Cleopatra reicht’s!


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Vor ungefähr hundert Jahren erreichten die Séancen in Europa den Gipfel ihrer Popularität. Die Mehrheit der Bevölkerung war bereit an übernatürliche Phänomene wie eben Geisterbeschwörung zu glauben.

Esoterik ist ein Friedensphänomen. Zwei Weltkriege und die damit eingehende Ernüchterung hatten diesen Glauben erschüttert – doch der lange Frieden führt zu einer zweiten Renaissance.

Auch im heutigen Hörspiel wird in einem Reihenmittelhaus Kleopatra beschworen. Aber deren Aussagen wollen alle Anwesenden eigentlich nicht hören, wenn sie schon einen Fuffi dafür zahlen.


Download der Sendung hier.
Musiktitel: „Cleopatra“ von „Horrible Histories“ des CBBC


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Die Geschichte zum Lesen

HW: Markus heißt jetzt Kamlah. Eigentlich heißt er schon seit zehn Jahren so. Seit der Zeit, als er begann, mehr Geld mit Séancen zu verdienen als mit seinem Job als Redakteur.

Regelmäßig lädt er Interessierte, Fans und Neugierige zu sich ins kleine Reihenmittelhaus in der Vorstadt ein, um sie in die Welt des Spirituellen zu entführen.

Manche seiner zahlenden Gäste wollen nur einem geliebten Verstorbenen eine letzte Botschaft mitschicken oder eine letzte Frage stellen. Andere wollen wissen, welche berühmte Person sie in einem vergangenen Leben waren.

Dann gibt es auch die Begeisterten, die Kamlah nicht nur für ein besonders begabtes Medium halten, sondern für ein erleuchtetes Wesen, das ihnen Weisheit und Güte schenkt.

Und dann sind da natürlich auch die Skeptiker, die nicht an eine andere Welt, eine Welt der Geister und Dämonen glauben. Im Regelfall knallharte Rationalisten und oft später besonders eifrige Anhänger.

Die Familie hat der lukrativen Nebentätigkeit eines der Kinderzimmer geopfert. Wenn sich die Teilnehmer einer Séance auf Strümpfen in den ersten Stock begeben haben, wartet auf sie ein abgedunkelter Raum, der nur von Kerzen erhellt wird.

In der Mitte steht ein runder Tisch mit einem Pentagramm als Intarsie, das rundum von astronomischen Symbolen umgeben ist. Auf dem Tisch eine dicke Kerze, eine Schüssel mit Wasser – auch wenn es sich eigentlich um Bademittel handelt und eine Schüssel mit Sand.

Die vier Elemente. Auch wenn es nur drei Gegenstände sind, aber wollen wir nicht kleinlich sein. Die Luft ist von Räucherstäbchen vernebelt und Kamlah wartet mit geschlossenen Augen in tiefer Meditation, bis sich die Gäste eingefunden haben.

Manchmal zwinkert er ein bisschen, vielleicht, um zu prüfen, ob jeder pflichtschuldig den Obulus von 50 Euro in die tibetische Dana-Box entrichtet hat.

Nachdem alle Geisterbeschwörer angekommen sind, lässt das Medium sie noch 15 Minuten in völliger Stille warten. Das hat sich bewährt. Die sind dann eher bereit, kritiklos alles hinzunehmen, was geschehen wird.

Dann beginnt die Zeremonie und Kamlah beginnt in einer unverständlichen Sprache Formeln zu beten. Es soll sich um eine ausgestorbene Sprache sibirischer Völker handeln, um eine Ur-Sprache der Schamanen.

Alle legen ihre Hände auf den Tisch. Alle Hände berühren sich an den Daumen oder an den kleinen Fingern. So kann die spirituelle Energie durch Kamlah fließen und er kann Geister, Dämonen, Engel oder aufgestiegenen Meistern seinen Gesprächswunsch auf den Geister-Anrufbeantworter sprechen. Bildlich erklärt.

Heute versucht man, unter anderem, den Wunsch von Marion zu erfüllen, die den Verdacht hat, dass sie vor vielen Leben Kleopatra war. Also sammelt sich Kamlah nach seinen Gebeten für weitere zehn Minuten, bis es seinen Gästen langsam zu ungemütlich wird.

Als der Erste vorsichtig hüstelt, da bricht es spontan aus dem Medium heraus:

HW: Kleopatra! Höre uns an! Ich spüre Deine Anwesenheit im spirituellen Raum! Kleopatra, komme zu uns. Hier sitzt Marion und hat eine Frage.

(Pause)

HW: Kleopatra! Höre uns an! Schenke uns die großzügige Gabe Deiner Anwesenheit!

