Captain Taifun



Superhelden gibt es schon fast hundert Jahre und in dieser Zeit haben sich bestimmte Verhaltensrichtlinien kristallisiert. Wenn der Held oder die Heldin die oder den Bösewicht stellt, gerne im Labor, dann hat letzterer die Chance, in einem langen Monolog, all jene Dinge zu erläutern, für die das Budget nicht gereicht hat.

Doch dieses Mal, denkt sich Captain Plasma, hat der Bösewicht einige stichhaltige Argumente…


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Musiktitel: „SuperHero“ von Adam Tyler / CC BY-NC-SA 3.0


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Die Geschichte zum Lesen

„Und das, sehr geehrte Captain Taifun, ist der Grund, warum Du verlieren wirst. Denn es ist nicht so, dass ich ein tyrannischer Größenwahnsinniger bin wie in einem schlechten Comic aus den Fünfzigern. Ich strebe nicht nach der Weltherrschaft. Hast Du mich verstanden?“

„Ich weigere mich, Ihnen hier Rede und Antwort zu stehen, Doktor Bösewicht! Sie halten mich hier gegen meinen Willen fest und wollen die gesamte Menschheit mit einer Krankheit infizieren, wenn ich das richtig verstanden habe. Ich werde das verhindern! Denn ich setze mich mit all meiner Kraft für das Wahre und Gute ein! Denn mit großer Kraft kommt auch große…“

„Sag‘ es nicht! Sag‘ es bloß nicht! Ich könnte es nicht ertragen, wenn eine richtige Superheldin aus Fleisch und Blut platte Banalitäten aus einem Superheldenfilm wiederkäut. Und dann auch noch aus Spiderman mit Tobey Mcguire! Sag‘ mal, Captain Taifun, hast Du überhaupt ein Wort verstanden, von dem, was ich hier gesagt habe?“

„Äh. Na ja, ich war ein bisschen abgelenkt, weil ich versucht habe, mich von den Fesseln hier zu befreien, aber die Legierung, die Du verwendest, muss meine Superkräfte ausgeschaltet haben.“

„Die Legierung? Die Handschellen kosten auf Amazon 20 Euro, stell‘ Dich nicht so an! Willst Du echt behaupten, ich habe meinen Vortrag hier völlig für die Katz gehalten?“
„Wie? Ist ‚Die Katz‘ auch hier gefangen?“

„Oh, mein Gott. Ich bin nur von Idioten umgeben. Ich würde mir echt wünschen, die Realität wäre mehr wie ein James-Bond-Film und weniger wie ein Marvel-Superheldenfilm!“

„Weil ich eine Frau bin, stimmt’s? Chauvi!“

„Unsinn!“

„Weil mein Vater aus Ghana ist?“

„Quatsch!“

„Weil Du meine Geheimidentität nicht kennst?“

„Nein, weil Du strohdoof bist!“

„Was? (Überlegt) Aber stark! Ich bin sehr stark!“

„Schön. Und? Was hat es Dir soweit gebracht?“

„Und ich bin auch gerissen! Ich habe Sie dazu gebracht, stundenlang zu monologisieren. Das hat meinen Freunden Zeit gegeben, mich zu finden. Die kommen dann, um mich zu befreien und dann können Sie ihre finsteren Pläne vergessen!“

„Ach, Du hast Freunde? Im Ernst?“

„Na ja…“

„Dachte ich mir doch. Und von was für finsteren Plänen redest Du eigentlich? Ich habe hier eine Stunde lang erklärt, warum ich das hier mache. Hast Du gar nichts mitbekommen?“

„Wenig. Irgendetwas mit Viren und Wetterballons. Sie wollen alle Menschen infizieren, so viel ist mir klar. Und das kann ja nicht gut sein, oder? Wenn jemand in einem Labor steht, einen Kittel anhat und plant, alle Menschen krank zu machen, dann kann man als Superheldin doch den berechtigten Verdacht haben, dass es sich um einen Bösewicht handelt, oder?“

„Darum habe ich das hier alles ja auch haarklein erklärt! Soll ich jetzt ganz von vorne anfangen? Das ist ein bisschen viel verlangt. Ich mach‘ einfach weiter. Mach’s gut, Captain Taifun. Am Ende wirst Du mir dankbar sein!“

„Halt! Nein! Sie… Sie können mich doch nicht einfach hier liegen lassen!“

„Warum nicht? Ist es unbequem auf meiner Couch?“

„Nein, aber… Vielleicht könnten Sie mir doch noch einmal die finsteren Pläne erklären? Ich… Also… Ich verspreche, ich passe dieses Mal auf!“

„Na gut. Damit Du kapierst, das ich kein Bösewicht bin. Vielleicht kann ich die Handschellen dann ja abmachen, denn das ist ja Freiheitsberaubung. Ich will mir eigentlich nichts zu schulden kommen lassen. Aber wirklich aufpassen dieses Mal!“

