Brenda oder David?


Die konservativen Kräfte in Deutschland haben das Gerede um das sogenannten „Gender Mainstreaming“ einfach satt. Ihnen wäre am liebsten, es gäbe nur hundertprozentige Männer und hundertprozentige Frauen. Und ein Chromosomentest belegt das. Punkt!

Weitere Diskussion ist dann nicht nötig. Männer sind vom Mars und Frauen von der Venus! Damit wäre das abgefrühstückt. Und die bekannte Geschichte von David Reimer ist für sie ein eindeutiger Beleg dafür.

Wenn man sich aber genauer anschaut, was die Geschichte vom „Jungen, der als Mädchen aufwuchs“ eigentlich bedeutet, dann muss man eigentlich exakt auf die gegenteilige Meinung kommen.


Video: „The Boy Who Was Turned Into a Girl
Musik: „David’s piano“ von FABIO MOCERA / CC BY-SA 3.0
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Skript zur Sendung


Das Wort „Gender“ alleine ist ja vielen Konservativen schon ein Gräuel an sich. Da haben einige wohl, wenn sie das hören, beinahe sowas wie Kastrationsängste. Und irgendwie ist es zu einer Art Kampfbegriff verkommen. Und zwar auf beiden Seiten.

Wir verwenden das hier meistens, wenn wir zum Beispiel über Kinderbücher reden. Die sind gegendert, sagen wir. Das bedeutet, es gibt im Buchladen eine Ecke, wo die Jungsbücher sind und eine Ecke für die Mädchen.

Auf der einen Seite winken Piraten und Ritter und Abenteurer auf blauem Grund und auf der anderen Seite blitzt und blinkt es pink und rosa, weil da die Prinzessinnen und Feen wohnen.

Und das Problem ist dabei natürlich, dass hier von kleinauf schon bestimmte traditionelle Rollenbilder gefestigt werden. So bekommt man halt keine Piratinnen oder Prinzen in der Gesellschaft. Und für alle Verhaltensformen, die zwischen diesen beiden Extremen liegen, gibt es keinen Platz.

Gender könnte man ins Deutsche übersetzen mit dem „sozialen Geschlecht“. Und „Sex“ heißt im Englischen eben nicht nur Geschlechtsverkehr, sondern das wäre dann das biologische Geschlecht.

Gender Mainstreaming, das, was die Konservativen so verabscheuen, ist also eigentlich nur der Versuch, dass alle Geschlechter in allen Bereichen der Gesellschaft auch gleichgestellt sind. Das kann man natürlich nur begrüßen. Auch wir versuchen hier eine geschlechterneutrale Sprache, aber das ist zumindest für mich nach 50 Jahren Prägung gar nicht so leicht. Der Herr Wunderlich macht das deutlich besser finde ich!

Aber eigentlich wollte ich da nicht zu sehr ins Detail gehen. Das ist sicher der Stoff für mehrere eigene Sendungen. Wenn wir die Begriffe ganz extrem auslegen, dann können wir zwei Pole in der Diskussion ausmachen.

Der Genderpol würde dann behaupten, unser Geschlecht ist nur sozial geprägt. Nur unser Umfeld und unsere Erziehung machen aus uns Mann oder Frau. Oder alles dazwischen.

Der Sexpol würde dann behaupten, unser Geschlecht ist biologisch geprägt. Nur die Gene und deren Ausprägung machen aus uns Mann oder Frau. Oder alles dazwischen.

Wenn man das so zuspitzt, dann kommt mir das irgendwie sehr bekannt vor. Kann es sein, dass wir das in Wirklichkeit seit 50 Jahren diskutieren? Ist „Der kleine Unterschied“ von Alice Schwarzer aus den Siebzigern nicht schon ein Werk, dass die soziale Ausprägung für die entscheidende hält?

Und gab es da nicht dieses Buch: „Mann und Junge, Frau und Mädchen“ von einem Dr. Money? Das sollten wir uns vielleicht einmal genauer anschauen. Denn das basiert auf einer wahren und wirklich tragischen Geschichte. Und die wird gerne gegen das „Gender“ ins Feld geführt.

Die Geschichte beginnt mit der Geburt von gesunden Zwillingen. Eineiige Zwillinge, zwei kleine Menschen mit einem X- und einem Y-Chromosom. Zwei Jungs. Jahrgang 1965, wie ich.

Den beiden Reimer-Babys fehlt soweit nichts. Bruce und Brian sollen sie heißen. Nur beim Wasserlassen haben sie Probleme. Ihre Vorhaut ist verengt. Eine Phimose. Keine seltene Sache, keine aufregende Sache. Im Amerika der Sechziger war es sowieso üblich, Jungs zu beschneiden. Man glaubte, das ist hygienischer.

Bei einem der beiden Buben läuft aber etwas falsch. Statt einem Skalpell verwendet der Operateur eine elektrische Nadel. Warum auch immer. Es kommt dabei zu einem Unfall. Dem sechs Monate alten Bruce werden Penis und Hoden schwer verbrannt.

