Cary Grant


Es gibt eine ganze Gattung von Komödien, die nicht mehr gefilmt werden. Das sind die sogenannten Screwball-Komödien der Dreißiger und Vierziger.

Und kaum einer hat schönere gedreht als Cary Grant. Zeit also, den Lebenslauf und das Werk eines der Idole des klassischen Hollywoods zu betrachten.

Und klar: Filmempfehlungen gibt’s dabei auch!


Download der Episode hier.
Musik: „Pat Do This Pat Do That“ von Robin Grey / CC BY-NC-SA 3.0


 

Skript zur Sendung


Cary Grant war vielleicht der erfolgreichste Schauspieler des Hollywood-Kinos, in der Phase, die man klassisch nennt. In den 30ern und 40ern eben. Er verkörperte auf der Leinwand den Helden, den Liebhaber und auch den Tolpatsch. Immer mit einem kleinen Lächeln um die Lippen, immer mit einer Prise Selbstironie unterwegs.

Die Geschichten, die sich Amerika in dieser Zeit geschrieben hat, sind eigentlich alles Geschichten von Menschen, die am Ende eines Filmes das bekommen, was sie wollen. Das Happy End war Pflicht. Und so können wir entspannt zuschauen, wie sich die Situation im dritten Akt zuspitzt, denn wir wissen, alles wird gut. Ich mag das. Schon, weil das Leben halt nicht so ist.

Die Generation männlicher Helden aus dieser Zeit kann sich sehen lassen. Clark Gable, Humphrey Bogart, Rock Hudson oder James Stewart. Alles Männer, die vor allem eines waren: Souverän. So hat sich Amerika selber gesehen und so mussten seine Helden sein.

Jetzt ist es aber so, dass Cary Grant noch nicht einmal Amerikaner war. Sondern Brite. Geboren in sehr einfachen Verhältnissen in Bristol. Seine Mutter wachte über ihren kleinen Archibald Alec Leach, denn sie hatte schon einen Sohn an die Tuberkulose verloren, das sollte sich nicht wiederholen.

Archie bekommt schon in jungen Jahren Klavierunterricht, lernte tanzen und singen und kommt mit viereinhalb Jahren schon in die Schule und beginnt mit sechs Jahren schon im Theater. Seine frühen Lebensjahre spotten eigentlich jeder Beschreibung. Der Vater war Alkoholiker, die Mutter deppressiv und er praktisch mit neun Jahren schon mit einem kleinen Auskommen selbstständig.

Sein Vater wird im erklären, dass seine Mutter fort ist, auf einem langen Urlaub. Und später wird der die Geschichte noch dramatischer machen, denn bald behauptet er, sie sei tot.

Erst 1931, als der Sohn schon die ersten Erfolge feierte, gestand er auf dem Totenbett, dass sie in Wahrheit in den ganzen Jahren in der geschlossenen Abteilung einer Psychiatrie gelebt hatte.

Archibald Leach verfolgt aber seine Karriere weiter. Seine Karriere als Vaudeville-Künstler. Das Wort Vaudeville liest man immer mal wieder in Biografien, hier erhielten ja auch Stan Laurel oder Charlie Chaplin ihre Ausbildung.

Es ist wichtig zu wissen, dass es diese harte Schule der Körperbeherrschung war, die ihn zu einem Komödianten mit einem sehr präzisen Timing machte. Einer, der athletisch genug war, um gepflegt auf die Nase zu fliegen, ohne sich zu verletzen.

Er lernt also derbe Sketche aufzuführen, als Stand Up einzuspringen, aber auch Stelzenlaufen oder boxen. Schon in Amerika angekommen, wird er durch sein Einradfahren bekannt. Unter dem Spitznamen „Rubber Legs“, also Gummibeine. Kann man sich schon vorstellen, finde ich.

