Bibel für Anfänger


Herr Wunderlich hat es der Frau Anders ja versprochen: Wir machen eine Sendung über die Bibel. Denn auch wenn man nicht religiös ist, schadet es ja nicht, einmal einen Überblick zu gewinnen.

Heute gehen wir also das Buch der Bücher und seinen Inhalt in einem Crashkurs durch. Woher kommen welche Bestandteile und was bedeuten sie grob.

Und versprochen: Es besteht keine Gefahr, religiös bedrängt zu werden. Nichts ist dem Herrn Wunderlich ferner als ungeschickte Missionsversuche.


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Musik: „Stay the course“ von Semme Automatic / CC BY-ND 3.0
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Skript zur Sendung


Kein Buch wurde so oft gedruckt, verkauft, verschenkt, gelesen, interpretiert und geliebt und gehasst wie die Bibel. Behaupte ich einmal frech. Denn die gibt es in der heutigen Form schon ungefähr 1600 Jahre. Die Texte darin sind aber noch älter. Und die Geschichten darin noch älter als die Texte.

Viele Menschen glauben, die Bibel ist ein Buch wie ein Roman. Da fängt man vorne an und dann liest man das durch wie meinetwegen Harry Potter und am Ende weiß man alles über das Christentum.

Kann man verstehen. Denn sie beginnt ja mit der Schöpfung des Universums, wenn man ganz vorne reinspickt und endet mit der Apokalypse, wenn man ganz hinten reinspickt.

Aber das täuscht. Zwischen den Buchdeckeln geht es wild durcheinander. Besonders gerne werden da Geschichten auch mehrmals erzählt.

Denn eigentlich ist die Bibel eine kleine Bibliothek mit vielen verschiedenen Bücher. Büchern, die zum großen Teil nicht aus dem Christentum stammen. Sondern aus der Religion, der Jesus angehörte, dem Judentum.

Aber langsam. Zuerst einmal sollten wir über drei verschiedene Zugänge zu diesem Buch reden. Du kannst Dir dann Deinen persönlichen auswählen.

Den ersten Zugang nennt man die Verbalinspiration. Das ist ein theologischer Ausdruck und bedeutet, dass die Bibel Wort für Wort wahr ist. Genauso wie sie ist von Gott diktiert wurde. In dieser Ansicht gibt es nicht den Hauch von Zweifel daran, dass die Bibel auch ein Geschichtsbuch ist.

Das ist der fundamentalistische Weg. Ich persönlich definiere den christlichen Fundamentalismus mit dieser Verbalinspiration.

Aber auch bei den Bibel-Fundamentalisten gibt es eine gewisse Bandbreite. Um alles noch komplizierter zu machen. Kurz gesagt: Nicht alle Fundis glauben, dass die Erde erst 6000 Jahre alt ist. Nicht alle Fundis glauben, dass die Erde flach ist. Und nicht einmal alle Fundis glauben, dass die Sintflut ein historisches Ereignis war – aber doch die meisten.

Der zweite Zugang zur Bibel ist ein wissenschaftlicher. Die Bibel wurde von Menschen geschrieben und Gott hat nichts mit der Sache zu tun. Sie ist einfach ein Stück Literatur. Ein altes Stück Literatur, dass verschiedene literarischen Gattungen aufweist. Prolog, Liebeslied, Hymnus, Paradoxon, Monolog, Dialog, Rätsel, Ellipse, Gebet, Gleichnis, Parabel, Gedicht, Brief und Geschichtsschreibung.

Man kann sich dem also literarisch nähern oder historisch – denn auch für Atheisten ist das Buch immerhin noch scheißealt. Es erzählt uns immer noch etwas darüber, wie es im Nahen Osten vor 2000 Jahren so zuging.

Wenn man will, kann man die Texte schön finden oder erhellend oder aber schrecklich und blutrünstig.

Und zwischen diesen beiden Ansätzen liegt ein dritter. Die Bibel wurde von Menschen geschrieben, egal ob die von Gott erfüllt waren oder nicht. Sie erzählt und von anderen Menschen und ihren Erfahrungen mit Gott, dem Glauben und dem Leben. Ein Buch von religiösen Menschen für religiöse Menschen.