Heute könnte man da durchaus etwas machen, aber 1966 war die plastische Chirurgie noch nicht soweit. Und die Eltern konnten sich nicht vorstellen, dass ein Junge ohne Penis ein glückliches Leben würde führen können.

Sie waren verzweifelt und suchten ärztliche Hilfe für ihren Sohn. Als sie eines Abends vor dem Fernseher sitzen, tritt in einer Talk-Show Dr. John Money auf. Ein Psychologe von der berühmten John-Hopkins-Universität in Baltimore.

Der ist ein vehementer Verfechter des Behaviourismus. Oder eben ein extremer Verfechter des Genders. Geschlecht ist nur sozial geprägt. Dr. John Money ist sogar der Mensch, dem wir diesen Ausdruck „Gender“ für das soziale Geschlecht im Unterschied zu „Sex“ hauptsächlich verdanken.

Die Reimers werden mit ihrem Bruce bei ihm vorstellig. Und Dr. Money ahnt da eine große Chance, seine Theorien belegen zu können. In langen Gesprächen überzeugt er die jungen Eltern, es wäre für Bruce das Beste, ihn als Mädchen zu erziehen.

Für ihn wäre das die denkbar beste Möglichkeit, zu beweisen, dass das Erbgut keinerlei Rolle spielt. Denn sein Brüderchen Brian würde als Junge aufwachsen. Und beide haben ja haargenau das gleiche genetische Erbe.

Würde aus Bruce ein glückliches Mädchen, dann wäre ein für allemal bewiesen, dass unsere Geschlechterrollen nichts, aber auch gar nichts mit Vererbung zu tun haben.

Als er den Eltern zusichert, die Universität würde für alle Kosten aufkommen, auf operativem Weg ein Mädchen aus Bruce zu machen, ist das Eis endgültig gebrochen.

Mit 21 Monaten wird eine OP durchgeführt, bei der der restliche Hoden entfernt und eine rudimentäre Vagina angelegt wird. Bruce heißt ab jetzt Brenda. In der Pubertät würden dann weitere Operationen durchgeführt werden. Und eine Hormontherapie würde sicherstellen, dass Brenda eine ganz normale, glckliche junge Frau wird.

Ganz klar ist natürlich auch, dass Brenda nie von dieser OP erfahren dürfte! Ihr musste immer erzählt werden, sie wäre ein ganz normales Mädchen, wenn sie später Fragen zu stellen beginnen würde.

Das ist natürlich sehr fragwürdig. Aber ich finde, bei diesen Aussichten kann man den besorgten Eltern wenig Vorwürfe machen. „Ihr Kind wird dadurch glücklicher“ würde auch mich von einigen Dingen überzeugen.

Einmal im Jahr besuchen Brenda und Brian dann Dr. Money und er führt mit den beiden lange Interviews und Gespräche. Als die beiden sieben Jahre alt sind, ist sich der Psychologe sicher, dass sein Experiment ein voller Erfolg ist.

Er schreibt oben erwähntes Buch „Man and Boy, Woman and Girl“. Aus Brenda und Brian macht er in diesem Werk John und Joan. Und beschreibt dabei Brenda als glückliches, ausgeglichenes und völlig normales junges Mädchen.

Das Buch wird ein Riesenerfolg in wissenschaftlichen Kreisen. Es wird zu einem Standardwerk an den Universitäten und ist zum Teil heute noch in einigen Staaten der USA Teil der Ausbildung.

Auch Alice Schwarzer liest das Buch und verweist darauf. Wie John Money schreibt auch sie, wörtlich: „…dass die Gebärfähigkeit auch der einzige Unterschied ist, der zwischen Mann und Frau bleibt. Alles andere ist künstlich aufgesetzt.“

Sie würdigt John Money als einen der wenigen Forscher, die nicht manipulativ zu Werke gehen würden, sondern dem aufklärenden Charakter der Forschung gerecht werden. Zitatende.

Sie konnte ja auch nicht wissen, dass leider das Gegenteil der Fall ist. Als nämlich Brenda in die Pubertät kommt, ist sie in keinster Weise damit zufrieden, eine Frau zu werden.

Sie hat in der Schule dauernd Probleme, eckt bei den meisten Lehrern an. Sie ist in Prügeleien verwickelt und trägt an ihrer High School den Spitznamen „Cave-Woman“ – die Höhlenfrau. Sie weigert sich irgendwann, überhaupt noch in die Schule zu gehen.

Das entgeht natürlich auch dem mittlerweile berühmten John Money nicht. Er führt immer längere Gespräche mit den beiden Kindern und wird ungeduldig. Er schreit Brian und Brenda an. Er zeigt ihnen Fotos von erwachsenen Geschlechtsteilen und vom Geschlechtsverkehr.

In einer Sitzung geht er soweit, dass sich die beiden ausziehen sollen und zwingt sie, sich in eindeutig sexuelle Positionen auf die Couch zu legen.

Den Eltern dürfen die beiden nicht berichten, was an der Universität mit ihnen gemacht wird. Sie werden das erst Jahre später erfahren. Aber mit 14 Jahren ist für Brenda Schluss. Sie weigert sich standhaft, Dr. John Money jemals wiederzusehen. Lieber würde sie sich umbringen!