„Versprochen!“

„Also. Ich bin von Beruf Genforscher. Ich habe für eine große Pharmafirma gearbeitet, deren Namen ich hier nicht nennen will. Mein Team und ich haben über das Altern des Menschen geforscht. Warum Menschen alt werden und sterben. Kannst Du mir folgen, Captain Taifun?“

„Ja. Schon. Und? Warum werden Menschen alt und sterben?“

„Gute Frage. Im Prinzip liegt das daran, dass der Körper irgendwann aufhört, die DNA wieder zu reparieren. Wenn man jung ist, dann wird die immer wieder korrigiert, ab einem gewissen Alter nicht mehr. Dann entstehen beim Kopieren immer mehr Fehler, bis die Telomere alle sind und dann stirbt man. Okay?“

„Okay.“

„Gut. Kurz gesagt, wir haben entdeckt, wie man das ändert. Es ist so einfach, dass es unglaublich ist: Es ist ein einziges Chromosom, dass man wieder anschalten muss und dann hört das Altern auf. Dann bleibt man ein Leben lang zwischen 24 und 28 Jahre alt und stirbt nicht.“

„Man stirbt nicht?“

„Man stirbt nicht an intrinsischen Phänomenen.“

„Also stirbt man doch.“

„Schon. Aber nicht mehr an Krankheiten. Nicht an Krebs oder Gefäßerkrankungen. Und man altert nicht. Keine Falten, keine Gliederschmerzen, kein Alzheimer, kein Parkinson. Alles mit einem Gen ausgeschaltet.“

„Aber man stirbt trotzdem?“

„Ja, klar. An Unfällen. Auto, Flugzeug, Ausrutscher in der Badewanne, Spiritus beim Grillen, solche extrinsischen Dinge halt. Laut unseren Berechnungen werden die Menschen dann durchschnittlich 9000 Jahre alt.“

„Und das wollen die Leute?“

„Ich glaube schon. Findest Du nicht auch, dass 80 Jahre ein bisschen wenig ist?“

„Hm. Aber was ist dann mit dem Platz auf der Erde? Wir sind ja jetzt schon so viele!“

„Das ist ein guter Gedanke! Du bist ja doch vielleicht nicht blöde! Aber ich finde, dieses Problem sollten die Menschen selber lösen. Ich denke, dass für viele Menschen, die Kinder nur als Alterssicherung bekommen, die Vermehrung nicht mehr so attraktiv ist. Aber klar müssen wir das regulieren. Doch das ist nicht das Problem.“

„Sondern, was ist denn das Problem?“

„Das Problem ist unsere Gesellschaft.“

„Aha! Sie sind ein Feind der demokratischen Grundordnung! Sie wollen mit ihrem Wissen um das Altern zum Herrscher der Welt werden! Stimmt’s? Hab ich mir doch gleich gedacht! Na warte, Bürschchen, wenn ich aus diesen Handschellen raus bin!“

„Nein, ich finde Demokratie völlig in Ordnung! Und ich will nur meine Ruhe! Darum erkläre ich Dir diesen Mist ja! Ich bin sozusagen das Gegenteil von kriminell.“

„Was ist dann das Problem an unserer Gesellschaft?“

„Der Kapitalismus. Ich habe das ja alles für eine Pharmafirma erforscht, hatte ich ja erzählt, Du erinnerst Dich, oder?“

„Klar. Klar. Und?“

„Wenn ich denen meine Ergebnisse zeige, was werden die wohl machen?“

„Die vermarkten? Eine Jungbrunnen-Pille entwickeln?“

„Genau. Das werden die machen. Und wie teuer wird die wohl sein? Was meinst Du? Wie viel Geld dürfen denn so 9000 Lebensjahre extra kosten?“

„Keine Ahnung. Viel Geld?“

„Genau! Du kommst mir immer schlauer und schlauer vor. Jetzt haben wir’s auch bald geschafft! Und? Wie viele Menschen haben viel Geld?“

„Ich sage einmal: Nur wenige. Stimmt das ungefähr?“

„Eigentlich ist es egal, wie wenige Menschen sich das leisten können. Um maximal Geld zu verdienen wird man meine Entdeckung teuer machen und verknappen. Nur die Reichen werden ewig leben und die Armen werden weiter normal verrecken.“

„Das ist aber ungerecht!“

„Ja, Captain Taifun, Kapitalismus ist ungerecht. Willkommen beim logischen Denken! Macht’s Spass soweit?“

