Das Winnetou-Siegel


Viele Altersgenossen können sich recht gut erinnern, wie sie das erste Mal im Leben „Winnetou III“ gesehen haben. Wer bei den ewigen Rückblenden und der genialen Kitschmusik kein Tränchen entwickeln kann, hat ein Herz aus Eis!

Unser deutscher Winnetou ist einfach der edelste aller edlen Wilden! Und die Indianer an und für sich lebten sowieso den natürlichsten und nachhaltigsten Lebensstil. Und waren die moralischsten und ehrlichsten Menschen überhaupt.

Deswegen klebt auf einer ganzen Reihe von Produkten ein unsichtbares Winnetou-Siegel. Denn, wenn der Apachenhäuptling Chlorbleiche ihren Segen gibt, dann ist die gleich ein Allheilmittel.

Wir müssen aber von Winnetou und seinem Siegel Abschied nehmen und stattdessen neue Lösungen der Nachhaltigkeit finden. Denn in Wirklichkeit waren auch die ersten Bewohner Amerikas keine Öko-Ritter, sondern gewöhnliche Homo sapiens wie Du und ich.


Download der Episode hier.
Hintergrundmusik: Winnetou Melodie – Trompete und Trommel
Music: “I’m an Indian” (by Fanny Brice) / Public Domain Mark 1.0


Skript zur Sendung

„Seine königliche Haltung, sein freier, ungezwungener, elastischer und doch so stolzer Gang zeichneten ihn als den Edelsten von allen aus. Der Schnitt seines ernsten, männlich schönen Angesichtes, dessen Backenknochen kaum merklich vorstanden, war fast römisch zu nennen, und die Farbe seiner Haut war ein mattes Hellbraun, mit einem leisen Bronzehauch übergossen.

Einen Bart trug er nicht; in dieser Beziehung war er ganz Indianer. Darum war der sanfte, liebreich milde und doch so energische Schwung seiner Lippen stets zu sehen, dieser halbvollen, ich möchte sagen, küßlichen Lippen, welche der süßesten Schmeicheltöne ebenso wie der furchterweckendsten Donnerlaute, der erquickendsten Anerkennung gleich so wie der schneidendsten Ironie fähig waren.

Beredt auch waren die leicht beweglichen Flügel seiner sanftgebogenen, kräftigen, aber keineswegs indianisch starken Nase, denn in ihren Vibrationen sprach sich jede Bewegung seiner Seele aus. Das Schönste an ihm aber waren seine Augen, diese dunklen, sammetartigen Augen, in denen, je nach der Veranlassung, eine ganze Welt der Liebe, der Güte, der Dankbarkeit, des Mitleides, der Besorgnis, aber auch der Verachtung liegen konnte.“

Winnetou ist ohne Frage der liebste Ureinwohner der deutschen Nation.
Und es gibt sogar zwei Winnetous in Deutschland. In den erneuerten Bundesländern gilt immer noch Goijko Mitic als Idealverkörperung des Apachenhäuptlings.
Weil Apachen ja eigentlich aus Serbien kommen.

Und in den veralteten Bundesländern bleibt es für immer Pierre Brice.
Weil Apachen ja eigentlich aus Frankreich kommen.

Eigentlich aber stammt der Edelste aller edlen Wilden eigentlich aus Zwickau. Genauer aus Ernstthal im Landkreis Zwickau. Das liegt nicht unweit von Polen ganz im Osten Deutschlands. Und ist, liebe Wessis, ganz anders, als ihr denkt. Da sitzt im Gemeinderat kein einziger Nazi.

Karl May hinterließ uns in seinem Werk einen Archetypen in unserem kollektiven, deutschen Unbewussten. Eben diesen einen ganz besonderen Indianer.

Winnetou ist Deutschlands edelster Wilder. Der Häuptling der Mescalero-Apachen. Der mit seinem Stamm im Enklang mit der Natur lebt. Und im Gegenteil zu den geldgierigen Bleichgesichtern noch so etwas wie wahre Ideale hat. Oder Werte.

