Comanchen-Mama



In unserer Generation kommt es nicht selten vor, dass Altersgenossen von wirklich martialischen Erziehungmethoden erzählen. Stubenarrest oder Prügel waren eher die Regel als die Ausnahme.

Beide Maßnahmen sind ähnlich brutal und gehören auch heute nicht in das Repertoire von Erziehenden. Der angerichtete Schaden durch diesen Bindungsabbruch läßt sich nicht mehr reparieren.

Die heutige Kindergeschichte hat Herr Wunderlich extra für Frau Anders geschrieben, aber sie ist genauso allen Menschen gewidmet, die als Kinder regelmäßig eingesperrt wurden oder gar werden. Quanah mit der großen Seele ist an eurer Seite!


Download der Sendung hier.
Musiktitel: „ Medicine of Kokopelli“ von SaReGaMa / CC BY-NC-ND 3.0
Background: Native American Drum Group @ NW Folklife Festival 2010
Link: Dale Ray Deforests „Hero Twins


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Skript zur Sendung

Klacker-Klacker-Klacker-Klack: Rolladen zu!

Peng: Tür zu! Wütend die Tür von außen abgesperrt, Tochter eingesperrt.

Stuben-Arrest. Im Dunklen. Bis Papa kommt, dann wirste schon sehen!

„Einfach so tanzen und singen, das macht man nicht, das gehört sich nicht und schon gar nicht am hellichten Tag!“

Da war sie also in ihrem Zimmer. Mal wieder. Erschrocken war sie und verwirrt und überrumpelt. Ihr Kopf dröhnte von der Ohrfeige. Sie suchte im Dunklen den schmalen Spalt zwischen Bett und Wand. Und lehnte sich an ihr Nachttischchen.

Ihr Herz pumpte immer noch so schnell es nur konnte. Aber das würde sich beruhigen. Während der Puls ruhiger werden würde, würde gleichzeitig eine kalte Wut in ihr aufsteigen und ihr die Tränen aus den Augen pressen.

Es hatte keinen Sinn, sich dagegen zu stemmen. Sie kannte das alles schon. Nach den Tränen und nach der Wut würde sie ruhig werden und versuchen, etwas im dunklen Zimmer zu erkennen…

Und so war es auch dieses Mal. Durch die Ritzen der Rollos drängelte sich die Sommersonne und man konnte schemenhaft das Zimmer erkennen. In einer der Ecken war es am hellsten. Da war das Grau am hellsten. Genau in der Spitze der Ecke war das Grau am hellsten.

Und wenn man sich ganz viel Mühe gab und die Augen dabei fast zupresste, dann war das Grau fast ein Blau. Und wenn man niemals wegkuckte und nicht einmal blinzelte, wenn man ganz fest nicht blinzelte, dann konnte man sehen, dass das Blau ein Grün war.

Ein Grün genau wie die Wiese, auf der sie jetzt stand. Barfuß. Der Klee blühte und dann noch ein Kraut in Lila und die Gänseblümchen. Das Gras roch frisch. Die Wiese war satt und warm und hatte die ganzen Tage auf sie gewartet.

Genauso wie die Ahornbäume auf dem Hügel vor ihr. Als sie sich näherte, flitzten Eichhörnchen hastig die Stämme hoch. Unter dem Halbschatten der großen Blätter blieb sie erst einmal stehen und schaute sich um.

Vor ihr war ein kleines Tal mit einem trägen Fluss. Auf ihrer Seite des Ufers standen gut zwei Dutzend Indianerzelte. Große Tippis. Und da waren viele Menschen. Einige sangen gemeinsam ein Lied in einer Sprache, die sie nicht kannte. Aber das Lachen der Kinder, die wie besessen über die Wiese rannten, überlagerte den Gesang.

„Du solltest da nicht runtergehn“, sagte eine kleine Stimme in ihrem Ohr. „Das sind vollkommen Fremde. Und wahrscheinlich gehören die da genau hin, aber Du nicht“. Sagte die Stimme auch noch. „Die wollen Dich sicher nicht haben. Die Kinder nicht und die Erwachsenen wahrscheinlich zweimal nicht“.