(Pause)

HW: Ich muss alle bitten, sich mehr zu konzentrieren. Rufen Sie sich das Bild von Kleopatra vor das geistige Auge. Bis jetzt konnten wir ihr Interesse nicht wecken. Bitte, konzentrieren Sie sich!

HW: Kleopatra, ich spüre Deine Anwesenheit! Höre uns an! Erscheine uns! Sprich zu uns! Kleopatra, wir rufen Dich!

FA: (mysteriös) Wer stört meine ewige Ruhe?

HW: Kleopatra, bist Du es, die zu uns spricht?

FA: Ich bin Kleopatra VII. Philadelphus Philopator Philopatris Thea Neotera – die Tochter von Ptolemäus XXII mit dem Namen Auletes. Weil er die Flöte gespielt hat. Aber er war lausig, so viel kann ich euch sagen!

HW: Äh. Ja. Kleopatra, bist Du es, die Julius Cäsar einen Sohn gebar?

FA: Ja, ich bin tatsächlich nach einmal Sex mit dem alten, verklemmten Glatzkopf schwanger geworden. Stell‘ Dir das vor!

HW: Äh, ja. Schön. Kleopatra, wie sollen wir Dich ansprechen? Pharaonin, Göttin, Kaiserin?

FA: Ach was! Wie wäre es denn mit Kleo? Wir müssen hier ja nicht so förmlich sein.

HW: Kleo?

FA: Klar. Klingt doch cool. Wie heißt Du denn?

HW: Äh… Ich? Das ist doch nicht wirklich wichtig… Ich heiße Kamlah.

FA: Kamlah? So heißt doch kein Mensch!

HW: Kleopatra, Beschützerin der weisen Frauen, Meisterin der fleischlichen Lüste und Patronin der Menschen, die in Schriften nach der Weisheit suchen, sage uns: Sind beim Brand der Bibliothek von Alexandria wichtige Werke der Weisheit vernichtet worden?

FA: Bei welchem Brand? Du meinst den Brand, den angeblich Cäsar gelegt hat? Den gab es nicht. Das ist eine Erfindung von Aulus Gellius. Und Du glaubst das wahrscheinlich, weil es in diesem Film vorkommt, der meinen Namen trägt.

HW: Äh. Das war aber so nicht besprochen…

FA: Tja, ist aber trotzdem wahr. Ich wurde auch nicht Cäsar in einen Teppich eingewickelt vor die Haustür geliefert und ich habe auch nicht für Mark Anton nackt getanzt. Ihr Männer macht euch die Geschichten, wie sie euch gefallen. Ihr seid so berechenbar und langweilig!

HW: Äh, Kleo… Kleopatra, wir hätten da einige Fragen an Dich…

FA: Dann schieß los, Markus! Ich werde euch fünf Fragen beantworten, dann muss ich mir noch ein Glas Wein einschenken, das hält ja keiner aus hier in dem Speicher. Da könnte man wirklich ‚mal aufräumen!

HW: Woher kennst Du meinen Taufnamen?

FA: Das willst Du wissen? Na gut: Aus Deinem Familienbuch. Frage Nummer eins.

HW: Oh! Hoppla. Das war so nicht gemeint!

FA: Das sind aber die Spielregeln, tut mir leid. Willst Du noch ‚was wissen?

HW: Kleopatra…

FA: Du sollst doch Kleo zu mir sagen!

HW: Kleo… Unter uns ist unsere Schwester Marion, Du spürst sicher ihre Anwesenheit. Das Orakel der aufgestiegenen Meister hat ihr angedeutet, dass sie ein neuer Leib für Deine alte Seele ist. Kleo, wir fragen Dich: Ist Marion Deine Inkarnation?

FA: Was? Die Schrulle? Niemals! Was bringt die auf die Waage? 50 Kilo? Nein, das ist auf keinen Fall meine Reinkarnation! Welcher dahergelaufene aufgestiegene Meister hat denn so einen Unsinn verzapft?

HW: Es war die Lady Nada. Sie ist eine aufgestiegene Meisterin, die mit Saint-Germain und Erzengel Michael zusammenarbeitet, um die männlichen und weiblichen Energien in der Welt ins Gleichgewicht zu bringen.

FA: Lady Nada? Frag mich ‚mal, ob ich die kenne!

HW: Äh. Muss ich?

FA: Nein, musst Du nicht. Wäre Deine dritte Frage. Aber vielleicht würde es Marion interessieren, die da in der Ecke sitzt und heult!