Und dieses Indianerbild, das Karl May in Deutschland ganz entscheidend mitgeprägt hat, das haben wir heute noch.

Auf der einen Seite wir verstandgesteuerten Europäer in einer technologisierten Gesellschaft. Durchindustrialisiert. Begegnung mit der Natur findet im Fernsehen oder auf Bildschirmen statt. Entfremdet sind wir. Weit weg von unserer Menschlichkeit. So der Mythos.

Und auf der anderen Seite eben die Indianer. Im Einklang mit der Natur. Nachhaltig, bescheiden, demütig. Nicht entfremdet ihrer ureigenen Menschlichkeit. Zweiter Teil des Mythos.

„Zurück zur Natur“ ruft Rousseau uns zu. Aus dem Zeitalter der Aufklärung heraus. Und obwohl Rousseau das niemals gesagt oder geschrieben hat, folgt ihm die deutsche Romantik. Und Karl May folgt der Romantik dann nur ein bisschen später.

Daher kommt der Edle Wilde in unserem Kopf. Darum haben wir das verinnerlicht.
Und deshalb lassen wir uns jeden Schmarrn andrehen, wenn er nur das Winnetou-Siegel trägt. Du hast da ein paar Beispiele, stimmt’s?

Wir haben sozusagen für Konsumprodukte ein unsichtbares Winnetou-Siegel entwickelt. So die These der Sendung. Und ich habe einfach mit der Nadel ins Internet gepiekst und drei Beispiel rausgesucht. War keine lange Recherche nötig. Alles Mögliche wird mit dem unsichtbaren Winnetou-Siegel verkauft.

Nummer eins, Gattung harmlos bis dämlich, Preis 50 Euro:

Indianische Kopfmassage… ein sanfter Weg zu mehr Wohlbefinden
Eine Indianische Anwendung, die die Aktivierung der Selbstheilungskräfte anregt. Diese Methode wird schon seit Jahrtausenden von Cherokee-Indianern praktiziert.

Durch diese schamanische Entspannungs-Zeremonie werden Geist und Körper energetisch in Balance gebracht. In einer wohltuenden und beruhigenden Atmosphäre können Migräne, Spannungszustände, Kopf- und Nackenschmerzen gelindert werden, neue Energie kann ungehindert fließen.

Nimm dir ein wenig Zeit für dich und lass deinen Körper und Geist verwöhnen, finde zurück zu deinem inneren Gleichgewicht, Entspannung und Ausgeglichenheit.

Es handelt es sich hier um einen drolligen Übersetzungsfehler. Die „Indian Head Massage“ ist in der alternativen Medizin in den USA ein Bestseller. Meint aber natürlich Indien. Sieht man den Fotos entsprechender Blogbeiträge in den Staaten recht schnell an.

Aber egal! Marion Aretz ist Schamanin aus dem Westerwald (oh Gott hoffentlich war die nicht in meiner Klasse) und Unternehmerin. Sie passt sich halt dem deutschen Markt an. Und übersetzt eben Indianer statt Inder. Und dichtet für uns die Cherokee dazu. Einen Stamm, den es maximal 600 Jahre gibt, nebenbei erwähnt.

Nummer zwei: Die Cherokee heilen auch Hautkrebs.

„Das pflanzliche Skalpell: Kräutersalbe der Indianer heilt Krebs…

Tumorgewebe sauber und sicher aus dem gesunden, umliegenden Gewebe zu entfernen ist eine echte Herausforderung. Erst recht, wenn es um die Haut oder hautnahe Bereiche geht. Wird chirurgisch zu zaghaft vorgegangen, könnte Tumorgewebe übrig bleiben.

In der Naturheilkunde der Indianer, den nordamerikanischen Ureinwohnern, gibt es eine Jahrhunderte alte Tradition der Verwendung von schorfbildenden Salben. Das Wissen um die Verwendung dieser Pflanze soll auf eine Überlieferung der Cherokee zurückgehen, die sie der Legende nach als erste zu Heilzwecken eingesetzt haben sollen.

