Das Double Date


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Wie sagte doch der Herr Geheimrat? „Man muß nur EIN Wesen recht von Grund aus lieben, da kommen einem die übrigen alle liebenswürdig vor!“

Schon, aber kann es heute auch einmal ein bisschen mehr sein?


Download der Sendung hier.
Musiktitel: „Bei mir bist Du scheen“ von Nora & Isaac


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(Nur für Sektenmitglieder)


Die Geschichte zum Lesen

HW: Warten Sie auch?
FA: Ja.
HW: Sind Sie auch verabredet?
FA: Ja.
HW: Warten Sie auch schon so lange?
FA: Ungefähr so lange wie sie.
HW: Ja, stimmt. Sie sitzen auch schon so lange hier. Stimmt.

FA: Ja, ungefähr eine Schachtel Zigaretten lang.
HW: Wie? Rauchen Sie auch? Ist mir gar nicht aufgefallen.
FA: Nein. Ich rauche nicht. Aber Sie.
HW: Ja. Dumme Angewohnheit, ich weiß.
FA: Aber Sie haben Ihren eigenen Aschenbecher dabei, das ist ja schon einmal lobenswert.

HW: Ist ein leeres Marmeladenglas. Ich wusste, dass es hier im Park keine Mülleimer gibt. Und ich wusste, dass ich zu früh dran sein würde. Und ich wusste, dass ich nervös sein würde. Und ich wusste, dass ich dann zu viel rauchen würde.
FA: Ja, ich wusste, dass ich auch zu früh sein würde.
HW: Und was machen Sie, wenn Sie zu nervös sind?
FA: Ach, ich kaue lieber meine Fingernägel. Das ist gesünder.

HW: Wir können uns übrigens gerne duzen. Ich bin der Max.
FA: Hi. Simone.
HW: Hi. Wartest Du echt auch schon 40 Minuten.
FA: Ja, ganz genau sogar. Ich war Punkt verabredet.
HW: Wie wahrscheinlich das wohl ist, dass wir gleichzeitig verabredet sind und gleichzeitig versetzt werden?
FA: Na ja, das ist ein großer, öffentlicher Park. Der einzige. Und 15:00 Uhr ist auch keine besondere Zeit.

HW: Trotzdem. Lustiger Zufall, oder? Lustig. Könnte es sein …
FA: Was?
HW: Ach nichts.
FA: Nein. Sag‘ schon!
HW: Nein, nein, ist doch nur Quatsch.
FA: Jetzt sag‘ schon!
HW: Auf wen wartest Du eigentlich hier?
FA: Ach, das ist zu doof.
HW: Nein, glaube ich nicht. Kann ich sicher noch doofer, wetten?
FA: Das kann ich mir kaum vorstellen.
HW: Jede Wette!
FA: Okay. Also, ich bin mit jemandem verabredet, den ich gar nicht kenne.
HW: Echt? Ich auch.
FA: Ja, das war mir klar.
HW: Wieso?
FA: Wegen Deinem nervösen Gequalme.
HW: Ach so.

FA: Aber das Peinliche ist ja, wo ich den kennengelernt habe.
HW: Online?
FA: Schon. Aber nicht bei Tinder oder einem Partnersuchportal.
HW: Sondern?
FA: In einem Chatroom. So veraltet bin ich technologisch. Ich benutze immer noch Chatrooms.
HW: Och, ich glaube, die haben eine große Zukunft. Bei Reddit haben sie erst jetzt welche eingerichtet. Ich selber … Aber, warte mal …
FA: Was?
HW: Könnte es sein, dass Du SexySandy85 bist?
FA: Oh, Mann! Ich glaub‘ es nicht! Und Du bist SuperStevy?

HW: Du bist sexy Sandy? Aber Du bist ja gar nicht …
FA: Oh …
HW: Also … Ja, ich bin SuperStevy.

FA: Es scheint so, als wären wir gar nicht unpünktlich.
HW: Stimmt.
FA: Also, was soll ich sagen. Ich bin etwas enttäuscht, muss ich ehrlich zugeben.
HW: Was? Das ist dann wieder ein lustiger Zufall, denn Du bist auch nicht das, was ich erwartet hatte. Lustig, oder?
FA: Oh. Na ja, Du hattest geschrieben, Du wärst einsneunzig und sportlich und würdest Triathlon laufen …
HW: Hab‘ ich auch einmal!

