Body. Positiv. Umsatz.


Niemand, den ich kenne, hat Verständnis dafür, dass das weibliche Schönheitsideal einen BMI erfordert, der medizinisch ungesund ist. Da wären wir uns alle einig.

Aber fast alle Frauen, die ich kenne, haben ein gestörtes Verhältnis zur Ernährung. Einige Lebensmittel sind gut, andere böse. Hauptsächlich wegen der Kalorien.

Darum war die Body-Positivity-Bewegung für manche Frauen eine wichtige Erfahrung. Man kann auch mit zu vielen Pfunden ein gutes Verhältnis zum eigenen Körper haben. Und sich selber schön finden.

Aber, so meint Frau Anders, bei allem Verständnis: Eine feministische Bewegung ist das trotz allem nicht.


Download der Sendung hier.
Musik: „My Life“ von Abbie Bosworth


Skript zur Sendung

„Männer springen vor den Zug, Frauen verhungern.“ Hat in einer amerikanischen Talkshow einst ein Psychologe gesagt. In der Diskussion ging es wieder einmal darum, wer denn jetzt wirklich die ärmere Sau der armen Schweine ist in unserer Gesellschaft. Männer oder Frauen.

Ja. „Frauen werden vergewaltigt, aber Männer sterben fünf Jahre früher“. Ihr kennt diese Diskussion wahrscheinlich schon. Die hilft aber keiner Sau weiter.
Ist ja logisch: Denn es leiden auch Männer unter dem Patriarchat und der Leistungsgesellschaft.

Darum ist Feminismus ja auch keine Bewegung, die die Herrschaft der Frauen anstrebt. Wenn möglich, bei gleichzeitiger Versklavung der männlichen Bevölkerung. Es geht darum, gleiche Startbedingungen herzustellen. Es geht darum, beide Geschlechter davon zu befreien, dass ihr Geschlecht zu stark ihren Lebensentwurf definiert.

Das ist das Gender Mainstreaming, von dem wir auch hier immer wieder reden. Und das ist, auch wenn rechte Hohlbirnen das nicht kapieren, die richtige Mission. Es sollte im Leben erst einmal egal sein, ob man mit zwei X-Chromosomen geboren wird oder nicht.

So viel einmal vorneweg. Das wäre die Vision, für die es sich auch nach hundert Jahren Emanzipation zu streiten lohnt. Nicht nur für die Frauen, auch für die Männer. Damit die einen nicht vor den Zug springen und die anderen nicht verhungern.

Aber: Bleiben wir ‚mal bei dem Verhungern. Was ist damit wohl gemeint?

Ess-Störungen wahrscheinlich. Über 10.000 Menschen landen jedes Jahr wegen Ess-Störungen im Krankenhaus. Von allen psychischen Erkrankungen ist die Magersucht eine besonders tödliche Form. 10 bis 15% der Betroffenen sterben tatsächlich.

Und das sind nur die Menschen, die soweit abgemagert sind, dass sie im Krankenhaus landen. Diejenigen, die ihr Leben lang Kalorien zählen oder die jeweils gerade „bösen“ Lebensmittel meiden, die sind nicht gezählt.

Und das sind, wenn ich so recht überlege, praktisch alle Frauen, die ich kenne. Denn, im eigentlichen Wortsinn, ist es auch eine Ess-Störung, wenn man seiner Lust nach einer Tiefkühlpizza nachgibt und dann sechs Stunden lang ein schlechtes Gewissen hat! Und daraus resultierend, was noch viel schlimmer ist, sich danach erst richtig schreiße fühlt!

Aber warum geht das fast allen Frauen so? Weil wir ein Schönheitsideal haben. Ein Schönheitsideal das immer noch ungebrochen an der Grenze zur Unterernährung liegt.

Die Durchschnittsmaße der Top Ten der Models sind 84-60-86, also immer noch nahe an Marylin Monroes Idealmaße aus den Sechzigern. Nahe an 90-60-90.

Diese zehn Frauen sind durschschnittlich 1,78 m lang und wiegen dabei 53 kg. Das entspricht einem Body-Mass-Index von 16,5. Und das bedeutet krasses Untergewicht. Erst mit 61 kg wäre dieses Durchschnittmodel im Bereich, wo „gesund“ anfangen würde…

Noch vor ein paar Jahren waren die Models noch viel dürrer. Die Mode-Industrie hat sich einen neuen Maßstab gesetzt. Laut der „Nationalen Charta der Deutschen Textil- und Modebranche“ muss ein Model jetzt 16 Jahre alt sein und einen BMI von 18,5 haben.

