Das Schwert der Ewigkeit


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Ein junger Ziegenhirte träumt, beim Anblick des Sternenhimmels, von Kriegern und Göttinnen und einem Leben, dass mehr Abenteuer birgt, als sein jetziges.

Und ein uraltes Schwert wartet in einem ewigen Wald auf jemanden, der es zur Waffe wählt. Klassischer Fantasy-Stoff heute im Morgenradio.

Aber natürlich erzählt sich die Geschichte bei uns etwas anders und wunderlich.


Download der Sendung hier.
Flötenmusik: „Wind in the Trees“ von LONETREEMUSIC / CC BY-NC-SA 3.0
Musiktitel: „Flute Music“ von ANASTASIA MUZIOI / CC BY-NC-SA 3.0


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Die Geschichte zum Lesen

Würden wir unsere Augen in dieser Nacht auf die kleine Weide richten, dann würden wir Baku sehen, wie er in den Himmel starrt. Seine Ziegen ruhen ausnahmsweise und genießen, dass ein heißer Tag vorbei ist und die Nacht kühlere Luft gebracht hat.

Bakus Hütehund liegt zu nahe an dem kleinen Feuerchen und hechelt, während er seinen Blick immer wieder über die Herde schweifen lässt. Kein Tier ging verloren, keines ist verletzt. Der anstrengendste Teil der Reise liegt hinter ihnen, vor ihnen liegt, ruhig und dunkel, der Weg durch den Wald. Aber erst morgen. Heute herrscht Friede für die Herde, den Hund und Baku.

Sollten wir unsere Augen aber, so wie Baku es auch tut, auf den Himmel richten, dann würden wir unendliche viele Sterne sehen, die sich über das Lagerfeuer wölben, wie eine behütende Hand.

Für Baku aber sind sie der Blick in eine andere Welt! Im Winter war ein langer, dünner und sehr alter Mann in sein Dorf gekommen.

„Ein Zauberer! Wer mit ihm spricht, der wird verwirrt! Rede nicht mit ihm!“, hatte sein Vater gesagt.

„Ein Weiser. Seinesgleichen studiert ein Leben lang die Welt und die Natur. Stelle ihm doch Deine Fragen!“, hatte seine Mutter gesagt.

Der alte Mann hatte über den Nachthimmel gesprochen. Er hatte behauptet, die Erde wäre keine Scheibe, sondern ein Ball. Und die Sonne wäre keine Lampe, sondern auch ein Ball. Ein Feuerball. Und der Ball Erde würde um den Ball Sonne herumfliegen.

Am Nachthimmel, die Sterne, die wären auch alle Feuerbälle und so weit weg, dass niemand dorthin reisen könnte. Und um diese fernen Feuerbälle würden andere Erden kreisen, wo andere alte Männer im gleichen Moment auch über den Nachthimmel lehren.

Baku war sehr aufgeregt: „Ist das auch wirklich die Wahrheit?“

Und der alte Mann sagte: „Das ist die Wahrheit!“

Und Baku zeigte mit dem Finger in die Sterne:

„Und das dort, ist das nicht Aleela, die die Schlange bezwang und von den Göttern in den Himmel gehoben wurde? Und hier, ist das nicht der einsame Krieger, der sein Schwert in das große Wasser geworfen hat und nie wieder aus der Wüste zurückkam? Und das große Bild dort, ist das nicht Era, die allsehende Richterin, die unsere geheimen guten Taten zählt, um sie dem Verwirrer zu berichten?“

Und der alte Mann lächelte ihn an und sagte: „DAS ist auch die Wahrheit, Baku.“ Sein Vater hatte recht. Wer mit dem Zauberer spricht, ist danach verwirrt.

Alles nicht wichtig, denkt sich Baku. Warum, zur Hela, sollte er auch wissen, ob im Himmel die Helden und Götter wohnen oder die Sterne Feuerbälle sind? Seine Aufgabe war es nur, die Ziegenherde zu den Weidegründen hinter dem Wald zu führen und in sechs Wochen wieder zurück!

Und selbst diese Aufgabe erledigte sein Hund. Es gab keine Aufgabe für einen jungen Mann wie ihn. Keiner brauchte Kraft, Stärke, Abenteuerlust oder auch nur seine lebendige Phantasie. Keiner brauchte Baku. Er seufzte und legte sich zum Schlafen hin.

Auf ihn wartete lautlos der Wald. Uralte Bäume mit dunkelgrünen Blättern fingen jeden Tag das Licht der Sonne ein. Nur dürre Fingerchen Sonnenlicht erreichten das Unterholz. Die Pilze darunter lebten in Dunkelheit und wucherten lautlos im Waldboden.

Für jeden, dem keine Flügel wuchsen, ein undurchdringlicher Ort. Eine feindliche Welt, die mit jedem Ästchen und jedem Stachel laut „Geh weg!“ rief. Es sei denn, man kannte die geheimen Pfade, die das Wild sich über Jahre gebahnt hatte.

