Der blöde Kater



Die Vorstellung von der Reinkarnation ist manchmal mit der Idee verknüpft, dass man auch als Tier oder Pflanze auf die Welt kommen kann. Bumerang würde sagen, das stimmt.

Und nicht wenige Menschen behaupten irgendwann in ihrem Leben, sie hätten sich unsterblich verliebt. Bumerang würde sagen, dass auch das manchmal stimmt.

Heute erzählt uns Bumerang, wie es ist, als Katze zu leben und unsterblich verliebt zu sein in eine Frau. Und mit dieser zu leben, ganz egal, ob ein potentieller Liebhaber an der Tür steht oder nicht…


Download der Sendung hier.
Musiktitel: „Little Tomcat“ von Josh Woodward / CC BY 3.0


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Skript zur Sendung

Hi! Ich heiße Bumerang. Nicht lachen, habe ich mir nicht selber ausgesucht.

Mein Problem ist: Ich bin unsterblich verliebt. Klingt toll, werdet ihr jetzt sagen. Was gibt’s denn Schöneres? Sei froh, dass Du nicht Krebs hast oder in den Slums von Mexiko City groß geworden bist!

Schon recht. Stimmt alles. Aber ihr habt mir, nicht so richtig zugehört. Macht nichts, machen Menschen dauernd.

Ich sagte: Ich bin unsterblich verliebt! Wart ihr schon einmal verliebt? Ganz ehrlich? War’s ein Fernsehstar oder ein Mathelehrer? Vielleicht ein Playboy-Model oder eine Filmdiva? Vielleicht war’s ja – eure Partnerin oder euer Partner?

Klar, ihr sagt dieser Person, ihr seid verliebt – aber ich habe beobachtet, dass gute Partnerschaften nicht unbedingt mit großer Verliebhtheit anfangen.

Denn: Verliebt zu sein hat mehr mit uns selber zu tun als mit dem anderen. Und unsterblich verliebt zu sein, ist noch einmaletwas komplett anderes!

Ich wette, ihr hättet nicht gedacht, dass ein Kater so tiefe philosophische Einsichten hat! Ein Kater, dessen Problem es ist, dass er unsterblich verliebt ist. Und dieses Problem fing vor neun Jahren an.

Damals begegnete mir, noch auf dem Gymnasium, meine Seelengefährtin. Das bedeutet, dass es ganz offen für mich auf der Hand lag, dass dieser Mensch derjenige ist, mit dem ich das Leben verbringen muss.

Viele, viele Monate Überzeugungsarbeit später wurden wir tatsächlich ein Paar. Das war eine lange Geschichte bis dahin, dass kann ich euch erzählen. Der Haken ist nämlich, dass meine Seelengefährtin verdammt hübsch ist. Das ist ein Fluch, kann ich euch sagen. Diese ganzen Vollpfosten zu beobachten, wie sie sich an sie ranmachen. Und auch noch Erfolg haben mit ihrem Getue! Hölle!

Aber das erzähle ich nicht jetzt. Vielleicht einmal anders.

Hab‘ ich eigentlich erwähnt, dass ich da noch ein Mensch war? Nicht? Ist vielleicht aber schon wichtig für die Geschichte.

Endgültig für mich entschieden hat sie sich im Studium. Anscheinend war sie mit den Vollpfosten durch. Wenn man von Georg absieht. Nachdem sie also ihre Erfahrungen gesammelt hatte, kam ich an die Reihe. Drei Jahre hatte ich gewartet.

Taschentücher hatte ich gereicht, Geschichten angehört, ich war immer da. Rein „zufällig“ sollte ich auch in der gleichen Stadt studieren… Drei Jahre hatte ich also gewartet, bis sie meine Argumente endlich überzeugten. Wir wurden ein Paar. Das war die tollste Zeit meines Lebens. Und wir zogen zusammen. Das war auch toll.

Wie schon erwähnt: Ich bin unsterblich verliebt. Und das ist ein Problem, weil ich gestorben bin. Damals war ich ein mittelmäßig aussehender Architekturstudent am einen Tag und am nächsten Tag eine Leiche in einem Kunststoffsack. War keine schöne Geschichte, die kann ich auch ein andernmal erzählen, aber hat mit Allergie und Hummer zu tun.

Ich war also mausetot. Eine Katzenredensart übrigens. Aber, weil ich eben unsterblich verliebt bin, reichte das über mein Leben hinaus. Und als ich das nächste Mal bemerkte, dass ich wieder atme, war ich immer noch in die gleiche Frau verliebt. Aber ich war kein Mensch mehr, sondern ein neugeborener kleiner Kater.