Und weil das so ist, ist sie eine besondere Literatur. Die man aber gut und gerne analysieren darf oder auch historisch sezieren. Warum nicht? Das steht jedem frei.

Gut. Soviel vorneweg. Es ist vielleicht rausgekommen, dass mein Ansatz eher der dritte ist. Das ist auch so ungefähr die Position der meisten christlichen Theologen oder des Reform-Judentums.

Also schauen wir uns die Bibliothek namens Bibel an. Lustig, in dem ersten Substantiv steckt das zweite drinnen. Denn Bibel kommt von biblios und das kommt von Byblos, der Stadt, wo das meiste Bast gehandelt wurde. Und aus Bast machte man Papyros. Papier.

Die Bibel besteht aus zwei Teilen. Einem neuen Testament und einem alten Testament. Wobei Testament nichts mit Erben zu tun hat, sondern am ehesten mit „Bund oder Bündnis“ übersetzt werden kann. Gott hat also zweimal einen Bund mit den Menschen getroffen.

Der Ausdruck „Altes Testament“ ist dabei natürlich christlich. Denn dieses Buch enthält die Schriften, die auch die Grundlage des Judentums sind. Und die würden ihre Religion selber nicht als veraltet betrachten. Und die glauben auch nicht, dass es einen zweiten Bund gibt, sondern halt einen.

Jetzt könnte man denken, das Alte und das Neue, das teilt die Bibel so in der Mitte. Weit gefehlt. Gut dreiviertel unserer Bibel ist das Alte Testament. Also schauen wir uns das einmal genauer an.

Was wir da an Texten haben, das ist ungefähr das, was man im Judentum den Tanach nennt. Der besteht aus der Torah – das nennen wir im Christentum die fünf Bücher Mose. Die sind auch heute noch sehr wichtig, darum hat man ihnen neue Namen gegeben.

Die wären Genesis, also Entstehung der Welt. Und dann Exodus, also vom Auszug aus Ägypten, dann Leiviticus – eine Sammlung von Regeln, sagen wir einmal grob. Dann Buch vier: Bei uns Numeri, also Zahlen im Jüdischen „In der Wüste“. Und Buch fünf Deuteronomium. Zweites Gesetz, auf jüdisch „Dies sind die Worte“.

Danach kommen die Bücher über die Propheten. Nevi’im heißen die auf Hebräisch. Die unterteilt man in die Frühen und die Späten und noch einmal in die Großen und die Kleinen. Die schauen wir nicht genauer an, ich lasse nur ein paar Namen fallen, die Du vielleicht schon einmal gehört hast und die da reingehören: Josua, Jesaja, Ezechiel, Jona, Habakuk, Haggai, Micha, Hosea und Amos.

Und der dritte Teil des Tanach, nach der Thora und den Nevi’im sind die Ketuvim. Das bedeutet Schriften. Da finden wir wahre Schätze drinnen. Zum Beispiel das hochgradig erotische Hohelied. Oder Weisheitsbücher wie die Sprüche oder den Hiob. Geschichtsbücher wie die Bücher von der Ruth oder der Esther oder die Klagelieder. Oder die apokalyptischen Geschichten von Daniel, dem Traumdeuter und Löwenbändiger.

Das wäre das grobe Gerüst des sogenannten Alten Testaments. Fast alle Bibelgeschichten, die Du kennst, in denen Jesus nicht vorkommt, sind aus diesen Büchern. Und ich wette, Du kennst einen Haufen Geschichten.

Da steht die Geschichte von der Schöpfung drinnen. Zweimal. In verschiedenen Fassungen von völlig verschiedenen Autoreteams. Das eine Team, nennen wir den Jahwisten. Weil sie für „Gott“ meistens das Wort „Jahwe“ benutzen. Das andere nennen wir den Elohisten. Weil er für Gott gerne „Elohim“ schreibt.

Da steht also neben der Story von Adam und der Eva aus der Rippe genau daneben. Er schuf den Menschen als Mann und Frau.

Dann ist da die Geschichte von Abraham drinnen. Dem Urvater. Von dem Gott als Test gefordert hat, er soll seinen Sohn opfern und dann doch nicht.

Oder die Geschichte von der Arche Noah. Die ist so alt, die haben die Autoren aus dem alten Babylon mitgebracht, wo sie ganz, ganz ähnlich im allerältesten Buch der Welt auch vorkommt, im Gilgamesch-Opus.