Das ist zum einen immer noch Unterernährung und zum anderen wird es nur einmal geprüft.

Es gilt also immer noch: Wer schön sein will, muss hungern. Oder jeden Tag stundenlang Sport machen. Wer wie ein Model aussehen will, muss seinen Körper aber immer an der Grenze zur Unterernährung halten.

Und darum haben die meisten Frauen ein gestörtes Verhältnis zum Essen. Kann ich gut behaupten, weil es mir auch so geht. Ich habe zwischen 48 und 68 Kilos schon selber viele verschieden Körperbilder ausprobiert. Das sogenannte „Wohlfühlgewicht“ war nie dabei.

Wegen dieses Schönheitsideals haben es übergewichtige Frauen besonders schwer. Wer nicht dem 90-60-90 entspricht, bekommt dann schon einmal von Freundinnen gesagt: „Eigentlich solltest Du Überlegen, ob nicht ein Badeanzug doch besser wäre als ein Bikini.“

Das geht aber natürlich auch böser. „Lange nicht gesehen! Gut schaust Du aus. Aber ganz schön zugelegt hast du oder bist du etwa noch mal schwanger?“ bis zu „Dir ist das Aussehen ja nicht so wichtig, Du bist ja lieber fett.“

Aussagen, die man als Frau zu hören bekommt, wenn man einen BMI hat, den Ärzte für Normalgewicht halten. Fat-Shaming nennt man das. Normale und übergewichtige Frauen müssen damit leben, dass sie Ziel von Spott und Hohn werden. Die machen dann lieber Selfies vom trickreich geschminkten Kopf, aber nie vom Bauch.

Darum ist es zu begrüßen, dass da auch seit ein paar Jahren Frauen dagegen halten. Mir zuerst aufgefallen ist diese „Body-Positive-Bewegung“ erst mit Lena Dunham. Mittlerweile ist das sogar ein Mega-Trend und in natürlich auch in der Werbung angekommen.

Thirdlove war zum Beispiel eine ganz normale BH-Marke. Die hat nur die Beschwerden ihrer Kundinnen ernst genommen, die gerne einen BH hätten, der ihnen auch passt, obwohl sie eben nicht aussehen wir Kate Moss.

Deren Range geht jetzt von AA bis H – für eine Kleidergröße 48. Und auch in ihren Werbekampagnen setzt sie auf Frauen mit einem BMI über 21. So hat Thirdlove einen USP gefunden und das Business floriert.

Beim Modelabel „Missguided“ setzt man auf Models, die nicht nur normal sind, sondern auch besonders. Zum Beispiel komplett tätowiert oder Brandzeichen haben oder Muttermale oder eben so aussehen, dass in der Nachbearbeitung früher die Grafiker ihren Photoshop verflucht hätten.

Dann kamen selbstbewusste Models wie Hunter McGrady oder Ashley Graham und forderten „Swimsuits for everyone“. Solche Models nannte man früher „Oversized“, heute heißen die „Curvy Models“.

Fitness-Trainerinnen machen Selfies mit Blähbauch. Ex-Models machen Vorher-Nachher-Fotos und freuen sich, dass die jetzt ein paar Pfunde zuviel haben.

Mit Photoshop ist auch ein Bösewicht ausgemacht. Und das zurecht. Wenn ich hier in der Schlange im Supermarkt die Cover der Zeitschriften anschaue, dass ist praktisch jedes retuschiert. Und einige so krass, dass die Menschen auf den Fotos komplett ausschauen wie aus 120% Plastik.

Photoshop wurde zum Bösewicht. Und Monsieur Macron hat das Programm dann gleich einmal für Zeitschriften-Cover verbieten lassen. Hieß es dann in den Medien. Stimmt aber so nicht. Die Zeitschriften müssen nur dazu drucken, dass sie Photoshop verwendet haben, wenn sie etwas an der Figur verändern.

Und wie groß das „photographie retouchée“ gedruckt werden muss, ist auch nicht vorgeschrieben. Die meisten Modezeitschriften drucken das brav, aber man muss schon mit der Lupe suchen, um den Hinweis zu finden… den die Schriftgröße könntest du und ich Herr Wunderlich sicherlich nicht mit Brille, noch mit Lupe entziffern…

Zähne, Falten, Cellulite, Pickel oder Fingernägel darf man weiter retuschieren, wie man Spaß hat. Ja ok, das ist ein Schritt in die richtige Richtung, aber not really Body-Positive, wirklich nicht…

Der Begriff selber ist also nichts Neues mehr. Und speziell in den Staaten ein mittlerweile gebräuchlicher Kampfbegriff auch im Feminismus. Speziell die N.A.A.F.A., also die „National Association to Advance Fat Acceptance“ hat viel bewegt.