Da gestehen die Eltern ihrem verzweifelten Kind endlich die Wahrheit. Das war sicher keine leichte Angelegenheit.

Brenda oder Bruce ist erleichtert. Sie ändert ihren Namen in David und lässt die weiblichen Hormone weg. Er trägt keine Frauenkleidung mehr, lässt sich die Brüste entfernen, nimmt Teststeron und bekommt einen Penis.

Als Erwachsener wird er heiraten und die Kinder seiner Frau adoptieren, eigene zeugen kann er nicht. So weit führt er ein normales Leben und versucht die traumatischen Erlebnisse, so gut es geht, zu verdrängen.

Im Jahre 1997 erfährt er dann, dass sich John Money immer noch für seine erfolgreichen Experimente feiern lässt und als Koryphäe im Bereich der Geschlechterforschung gilt.

Er wendet sich an Journalisten. Die BBC macht mit ihm und allen Beteiligten die berühmt gewordenen Doku „Der Junge, der als Mädchen aufwuchs“. Und, im gleichen Jahr, 2000, ein dazugehöriges Buch gleich mit. Heißt auf Englisch „The Boy Who Was Turned Into a Girl“ und ist auf Dailymotion in leider schlechter Qualität zu sehen. Link auf der Website.

Es ist zum Teil wirklich herzzerreißend, speziell die Interviews mit der Mutter, die sich wirklich schwere Vorwürfe machte. Alle versuchen, das Geschehene aufzuarbeiten. Aber das ist eigentlich nicht möglich. Keiner wirkt wirklich glücklich. Weder Eltern noch die beiden Söhne.

 

Natürlich ist diese Dokumentation keine wissenschaftliche Arbeit, aber sie zeigt gut, welche Mühen sich Dr. Money gemacht hat, alle negativen Berichte von der armen Brenda zu unterdrücken.

Ich muss die Geschichte noch zu Ende erzählen. David und Brian ist nach dieser großen Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit kein glückliches Leben mehr beschieden. Zwei Jahre nach der Dokumentation nimmt sich Brian wahrscheinlich das Leben. Mit einer Überdosis der Medikamente, die er wegen verschiedener psychischen Probleme schon jahrelang bekam.

David selber wird nur zwei Jahre älter. Nach dem Verlust seines Bruders verliert er auch seine Arbeit und seine Frau verlässt ihn. In der eigenen Garage hält er sich ein Schrotgewehr an den Kopf und drückt ab.

Unhappy End. Tut mir leid. Aber das ist wichtig.

Der Ansatz, dass unser Geschlecht ausschließlich von der Gesellschaft, von Rollenbildern und von der Erziehung abhängt, sollte mit David Reimer eigentlich auch gestorben sein. Auch wenn das immer noch zahlreiche Studien belegen wollen.

Doch das Gegenteil ist auch nicht die Wahrheit. Es ist nicht so, dass alle Verhaltensweisen, über die sich ein Mario Barth lustig machen kann, genetisch bedingt sind. Männer sind nicht vom Mars und Frauen nicht von der Venus. Männer dürfen im Kino heulen und Frauen können einparken, verdammte Kacke oder Herr Wunderlich?

Beide Extrempositionen sind falsch und jeweils zu Ende gedacht, am Ende menschenfeindlich und unwissenschaftlich. Es ist eine gute Sache, dass die Wahrheit irgendwo in der Mitte ist. Und es ist eine gute Sache, dass wir nicht wissen, wo sie denn genau liegt.

Darum ist die Diskussion ja eigentlich schon weiter. Judith Butler ist in ihrem Buch „Undoing Gender“ sehr genau auf den Fall von David Reimer eingegangen. Heißt im Deutschen leider sehr sperrig: „Die Macht der Geschlechternormen und die Grenzen des Menschlichen“

„Undoing Gender“ bedeutet, dass wir an einen Punkt kommen müssen, an dem der Geschlechtsbegriff eben nicht mehr die entscheidende Rolle spielt, die wir ihm, gerade jetzt, wieder geben.

Die Frage, ob man ein Mann oder eine Frau ist, sollte einfach nicht immer die erste Frage sein, die man sich stellt. Wir müssen dahin kommen, dass weder Sex noch Gender, weder die sozialen noch die biologischen Faktoren die wichtigste Rolle in unserem Leben spielen.

Darum ist eben, gerade wegen David Reimer, Gender Mainstreaming wichtig. Wenn wir Professorinnen und Professoren, Richterinnen und Richter, Klofrauen und Klomänner oder Putzfrauen und Putzmänner haben, dann haben wir erst die Chance uns zu entfalten, wie wir wollen.

Darum ist eben, gerade wegen David Reimer, das einzelne menschliche Wesen die einzige Autorität, wenn es gilt festzulegen, welche Rollenbilder man annimmt und welche nicht.

Und da sollte man möglichst viele Optionen haben, oder?

Darum, auch wegen David Reimer, brauchen wir jetzt und hier diese Diskussion.

Weil gegenderte Kinderbücher und Überraschungseier eben nicht glückliche Kinder machen.
Sondern einem glücklichen Leben sogar im Weg stehen können.

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