„Vielleicht werden die dann böse und wütend“, flüsterte es in ihrem Kopf. Aber wenn sie an sich hinunterblickte, dann gingen ihre nackten Füße gerade den Hügel runter zu dem Dorf, wo die Kinder lachen.

Zuerst entdeckten die Hunde sie und ein ganzes Rudel hetzte auf sie zu. Stocksteif wartete sie, wegrennen würde sie sowieso nicht mehr können. Kaum bei ihr angekommen, schnüffelten die Hunde sie kurz ab, rannten um sie herum und wedelten mit den Schwänzen und hetzten wieder genauso schnell zurück ins Dorf.

Jetzt hatten die Kinder sie entdeckt und liefen ihr entgegen. Die Aufregung war groß, die ganze Bande freute sich, dass sie als Erste das neue Kind entdeckt hatten. Aufgeregt plapperten sie auf das Mädchen ein, aber sie verstand nichts. Tapfer lächelte sie und ließ sich geduldig betatschen. Vor allem die roten Haare waren anscheinend irgendwie etwas Tolles. Jeder schien fasziniert davon…

Im Dorf wiederholte sich das Ganze noch einmal, bloß waren es jetzt die Erwachsenen, die aufgeregt und neugierig waren. Aber keiner schaute böse oder abweisend, alle freuten sich über das neue Gesicht. Sie bekam eine Kette aus bunten Perlchen umgehängt, mit einem kleinen türkisen Edelstein. Und ein Lederriemchen um den Knopf und jemand steckte eine bunte, große Feder dahinter.

Als alle sie einmal angefasst hatten, legte sich die Aufregung. Die Erwachsenen gingen wieder ihren Beschäftigungen nach. Die Kinder spielten wieder Fangen, das Hunderudel hetzte wieder weiter um das Dorf. Auch wenn sie jetzt alleine mitten im Dorf stand, wusste sie, dass sie hier willkommen war.

Das sie hier sein durfte.
Das sie hier einfach sein durfte.
Ohne Bedingungen, ohne brav zu sein und ohne erst etwas richtig machen zu müssen.

Eine Frau mit einer bunten Decke über der Schulter ging auf sie zu. Sie lächelte über das ganze Gesicht. Und dann sagte sie: „Wie ist denn Dein Name, Kleines?“ Sie konnte verstehen, was die Frau sagte. Aber sie wusste nicht mehr, welcher ihr Name war…wer war sie?

Rolladen zu! Tür zu! Tür von außen abgesperrt, Tochter eingesperrt.

Bis Papa kommt, dann wirste schon sehen!

Man bringt doch nicht einfach wildfremde Kinder mit nach Hause, das macht man nicht! Und als Mädchen schon gar nicht!

Kopfbrummen, Herzdröhnen, kalte Wut, Tränen, fast blind die Ecke finden und dann auf das Indianerdorf warten. Erst grau. Dann blau. Dann grün.

Dieses Mal ging sie direkt am Fluss. Bald konnte sie ihre Füße sehen, wie sie im Wasser baumelten. Die anderen Kinder waren auch da. Der große Junge, der immer am schnellsten lief, hatte einen Speer in der Hand und schaute so ernst ins Wasser, dass alle kichern mussten.

Und dann – zack – stach er zu. Und dann sprang er dem Fisch hinterher und das Wasser spritzte und alle wurden nass. Aber als der große Jäger wieder auftauchte, hatte er nichts gefangen. Da stand er, tropfnass, völlig durchgeweicht und das Mädchen neben ihr sagte etwas. Und dann lachten alle. Und am meisten der Junge, der keinen Fisch gefangen hatte.

Diesen Abend saß das Mädchen zum ersten Mal mit den anderen Kindern zusammen. Nicht weit vom Feuer weg. Alle aßen gemeinsam aus kleinen Tonschalen. Ihr kleiner Hund saß genau vor ihr und folgte ihrer Hand konzentriert bei jedem Bissen mit großen Augen.