FA: Und jetzt sitzt da jemand, der zwanzig Zentimeter kleiner ist als erwartet und dick und mit einer Halbglatze, der Kette raucht!
HW: Na ja, so viel rauche ich nur, wenn ich echt aufgeregt bin!
FA: Warum hast Du denn online so eine andere Identität?
HW: Aber Du doch auch!
FA: Ich meine, klar, Du bist jetzt kein Adonis oder so, aber Du bist auch nicht abstoßend. Immerhin bist Du gepflegt, das ist auch schon mal was wert.
HW: Du machst auf mich auch nicht den Eindruck, als wärst Du so supersexy wie Dein Nickname. Aber ich dachte mir die ganze Zeit, als ich hier gewartet habe: Die schaut aber gut aus!

FA: Danke!
HW: Warum tust Du online so anders?
FA: Ich weiß nicht.
HW: Also, bei mir ist es so, wenn ich schreibe, dass ich Übergewicht habe und rauche und im IT arbeite, dann sind alle Frauen weg aus dem Chatroom.
FA: Echt?
HW: Echt. In der Reihenfolge. IT ist noch schlechter als Lehrer oder Steuerberater.
FA: Und das weißt Du, weil …
HW: Ja, alles schon versucht.

FA: Aber Profisportler ist vielleicht schon ein bisschen ein weiter Sprung.
HW: Try and error!
FA: Na ja, im Prinzip ist es bei mir nicht anders. Wenn ich schreibe: 40, geschieden, zwei Kinder, Bibliothekarin, dann läuft auch wenig. Nur die wirklich Verzweifelten.
HW: Verstehe.
FA: Und denen reicht es auch, wenn man postet, das man einen doppelten X-Chromosomensatz hat. Dann kriegen die schon eine Erektion.

HW: Ach, mach‘ lieber keine Witze über die Verzweifelten.
FA: Nicht?
HW: Lieber nicht.
FA: Warum?
HW: Warum nennst Du Dich denn SexySandy?
FA: Und 85!
HW: Ja, eben! Ist ja auch gelogen!
FA: Wieso?
HW: Na, wenn Du vierzig bist, dann bist Du ja vor 1980 geboren, oder?
FA: Vielleicht meine ich die Einschulung?
HW: Quatsch!
FA: Stimmt. Ist Quatsch.
HW: Eben.

FA: Warum glaubst Du denn, dass wir das machen mit dem Online-Lügen?
HW: Das ist doch einfach.
FA: Und?
HW: Weil das immer noch weniger weh tut als einsam sein. Das wissen viele Menschen nicht, oder sie geben es nicht zu, aber Einsamkeit kann weh tun wie ein Messerschnitt.
FA: Hm.
HW: Und manchmal ist man sogar zu zweit einsam.
FA: Hm.
HW: Das ist der Grund, warum wir lügen. Selbst, wenn wir auffliegen, ist das besser, als gar niemanden zum Reden zu haben. Oder?
FA: Stimmt.
HW: Eben. Das nennt man verzweifelt. Wenn man lieber lügt.
FA: Und darum …
HW: Keine Witze über Verzweifelte.

FA: Ich bin aber aus anderen Gründen online. Es ist nicht nur die Einsamkeit.
HW: Sondern?
FA: Wenn ich im echten Leben jemanden kennenlerne, dann bin ich so unsicher. Dann fang‘ ich an zu stottern. Und dann schäme ich mich für das Stottern und werde auch noch rot, das ist so peinlich. Da fühle ich mich wie ein kleines Mädchen und möchte eigentlich nur wegrennen. Das passiert als SexySandy nie.

HW: Verstehe. Das ist wie mein Kettenrauchen. Da schäme ich mich auch dafür. Eigentlich habe ich das nur angefangen, damit ich was in der Hand habe, wenn ich nicht daheim bin. Du würdest es nicht glauben, aber zu Hause rauche ich nicht. Also, fast nicht.
FA: Kann ich schon glauben.
HW: Echt?
FA: Na ja, seitdem wir miteinander reden, hast Du auch keine mehr angezündet.
HW: Stimmt. Ist mir gar nicht aufgefallen.
FA: Siehst.
HW: Und, weißt Du was?
FA: Nein.
HW: Du hast überhaupt nicht gestottert. Nicht eine Silbe.
FA: Stimmt.
HW: Cool.
FA: Ja, cool.
HW: Das ist der Vorteil von unseren Lügen!
FA: Was denn?
HW: Das wir praktisch schon mit runtergelassenen Hosen dastehen. Wir haben uns schon blamiert, jetzt brauchen wir auch keine Angst mehr haben. Viel peinlicher kann es ja eigentlich nicht mehr werden.
FA: Oooch … Da hätte ich schon noch Reserven!