So: Glaubt ihr jetzt, dass das ein Fluch ist? „Unsterblich“ verliebt. Sagt ihr leicht ‚mal so dahin.

Aber wenn man ein kleiner Kater im Tierheim ist… Und wenn man erst einmal aus dem Tierheim abhauen muss, um sich dann durch die Stadt zu schlagen, dann bekommt das Wörtchen „unsterblich“ einen völlig anderen Klang, das kann ich euch aber sagen!

Das ist nicht gerade einfach als Katze: lebendig durch die Stadt zu kommen! Natürlich sind das größte Problem die Autos, denn wir Katzen checken nicht, wie schnell diese Riesendinger sind. Und dann haben wir noch den Instinkt, im letzten Moment, wenn wir merken, dass wir nicht weglaufen können, stattdessen zu kämpfen. Die Bilanz ist dabei so ungefähr 250.000 zu Null für die Autos. Jedes Jahr.

Und dann gibt’s noch andere Gefahren. Z.B. andere Katzen, die in der Stadt oft zu richtigen Arschlöchern werden und einen kleinen Kater gerne zur Schnecke machen. Zusätzlich gäbe es noch die Faktoren: Kein Futter, oder aber verschimmeltes oder vergiftetes Futter, siehe Mülleimer oder Rattengift.

Ich habe es auf jeden Fall nach Hause geschafft und saß eines Morgens vor ihrer Tür. Menschen nennen das: „Der Kater ist mir zugelaufen.“ Das, meine Lieben, ist NIE Zufall!

Doch dann begann das Problem. Der Fluch. Denn dann begann der ganze Mist, den ich als junger Mann erlebt hatte, noch einmal von vorne. Sie hat mich zweimal zurück ins Tierheim gebracht! Einmal hat mich sogar eine Familie mitgenommen und in einen komplett anderen Teil der Stadt gebracht!

Und beide Male bin ich nach Tagen und Wochen wieder vor der Tür gesessen. Und habe sehr, sehr mitleiderregend gekuckt und herzzerreissend miaut. Danach hat sie aufgegeben. Und seitdem wohnen wir wieder miteinander. Weil ich unsterblich verliebt bin. Ach, und seitdem heiße ich Bumerang.

Ich glaube, sie liebt mich mittlerweile auch. Es ist wie damals, als junger Mann: Ich darf ihr wieder zuhören, wenn sie mir von ihren Problemen erzählt – aber natürlich reiche ich ihr keine Taschentücher mehr.

Eigentlich wäre also soweit wieder alles in Ordnung. Wenn es da eben nicht noch Georg gäbe. Nennen wir ihn ab jetzt aber besser bei seinem Seelennamen: Dumpfbacke. Von dem hatte ich euch ja schon erzählt. Das ist einer der Vollpfosten, der auf der Uni hinter Melissa her war. Ach, hatte ich schon gesagt, dass meine Seelengefährtin Melissa heißt? Noch nicht? Na, jetzt wisst ihr Bescheid.

Und Georg war einer jener Art von Vollpfosten, der von Mami und Papi das Studium großzügig finanziert bekommt. Gleichzeitig war er super oberflächlich, aber aalglatt. Von der Sorte Mann, die so Bücher lesen wie: „Mädchen aufreißen in 10 Minuten!“ Versteht ihr?

Eines Tages lag ich also auf unserer Couch und ribbelte den Stoff aus dem Cord-Bezug, als ich einen sehr seltsamen Geruch bemerkte. Ekelhaft! Melissas neues Parfüm! Sie brezelte sich richtig auf. Eine Stunde lang dieses Kleid probieren und dann jedes, so dass unser Schlafzimmer aussah, als wäre der Kleiderschrank explodiert.

Dann malte sie sich das Gesicht voll mit Puder und Make Up und Rouge und Kajal und allem möglichen anderen Stinkzeug. Zuletzt kam das übelriechende Parfüm. Linkes Ohr, rechtes Ohr, beide Unterarme und – jetzt kommt’s – Ausschnitt! Der war eh‘ so tief, dass man von oben bis zum Bauchnabel kucken kann!

Mir wurde klar: Es wird ernst! Klar habe ich dann alles versucht, sie schnell von der Idee abzubringen, auf ein Date zu gehen. Vor die Beine laufen, wenn sie nicht kuckt, zum Beispiel. Oder miauen, als würde ich verhungern. Half alles nicht.

Nichts brachte sie aus der Ruhe. Nichts hielt sie davon ab, sich bald paaren zu können.