Tragen Sie morgens nach dem Duschen die “Schwarze Salbe” auf die vermutete Krebsstelle auf und lassen Sie die Salbe dort für 24 Stunden einziehen. Am nächsten morgen waschen Sie die Salbe ab. In der Regel brauchen sie das Verfahren nicht zu wiederholen.

Wenn die schwarze Salbe auf die betroffene Stelle der Haut aufgetragen wurde, bildet sich nach zwei bis drei Tagen eine harte Kruste. Erfahrungsgemäß dehnt sich diese im Verlauf der Behandlung bis zum Tumorgrund aus und löst nach wenigen Wochen das Tumorgewebe komplett heraus. Nun wissen Sie, dass es sich um einen bösartigen Tumor handelte.

Die Cherokee schon wieder. Wenn ihr dieses Rezept befolgt und bei Verdacht auf Hautkrebs diese indianische Therapie verfolgt, dann verschlechtert ihr eure Chancen zu überleben. Speziell wenn ihr auf „Schorfbildung“ wartet oder wochenlang am Melanom herumkratzt. Das ist also nicht nur Quatsch, sondern auch schädlich.

Beispiel Nummer drei: Domestos.

Es gibt da schon seit Jahren einen Scharlatan namens Jim Humble. Der hat sich MMS ausgedacht. Das ist die Abkürzung für „Miracle Mineral Supplement“. Bei dem Wundermittel, handelt es sich um eine 28%-Natrium-Chlorit-Lösung. Die wird dann zum Beispiel als Einlauf verabreicht, um den Patienten von „Seilwürmern“ zu befreien.

Eine Natrium-Chloritlösung nennen wir Laien umgangssprachlich gerne Chlorbleiche. Und die kauft sich der Laie gerne zum Beispiel unter dem Namen „Domestos“. Das es „Seilwürmer“ überhaupt nicht gibt, sei nur nebenbei erwähnt.

Wo aber hat Mr. Humble von diesem Wunder-Allheilmittel erfahren? Na? Richtig! Bei Winnetou! Oder, genauer: Bei den Ureinwohnern des Amazonas! Wo er selber geheilt wurde durch dieses Mittel!

Unser verklärtes Indianerbild der Romantik dient heute dazu, sich zu bereichern. Aus Indisch wird in Deutschland Indianisch, die Cherokee heilen Krebs, die Einwohner des Amazonas auch alle Zivilkrankheiten inklusive frei erfundener Würmer.

Das ist wirklich ein grausamer und schädlicher Marketing-Trick, finde ich. Erst bringen wir die indigenen Völker alle um, und wenn dann keiner mehr da ist, denn man fragen könnte, verkaufen wir ungesunden Mist mit deren Winnetou-Siegel… und bringen uns auch noch selber damit um…

HW: Winnetou und die naturverbundenen Indianer – im Gleichklang mit der Natur – sind eine Erfindung des Westens. Eine unbewusste Projektion von uns Menschen, die den völlig richtigen Eindruck haben, dass ihre Art zu leben, irgendwie Scheisse ist. Da retten uns aber die ausgestorbenen Indianer auch nicht mehr.

Wenn uns Winnetou auf unserer inneren Kinoleinwand vorstellen und Europa abziehen, dann bleibt nicht viel.

Zuerst subtrahieren wir das edle Ross. Dann nehmen wir ihm natürlich auch die Silberbüchse. Das Bowie-Messer nehmen wir ihm auch, genauso wie die Pfeilspitzen aus Metall. Wird Herr Winnetou halt wieder eine Steinaxt benützen müssen.

Auch die Hosen müssen wir ihm ausziehen, die kommen auch aus Europa. Und die bunten Perlen für den Indianerschmuck auch, den haben die Engländer extra für den Handel mit den Einwohnern Amerikas produziert.

Und, um das Bild abzurunden, müssen wir ihm auch die Apachen nehmen. Denn wie alle Präriestämme leben die einen Leben-Stil, den es 200 Jahre vorher – ohne Pferde – einfach noch nicht gab.

