Das Borametz


Wir sind ein bisschen überheblich mit unserem wissenschaftlichen Weltbild. Oft sind die nüchternen Erkenntnisse von damals der Stoff für lustige Geschichten von heute.

Wie zum Beispiel beim Borametz. Eine rätselhafte Kreatur Asiens, die halb Pflanze ist und halb Tier. Ein Zoophyt, wie der Brockhaus noch 1811 das erklärt.

Dieses sagenhafte Wesen schauen wir uns heute genauer an, denn die Quellen sind zahlreich. Auch, wenn wir heute darüber lachen.

Es ist aber durchaus anzunehmen, dass künftige Generationen über das, was wir für faktisches Wissen halten, auch schmunzeln werden. Die Welt ist noch lange nicht ausgeforscht!


Download der Sendung hier.
Musik: „La Trace“ von Exit Romeo / CC BY-NC-SA 3.0


Skript zur Sendung

Schon eine tolle Sache, diese Wissenschaft. Oder? Die kann zum Beispiel prima nachweisen, dass Homöopathie völliger Humbug ist. Stimmt’s, Frau Anders?

Dabei haben wir die wissenschaftliche Methode noch nicht besonders lange, wie ich immer wieder ‚mal entdecke. Die Biologie zum Beispiel heißt sich erst seit 1802 so. Ist ja nicht wirklich lange.

Das ist das Jahr, indem sich Bonaparte zum Konsul auf Lebenszeit wählen lässt und Alexander von Humboldt durch Amerika reist. 1802 beschreibt er als erster die Höhenkrankheit und später den Merkurtransit. Ist übrigens der nächste zentrale im November nächstes Jahr. Und der übernächste dann 2190.

Wir sind mittlerweile ziemlich wissenschaftlich erzogen. Jeder weiß zum Beispiel, dass das Herz nur ein Muskel ist, der Blut durch den Körper pumpt.

Wie muss es gewesen sein, dass nicht zu wissen? Wenn man nicht die geringsten Kenntnisse davon hat, was in so einem Körper passiert, ist dann nicht jeder Mensch irgendwie eine magische Wundermaschine?

Das Leben muss so rätselhaft gewesen sein für die Menschen früher. Leben selber war wie ein Geschenk Gottes. Der Odem Gottes.

Wie ist das gewesen? Wie hat man sich die Welt so erklärt. Betrachten wir doch einmal ein Stück Vulkangestein. Das macht gar nichts. Liegt nur rum. Scheint nicht zu leben. Und da ist eine Pflanze, die wächst vor sich hin. Auf magische Weise. Lebt irgendwie. Und daneben ist ein Tier, das läuft sogar durch die Gegend. Lebt eindeutig. Ach! Und dann gibt es noch das Borametz!

Das Barometz ist nämlich so ein Zwischending zwischen Tier und Pflanze. Ein sogennanter Zoophyt. Ich zitiere:

„Zoophyten (a. d. Griech.) heißen bei den Botanikern gewisse Gewächse, Pflanzen, welche zugleich etwas Thierartiges bei sich führen: Thierpflanzen. Eins der berühmtesten Zoophyten ist das sogenannte Scythische Lamm oder Borametz, welches, wie ein Lamm geformt, eine Art Melone ist, welche durch einen Stiel, der ihr statt Nabel diene, an dem Boden angewachsen ist. Man nennt denn nun auch Zoophyten solche Figuren, wo Pflanzen mit Thieren verhunden sind, mithin das, was bei uns auch Arabesken und Grotesken genannt werden.“

Steht im Lexikon, wird also auch stimmen. Und zwar in Brockhaus Conversations-Lexikon Bd. 8. aus dem Jahre 1811. Kurz nach Erfindung der Biologie also. Napoleon war auf jeden Fall Kaiser und Alexander von Humboldt würde gerne nach Russland reisen.

