Das Slick-Syndrom

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Eines der bekanntesten Beispiele für eine weltweite Massenhysterie ist das sogenannte „Slick-Syndrom“. Als wir alle, einst, den Gitarristen mit dem Künstlernamen „Slick“ für ein Genie hielten und alle seine Platten gekauft haben – obwohl die Musik richtig scheisse war. Bei uns erzählt er heute, wie es so weit kommen konnte.


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Download der Sendung hier.

Musiktitel: „Hall and Oates – Maneater Shred“ von SD62


Die Geschichte zum Lesen

HW: Einfach so anfangen?
FA: Sag‘ doch einfach Deinen Namen!
HW: Einfach so?
FA: Klar.
HW: Aber dann wissen alle ja schon Bescheid!
FA: Macht gar nichts.
HW: Hey, warum fangen wir nicht mit „Escape“ an?
FA: Mit dem Solo?
HW: Ja. Ist Track eins.
FA: Vom Anfang?
HW: Nee, kannst einfach mittenrein …
FA: Okay.
HW: Hallo. Mein Name ist Slick. Ja, der Slick vom sogenannten Slick-Syndrom. Und mit diesem Solo bin ich berühmt geworden. Das Album ist das bestverkaufte Rock-Album aller Zeiten, das Stück das meistgestreamte auf Spotify und ich bin deswegen in der Rock’n-Roll-Hall-of-Fame.

(Musik)

HW: Ist richtig scheiße, oder? Richtig kacke Gitarre gespielt! Und es ist total super, dass ihr das hören könnt!

(Musik)

HW: Denn heute erzähle ich die ganze Geschichte, wie es zu meinem Erfolg kam. Und zum Slick-Syndrom. Also, das war so …
FA: Erst das Intro.
HW: Ach so. Erst das Intro. Okay. Aber keine Angst: Ist nicht von mir!

(Intro)

HW: Das war cool. Von wem ist das?
FA: Vom David. Wieso?
HW: Könnte ich ja mal covern!
FA: Lieber nicht.
HW: Ah. So. Na gut. Also, soll ich jetzt erzählen?

FA: Ja. Erzähl doch einfach mal, wer Du bist. Nur für alle, die das … sagen wir mal … lieber verdrängt haben.
HW: Okay. Also. Mein Name tut nichts zur Sache. Berühmt geworden bin in unter meinem Künstlernamen. Eben einfach: Slick. Ich bin der Slick. Der Musiker, der fast zwei Jahre lang alle Charts dominiert hat. Das Stück, das ihr da gehört habt, hat mich weltberühmt gemacht. 15 Millionen Mal wurde das verkauft und jedes Radio hat das rauf und runtergedudelt.

Es hieß, ich wäre der beste Musiker aller Zeiten. Man hat gesagt, ich wäre das Ende aller Musik. Das neue Jahrtausend, hat der Rolling Stone geschrieben, würde keinen Musiker produzieren können, der besser wäre als ich.

Und das Lustige an meiner Geschichte: Ich bin richtig, richtig scheiße.

Zwei Jahre später haben das alle gemerkt und der Ausdruck „Slick-Syndrom“ wurde geboren. So nennt man meinen Erfolg mittlerweile. Denn all die Psychologen und all die Musikjournalisten haben keine Erklärung für mich. Das „Slick-Syndrom“ ist der Ausdruck für eine weltweite Massenhysterie. So ist das jetzt.

FA: Okay. Klar. Das wissen wir alle. Aber wie fing das an?
HW: Das fing damit an, dass ich geboren wurde. Klar, oder? Ich kam auf die Welt und ich liebte die Musik! Schon als kleines Kind habe ich alles im Radio mitgesungen. Mit fünf Jahren habe ich meine erste Gitarre bekommen und mit acht Jahren meine erste Elektrische.

Als ich die hatte, fing alles erst wirklich an. Ich ging in die Schule, schluderte meine Hausaufgaben hin und dann habe ich geübt. Jede wache Minute habe ich geübt. Ich hatte an der linken Hand Hornhaut an den Fingerkuppen und meine Fingernägel rechts waren so hart wie Diamant.

Meine Eltern haben mir eine Ecke im Keller schalldicht gemacht, weil sie mein Üben nicht ausgehalten haben. Also saß ich jahrelang im Keller und habe weitergeübt. Ich wollte einfach schon immer der beste Gitarrist aller Zeiten sein. Und das ist mir ja auch geglückt.

FA: Na ja. Der Beste? Eher vielleicht der Erfolgreichste!
HW: Okay. Meinetwegen. Kleinkram. Ich bin dann schon bald aufgetreten mit meiner Musik, aber das kam nie groß an. In Wirklichkeit kam das gar nicht an. Alle haben mein Gitarrenspiel gehasst. Und zwar egal, was ich gespielt habe. In der Schule wurde ich gemobbt ohne Ende und meine Geschwister haben niemandem erzählt, dass sie mit mir verwandt waren, so scheiße war ich. Obwohl ich immer geübt habe!

