedanken der andern leiser stellt. Das Gebrabbel wurde zu Hintergrundrauschen. Nur die Sätze, die ließen sich nicht ausblenden.

Bald hatte ich den Bogen raus, bei welchem Mitschüler ich mich, bei welchem Fach einloggen musste, um eine gute Klausur abzuliefern. Um nicht aufzufallen, baute ich ein paar Fehler ein und stand in allen Fächern zwischen Zwei und Drei. Ich nenne das: „Die Sicherheitszone“, fällt man keinem Lehrer auf und reicht für Mama und Papa.

Meine Pubertät nutzte ich, um die Menschheit in ihrer Gesamtheit mit aller Inbrunst zu hassen. Alles Lügner und Betrüger, keine ehrliche Seele zu finden! Menschen, die man auf den ersten Blick für gebildet hielt, waren oft diejenigen, die von den primitivsten Gedanken gesteuert wurden.

Ich wurde Einzelgänger. Um nicht aufzufallen, wurde ich Punk. Klingt komisch, aber glaubt mir, ich weiß genau, wie man nicht angeschaut oder nicht angesprochen wird.

Auch die schlimmste Pubertät nimmt ein Ende. Die Schulzeit ging vorüber und ich sinnierte, was ich mit meinem Leben so anfangen wollte. Doch mir fiel nichts ein. Stimmt nicht, ich hatte keinerlei Böcke.

Als mich Geldsorgen plagten, ging ich zu „Wer wird Millionär“. Die freuten sich über einen telegenen, intelligenten Punk und ich mich über 32.000 Euro. Mehr griff ich nicht ab bei Herrn Jauch, denn, meine oberste Direktive: Nicht auffallen, keine dummen Fragen provozieren!

Ich hatte mich mit der Gesellschaft und meinen Fähigkeiten arrangiert, mir eine Nische eingerichtet, in der ich leben konnte, ich träumte nur noch selten vom Lächeln.

War ich erwachsen geworden? Ich hielt die Menschheit an sich immer noch für den größten Fehler in Gottes Schöpfung, aber hasste nicht mehr jedes Exemplar individuell.

So weit, so gut. Doch auch Gedankenleserpunks haben Bedürfnisse: Zuwendung, Verständnis, Vertrauen und den Wunsch jemanden zu haben, der zu einem steht. So Zeug halt! Einmal im Leben mit jemandem mein Geheimnis zu teilen. Jemanden finden, dem man sich öffnen kann. Und – na ja – Sex zu haben, das wäre auch nicht schlecht.

Also begann ich im Datingzirkus aufzutreten: „Bewundern auch Sie den Freak in der Manege, der die geheimsten Wünsche errät! Der Ihnen so seelenverwandt zu sein scheint, dass er ihre Sätze beenden kann! Endlich ein Mann, der sie lesen kann wie ein Buch!“

Ja, ich war so doof: Ich wurde Dating-King! Ich las meinen Dates jeden Wunsch von den Lippen ab und war auch im Bett der denkbar verständnisvollste Liebhaber.

Aber diese Beziehungen waren nicht symmetrisch. Wenn ich meine Fähigkeit einsetzte, um mich einer Frau zu nähern, war ich zwar erfolgreich, aber: Auf einmal war ich der Lügner. Statt der einzige ehrliche Mensch auf dem Planeten war ich auf einmal selber das Lächeln!

Ich hatte mich also damit abgefunden, für immer ein Einzelgänger zu bleiben, als ich Anja kennenlernte. Sie war nicht besonders intelligent, nicht besonders witzig und nach den Regeln des Singlemarkts auch nicht besonders gutaussehend.

Aber: Anja log nicht! Oder: kaum. Sie hatte eine Aufrichtigkeit, wie ich sie noch nie erlebt hatte. Sicher, die meisten Menschen nahmen das als plump oder unhöflich wahr, ich aber erkenne Ehrlichkeit, wenn ich sie höre.

Anja gab sich alle Mühe, niemanden zu verletzen, aber manchmal waren ihre Gefühle schon mitgeteilt, bevor das Hirn die Filteranlage hochfuhr. Anders ausgedrückt: Ich war total verliebt! Dieses Mal würde ich alles tun, um nicht ihre Gedanken zu lesen.

Unser erstes Date war eine Katastrophe. Sie hatte ein Volksfest vorgeschlagen und ich konnte das verstehen. Ich spürte auch ohne Gedankenlesen, dass sie beim ersten Mal einfach aus Sicherheitsgründen an einem öffentlichen Platz sein wollte.