„Du darfst doch gar keinen Hund haben“, sagt die kleine Stimme in ihrem Ohr. „Du kannst doch gar nicht auf ein Tier aufpassen“, flüsterte es in ihrem Kopf. „Dazu bist Du viel zu verantwortungslos. Und denkst immer nur an Dich!“

Aber als die Schüssel dann leer war, schleckte der Welpe ihr begeistert die Finger sauber. Dem war es völlig egal, was die Stimme in ihrem Kopf da flüstert. Dann konnte es ihr ja auch egal sein.

Die Frau vom letzten Mal kam wieder auf das Mädchen zu und lächelte sie an. Dabei strich sie ihr durch das Haar und begann ihr einen kleinen Zopf zu flechten.

„Ich werde Dich einfach Quanah nennen, weil Deine roten Haare so gut riechen. Ist das für Dich in Ordnung, Quanah zu heißen?“

Das Mädchen nickte.

„Ich heiße Topusana. So wie die lila Blumen auf der Wiese, von der Du immer kommst, wenn Du uns besuchst. Wenn Du willst, dann bin ich Deine Comanchenmama!“

Das Mädchen nickte wieder.

Rolladen, Tür, Absperren, Papa kommt, anständiges Mädchen, Kopfbrummen, Herzdröhnen, aber dieses Mal keine Wut! Und dieses Mal keine Tränen. Diese Mama konnte ihr nicht mehr wehtun.

Das Mädchen hatte das Honigglas genommen und gewartet auf diese Mama. Und dann, als diese Mama gekuckt hat, ist ihr das Glas einfach auf die Fliesen gefallen.

Heute hat sie es eilig. Unter dem Bett tastete sie nach dem Brett, dass sie hier versteckt hatte. Ganz leise schob sie das Brett unter die Türklinke und keilte es auf dem dicken Teppichboden fest. Jetzt würde diese Mama nicht mehr reinkommen können.

Heute hat sie es eilig, denn heute hat sie Comanchen-Geburtstag. Und ihre Comanachen-Mama hat gesagt, dass heute etwas Tolles auf sie wartet.

Also. Hinsetzen. Ecke finden. Grau, Blau, Grün.

Sie steht auf der Wiese, die sie mittlerweile so gut kennt und rennt den Hügel hoch zu den Ahornbäumen. Wie immer bellt zuerst ihr Hund, aber angehetzt kommt wieder das ganze Rudel. Jeder Hund muss einzeln begrüßt werden, bevor sie hinunter ins Dorf gehen kann.

Da warten schon die anderen Kinder auf sie. Neehee, Sani, Utina, Galilahi, Doli und Bena, ihre beste Freundin. Kosumi spielt ja leider nicht mehr mit ihnen, der war jetzt angeblich ein Erwachsener.

Alle umringen sie, alle kennen das Geheimnis, bloß das Mädchen nicht. Das wird auch nicht anders, als sie ins Dorf kommt. Die großen Comanchen ihres Stammes sind genauso aufgeregt wie die kleinen. Der alte Mann, der fast keine Zähne mehr hat, beginnt, ein Lied zu singen.

Ein Lied nur für sie. Ein Lied für Wohlgeruch, denn das bedeutet Quanah. Zuerst klingt das Lied so, als wäre sie eine mächtige Jägerin, aber dann erzählt es auch, wie sie in die Hasenfalle geraten war und wie sie zum ersten Mal eine Wildkatze sah und schreiend ins Dorf gelaufen kam.

Alle lachen und freuen sich, auch das kleine Mädchen. Bena spielt vor, wie fremdartig ihre Freundin Quanah durch den Wald stakst und wie sie sich immer von ihrem Hund die Finger sauber schlecken lässt.

Heute sind alle nur für sie versammelt. Und vor lauter Lachen erschrickt sie, als ihr jemand von hinten auf die Schulter tupft. Hinter ihr steht Kosumi, der Speerfischer und am Zügel hält er ein kleines Pony. Ein junger Mustang schaut sie neugierig an. Mit Zöpfen in der Mähne und braun gescheckt.

Ihr Indianderstamm und ihre Comanchenmama und ihre Freundinnen und ihre Freunde schenken dem Indianermädchen Quanah, das ab und zu vom Hügel, von den Ahornbäumen, zu Besuch kommt, ihr Pony.