Ihr ahnt es sowieso und ihr habt völlig recht: Es klingelte an der Tür und da stand Dumpfbacke! Mit roten Rosen! Das ist ja wohl das Platteste, was man sich nur vorstellen kann, oder?

Als er sich zu mir beugte, um „Ach-ist-das-ein-süßes-kleiner-Katerchen“ zu streicheln, fauchte ich ihn an und zerkratzte ihm die Hand. Hab‘ ihn aber nicht richtig erwischt. Eigentlich wollte ich ja die Pulsadern durchtrennen, aber so hat’s nicht einmal richtig geblutet.

Und – zack – fiel die Wohnungstür hinter den beiden zu. Wie ich noch überlege, ob ich hinterher soll, höre ich schon Autotüren ins Schloss fallen und weg waren sie.

Was folgten, waren die fünf schlimmsten Stunden meines Lebens! Was, wenn Melissa Dumpfbacke mit nach Hause nimmt? Sicherheitshalber pinkelte ich ins Bett. Oder, wenn sie auf der Couch rumknutschen wollten? Also: Auch auf die Couch gepinkelt.

Stinkesauer zog ich mich in mein Körbchen zurück. Und die Tatsache, dass die ganze Wohnung nun abartig stank, machte mich nicht gerade besser gelaunt!

Als sich der Schlüssel im Schloss drehte, machte ich mich schon bereit, mein Glück dieses Mal mit der Halsschlagader von Dumpfbacke zu wiederholen. Aber sie war alleine. Und ebenfalls stinkesauer. Aber nicht auf Dumpfbacke, sondern auf mich. Mann, hat die geschimpft!

Doch das ging bald vorbei, denn – nach einer Stunde putzen, bürsten und dem Umdrehen der Matratze – saß ich wieder bei ihr auf der Couch und bekam meine Ohren gekrault, wie es sich gehört. Vielleicht war die Gefahr gebannt.

Und wie die Tage so ins Land zogen, hatte ich mich schon fast wieder an die Normalität gewöhnt, als ich wieder dieses Parfüm roch! Dieser ekelhafte Geruch nach Rosmarin, Zimt und Lavendel – alles Gerüche, die Katzen einfach hassen in eine große Stinkbombe abgepackt! Pfui Geier!

Natürlich klingelt es wieder an der Tür, während ich noch völlig mit „Lauf-ihr-vor-die Füße“ beschäftigt bin und: Hinter der Tür steht Dumpfbacke! Und lächelt auf seine selbstsichere Chauvi-Art. So ein schmieriges Ich-wär-gern-Sean-Connery-Lächeln. Hat er wahrscheinlich seit dem letzten Date vor dem Spiegel geübt!

Und dann macht er die schlechtesten Witzchen, die man sich vorstellen kann und lacht selber darüber, aber so ‚was von Fake! Und? Das Schlimmste kommt noch! SIE lacht darüber! Über diesen Mist! Meine Melissa! Fällt auf den Vollpfosten rein und ich muss zuschauen!

Dann zieht er sich die Schuhe aus, holt aus seiner Tasche eine Flasche Wein und überreicht sie. Und Melissa tut so, als wäre die Plörre von Aldi eine Offenbarung und genau ihr Lieblingswein.

Als sich Dumpfbacke nähert, wahrscheinlich, um mich wieder ein „süßes Katerchen“ zu nennen, sind meine Krallen maximal ausgefahren. Um ihn anzulocken, schnurre ich sogar. Vielleicht komme ich so dieses Mal doch an die Pulsadern.

Doch als Georg sieht, dass Melissa nicht beobachtet, wie er gerade „tierlieb“ spielt, dreht er sich einfach weg und tut, als ob es mich nicht gäbe.

Sie setzen sich auf die Couch und „plaudern“. So heißt das wohl. Man nennt diese Balzverhalten des männlichen Homo sapiens: Imponiergelaber.

Und wie sich lacht! Und wie sie an seinen Lippen hängt!

Und wie peinlich ihr es ist, dass ich in Georgs Schuhe gepinkelt habe! Er tut so, als wäre das kein Problem: „So Designerschuhe sind zwar echt teuer, aber dafür halten die so ‚was halt auch einmal aus. Die halten halt auch ein Leben lang!“ Und sie putzt und scheuert und lacht verlegen und hängt ihm dafür nur noch pflichtbewusster an den Lippen!

Mein Gott! Was soll ich nur tun? Ich beobachte vom Regal aus, wie Dumpfbacke auf der Couch langsam immer näher rückt. Während er vorgibt eifrig zu zuhören.