Für mich bedeutete das aber, dass ich meine ganze Energie darauf bündeln musste, nicht auf die Gedanken der Menschen um uns zu achten. Ich machte einen fahrigen Eindruck und war nervös und letzten Endes erleichtert, als ich gehen durfte.

Das zweite Date war im Kino. Immer noch zu viele Menschen, aber durch den Film waren sie abgelenkt, so dass nur Gebrabbel zu hören war. Ich war sowieso damit beschäftigt, Anja anzuhimmeln und könnte heute beim besten Willen nicht sagen, welchen Film wir gesehen haben.

Das dritte Date war bei mir. Wir wollten Pizza essen und meine Lieblingsserie ansehen. Anja hatte noch nie von „Stranger Things“ gehört. Ich war so abgelenkt durch ihre Anwesenheit, dass ich die Pizza verbrennen ließ: Nichts zu essen, aber eine gemeinsame Erinnerung. Wir ließen uns eine Neue liefern.

Unser Gespräch stockte, wir waren befangen. Für mich war es wie das erste aller Dates, da ich nun versuchte, so gut ich nur konnte, nichts zu hören. Wir waren erleichtert, als die Familienpizza geliefert wurde und wir uns vor den Fernseher setzten.

Ich hielt einen Kurzvortrag zu „Stranger Things“ und zu den Achtzigern im Allgemeinen. Mir fiel auf, dass Anja dabei unbeteiligt durch den Fernseher hindurchstarrte.
„Anja, ist alles in Ordnung?“

Sie schreckte zusammen: „Wie? Ja, danke! Tut mir leid, ich war gerade total in Gedanken vertieft. Was hattest Du gesagt?“

Ich konnte hören, dass sie tatsächlich hektisch dachte, aber es waren keine Sätze, sondern nur Gebrabbel, es war leicht, auszublenden.

„Nichts Wichtiges, ich wollte nur mit Know-How angeben, dass ich mir vor unserem Date schnell noch auf Wikipedia angelesen habe. Mansplaining, Geschmacksrichtung Horror.“

Wir lachten beide, aber ihre Anspannung war noch nicht aus der Welt.

„Sicher, dass bei Dir alles in Ordnung ist?“

Und da hörte ich die Sätze. So laut war ihre Stimme in meinem Kopf, dass ich sie nicht ausblenden konnte.

„Jetzt reiß Dich einmal zusammen! Der Typ ist doch ganz nett. Der muss ja nicht gleich merken, dass Du eine totale Psychotrulla bist!“

Oops! Das hätte ich wirklich gerne nicht gehört.

Mir fiel auf, dass die Pizza unbeachtet ausdampfte. Ich hielt Anja den Karton hin, als ich den zweiten Satz hörte:

„Na los, du fette Sau! Nimm Dir die Pizza, am besten die ganze und fresse sie auf! Zeig ihm Dein wahres Gesicht. Er sieht ja sowieso, dass Du fett bist!“

Was Anja aber sagte, war: „Nein danke, ich habe gerade keinen Hunger!“

Mein Gott, die Arme! Ich sagte: „Habe ich schon gesagt, wie gut Du aussiehst? Vielleicht ein bisschen abgemagert, aber: Dafür haben wir ja Pizza!“

Ich weiß, ich hatte versprochen, meine Fähigkeit nicht einzusetzen, aber dafür war die Stimme zu laut, ich konnte nicht anders. Sie dachte:

„Du versaust es gerade wieder! Du bist es nicht wert, dass Dich jemand so nett behandelt! Er merkt schon langsam, wie gestört und fett Du bist!“

Was sie sagte, war: „Danke! Ich finde übrigens auch, dass Du gut aussiehst. Und auch überhaupt nicht abgemagert!“

Das konnte die Stimme nicht unkommentiert lassen: „Gratuliere, Du Trampel! Das war ja mit Abstand das Blödeste, was Du hättest sagen können! Das war einfach nur peinlich! Halt lieber Deine Schnauze!“

Wir begannen, „Stranger Things“ zu kucken. Erste Staffel, erste Folge. Flackernde Neonlampen im Labor, ein Wissenschaftler mit Glatze und Schnauzer in Panik rettet sich in den Aufzug, kuckt hoch und wird verschlungen, fremdartige Monstergeräusche. Schnitt. Ein Rasensprenkler, irgendwo in den Suburbs, die Jungs sitzen im Keller und spielen Dungeon und Dragons. BAM! Das Demogorgon! Ach, ich liebe diese Serie!