Dann die Geschichte von David. Der Schäfersjunge, der den großen Philister mir einer Fernwaffe ausknockt. Und dann der erste König wird. Und dann Frauen beim Baden ausspäht und Söhne mit zu langen Haaren bekommt.

Auch beliebt ist die Geschichte meines persönlichen Lieblings-Propheten. Die von Jona. Der von dem großen Fisch gefressen und wieder ausgespuckt wird. Auf der Flucht vor dem lieben Gott und vor seinem eigenen Job. Der sich zum Trotz zum Sterben hinlegt, aber Gott lässt ihn nicht.

Selbst, wenn man nicht religiös ist, ist dieses Buch eine fantastische Sammlung. Und auch wunderschön. Finde ich. Wenn man komplett atheistisch ist, dann müsste man trotzdem anerkennen, dass das ein Reichtum ist, der schwer einen Vergleich findet. Ich wüsste keinen. Tausendundeine Nacht? Silmarillion? Nee…

Gut, dann wenden wir uns dem Neuen Testament zu. Ist ja nur ca. ein Viertel von dem Schinken. Aber hier geht es hauptsächlich um Christus und seine ersten Erben. Darum ist das natürlich für Christen wichtiger.

Dieser Christus war ein Jude, der eine jüdische Sekte begründet hat. An mehreren Stellen sagt er, dass die jüdischen Schriften, von denen wir gerade geredet haben, alle noch gültig sind. Darum haben wir die in das Buch getan. Aber um die Regeln kümmern wir uns eigentlich nicht.

Wir beschneiden die Männer nicht, wir essen nicht koscher und wir feiern auch keinen Shabat, sondern stattdessen haben wir den Sonntag, an dem man in den Gottesdienst oder die Messe geht.

Was dieser Jesus sonst genau gelehrt hat, darüber diskutieren Christen seit der Reformation hitzköpfig. Denn erst mit Luther wurde die Bibel überhaupt ein Buch, dass Gläubige lesen durften. Vorher war das den Geistlichen vorbehalten. Also Pfarrern und Mönchen.

Wir sind und nicht einmal genau einig, was denn genau in den einzelnen Schriften steht und was nicht. Es gibt ungefähr viertausend brauchbare Bibeltexte aus der Archäologie und nicht zwei davon sind wortgleich.

Die eigentliche Leistung des Christentums besteht für mich darin, auch Historiker und Sprachwissenschaftler mit in die Diskussion gelassen zu haben. Das ständige Streiten über die Lehre und die Schriften, das ist die eigentliche Leistung.

Es gibt Katholiken, Evangelische, Orthodoxe, Assyrer, Waldenser, Reformierte, Presbyterianer, Autokephale, Methodisten, Pietisten, Unierte, Adventisten, Pfingstler, Neuapostolische, Anglikanische, Koptische, Mennoniten und noch viel mehr christliche Konfessionen.

Alle haben verschiedene Meinungen darüber, was dieser Jesus gelehrt haben mag, aber alle können sich auf die Bücher in der Bibliothek einigen, die wir Neues Testament nennen. Hervorheben möchte ich an dieser Stelle die Serbisch-Orthodoxen, die die Offenbarung des Johannes ablehnen. Das finde ich auch gut.

Schauen wir uns also diese Bücher im Neuen Testament an.

Das beginnt mit den vier guten Botschaften. Auf Griechisch: Evangelien. Das sind Geschichten vom Leben und Sterben Jesu. Nicht aufgeschrieben von seinen Jüngern. Oder von Aposteln. Oder von Augenzeugen.

Trotzdem sind sie bald nach seinem Tod entstanden. Das Markus-Evangelium knapp vierzig Jahre nach seinem Tod. Das ist relativ schnell. Bei Buddha hat es z.B. 500 Jahre gedauert, bis irgendjemand seinen Notizblock hervorgeholt hat.

Markus und Lukas und Matthäus sind die drei Evangelien, die sich sehr ähnlich sind. Die Wissenschaft geht davon aus, dass Markus eine Quelle mit Jesus-Zitaten hatte und die beiden anderen diese Zitate und das Evangelium des Markus.