Schnell hat man sein Potential erkannt. Nicht nur, dass er gut ausgebildet war, sondern er hatte auch so einen fancy English Accent. Und er sah einfach auch sagenhaft gut aus. Also startet er eher in der romantischen Ecke des Business, aber es kommt nicht zum richtigen Durchbruch.

Das ist auch ein wichtiger Teil des Mythos: Cary Grant hatte als Schauspieler am Anfang ganz schön zu beissen. Das ist wichtig, damit wir ihm den Erfolg später gönnen. Der Grundmythos des Kapitalismus ist es ja, dass man immer nur fleißig sein muss, dann stellt sich der Erfolg schon ein…

1931 bezieht er mit Randolph Scott ein Haus und die beiden blieben zehn Jahre in ihrer WG gemeinsam. Randolph Scott war seines Zeichens selber Hollywoodstar, aber seine Abenteuerfilme sind nicht ganz so gut gealtert. Oder wer kennt denn „Goldschmuggel nach Virginia, Die Freibeuterin, Fahrkarte ins Jenseits, Um Kopf und Kragen oder Sacramento“.

Natürlich gab es schnell Gerüchte um die beiden. Die sind so hübsch, die wohnen zusammen, na klar: Die sind schwul. Sie begründeten die Wohngemeinschaft zuerst mit Gründen der Sparsamkeit, geizig waren wohl beide ein bisschen. Starben auch beide furchtbar reich.

Ansonsten kamen sie beide nicht aus dem Wandschrank, wie man im Englischen zum Coming Out sagt. Ein Leben lang nicht. Vielmehr machten die beiden sich bald einen Spaß draus und veröffentlichten Bilder, wie sie sich am Pool gegenseitig abtrockneten oder mit freiem Oberkörper am Strand joggten.

Randolph gewöhnte sich bald an, Cary in der Öffentlichkeit immer mit „Meine Gattin“ anzusprechen. Und fragte man diesen, warum das denn so sei, meinte er nur, das liege daran, dass er eben Frauenuntwerwäsche bevorzöge.

Die Frage wird sich nicht beantworten lassen, im Falle von Cary Grant können wir davon ausgehen, dass er bisexuell war, denn als er die reichste Frau Amerikas heiratet, ist es mit der Männer-WG vorbei.

Den wirklichen Durchbruch für Cary Grant wurde dann die sogenannte Screwball-Komödie. Ein Screwball ist ein Ausdruck aus dem Baseball und bezeichnet einen Wurf mit unberechenbarer Flugbahn. Umgangssprachlich bezeichnet man damit einen schrulligen Menschen oder zumindest einen auffälligen.

Diese Filme zeichnen sich dadurch aus, dass zumindestens einer der Charaktere eben etwas schrullig ist. Und dass sich die beiden Hauptfiguren in einer Tour belabern. Auffallend ist auch, dass sie nie unter Geldnot leiden und eigentlich über grenzenlose Freizeit verfügen.

Und mit einer Screwball-Komödie aus dem Jahre 1937 ist es dann soweit: Cary Grant hat seine Filmpersönlichkeit fertig entwickelt. Es ist diese zeitlose, ein bisschen schlaksige Eleganz in seinen maßgeschneiderten Zweireihern. Kontrastiert von feinsinnig inszenierten Slapstickeinlagen und die Möglichkeit mit seinem hübschen Gesicht aus ausgesprochen doof zu kucken.

Die Screwball-Komödien leben von einem ungleichen Paar, die sich anderthalb Stunden streiten, bis es nicht unbedingt zum Happy End kommt, aber doch zum Waffenstillstand. Darum braucht es als männlichen Anagonisten jemanden, der die Partnerin an seiner Seite auch mit trägt und in der Lage ist, sie ernst zu nehmen. Das konnte Cary Grant perfekt.