Anja kuckt wieder durch den Fernseher hindurch. Ihre Pizza hält sie in die Hand und beachtet die Handlung auf dem Bildschirm nicht. Ich lehne mich zu ihr hin:

„Anja ist wirklich alles in Ordnung? Du weißt, wenn Du reden willst, dann bin ich hier zum Zuhören. Ich bin ein guter Zuhörer!“

Die Stimme in ihrem Kopf schreit: „Siehst Du! Er hat schon bemerkt, wie neurotisch Du bist! Sag‘ bloß nichts! Sag‘ jetzt bloß nichts! Du wirst alles noch schlimmer machen! Am besten Du sagst, Du hast Dir den Magen verdorben und haust schnell ab!“

Und sie sagt: „Es tut mir so leid, aber ich glaube, ich habe mir den Magen verdorben!“

Das kann ich beim besten Willen nicht mehr geschehen lassen. Ich muss eingreifen, egal, was ich mir versprochen habe.

Ich nehme ihre Hand und sage: „Anja, darf ich Dir ein Geheimnis verraten?“

Sie denkt: „Jetzt sagt er Dir, dass Du gehen sollst. Dass Deine Gegenwart nicht zu ertragen ist.“

Sie sagt: „Ja. Wenn Du willst. Ich erzähle niemandem etwas!“

„Ich weiß, dass ich das jetzt nicht sagen sollte, es ist ja erst unser drittes Date. Und ich will nicht, dass Du denkst, ich wäre der totale Psycho. Aber manchmal, da höre ich Stimmen. Eine Stimme ganz besonders laut, die mir immer schlimme Dinge erzählt.“

Anja hört gebannt zu und drückt meine Hand. Ich fahre fort:

„Diese Stimme hat nicht gerade eine gute Meinung von mir. Sie kennt alle meine Fehler und Schwächen und hält sie mir immer vor. Ständig redet sie von allem, dass ich nicht kann und sie macht mir dauernd Vorwürfe. Sie sagt: ‚Du hässlicher Freak!‘. Klingt das jetzt zu psycho?“

„Das kenne ich! Und sagt Dir Deine Stimme auch immer, dass Du nicht gut genug bist? Das Du alles Positive, das Dir widerfährt, einfach nicht verdienst?“

„Ständig! In einer Tour! Ich glaube, sie will, dass ich alleine in einer Ecke hocke und mich schäme und vor mich hinheule!“

„Und wie gehst Du damit um? Was machst Du dann? Willst Du nicht auch dauernd wegrennen? So geht mir das! Ich renne dann so weit weg, wie ich nur kann!“

„Bei mir bringt das nichts. Die Stimme kommt immer mit. Mir hat geholfen, als ich erkannte, dass die Stimme nicht ich bin. Es sind nur meine Sorgen und meine Ängste, mehr nicht. Und selbst, wenn die Stimme ganz laut ist, bin ich trotzdem immer noch mehr als nur meine Angst. Du bist nicht diese Stimme, Anja. Aber Du kannst sie auch nicht unterdrücken.“

„Das ist ja furchtbar! Ich dachte, wenn ich erwachsener werde, wird sie vielleicht von selber leiser.“

„Ich glaube nicht, dass man das alleine schafft. Dazu muss man mit einem anderen Menschen seine Ängste teilen, glaube ich. Aber das ist nur Theorie. Das habe ich mich auch noch nie getraut.“

Wir schauen uns tief in die Augen. Ich bin überrascht von meiner Ehrlichkeit. Und Anja wahrscheinlich auch. Der zynische Gedankenleserpunk ist tief ergriffen, könnt ihr jetzt glauben oder nicht.

Anja flüstert: „Meinst Du, wir sind vielleicht wirklich seelisch krank? Oder haben andere Menschen auch so eine Stimme, die sie nicht sind?“

„Ich bin mir ganz, ganz sicher, dass jeder so eine Stimme hat. Ich habe die Menschen lange wegen ihrer Stimmen gehasst. Es hat lange gedauert, bis ich begriffen habe, dass die Menschen gar nicht ihre Gedanken sind, sondern viel, viel mehr.“

„Bist Du Dir da sicher?“

„Da bin ich mir zu einhundert Prozent sicher!“

„Wie kannst Du Dir da so sicher sein?“

Tja. Da habe ich den Salat! Sackgasse! Schachmatt!

Jetzt kommt’s darauf an! Drückt mir bitte, bitte jetzt die Daumen!