Folgte man dem Wild, dann fand man eine Lichtung, die ein riesiger Baum gerissen hatte, als er nach Jahrtausenden tot in den Wald stürzte. Lange schon ist er verwest und der Blick ist frei auf einen Findling, in dem ein Schwert steckt.

Das Schwert hatte den Wald vor diesem Wald bezeugt und die Wüste zwischen den beiden. Und es wartete. Völlig in Gedanken versunken wartete es, bis der Eine kommt und es befreit. Würde man das Schwert fragen, wer es ist, es würde antworten:

„Ich bin das Schwert der Ewigkeit! Ich war hier, bevor die Allmutter und der Allvater aus dem Wind das Universum schufen! Ich war Zeuge, als sie aus dem Staub des Windes die Welt formten. Ich erlebte, wie sie das große Licht entzündeten, um die Dunkelheit zu bannen. Und wie sie das Meer der kleinen Lichte entzündeten, dass selbst in tiefster Dunkelheit noch Hoffnung ward!

Bevor der erste Mensch das Licht der Schöpfung sah, wartete ich bereits. Als die Zwerge die Berge schufen und die Elben die Seen, wartete ich. Ich wurde mit Stolz getragen vom größten Zwergenkönig und von der ewigen Herrin der Elben und der Fee.

Der erste König der Menschen trug mich in die Schlacht gegen die Mächte, die der dunkle Herr gegen das Leben warf. Und ich war es, der die Brut und die Horde und die Kräfte des ewigen Neins zurück in die Höllen jagte, aus denen sie geflohen waren.

Ich begleitete den ewigen Krieger, während er Tausende von Jahren darüber wachte, dass der dunkle Herr kein Schlupfloch findet in unsere zerbrechliche Welt. Ich wurde Zeuge, als Urq gebaut wurde aus dem ewigen Stein und Rokka geflochten wurde aus dem ewigen Holz und Akko aus dem Leib des Leviathans im ewigen Wasser!

Ich bin das Schwert der Ewigkeit! Wer mich führen kann, wird das Licht im Dunkeln, die Hoffnung des ewigen Ja und der Hüter der Menschen, Elben, Zwerge, der Fee und der Nöck.

Ich warte!“

Doch keiner fragt das Schwert und so beherrscht der Gesang der Waldvögel die Lichtung. Ein Pan huscht darüber, als man aus der Ferne die Glöckchen der Ziegen hört. Nur der größte Hirsch des Rudels verweilt, während seine Herde das Weite sucht.

Sein Blick kreuzt sich scheu mit dem des Hundes, dann ergreift auch er die Flucht. Als Baku die Lichtung hinter seinen Ziegen betritt, herrscht wieder nur die gedämpfte Ruhe des uralten Walds.

Den ganzen Tag waren er und die Herde dem Pfad durch den Wald gefolgt, doch er erkannte die Route nicht wieder. Auf dieser Lichtung war er noch nie, doch er vertraute dem Hund. Wie jedes Jahr zuvor.

Hier im Wald würden sie diese Nacht kein Feuer machen können. Als sie heute Mittag den dunkelgrünen Fluss durchschritten hatten, der den Wald teilte, hatte sich Baku ein paar Schilfrohre geschnitten. Er musste sich beeilen.

Mit seinem Messer und dem Rohr erklomm er den Findling und begann sich eine Flöte zu schnitzen. Auf dieser zu spielen würde nicht nur ihm Freude bereiten, sondern auch den Ziegen Orientierung geben, denn die Nächte im uralten Wald waren so dunkel wie das ewige Nein.

Also musste die Flöte fertig werden, bevor die Sonne von den Göttern für heute Nacht gelöscht wurde. Seine Finger waren flink und geschickt und bald konnte er das Instrument zum ersten Mal ausprobieren.

Er lehnte sich an das Schwert und begann eine Melodie zu spielen, die genauso voller Sehnsucht und Fernweh war wie seine Seele.

SFX: flute_music

Als das Schwert der Ewigkeit diese Klänge hörte, da fühlte es zum ersten Mal seit Jahrtausenden wieder. Es war, als würde die Schwingung der Melodie auch das Schwert zum Vibrieren bringen. Als würde es erwachen aus tiefem Schlummer! Als hätte es einen neuen Herrn gefunden! Einen neuen Meister!

Baku legte seine neue Flöte fort. Er blickte noch einmal durch das Loch im Blätterdach, das vor Jahren durch den Baum gerissen wurde und auf das Sternbild von Enku. Man erkannte deutlich das Schild, den Helm und das Schwert des Halbgotts.

Er stieg vom Findling und schmiegte sich an seinen Hund, der bei den Ziegen wachte. Über die beiden Hirten und die Herde legte sich sanft ein Nebelschleier.

Das Schwert aber war erwacht und ein leises Brummen waberte im Nebel über die Lichtung. Morgen würde es endlich diesen verfluchten Ort verlassen! Morgen würde es neuen Abenteuern entgegensehen! Morgen wäre der Anfang vom Ende seines Schicksals!