Aber schauen wir uns dieses Borametz noch genauer an. Schauen wir doch, was die Wikipedia schreibt. Dort findet man das Borametz unter „Skythisches Lamm“.

Da steht:

„Das Skythische Lamm wächst/lebt im Land der Skythen und Tataren. Der Baumstamm, an dem das Lamm angewachsen ist, ist sehr biegsam, damit das Lamm hin und her pendeln kann, um an die umliegenden Gräser zu kommen. Ist die Umgebung um den Baumstamm kahl gefressen, muss das Lamm verhungern. Neben dem Hungertod hat das Skythische Lamm wegen seines zarten Fleisches den Wolf zum natürlichen Feind. Auch hat es den Menschen zu fürchten, da dieser sein prachtvolles goldenes Fell sowie sein magisches Blut begehrt.“

Schon interessant, oder? Du hast auch noch nie vom Skythischen Lamm gehört, oder?

Ich habe mal nach weiteren Quellen für dieses Tier-Pflanzen-Lebewesen gesucht. Und sie in Massen gefunden. Der früheste Hinweis findet sich im Jahre 400. In der jüdischen Folklore gibt es ein Tier mit dem Namen „Jeduah“.

Das ist auch ein Wesen, das aus Samen wächst und wie ein Schaf aussieht. Töten kann man es nur mit Pfeilen, indem man die Verbundung von Stamm und Schaf trennt. Wenn es tot ist, dann kann man es essen, schmeckt supergut. Und die Knochen haben große magische Kräfte.

Lange vor Marco Polo gab es am Anfang des 14ten Jahrhunderts einen Weltreisenden mit Namen John Mandleville. Dessen Reisebeschreibungen wurden in viele Sprachen übersetzt und waren sehr bekannt. Columbus hatte die mit an Bord als er die dominikanischen Inseln besuchte.

Und auch Mandleville hatte auf seinen ausgiebigen Reisen in Persien das Barometz gefunden.

Ein weiterer Weltreisender, Bruder Odoric von Friaul, konnte diese Beobachtung keine hundert Jahre später bestätigen.

Wieder hundert Jahre später reist Siegmund Freiherr von Herberstein durch Russland und hinterlässt und seine Beobachtungen. Sehr interessant sind seine Beschreibung von Auerochs uns Wisent. Die waren in Zentraleuropa schon lange ausgestorben und Siegmund liefert die ersten Zeichnungen der Neuzeit von diesen europäischen Ur-Kühen.

Und er beschreibt auch das Barometz. Das kommt nahe des Kaspischen Meeres vor. Es wird so ungefähr 80 cm hoch. Es schaut einem Lamm verblüffend ähnlich. Auch wenn es keine Hufe hat, sondern nur behaarte Füße. Tatsächlich fließt Blut durch den Zoophyten, wenn auch das Fleisch nicht wie bei einem Lamm ist, sondern eher wie vom Hummer. Schreibt Siegmund.

Nach Herberstein nehmen die Beschreibungen und Sichtungen des Borametz stark zu.

Unser hoch geschätzter Simplicius Simplicissimus zum Beispiel schreibt: „…daß auch ich das Schafsgewäch Barometz nicht allein wachsen sehen konnte, sondern auch darvon essen durfte.“

Der Autor des Simplicius, Grimmelshausen, hatte vom skythischen Lamm wahrscheinlich in den „Philosophischen und Mathematischen Erquickstunden“ des Georg Philipp Harsdörffer gelesen. Auch ein viel gelesener Proto-Wissenschaftler und Dichter.

Das alles wurmte Herrn Engelbert Kämpfer sehr. Der gab sich nun jegliche Mühe auf seinen Forschungsreisen alles wahrheitsgemäß zu berichten und nicht dazu zu dichten. Aber irgendetwas, was nur im Ansatz aussah wie ein Barometz, dass hatte er noch nie gesehen.

Ein angewachsenes Schaf ist ja auch ein wirklich seltsames Wesen. Klar ist der größte Feind der Wolf. Der wird sich freuen, wenn das Schaf nicht weglaufen kann.