Und dann sehe ich, wie sich sein Arm langsam auf der Rückenlehne auf Melissa zu bewegt!

Und dann sehe ich, wie er laut schreiend durch das Wohnzimmer hüpft. Ganz kurz nachdem er gelernt hat, dass Kater schneller vom Regal auf die Couch springen und einen Unterarm zerkratzen können, als ihn der durchschnittliche Vollpfosten zurückziehen kann.

Aber auch dieser Schuss geht irgendwie nach hinten los. Denn jetzt muss sie den Trottel auch noch verarzten! Und legt seinen Arm auf ihren Schoß, während sie ein halbes Dutzend Pflaster aufklebt!

Und er natürlich: „Tut gar nicht wirklich weh! Das war nur der Schock, weil ich gerade so tief in Deine Geschichte versunken war! Kein Problem, sind nur Kratzerchen!“

Dabei hat er gequietscht wie ein Ferkel und ist rumgehüpft wie ein Wassertropfen auf der heißen Herdplatte!

Zweimal hatte ich das Balzverhalten von Dumpfbacke sabotieren wollen! Zweimal hatte ich geheime Kater-Tricks verwendet! Und zweimal war ich gescheitert! Und um meine Schmach noch schlimmer zu machen: Zweimal hatte ich seine Chancen sogar verbessert!

Wie dumm kann man sein! Mein Gott, wenn die heute einen Sohn zeugen, dann müssen sie den eigentlich “Bumerang” taufen, so bescheuert, wie ich war!

Ich gebe also auf. Ich bin geschlagen. Die Waffen eines Katers reichen nicht, um meine Seelengefährtin vor Dumpfbacke zu schützen. Ich trolle mich in den Flur. Dann muss ich nicht bei der Paarung zusehen, das wäre einfach zu viel.

Im Flur stehen ja nun nicht mehr seine Schuhe. Aber: Seine Tasche! Und, wie ein winziges oberflächliches Screening ergibt: Diese Tasche ist gefüllt mit Büchern, einem MacBook – natürlich – und einem iPhone – natürlich – und einem analogen, papiergefülltem Ordner. Fein säuberlich vollgeschrieben. Hunderte von Seiten. Der Kuli ist wohl so eine Art Kralle des Studenten.

Meine Krallen aber, die ich übrigens regelmäßig pflege und schärfe – vorzugsweise am Esstisch und dem Bettpfosten und nicht an diesem hässlichen Kratzbaum – meine Krallen aber sind durchaus in der Lage so einen Notizblock in ca. drei Minuten in eine Wolke von Schnipseln zu verwandeln.

Das sind 180 Sekunden. Unglaublich, oder? Hätte ich auch nicht geglaubt, wenn ich es nicht genau zu diesem Zeitpunkt zum ersten Mal ausprobiert hätte. Es geht. Wirklich. Ich bin nicht einmal außer Atem.

Als ich mein Befreiungswerk an den Büchern in der Tasche fortsetzen will, klingelt dummerweise das iPhone. Beharrlich und laut spielen die nervigen Apple-Marimbas. So laut, dass sich Dumpfbacke aus dem Wohnzimmer bewegt. Das Hemd schon nicht mehr in der Hose!

Es folgt ein Ausbruch an Zorn, der biblische Proportionen hat. Dumpfbacke wird krebsrot, packt seine Sachen in der Wohnung zusammen und verlässt unser Heim. Nicht ohne zum Abschied noch zu brüllen: „Meine Hausarbeit kann ich jetzt von vorne machen! Dieser blöde Kater! Ich kann echt nicht verstehen, wie Du mit so einem neurotischen Biest zusammenleben kannst! Mein Gott, was für eine verschwendete Zeit!“

Und die Tür fällt knallend ins Schloss. Wer sagt’s denn? Geht doch! Weg ist er!

Melissa steht neben mir im Flur. Und nach angemessenem Schweigen von Frau und Kater schaut sie mich an. So komisch…

Dann nimmt mich hoch und schmust mich und sagt: „Du wunderbares Tier! Vielen Dank! Du hast mich gerettet! Das war der größte Dummschwätzer meines Lebens! Und der ist so aufdringlich geworden, ich hatte schon langsam Angst! So ein Angeber!“

Na ja. Was soll ich sagen? Jetzt, eine Dose Thunfisch später sitze ICH auf dem Schoß von Melissa. Und habe wohl erst einmal Ruhe vor menschlichen Nebenbuhlern. Und jetzt, während Sie mir den Bauch krault, muss ich sagen: Vielleicht ist es doch kein Fluch, unsterblich verliebt zu sein?