Es war nicht die Sonne, die als erste den Morgen verkündete, sondern die Vögel. Die wussten gewiss, dass ein neuer Tag angebrochen war und weckten die Ziegen. Bakus Hund hatte schon mehrere Runden um die Lichtung gedreht und schleckte sein Herrchen wach. Zeit zum Aufbruch!

Der junge Ziegenhirte wachte auf und reckte seine muskulösen Arme in die letzten Reste Dunkelheit, die gerade der Lichtung flüchteten. Er nahm ein Schluck Wasser aus seiner Flasche und ließ den Hund aus seiner Hand saufen.

Er steckte sich seine neue Flöte in den Gürtel und pfiff einmal laut durch die Zähne. Die Ziegen, die sich über die Lichtung verteilt hatten, um zu grasen, blickten auf. Es war wieder soweit. Die Herde brach auf, Baku folgte.

Nur sein Hund bleibt kurz auf der Lichtung zurück. Etwas ist anders als am Tag zuvor. Er blickt auf den Findling und legt fragend seinen Kopf schief. Dann springt er auf den mächtigen Steinblock und schnüffelt am Schwert der Ewigkeit. Immer noch ist ein leichtes Brummen zu vernehmen, unhörbar für menschliche Ohren.

Der Hund schnüffelt noch einmal und dann noch einmal. Dann dreht er sich einmal um das Schwert, hebt ein Bein, hinterlässt sein Visitenkartenaroma und springt fröhlich bellend davon.

Hätte man jetzt das Schwert der Ewigkeit hören können, es hätte gesagt:

„Hey! Was soll der Scheiß! Ich bin das verdammte Schwert der Ewigkeit! Pisst mich die Töle an, als wäre ich ein Baum! Ich war schon hier, als die ersten Hunde an die ersten Bäume gepisst haben!

Ich wurde Zeuge, wie der erste blöde Scheißhirtenjunge zum allerersten Mal Löcher in ein verficktes Schilfrohr gepiekst hat, Mann!

Und ich war Zeuge – ich! – ich hörte die ersten Flötentöne! Jawoll, Mann, klang voll Scheiße!

Und jetzt? Hey? Was soll das! Hey, Du! Hirtentrottel! Nimm mich mit! Ich bin das Schwert der Lässigkeit – Quatsch, der Erdigkeit! Hey! Du könntest ein mächtiger Krieger werden, Du Schnullernase! Wie wär das? Mächtig! Krieger! Berühmt!

Halloooo! Hier das Zauberschwert! Wäre das nichts? Ich mach auch keinerlei Mühe! Wirklich, ich bin fast federleicht. Meine Kumpels nennen mich: Das Schwert der Pflegeleichtigkeit!

Einmalige Gelegenheit! Kostet Dich keinen Cent! Das Schwert der Könige der Schnäppchenjäger! Jetzt bleib hier, Du Pfeife!

Hey, warte, so muss diese Geschichte nicht enden, sind ja gerade acht Seiten! Unter 600 Seiten gibt’s keine Fantasy! Und unsere Story wird mindestens eine Trilogie! 1800 Seiten! Echt! Und das Hörbuch wird dann gelesen von Rufus Beck!

Du kannst mich doch nicht hierlassen! Abenteuer, Mann! Ich habe Abenteuer im Angebot! Und Drachen? Wie wär’s? Wollen wir nicht einen Drachen töten? Hm? Hallo! Nicht? Vegetarier?

Kann auch ein Basilisk sein oder ein altersschwacher Ork! Ich bin da nicht wählerisch! Überhaupt: Ich bin voll anpassungsfähig! Genau, eigentlich bin ich ein Multi-Funktions-Schwert! Mit mir kann man auch Weinflaschen aufmachen oder Bierdosen! Oder… sich die Zehennägel schneiden oder verstopfte Toiletten reinigen! Halloooo!

Warte, noch eine Idee: Mit mir könntest Du eine scharfe Prinzessin aufreißen! Geile Weiber, wäre das nichts? Das macht man so in diesen Scheiß-Fantasy-Romanen! Denn ich bin das Schwert der pubertären Phantasien!

Mann, lass’ mich hier nicht stecken! Ey, das ist so fucking langweilig hier, das kannst Du Dir nicht vorstellen! Immer nur im Felsen stecken und warten, das geht das beste Schwert kaputt!

Hey, Ziegenpeter, bitte hab’ ein Herz! Ein Herz für Schwerter sollte jeder haben!

Hallo! Hallo! Hallo!“ (beginnt zu schluchzen)

Aber den Göttern sei gedankt, dass sie in ihrer Weisheit alle Schwerter so geschaffen haben, dass die nicht reden können. Reden ja eh’ nur Blech.

Also richten wir – peinlich berührt — unseren Blick fort vom ewigen Wald.

Und geben zurück ans Morgenradio. Kassette raus!