Kämpfer reist 1683 nach Persien und sucht und sucht, aber kein Barometz weit und breit. Und: Noch auffälliger, kein einziger Augenzeuge. Die befragten Perser wissen überhaupt nicht, wovon der komische Mann aus Deutschland da spricht.

Kurzerhand erklärt Kämpfer das Barometz zur Legende. Punkt. Das ist jetzt auch noch nicht die wissenschaftliche Methode, aber doch sehr verständlich.

Schließlich bricht so langsam die Aufklärung los und es wird Zeit, sich von den Mythen und Märchen der Altvorderen zu befreien!

Aber mit seiner aufklärerischen Wucht bleibt der Weltreisende eher alleine. Ein echter Aufklärer zum Beispiel, der Denis Diderot, schreibt in seiner „Enzyklopädie“ von 1751 vom skythischen Lamm. Für ihn ist es eindeutig belegt, aber rein pflanzlicher Natur. Das mit dem Tier sei natürlich Aberglaube. Und, so meint der Aufklärer, der Saft des skythischen Lamms wäre bewiesener Maßen eine Kur gegen den Bluthusten.

Derweil schreiben die europäischen Quellen weiter hübsch vom Barometz. De la Croix schreibt im ein Gedicht. Das sich in meiner Übersetzung nicht mehr reimt, sorry…

„Doch in seinem Pfad sieht er die Mißgeburt.
Das Borametz wächst aus dem Boden,
und auf einem Strunk wächst ein lebendes Tier.
Die fest verwurzelte Pflanze trägt vierfache Frucht.
Es ist ein Tier, das am Tage schläft,
des Nachtens erwacht und obwohl es fest verwurzelt ist,
vom Gras lebt, das um es herum wächst.“

Das müsst ihr euch in blumigen Altfranzösisch vorstellen. Und dann sind wir zeitlich schon wieder beim Brockhaus angekommen. Im Jahre 1811.

Danach verschwinden die Spuren des skythischen Lammes sich. Die Welt wurde in der Moderne kleiner.

Die sagenumwobenen Länder Skythien oder Persien waren näher gerückt. Und wohin man auch schaute, nirgends wurde nur ein einziges Borametz entdeckt.

Wahrscheinlich gab es niemals ein Borametz. Ganz oben auf der Wikipedia-Seite steht noch „Das Borametz ist ein mythisches Fabelwesen.“

Schade irgendwie, wenn die Magie dann weg ist. Hatten sich das die wirklich zahlreichen Autoren alle nur ausgedacht? Warum taucht dieses Wesen irgendwann in den talmudischen Quellen auf?

In vielen Texten findet man als allererste Quelle Herodot. Der hätte das Borametz als erster beschrieben. Doch die betreffende Stelle kann ich beim besten Willen nicht finden.

Das einzige, was ähnlich ist, das wäre: „In Indien gibt es ein Pflanze, deren Frucht Wolle ist, die die Schönheit und Qualität von Schafswolle übersteigt. Die Eingeborenen machen aus dieser Baumwolle ihre Kleider“

Das wird wohl das Borametz sein. Im ersten Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung hatten Baumwolle bereits Ägypten erreicht. Und irgendwo, bei der Beschreibung der Ware, ist wohl jemanden das Schaf und die Pflanze zusammen gerutscht.

Und dann haben wir das zweitausend Jahre lang voneinander abgeschrieben. Das Borametz.

Obwohl? Vielleicht….
Vielleicht haben diese ganzen Reisenden ja tatsächlich das Borametz gesehen.
Und das ist dann einfach – wie der Auerochs und das Wisent – ausgestorben?
Wäre ja kein Wunder, wenn so ein Schaf nicht wegrennen kann, oder?
Von Wölfen ausgerottet, bevor jemand ein Foto machen konnte.
Wäre möglich, oder?