„Ich weiß noch nicht…“

„Ich bin ein Superbösewicht, weil ich meiner Firma meine Erfindung geklaut habe. Ich habe den Chromosomenumschalter in Rhinoviren gebaut. Die habe ich in Wetterballons gesteckt, die um die ganze Welt treiben werden. Diesen Winter bekommen alle Menschen einen schlimmen Schnupfen. Mit Fieber und mit richtig schlimmen Muskelschmerzen. Aber nach zwei Tagen ist alles vorbei und keiner wird mehr biologisch älter als maximal 28 Jahre. Das mache ich, damit es nicht zu Revolutionen und Kriegen und sozialen Ungerechtigkeiten kommt. Wie findest Du das?“

„Also, auf das erste Anhören klingt das schon recht überzeugend. Aber ich weiß, dass irgendwo ein Haken sein muss!“

„Warum?“

„Weil ich eine Superheldin bin und Sie ein Superbösewicht!“

„Ihr Superhelden seid aber das eigentliche Problem. Jetzt, wo Du gerade Deine Hirnzellen zum ersten Mal zum logischen Denken benutzt, kann ich’s Dir ja sagen: Superhelden und -heldinnen sind dazu da, den Status Quo zu betonieren! Sie sind die Wachhunde des gesellschaftlichen Ist-Zustands. Sie sind Anti-Revolutionäre. Ihr Superhelden und Superheldinnen steht dem gesellschaftlichen Fortschritt im Weg. Eure Heldengeschichten sind nur dazu da, die Menschen von der Politik abzulenken!

Während Superman ein Hundebaby aus einem brennenden Haus fliegt, verscheuert das CIA Crack an Jugendliche. Batman jagt einen maskierten Bankräuber, während die Ölindustrie den Klimawandel als Greuelpropaganda verkauft.

Aber das wird sich ändern! Wenn die Menschen erst einmal 9000 Jahre alt werden, dann werden sie sich um das Klima ganz andere Gedanken machen, weil sie ja selber die Konsequenzen auszubaden haben.“

„Hm. Ich muss sagen, das leuchtet mir alles ein. Sogar ihr Plan, Herr Bösewicht.“

„Schon, gell? Oder? Ich habe lange darüber nachgedacht, ob das unlogisch ist, was ich da mache, aber ich glaube, ich muss das tun. Und nenne mich doch bitte nicht ‚Bösewicht‘, wenn es geht. Ich bin der Harald.“

„Ach? Mein Vetter heißt auch Harald. Angenehm. Ich bin die Annegret. Annegret Reichert.“

„Auch angenehm. Ich denke, Dein Vater ist aus Ghana.“

„Ja. War der Jakob. Jakob Reichert. Wieso?“

„Nur so, interessanter Name. Kaffeechen?“

„Wäre nett.“

„Milch und Zucker?“

„Ja, gerne. Zwei Löffel.“

„Und? Ein Plunderteilchen dazu?“

„Was gibt es denn?“

„Zimtfächer hätte ich. Ist so wie Franzbrötchen.“

„Och, das wäre nett. Aber, also… Könnten wir das mit den Handschellen…“

„Wie? Ach so, klar! Tut mir leid! War nur so eine Vorsichtsmaßnahme. Sollte ja nicht alles auf den letzten Metern noch schiefgehen, oder? Du verstehst…“

„Na klar. Tut mir übrigens leid, dass ich am Anfang nicht so richtig aufgepasst habe. Ich bin ja selber recht neu im Superheldengewerbe. Ich habe das mit den Wirbelstürmen erst neulich zufällig rausbekommen. Ist ja keine Eigenschaft, die ich in meinem Job bei der Bank am Schalter gebraucht hätte, weißt Du, Harald…“

„Ja, wegen dieser Wirbelstürme, gut dass Du da noch einmal draufkommst: Eigentlich könnten wir die Wetterballons mit den Schnupfenviren auf diese Art noch viel schneller an die Nasen der Menschen bringen, oder?“

„Das ist ja eine ausgezeichnete Idee!“

„Also, wenn es Dir nichts ausmacht, mir ein bisschen zur Hand zu gehen…“

„Nein, da würde ich gerne aushelfen, ich habe bloß um fünf Uhr dann einen Termin bei der Krankengymnastin.“

„Ach? Hoffentlich nichts Ernstes?“

„Nein, nur ein kleine Verstauchung. Manchmal, wenn ich mich selber in so einen Wirbelsturm verheddere, dann kann es sein, dass ich so unglückliche Bewegungen mache und – man ist ja auch nicht mehr die Jüngste, Sie verstehen…“

„Eigentlich waren wir ja schon per Du, oder?“

„Stimmt. Na ja. Sie haben mich geduzt und Du hast mich gesiezt. Oder andersrum.“

„Ich würde das mit den Ballons und den Viren schnell noch zu Ende machen, dann kann ich Dich in die Krankengymnastik fahren. Ok?“

(Ins Off)