Es heißt doch immer, man soll das tun, was man liebt, oder? Und ich liebe Musik! Da kann ich doch nichts dafür! Und es heißt auch, man darf nie aufgeben, niemals. Man muss nur hart arbeiten und dann wird jeder Traum wahr! Stimmt’s?

FA: Ich bin mir da nicht so sicher, ehrlich gesagt …
HW: Als ich endlich mit der Scheißschule fertig war, da habe ich beschlossen, mein Glück als Straßenmusiker zu versuchen. Und zwar gleich in den Staaten, denn da kommen meine großen Vorbilder her. T-Bone Walker, Skip James, Lightning Hopkins, John Lee Hooker oder eben Robert Johnson. Die Blues-Giganten. Die konnten noch Gitarre spielen. Da können Slash, Paul Gilbert oder Tom Morello einpacken. Kennste alle nicht, oder?

FA: Nein. Keinen. John Lee Hooker vielleicht.
HW: Aber Slick kennste?
FA: Ja. Leider.
HW: Na ja, wo war ich? Also: Ich bin dann durch die Staaten getingelt wie ein Hobo früher. Und, Mann, habe ich Prügel eingesteckt! Das die Leute einen auslachen geht ja noch, das war ich gewöhnt. Aber echte Prügel, das war heftig! Dabei habe ich mir doch alle Mühe gegeben! Das Leben ist halt unfair!

Und dann bin ich in Mississippi gelandet. Wo der Delta-Blues herkommt. Da wollte ich unbedingt hin. In Clarksdale bin ich in einer Kneipe gelandet und habe da gespielt. Bis mich eine Flasche voll erwischt hat, die jemand nach mir geworfen hat. Hat mich voll ausgeknockt.

Da habe ich dem alten Mann an der Bar wohl leidgetan. Er hat mir einen Whiskey spendiert und mir gesagt, ich sollte es machen wie Robert Johnson himself. Dem Godfather of Delta-Blues. Der war auch echt lausig und dann hat er einen Deal gemacht und dann war er einfach der Beste.

Es gäbe da diese Kreuzung und wenn man da um Mitternacht mit seiner Gitarre steht, dann kann man einen Deal machen und man wird richtig, richtig gut.

Also habe ich das gemacht. Ist ja klar. Ich bin da gestanden und als ich da so stehe, kommt auf einmal Robert Johnson himself auf mich zu. Was ja ziemlich seltsam war, besonders, weil er in Schwarzweiß war. Verstehst Du? Also, alles an der Bahnkreuzung war normal farbig, wie es halt Mitternacht farbig ist, nur er war schwarzweiß.

Na ja, und was auch komisch war: Robert Johnson – sah übrigens supercool aus. Die Mode der Dreißiger ist so cool, Mann! – also Robert Johnson ist ja eigentlich 1938 gestorben.

Aber da stand er! Und er sagte:

„Hey, Mann! Du bist auch Musiker, oder?“

Und ich so: „Klar. Aber nicht so gut wie Du, Mann!“

„Aber Du möchtest so gut werden wie ich?“

„Mit meiner ganzen Seele!“

„Ah. Gut. Prima, da sind wir ja gleich beim richtigen Thema!“, sagte er. Denn Robert Johnson hat damals seine Seele an den Teufel verkauft. Und darum macht er jetzt diesen Job, meinte er. Und wenn ich meine Seele an ihn verkaufe, meinte er, dann könnte ich auch richtig gut werden. Und dann hat er gesagt, ich soll mal was spielen.“

(Pause)

FA: Und?
HW: Na ja. Dann hat er gemeint … Nun, er hat tierisch gelacht und gemeint, da kann nicht einmal der Teufel was dran machen, so scheiße wäre das. Fies, oder?

Aber er hatte eine Idee: Wenn ich statt der beste einfach nur der erfolgreichste Musiker der Welt werden wollte, dann gäbe es schon eine Möglichkeit.

(Pause)

FA: (Ungeduldig) Und?
HW: Na ja, dann habe ich halt das genommen. Ist ja auch schon ganz gut, oder? Letztendlich liegt ja die Qualität von Musik im Ohr des Betrachters, oder? Und Bob hat einfach alle Ohren von allen Betrachtern verändert. Für meine Seele.
FA: Das war Dir egal?

HW: Pfft! Seele! So ein Quatsch! Wer glaubt denn an so was! Also, habe ich mir damals gedacht. Aber kam ja alles anders.
FA: Und dann fing Deine Karriere an?
HW: Und wie, Mann! Und wie! Am nächsten Tag schon, in der gleichen Kneipe, spielte ich und die Leute kamen aus ganz Clarksdale gelaufen, um mich zu hören. Zwei Tage später sitze ich in Nashville und spiele vor Zehntausenden. Eine Woche später habe ich einen Plattenvertrag und zwei Monate später mit „Escape“ meinen ersten Nummer-Eins-Hit.

FA: Wow! So schnell ging das!
HW: So schnell! Wenn die Leute Dich erst einmal lieben, dann geht das genauso schnell, wie sie Dich lieben. Und mich haben die Leute geliebt wie verrückt!
FA: Wie ging das weiter?