Und so wird „The Awful Truth“ – Die schreckliche Wahrheit an der Seite von Irene Dunne ein großer Erfolg. Er handelt von einem Paar, das sich eigentlich gerade scheiden lässt, aber doch viel Zeit und Aufwand inverstiert, dem jeweils anderen jegliches romantische Abenteuerchen zu versauen.

Der Regisseur dieses Streifens, Leo MacCarey war vom Erfolg der kleinen Komödie echt überrascht. Noch mit dem Oscar in der Hand glaubte er, das muss ein Versehen sein, sein anderer Film vom gleichen Jahr, „Kein Platz für Eltern“ sei viel besser.

Cary Grant sollte noch zweimal mit Irene Dunne vor der Kamera stehen, aber ich möchte noch zwei andere Filme vorstellen. Zuvorderst den meiner Meinung nach besten Screwball-Film überhaupt. „Bringing Up Baby“ oder „Leoparden küsst man nicht“.

Mit Katherine Hepburn ist Grant in diesem Film an eine Partnerin geraten, die ihm nicht nur komplett gewachsen ist, sondern im sogar oft die Show stiehlt. Was gut für den Film ist und gut für uns beim Zukucken.

Ich habe hier einen kleinen Schnipsel aus dem englischen Original, damit man mal eine Ahnung vom Tempo des Dialogs bekommt. Schön auch den britischen Akzent von Cary Grant zu entdecken, der ihn noch ein bisschen kapriziöser zeichnet. Als das die hässliche Hornbrille alleine könnte.

Schön auch, hier zu hören, wie die beiden sich unterbrechen. Das war eine ziemlich neue Technik, bis dahin sagte erst brav der eine Schauspieler seinen Text, dann der andere.

Der Film hätte es übrigens damals um ein Haar nicht durch die Zensur geschafft, welche Stellen da aber eventuell schlüpfrige sein sollten, erschließt sich mir nicht ganz.

Bei den Previews waren die Zuseher von „Bringing Up Baby“ begeistert und man rechnete mit einem weiteren Erfolg für Howard Hawks. Aber aus irgendeinem Grund floppte der Film grandios und spielte nur 700.000 Dollar ein. Das hat selbst 1937 aber nicht zur Finanzierung gereicht.

Damit war auch der Grundstein gelegt für den Ruf der Hepburn als Kassengift, sie zog sich mehrere Jahre zum Broadway zurück. Hawks selber flog wegen der Pleite bei RKO raus und musste zur Columbia wechseln.

Erst zwanzig Jahre später fand der Film ein Publikum und wurde zu dem, was er heute ist: Der Höhepunkt der Screwball-Komödie nämlich.

Aus dieser Gattung möchte ich dann noch einen Film vorstellen, der weit weniger bekannt ist. Und das ist „Sein Mädchen für besondere Fälle“ – sorry für den sexistischen Titel aus den Fünfzigern. Das Original heißt eigentlich „His Girl Friday“

Hier ist das Tempo noch einmal höher, angeblich fallen da zweihundertvierzig Wörter die Minute im Vergleich zu den neunzig, die für Filme der Durchschnitt sind. Glaubt ihr nicht?

In diesem Film möchte der Verleger und Reporter Walter Burns, gespielt von Cary Grant, das Herz seiner Ex wieder erobern. Und die wird gespielt von Rosalind Russell und sollte ihr bei weitem erfolgreichster Film werden. Beide, Russell und Grant waren übrigens nicht an Studios gebunden, sondern konnten sich ihre Rollen selber raussuchen. Was eher ungewöhnlich war.

Das Genre Screwball war aber schnell verbrannt. In Zeiten des Krieges hatten Frauen wieder die Klappe zu halten und Männer wieder zu kämpfen. Und ich finde, nach dem Krieg hatte Grant nicht mehr so richtig das Händchen, um Filme auszuwählen.