Sie fordert, dass nicht nur fette Frauen im öffentlichen Leben einen gleicherechtigten Platz haben dürfen, sondern auch Transfrauen oder behinderte Frauen. Frauen mit Amputationen, Narben oder Hautkrankheiten.

Die NAAFA will auch den Begriff „fat“ von seinem negativen Image reinigen, weswegen sie eben „Fat“ auch im Namen führen.

Das ist die Bewegung namens Body-Positivity. Jede Frau soll sich in ihrem Körper schön fühlen dürfen. Egal wie dick, dünn, blaß, braun, lang oder kurz. Jede Frau hat das Recht zu einem positiven Verhältnis zu ihrem Körper.

„In zwei Schritten zur idealen Bikini-Figur. Schritt eins: Ausziehen. Schritt zwei: Bikini anziehen. Fertig!“ Ja! So sollte das sein! Ich finde das gut.

Ich habe Freundinnen, für die das eine echte kleine Revolution war. Denen es durch diese Bewegung in ihrem Leben besser geht. Akzeptiert.

Ich aber ganz persönlich, ich hab die Schnauze voll von „body positive.“

Body Positivity versteht sich als eine Bewegung zur Selbstliebe. Liebe Dich selber, egal wie Du aussiehst. Eine Frau ist schön, wenn sie dünn ist oder wenn sie dick ist. Lange Frauen sind schön und kurze Frauen sind auch schön. Schmale Hüften sind schön und breite Hüften sind schön.

Egal, wie Du aussiehst: Du bist schön! Es ist wichtig, dass Du erkennst, dass Du als Frau schön bist, egal, wie Dein Körper gebaut ist. Weil es eben Dein Körper ist! Liebe Dich selbst!

Das klingt toll, ist aber scheiße. Weil es Frau-Sein mit Schön-Sein gleichsetzt. Scheiß auf schöne Frauen, egal wie fett oder mager sie sind! Jetzt sind wir Professorinnen und Müllfahrerinnen, Kanzlerinnen und Rechtsanwältinnen und was ist das Wichtigste? Dass Frau schön ist.

Frauen werden in unserer Gesellschaft immer noch über ihren Körper definiert. Und die ganze Body-Positive-Bewegung verstärkt das nur noch. Wenn ein Unternehmen wie Unilever auf der Website von „Dove“ Frauen abbildet, die dick sind oder tätowiert oder kurz oder blass, dann ist das kein Gewinn für den Feminismus.

In Wirklichkeit ist denen nur aufgegangen, dass sie vielleicht ihre Produkte besser verkaufen können, wenn sie auf die Welle „Body Positivity“ mitaufspringen.

Und wenn dann feministische Bloggerinnen jede neue Werbekampagne mit Dicken abfeiern als Triumph für die moderne Frau, dann ist denen aber deutlich das Feindbild abhanden gekommen.

Es geht doch wirklich nicht an, dass schon wieder die Werbung uns Produkte mit „Schönheit“ verkauft! Und trotzdem immer noch mit weiblichen Körpern wirbt! Egal wieviele Pfund die wiegen!

Was soll das denn? Wo steht den bitte geschrieben, dass sich Frau für jeden Scheiss-Kosmetikartikel ausziehen muss?

Im Ernst? Das ist jetzt Feminismus? „Dein Körper ist voll schön“? Bloß, weil Ashley Graham einen normalen BMI hat, wird sie jetzt als „Vorbild für alle Frauen“ hochgejazzt? Im Ernst?

Schon einmal überlegt, warum keiner sagen würde Helmut Kohl war voll schön? Oder Seehofer, oder Oliver Kalkofe oder John Goodman? Oder Stephen Hawking, was ist mit dem?

Tja, da könnt ihr euch jetzt mal Gedanken drüber machen! Na klar, weil es verdammt kacke immer noch scheißegal ist, wie ein Mann aussieht! Weil sein gesellschaftlicher Erfolg immer noch nicht nuuuuur davon abhängt, was für einen Anzug er trägt und wie und wann und in welcher Farbe. Auch seine Frisur interessiert eher mal niemanden… außer vielleicht ihn selbst.