HW: Na ja, Rock und Blues habe ich ja schnell durchgehabt und es war doof, dass einfach alles, was ich machte, immer für genial gehalten wurde. Selbst meine Frau – ach, stimmt ja, ich habe geheiratet, habe ich gar nicht erzählt! Also meine Frau, die sah echt super aus und war selber weltberühmt, kennst ja, oder?
FA: Ja, ja. Supermodel.
HW: Na ja, selbst die fand alles, was ich machte, einfach genial.
FA: Na, ist doch prima!

HW: Prima? Nein! Scheiße ist das! Echt Scheiße! Denn meine Ohren hat Bob nicht verändert! Ich konnte immer hören, dass ich Mist spiele! Und trotzdem sind alle durchgedreht! Egal, was ich gemacht habe!

Also habe ich meine dritte Platte dem Jazz gewidmet und wieder eine Single ausgekoppelt. Spiel doch einmal rein – ist der dritte Track.

FA: Nummern hat’s hier nicht, nur Titel.
HW: Die Nummer heißt „Fuck-Kack-Shit-Piss“.
FA: Ah. Okay.

(Musik)

FA: Au! Das tut ja weh!
HW: Gell? Eben! Aber die Kritiker sind durchgedreht. Sie haben gekritzelt, ich hätte das Genre endlich von Dünkeln befreit. Endlich könnte der Jazz wieder sein, was er ursprünglich einmal war, haben sie geschrieben. „Fuck-Kack-Shit-Piss“ wurde zur einflußreichsten Veröffentlichung des Jahres gewählt. Von allen Musikkritikern gemeinsam.
FA: Unglaublich.

HW: Na ja, Du hast vielleicht gehört, dass ich schon längst aufgegeben hatte, mir Mühe zu geben. Eigentlich war ich die meiste Zeit besoffen damals. Und wenn ich nicht besoffen war, dann war ich high. Ich war der verdammt einsamste Mensch auf der Welt. Der einzige Mensch, der noch richtig Musik hören konnte. Ist echt voll scheiße ohne Seele, das kann ich Dir sagen, echt voll die Scheiße!

FA: Aber Du hast weiter Platten gemacht?
HW: Klar, ich brauchte die Kohle, Mann. Willst Du meine letzte Hitsingle hören?
FA: Wenn’s sein muss.
HW: Der Track heißt: „Fuck you all!“
FA: Okay.

(Musik)

HW: Und?
FA: Du spielst ja eigentlich gar nicht mehr Gitarre!
HW: Und meinst Du, das hätte was gemacht?
FA: Nicht?
HW: Null. Nummer eins. USA, England, Deutschland, Japan. Ausgebuchte Konzertsäle! Millionen Verkäufe! Es war einfach die Hölle! Ich wollte mir schon das Leben nehmen!
FA: Aber?

HW: Na ja, dann habe ich diesen Flyer gesehen. Und mit dem bin ich noch einmal nach Mississippi. Nachverhandlungen führen, verstehste?
FA: Kein bisschen.
HW: Na ja, ich habe mich wieder mit Bob getroffen und habe ihm gesagt, ich kündige den Deal. Und er hat gesagt: No way! Und dann habe ich ihm halt den Flyer gezeigt.
FA: Was für einen Flyer denn?

HW: Da gibt es ein Unternehmen in den Staaten, die frieren Dich lebendig ein. Kryogenik, oder so ein Scheiß. Und sie garantieren Dir, Dich erst an Deinem Wunschtermin aufzutauen. Und für knapp drei Millionen Dollar garantieren Sie mir, dass sie mich niemals auftauen. Niemals mehr.
FA: Das ist der dümmste Selbstmord der Welt!

HW: Aber für Bob bedeutete das, dass der Teufel niemals meine Seele bekommen würde. Verstehste?
FA: Weil Du nicht sterben würdest?
HW: Genau! Ich würde zwar auch nicht leben und ich könnte nie mehr Musik machen, aber tot wäre ich auch nicht!

FA: Und dann hat er Dich aus dem Deal gelassen!
HW: Genau! Cool, oder?
FA: Und am nächsten Tag hat jeder auf der Welt gehört, was für einen Scheiss Du immer gespielt hast!
HW: Ja! Genau! Cool, oder?
FA: Na ja, ob das cool ist …

HW: Es ging dann wieder echt schnell. Es gab öffentliche Plattenverbrennungen, meine Frau hat nach der Scheidung alles Geld bekommen, ich bin in Entzug und nur vier Wochen nach dieser letzten Abmachung bin ich wieder als Straßenmusiker durch die Welt gezogen! Cool, oder?

FA: Ich glaube, da gehen unsere Definitionen von „cool“ sehr weit auseinander. Hatte das nicht irgendwelche Konsequenzen?
HW: Null! Alle haben sich so geschämt, meine Scheisse mal gut gefunden zu haben – die ganze Welt tut so, als hätte es mich niemals gegeben! Und ich habe voll die Narrenfreiheit! Wie ein ganz normaler Musiker!

FA: Und? Bist Du besser geworden musikalisch durch Deinen Erfolg?
HW: Viel besser! Soll ich Dir einmal mein neuestes Stück vorspielen?
FA: Lieber … nicht. Verzichte!


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