Alle drängen sie, dass sie aufsteigen soll – aber das ist leichter gesagt als getan ohne Sattel! Bis sie es wirklich geschafft hat, gibt es noch zwei oder dreimal gute Gründe, dass wieder alle herzhaft mit ihr lachen können.

„Du kannst doch überhaupt nicht reiten“, sagt die kleine Stimme in ihrem Ohr. „Du wirst Dich verletzen. Und das Pony wird sich dabei die Beine brechen!“

Aber die Stimme hatte noch nicht ein einziges Mal recht gehabt.

Natürlich kann sie reiten. Und natürlich reitet das Pony mit ihr. Und während der Fluss an ihnen vorbeirauscht, werden die beiden schneller und immer schneller.

Das man überhaupt so schnell sein kann! Wie der Wind sind die beiden und sie können hinrennen, wohin sie wollen! Das Mädchen und das Pony sind zusammen wie ein einziges Wesen und sie sind frei, so frei, dass ihr ganz leicht wird. So frei, dass sie nichts mehr spürt, nur die warme Sonne auf ihrem Körper, die Muskeln unter ihr und den Wind der den beiden das Haar zerzaust.

Als das Mädchen und das Pony stehen bleiben, blicken sie zurück. Das Dorf, in dem ihr Stamm lebt ist nur noch ganz klein. Die Kinder winken ihr aus der Ferne zu.

Ihre Comanchenmama hat gesagt, dass alle morgen ihre Sachen packen würden. Das der Stamm die Zelte abbaut und woanders hinziehen wird. Ins Winterlager. Es wird Herbst, hat sie gesagt.

Was wird dann passieren, wenn sie wieder von der Wiese, an den Ahornbäumen vorbei in das kleine Tal schaut? Es wird nicht zu ertragen sein, wenn alle dann weg sind.

Keine Hunde, keine Kinder. Nicht ihr Pony und nicht ihre Comanchenmama.

Langsam beginnt sie zurück ins Dorf zu trotten. Das Pony frißt ein paar Halme hier und dort, aber folgt ihr zurück. Immer langsamer werden ihre Schritte. Weil sie ahnt, dass dies das letzte Mal ist, dass sie zurück in ihr Dorf geht.

Wenn das nächste Mal die Rollos herunter rasseln werden und die Tür zu knallt und der Schlüssel sich im Schloss dreht, dann würde ihre falsche Mama ihr trotzdem nicht wehgetan haben.

Klar, der Kopf würde brummen, aber die Ohrfeige wird sie nicht mehr verletzen!
Und sie würde nie mehr aus Wut auch nur eine einzige Träne für ihre falsche Mama weinen!
Nie mehr! Denn jetzt weiß sie, dass man auch frei leben kann.

Und wenn dann das Tal am Fluss leer sein wird, dann wird sie einfach mit ihrem Pony aufbrechen und in jede Himmelsrichtung so lange reiten, bis sie ihren Stamm wieder findet. Und ihre wahre Mama. Ihre Comanchenmama.

Und bevor dem Mädchen bei diesem Gedanken das Herz schwer werden kann, bleibt sie stehen und ruft, so laut sie kann:

„Das schwört Quanah! Die Tochter von Topusana. Von der Sippe der Penateka, vom Stamm des Waldholzvolks. Quanah, der Wohlgeruch! Quanah, die für immer frei ist. Hört mich!

Ich bin Quanah, deren Seele so groß ist, dass darin Platz ist für ein Tal und für zwei Dutzend Tipis und für Ahörnbäume und für ein Rudel Hunde und für alle meine Freunde und Freundinnen und für meinen ganzen Stamm!

So groß ist meine Seele, dass Platz genug ist für den Wald, der uns ernährt und den Fluss, von dem niemand weiß, wo er entspringt und in dem Kosumi niemals einen Fisch fangen wird!

Und auch Platz für den Wind und den Regen und auch Platz für die Sonne und den Mond!

So groß ist die Seele Quanahs! Und niemand kann ihr mehr gegen ihren Willen wehtun! Niemand!

Das schwört Quanah und so wird es geschehen!