HW: Kleo, bist Du der aufgestiegenen Meisterin Lady Nada jemals begegnet?

FA: Lieber Markus, liebe Marion! Hier oben, wo ich im Dreck mit einem leeren Glas Rotwein auf euch herunterschaue, gibt es weit und breit keine aufgestiegenen Meister. Nur Umzugskartons und vergessene Bücher.

Weit und breit kein Saint-Germain und der Erzengel Michael hat hier sicher noch nie vorbeigeschaut. Und eine Lady, die den Nachnamen Nichts trägt, gibt es hier schon dreimal nicht! Glaubt bloß nicht jeden Scheiß, den euch der Markus da erzählt!

HW: Äh.. (hüstelt) Kleopatra, wir danken…

FA: Kleo.

HW: Kleo, wir danken Dir für Deine offenen Worte. Reinhold hier, der möchte von Dir in Deiner Funktion als… Dings… äh… wegen dieser fleischlichen Lüste halt. Also, der Reinhold will wissen, ob er bald eine Frau finden wir, die seine sinnlichen Wünsche erfüllt.

FA: Ach, nee. Das will der Reinhold wissen? Ist ja erstaunlich. Reicht ihm seine Ehefrau zu Hause nicht, oder? Läuft’s nicht so in der Kiste, wie er will? Und jetzt sucht er Mitte Vierzig also sinnliche Erfüllung? Na, dann kannst Du Deinem Reinhold von mir ‚was ausrichten: Wenn er sinnliche Erfüllung sucht, dann sollte er selber erst einmal lecker verführerisch aussehen.

Ich will ja hier kein Fat-Shaming machen, aber zwanzig Kilo könnten da lässig runter von den Hüften. Und wenn er sich dann noch öfter duschen würde und sich diese Karikatur eines Drei-Tages-Bartes vom Gesicht kratzt, dann wäre das schon einmal die halbe Miete.

Und dann wäre meine Empfehlung auch noch, dass er abends vielleicht ‚mal den Alkohol lässt. Denn seine Frau, mit der er alle vier Wochen einmal Sex hat, die sucht nämlich auch die “Erfüllung ihrer fleischlichen Wünsche”, das kannst Du aber glauben.

Und zwei Minuten Rein- und Rausspiel ist das sicher nicht!

Habe ich mich deutlich ausgedrückt, Markus? Hier ist auch eine kleine Lektion für Dich versteckt, wenn Du genau auf Kleopatra hörst!

HW: Äh. Also, vielen Dank. Äh, Du warst ja schon zu Lebzeiten bekannt dafür, dass Du eine starke Frau bist. Eine Powerfrau sozusagen. Und deswegen wissen wir, dass wir Deine Worte nicht auf die Goldwaage legen sollten…

FA: Ach, ja! Die starke Frau! Die Powerfrau! Das ist ja das nächste Märchen! Eine Erfindung eurer Hochglanz-Frauenmagazine. Das ist die Frau, die sich treusorgend und mit einem warmen Herzen um die Blagen und den Mann kümmert, als wäre Hausarbeit für sie ein Hobby, oder eine leidenschaftliche Liebe!

Gleichzeitig boxt sie sich aber willensstark und mit kaltem Herzen durch die gnadenlose Berufswelt, die ausschließlich nach den Regeln der Männer funktioniert.

Dabei ist sie aber niemals abgearbeitet oder müde. Nein! Sie schaut dabei noch aus wie eine Femme Fatal und ist allzeit bereit zum Geschlechtsverkehr.

Dann, und nur dann bekommt sie von den Redakteurinnen und Redakteuren das Recht, sich „Powerfrau“ zu nennen. Wenn sie das Doppelte leistet wie ein Mann. Das ist ein Märchen!

Marion und Petra, die ihr da an dem Tisch sitzt: Glaubt das nicht! Scheiß auf Power! Das ist eine Denkkategorie von alten Männern, die bei einer Geisterbeschwörung wegen sexueller Erfüllung anfragen, weil sie in die Midlife-Crisis kommen.

HW: Äh. Hm.. (Off) Das tut mir leid. Ich hatte niemals gedacht, dass Kleopatra so eine…

FA: Ha! Hier ist doch noch ‚was von dem Rotwein! Gut! Ohne Alk hält man den Scheiß hier ja nicht aus! So, Prost Markus! Noch eine bescheuerte Frage für mich?

HW: Äh. Ja. Also, dass die Petra da ist, hast Du ja wahrscheinlich schon gesehen. Und die fragt sehr, sehr vorsichtig an, ob ihr ältester Sohn… also, ob der…

FA: Spuck’s aus, Markus!