Da lebten die Vorfahren der Apachen von Jagen, Sammeln und Ackerbau. Und den haben sie nicht besonders nachhaltig betrieben. Die meisten der Pueblo-Siedlungen Nordamerikas sind schon bei der Ankunft von Europäern verlassen gewesen.

Weil der Ackerbau und damit der Wasserverbrauch der indogenen Bewohner alles andere als nachhaltig war.

Im Anasazi-Nationalpark kann man die erodierten Wasserkanäle bestaunen, mit der sie der Umwelt Bohnen, Kürbis und Mais abtrotzten. Mutter Natur war nämlich selber nicht auf die Idee gekommen, dass das trockene Klima Utahs dafür der richtige Platz wäre.

Auch die Nazca oder die rätselhaften Bewohner der Osterinseln forsteten ihre Lebensumgebung so lange kaputt, bis sie von Flutkatastrophen in die Bedeutungslosigkeit gespült wurden. Die Nazca haben immerhin 500 Jahre gebraucht, um einen Landstrich mit 50 km Radius völlig unfruchtbar zu machen.

Bei den Bewohnern der Osterinseln ging das sogar innerhalb weniger Generationen.

Die Inkas vergifteten die Natur planmäßig mit Quecksilber, um Gold abzubauen. Ich hätte auch Indio-Stämme im Angebot, die Unterwassenhöhlen vergiften, um die toten Fische abzupflücken.

Oder, eine Nummer größer: Brandrodung riesiger Areale, ausgerottete Tierarten in Alaska, lange vor der Ankunft der Europäer. Es gibt Versteinerungen von ganzen Bisonherden, die über Klippen gejagt wurden, um ein paar wenige dann zu verspeisen.

Soviel zum „Im Einklang mit der Natur leben“.

Und was die Heilkunst der Indianer betrifft: Vor Eintreffen der Europäer sind die Indianer durchschnittlich 30 Jahre alt geworden. Rheumatismus und Lungenentzündungen waren weitverbreitete Krankheiten. Das gehörte zum Altwerden dazu, das galt als natürlich.

Viele Indianer, das ist die archäologische Fundlage, starben an bakteriell verursachten Durchfällen oder allgemein an Fehl- oder Mangel-Ernährung.

Die meisten starben aber an Krankheiten, die dann die Weißen einschleppten. Die Cherokee mögen ja ein tolles Heilmittel gegen Hautkrebs haben, aber gegen die Windpocken waren sie machtlos… das bedeutete den Tod ganzer Stämme.

Der Genozid an der indigenen Bevölkerung Amerikas ist eine der größten Erbsünden der europäischen Kultur. Daran gibt es nichts zu rütteln. Wir hatten uns gerade selber die Menschenrechte zurecht gezimmert, aber so richtige Menschen waren die Indianer und Indios für uns noch laange nicht.

Was sie aber auch nicht waren, sind Übermenschen. Oder besonders nachhaltig lebende Wesen, die ein Geheimwissen über die Natur hatten.

Die ersten Besiedler Amerikas waren Menschen, wie wir Europäer auch. Jede Kultur hinterlässt Spuren in der Natur. Jede Zivilisation kostet Natur. Jeder Mensch vernichtet Leben, nur durch seine Existenz.

Irgendwelche Projektionen auf eine untergegangene Zivilisation von deren Weisheit wir lernen können, helfen uns einen Dreck. Das ist komplette Zeitverschwendung.

Wir als Homo sapiens müssen jetzt, wo wir 8 Milliarden Menschen werden, lernen, wie man mit dem Planeten nachhaltig umgeht.

Und die Lösungen dafür liegen nicht in der Vegangenheit. Wir brauchen moderne Lösungen.

Wir sind alle Homo sapiens. Die bösen Europäer und die tollen Indianer. Wir haben einen Planeten. Und die Lösungen, die wir brauchen, liegen nicht irgendwo in der Vergangenheit, sondern in der Zukunft.

Darum hilft uns Winnetou halt nicht.
Für Projektionen haben wir keine Zeit.

Tut mir leid.