HW: Ja, ich auch! Klar. Aber es ist ein guter Anfang, oder?
FA: Es ist ein Anfang?
HW: Na ja, kommt drauf an.
FA: Auf was?
HW: Ich meine … Vielleicht …
FA: Vielleicht was?
HW: Vielleicht könnten wir uns ja zu einem echten Date verabreden?
FA: Und bei einem echten Date bist Du dann auf einmal einsneunzig?
HW: Oh! Wie fies! Und Du bist dann sexy? Statt grauem Rollkragenpullover?
FA: Ich kann schon sexy sein, mein Lieber.
HW: Und ich kann sportlich sein, meine Liebe.
FA: Du könntest auch das Rauchen aufhören, das wäre mir wichtiger.
HW: Das könnte ich. Falls …

FA: Du, Max, tut mir leid, aber ich muss jetzt gehen. War echt nett. Irgendwie.
HW: Musst Du wieder arbeiten?
FA: Ja.
HW: Lustig. Ich auch. Wo arbeitest Du denn?
FA: Gleich da drüben. In dem Wolkenkratzer hinter den Mülltonnen mit den Graffitis drauf.
HW: Echt? Welcher Stock?
FA: Siebter.
HW: Und ich im Neunten. Lustig, oder?

FA: Ja. Lustiger Zufall.
HW: Ja. Tja. Dann …
FA: Mach’s mal gut, SuperStevy!
HW: Du auch SexySandy. Lustig, beides mit zweimal S!
FA: Ja.
HW: Na dann.

FA: Vielleicht könnten wir uns ja wieder treffen?
HW: Das wäre schön. Wann denn?
FA: Keine Ahnung. Hast Du zufällig heute Abend Zeit?
HW: Heute Abend? Ist ja lustig – das passt mir ausgezeichnet!
FA: Prima.

HW: Weißt Du was?
FA: Nein.
HW: Ich finde das richtig gut, dass wir uns nicht mehr anlügen müssen. Das war zwar irgendwie aufregend, aber ich bin richtig froh, dass Du endlich weißt, dass ich einfach der Max bin.
FA: Ja, so geht’s mir auch. SexySandy stottert zwar nicht, aber sie redet echt viel Blech, das kannst Du Dir nicht vorstellen. Und über die Bilder, die SexySandy geschickt werden, wollen wir gar nicht anfangen.
HW: Aber da ist noch was.
FA: Noch ein Geständnis?
HW: Wenn Du willst.
FA: Und das wäre?

HW: Wenn wir uns jetzt treffen, nur mal angenommen, und das Treffen läuft auch ganz gut, so wie das jetzt gerade auch, und wir kommen uns noch näher, wenn Du weißt, was ich meine …
FA: Ich habe eine gewisse Vorstellung davon, was Du meinen könntest …
HW: Na ja, nur mal angenommen, dass man sich öfter sieht und sich auch auf der romantischen Seite etwas entwickeln tut und man würde dann beschließen, dass der Schmerz nachlässt, wenn man zusammen ist, wenn man also bemerkt, dass man irgendwie gar nicht mehr groß einsam ist und schon gar nicht mehr verzweifelt …
FA: Wow. Jetzt sind wir aber schon sehr im hypothetischen Bereich!
HW: Meinst Du?
FA: Was willtst Du denn jetzt sagen, meine Pause ist echt gleich vorbei!
HW: Ich will sagen, es wäre schade, wenn es dann keine SexySandy mehr gäbe. Denn ich mag die auch. Die Simone, also Du, die ist mir sympathisch und ich bin froh, dass ich ehrlich sein darf, aber ich habe mich an die SexySandy auch sehr gewöhnt.‘
FA: Das ist ja ein lustiger Zufall! So geht es mir mit dem SuperStevy auch!
HW: Echt?
FA: Echt!

HW: Okay. Dann sehen wir uns gleich wieder im Chatraum, oder?
FA: Bis gleich im Chatraum!
HW: Mach’s gut Sandy!
FA: Mach’s gut, Steven!

HW: Da machen wir aus, wo wir heute Abend hingehen, okay?
FA: Okay!
HW: Mach’s gut, Simone!
FA: Mach’s gut, Max!


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