HW: Ja, ob der vielleicht… Also, Du hast ja Beziehungen da oben… Also, ob der von einem Dämon besessen ist. Also, vielleicht, oder so ‚was Ähnliches…

FA: Im Ernst? Und Du lässt so eine Frage zu? Wie kommt die denn auf diesen Mist? Hast Du ihr das eingeflüstert? Bist Du von allen guten Geistern verlassen? Von einem Dämon besessen?

Also, ich mach‘ ja diesen esoterischen Scheiß hier nur mit, weil wir ganz gut daran verdienen. Wenn aber dieser Hokuspokus dazu führt, dass wir wieder darüber reden, dass Menschen von Dämonen besessen sind, dann ist der Spaß für mich vorbei!

Ihr mit euren aufgestiegenen Meistern und Beschwörungen! Ihr träumt euch zurück ins Mittelalter, ihr Penner! Da gab es angeblich Magie und Hexen! Und? Was ist mit den Hexen passiert? Waren das angesehene Kräuterkundige, wie es in euren esoterischen Büchern steht?

Nein, das waren ganz normale Frauen, die ‚mal das Maul aufgemacht haben. Und wenn sie zu unbequem wurden, dann hatten sie auf einmal den “bösen Blick”. Oder waren von einem Dämon besessen! Und was hat man dann gemacht? Dann hat man die verbrannt!

Das ist doch kein Spaß! Das ganze Mittelalter war kein Spaß, ihr Lieben! Da wart ihr nicht Könige und Königinnen in euren vergangenen Leben! Die Wahrscheinlichkeit liegt bei 99%, dass ihr Hungerleider wart oder Knechte oder Leibeigene!

Und der Lukas ist auch nicht von einem Dämon besessen! Der gehört halt zur Schwarzen Szene! Was ihr vor dreißig Jahren “Gothic” genannt habt! Ein cooler Haufen ist das!

Aber die glauben den ganzen Scheiß nicht! Lukas will nur anders sein, als ihr Spießer mit euren Reihenhäuschen und den Buchsbäumchen und den selbstgekneteten Familienschildchen aus Salzteig!

Und es ist auch kein Dämon, der für seine schulischen Leistungen verantwortlich ist! Der hat einfach keinen Bock mehr, weil ihn die meisten Mitschüler meiden, weil er ihnen zu intelligent ist. Und weil ihn speziell sein Klassenlehrer mobbt, der übrigens wahrscheinlich ein heimlicher Nazi ist.

Da brauchst Du nur einmal mit Deinem Kind reden, Petra! Da brauchst Du nicht dem Markus 50 Euro ins Sparschwein werfen! Habt ihr mich verstanden?

HW: Ja, Kleopatra, vielen Dank für Deine Worte, in denen sich auf uns unverständliche Weise Wahrheit verbirgt. Wir danken Dir..

FA: Markus, Du Pflaume, hör‘ mir mal zu: Mehr Klartext kann man ja wohl nicht reden! Ich sage Dir noch eines: Diese Veranstaltung hier hört ab jetzt auf! Das wird wieder ein gewöhnliches Kinderzimmer, wenn der Patchouli-Gestank sich gelegt hat.

Haben wir uns verstanden?

HW: Ja, Kleopatra, ich habe Dich verstanden!

FA: Und lass‘ den Kleopatra-Scheiß! Ich bin die Gabi, Deine Frau! Das weißt Du genau!

HW: Oh, Kleopatra, willst Du damit sagen, dass meine Seelenverwandte, meine Frau Gabriele, eine Reinkarnation Deiner Seele ist?

FA: Was? Seelenverwandte? Das ich nicht lache! Einen scheiß’ will ich! Ich bin die Gabi und ich sitze hier auf dem muffigen Speicher, sehe euch durch ein Loch in der Decke und spreche in ein Mikro. Die Lautsprecher sind in allen vier Ecken des Zimmers installiert. Die machen übrigens auch diesen konspirativen Hall-Effekt.

Kann man abschalten. So.

Na, erkennt ihr mich jetzt? Dieser Mist hört hier und heute auf! Du heißt ab jetzt wieder für alle Markus! Reinhold zieht seinen Schwanz ein und Marion gibt keinen Cent mehr für Tarotkarten aus und die Petra redet endlich mit ihrem Sohn!

Und wenn ihr alle schön brav seid, dann bleibt dieses esoterische Geschwurbel hier unter uns. Haben wir uns verstanden?

HW: Ja, Kleopatra…

FA: Halt’s Maul, Markus!

HW: Ja, Gabi.

FA: Schon besser. Ich komm jetzt wieder runter!