Feminismus ist, wenn wir sagen: Frauen sind MEHR als nur schön.
Feminismus ist nicht, wenn wir sagen: Alle Frauen sind schön.

Und unter uns Pfarrerstöchtern: Das ist sogar doppelt blöd.

Denn erstens schafft es eine neue Form von Druck. Was denn, wenn Du jetzt Feministin bist und Aktivistin in der Body-Positive-Bewegung und da am Pool sitzt und Deine Oberschenkel trotzdem nicht hübsch findest?

Damit verrätst du nicht nur deine eigenen Oberschenkel, sondern auch noch deine eignen feministischen Ideale!

Und das andere ist: So funktioniert das nicht mit der Selbstliebe.

Unsere Körper sind so wie sie sind. In der Regel passen sie ganz prächtig zu uns, weil wir halt genau dieser Körper sind. Und solange er uns einigermaßen zuverlässig versorgt und nicht dauernd Scherereien macht, ist es eine gute Sache, sich mit dem abzufinden, was man nun einmal bekommen hat.

Sich selber schön finden ist eine wichtige Sache. Aber das macht man nicht, indem man sich vor den Spiegel stellt und sich selber küsst. Oder indem man selbstbewusst den Bauch rausstreckt und das Selfie dazu auf Instagram postet.

Sich selbst schön zu finden ist – verdammt noch einmal – viel mehr, als nur den eigenen Körper schön zu finden! Das hilft doch keinen Meter weiter, wenn man die eigenen Knochen, die eigenen Sehnen und Muskeln, die eigene Haut und die eigenen Innereien irgendwie toll findet.

Da kann man ja nu wirklich nicht viel dafür. Das ist ja im großen und ganzen von unserer Erbinformation abhängig. Und die haben wir ja nun mal nicht selber zusammen gestellt. Das kann man schön finden. Und das ist sicher gut so. Aber das muss man auch nicht!

Ich mag zum Beispiel meine Handgelenke und meine Füße nicht so richtig. Na und?

Sich selber zu akzeptieren – mit seinen Möglichkeiten und Beschränkungen – ist ein lebenslanger Prozess. Und der Körper ist dabei überhaupt nicht besonders wichtig.

Wenn man aussieht wie ein Top-Model aber drogenabhängig ist, dann merkt man wahrscheinlich, wie scheißegal das Aussehen ist. Siehe die einstige Schönheitsikone Kate Moss.

Selbstliebe geht anders. Mit Körper, aber eben auch mit Geist und Hirn und Geduld und Verstand und Witz und Seele und Psyche und mit dem Umfeld, in dem man lebt.

Feminismus ist es nicht, sich schön zu fühlen. Lasst euch das nicht einreden, das schafft nur den nächsten Druck! Feminismus ist es, wenn einem der Körper nicht das Wichtigste ist. „Was nützt einem die schönste Hülle, wenn ein hässliches Herz darin wohnt?“ Zitat von…? Keine Ahnung hab ich vorhin gefunden, in meinem Kleinhirn.

Wenn es von einem Hollywood-Star wie Rebel Wilson in den Artikeln an erster Stelle heißt:
„Sie ist nicht schön, weil sie dick ist.“ Ist doof. Zugegeben.

Aber: „Sie ist schön, obwohl sie dick ist.“ Ist nur das Gleiche in Gelb. Auch doof.

„Sie ist schön, weil sie dick ist“ Das, das wäre ein Gewinn. Das wäre wohl Body Positive.

Am besten aber wäre: „Sie ist zum Schreien komisch“. Das wäre Emanzipation.

Rebel Wilson hat den gleichen BMI wie James Corden. Artikel über den fangen nie mit „Er ist schön, obwohl er dick ist“ an.

Wenn Frauen in der Öffentlichkeit nicht immer zuerst wegen ihres Körpers, wegen ihres Äußeren beurteilt werden, das ja DAS wäre ein Fortschritt!

Und dann noch etwas. Etwas Nicht-Feministisches:
Wir werden es nicht schaffen, dass jeder Mensch jeden Menschen schön findet.

Wir werden immer Menschen, die außergewöhnlich sind, mehr angaffen, als Durchschnittsmenschen. Jeder von uns, völlig unbewusst.
Das Besondere werden wir auch immer besonders wahrnehmen.

Letzten Endes ist es doch so:
Wenn alle alle schön sind, dann ist es niemand…