Der vierte im Bunde ist Johannes. Der steht da alleine. Ist griechischer als die anderen. Und mystischer. Bei den frühesten Abschriften des Markus endet die Geschichte mit einem leeren Grab. Bei Johannes geht es da dann erst so richtig los. Nach der Auferstehung.

Markus und Matthäus schreiben noch für die innerjüdische Sekte, Lukas und Johannes schon für das Christentum. Denn so ungefähr dreißig bis vierzig Jahre nach der Kreuzigung kam es zur Trennung.

Also fassen wir das Chaos noch einmal zusammen. Vier Mal wird die gleiche Geschichte erzählt. Von Matthäus, von Markus, von einem Lukas und einem Johannes.

Die darf man als gläubiger Christ schon kennen. Und man darf auch erkennen, dass die sich nicht einig sind. Da gibt es bei einem einen langen Stammbaum von David über Josef zu Jesus und beim anderen eine Jungfrauengeburt.

Drei sind der Meinung, die Kreuzigung war am 14., einer meint, es sei der 15. gewesen.

Nach der Auferstehung sagt Jesus bei dem einen, man kann ihn nicht anfassen und beim anderen sagt er dem ungläubigen Thomas: Fass‘ mich an!

Aber schauen wir uns die anderen Schriften im Neuen Testament an. Da kommt als nächstes die Apostelgeschichte. Die ist wahrscheinlich noch älter als das Markus-Evangelium.

Sie erzählt die Geschichte von der Ausbreitung des Christentums, erst in Israel und dann im ganzen Mittelmeer-Raum. Die Rolle der Frauen im frühen Christentum wurde über Jahrhunderte gründlich aus der Bibel gestrichen, aber hier finden sich noch Fundstücke. Höchstwahrscheinlich waren die Frauen im Urchristentum den Männern gleichgestellt.

Dieses Buch stammt wohl aus dem Umfeld des Paulus. Aber enthält eigentlich keine Theologie von Paulus.

Die kommt dann massiv im nächsten Abschnitt des Neuen Testaments. Da sind nämlich ein Haufen Briefe gesammelt. Dreizehn Briefe von eben diesem Paulus. An verschiedene christliche Gemeinden im ganzen Mittelmeer-Raum. Korinth, Thessalonika oder Rom zum Beispiel. Wahrscheinlich aber sind nur sechs oder sieben Stück wirklich von ihm – die anderen Autoren haben seinen Namen nur geklaut.

Dieser Paulus ist ganz entscheidend für das Christentum. Um es ganz grob zu beschreiben, hat er aus der innerjüdischen Sekte mit einer starken Prise Hellenismus erst das gemacht, was wir heute als christlich bezeichnen. Er findet Gründe, warum zum Beispiel männliche Kinder nicht beschnitten werden müssen – klingt unwichtig, ist aber damals ein entscheidender Schritt.

Denn es gab viele jüdische Gemeinden im Mittelmeerraum. Und darum viele Menschen, die sich für diesen Monotheismus interessierten. Die nennt man Proselyten. Aber Jude zu werden war damals fast unmöglich und ist auch heute noch ein schwieriger Prozess.

Paulus sagt im Prinzip, mit Jesus würden die Spielregeln geändert und ab jetzt kann man diesem Gott folgen, wenn man sich nur taufen lässt und an Jesus glaubt. Das ist natürlich in heutigem Deutsch ein erheblicher Marketing-Vorteil.

Zurück zum Buch. Da folgen nach den Briefen des Paulus und der Pseudo-Paulusse acht weitere Briefe. Die werden anderen Aposteln zugeordnet wie zum Beispiel Petrus oder Johannes oder Judas oder Jakobus.

Nein, das ist nicht der Judas, der Jesus geküsst hat. Dafür ist mit Jakobus der große Bruder von Jesus gemeint. Soviel zur Jungfrauengeburt, Lukas!

Und dann folgt die sogenannte Apokalypse. Die Offenbarung des Johannes. Eine wirre Beschreibung der letzten Tage der Menschheit, bevor Gott alles neu aufräumt.

Voller Symbolik, die wir heute nicht mehr verstehen können. Voller Hass auf das Römische Reich, aber alles hübsch verklausuliert und versteckt.

Ein Buch, das in meinen Augen im Laufe der Geschichte mehr Unheil als Heil erzeugt hat.

Und damit wären wir durch! Amen