Bei uns bekannt ist noch „Ich war eine männliche Kriegsbraut“. Vielleicht, weil wir Grant da in Frauenklamotten sehen dürfen, das ist ja anscheinend immer witzig. Oder aber vielleicht, weil er in Deutschland spielt und man 1949 eben noch genau erkennen kann, dass das Land so richtig kaputt war.

Noch zu erwähnen ist dann natürlich „North by Northwest“, bei uns „Der unsichtbare Dritte“ ein Hitchcock-Klassiker, wo wir Grant auf einmal als gar nicht mehr so souverän und überlegen erleben dürfen.

Aber es gibt da noch einen Lieblingsfilm von mir, der zwar unbedeutend ist, aber den ich sehr mag. Ein bisschen ein guilty pleasure. Und meiner Meinung nach der beste Tony-Curtis-Film. Die Rede ist von „Unternehmen Petticoat“.

Das ist eine Kriegskomödie aus dem Jahre 1959. Sie erzählt die Geschichte des U-Boots USS Sea Tiger und den bizarren und komischen Dingen, die ihm so zugestoßen sind.

Für mich war es völlig verblüffend, dass man vom Krieg auch anders berichten konnte, als nur in düsteren und blutigen Bildern. Kriegskomödie war mir ein völlig unverständliches Konzept. Wenn in meiner Kindheit und Jugend alte Männer tolle Dinge vom Krieg erzählt haben, dann hatten sie auch immer die passende Gesinnung. Landser-Romantik nannte man das wohl und es war in keinster Weise witzig.

Unser Archibald Leach aus Bristol ist 1959 schon ein reifer Mann und er spielt den Kapitän des rosafarbenen U-Boots. Der ganze Film ist auf ihn hin konstruiert und meistens lachen wir wegen der Verblüffung in den Zügen von Cary Grant.

Ich kann mir kaum jemanden vorstellen, der das außer ihm hätte wuppen können. Und sogar Tony Curtis brilliert hier, weil er mit Grant jemanden hat, gegen den er anspielen kann. Sei euch wärmstens ans Herz gelegt.

Mit 62 Jahren beschließt Grant, sich vom Filmgeschäft zurück zu ziehen. Offiziell nennt er da die Erziehung seiner Tochter Jennifer, für die er mehr Zeit haben möchte. Inoffiziell ist er mit den Rollen, die ihm angeboten werden, aber auch zunehmend unzufrieden.

Er ging schon in den Dreißigern schon so intellegent mit seinem Geld um, dass er Zeit seiner Karriere wahrscheinlich einer der reichsten Schauspieler Hollywoods war.

Sterben sollte er am 29. November 1986, im Alter von 82 Jahren. Er erlitt in einem Hotel einen schlimmen Schlaganfall, den er auch nicht mehr behandelt haben wollte.

Während seiner Zeit als Schauspieler in Hollywood zwischen 1932 und 1966 hat er 76 Filme gedreht. 1999 hat ihn das American Film Institute zum zweitwichtigsten männlichen Hauptdarsteller in der Geschichte Hollywoods ernannt – hinter Humphrey Bogart.

Zweimal wurde er für den Oskar nominiert, 1941 für „Akkorde der Liebe“ – „Penny Serenade“ und 1944 für „None But the Lonely Heart“ hat keinen deutschen Titel. Stand wahrscheinlich in Deutschland kein Kino mehr.

Beides Mal hat er den Oscar nicht gewonnen.

Ach: Und ja, ich weiß, ich haber „Arsen und Spitzenhäubchen“ vergessen.

eine antwort auf “Cary Grant”

  1. „Unternehmen Petticoat“ auch einer meiner Lieblingsfilme, war in der 3 Programme Zeit auch jedes Jahr um Weihnachten irgendwo zu sehen. Vielleicht gönne ich mir den mals als DVD, zum Streamen habe ich ihn jedenfalls nirgends gefunden. Ein Wiedersehen mit „Funker Hornsby“ wäre echt mal wieder schön.

Kommentarfunktion geschlossen.