Bedingungslose Liebe


„Nimm mich an, so wie ich bin!“ oder „Du musst mich lieben, wie ich eben bin!“ sind zwei in Beziehungen nicht selten gestellte Forderungen.

Es ist unser aller Traum, genau so geliebt zu werden, wie wir denn nun einmal auch sind. Nicht wegen unserer Fehler, sondern am liebsten gleich wegen unserer Fehler.

Aber, wenn wir ehrlich sind, dann sind wir eben alle nicht nur toll, sondern auch kleine Arschlöcher. Das erschwert das „bedingungslose“ Lieben natürlich.

Herr Wunderlich behauptet heute, dass Liebe eben auch eine Entscheidung ist.


Download der Episode hier.
Music: „I Still“ von The Hedgerow Folk / CC BY-SA 3.0
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Skript zur Sendung


Wir haben uns auf einer Partnerschaftsbörse kennengelernt. Auf neu.de, wenn ich mich nicht irre. Vorher war ich auf parship, aber das wurde mir zu teuer. Neu.de kostete nur ein Drittel. Oder die Hälfte. Weiß ich gar nicht mehr genau.

Ich habe da einiges schon wieder vergessen. Du warst ja auch nicht mein erstes Date. Sondern das fünfte, wenn ich mich richtig erinnere. Ehrlich gesagt hatte ich ungeheuer viele Anfragen. Bei Parship waren es innerhalb eines Tages 50 Stück.

Das hat mich richtig umgehauen. Für einen winzigen Moment dachte ich: „Mein Gott, Oliver, wahrscheinlich schaust Du doch ganz gut aus!“

Oder aber: Irgendetwas musste ich an meinem Profil richtig gemacht haben. Etwas, das die anderen Männer nicht machen. Aber ich war wirklich ahnungslos, was das wohl war. Die Profile anderer Männer wurden mir ja nicht angezeigt.

Doch nach den ersten Telefonaten begann es mir zu dämmern. Und das Geheimnis ist leider auch sehr einfach. Ich war fünfzig Jahre alt und hatte angegeben, dass ich Frauen kennenlernen wollte, die so alt sind wie ich.

Und das machen andere Männer, die fünfzig Jahre alt sind, einfach nicht. Punkt. Klingt wie ein Vorurteil, aber das sagt die Statistik sehr deutlich. Männer, die fünfzig sind, suchen Frauen, die 35 bis 38 Jahre alt sind. Maximal.

Frauen, die 50 sind, müssen mit Männern vorlieb nehmen, die mindestens sechzig Jahre alt sind. Das war auch Deine Erfahrung, oder?

Na ja, das war auf jeden Fall meine Zeit auf dieser Handelsbörse mit Namen neu.de

Wo jeder sich und seine Qualitäten darstellt, um jemanden zu finden, den oder die man lieben kann. Das ist ja eigentlich, wenn man es genau betrachtet, irgendwie eine schöne und auch eine traurige Sache.

Und dann telefoniert man und dann trifft man sich und innen, in einem drinnen, macht das Unbewusste aus, ob sich der Handel lohnt. So eine Beziehung ist im Kern irgendwie eben ein Handel. Meine Attraktivität gegen Deine Attraktivität. Mein Bauchumfang gegen Deinen Bauchumfang. Meine Bildung gegen Deine Bildung. Mein Humor gegen Deinen Humor. Meine bestmögliche Partnerin zu finden, die mindestens so gut is wie ich – am besten natürlich noch eine Nummer besser. Man will sich ja schließlich nicht verschlechtern, oder?!

Und, wenn das alles irgendwie passt, dann kann man auch noch Sex haben, auch kein unwichtiger Faktor. Denn das muss ja auch funktionieren. Und wenn dann alles so richtig doll passt, dann schüttet das Unbewusste auch die richtigen Hormone in der richtigen Menge aus. Und alles wird gut.

Aber natürlich stimmt das nicht. Das ist ein blödes, mechanistisches Bild. Wie wenn unser Körper eine Maschine wäre und man nur die richtigen Knöpfe drücken muss.

Klar, irgendwie läuft das wohl schon so mit dem Abchecken und irgendwie ist eine Partnerschaft irgendwie ein Handel. Das mag ja, von mir aus, auch irgendwelche evolutionsbiologischen Gründe haben. Unser beider Genpool gleicht sich ab. Das egoistische Gen trifft die Entscheidung. Das ist übrigens ein tolles Buch von Richard Dawkins aus der Zeit, als seine einzige Leidenschaft noch nicht die war, alle Religionen lächerlich zu machen.

Doch Gene hin und Fortpflanzung her, das wären ja jetzt für uns zum Beispiel nicht die wichtigen Kriterien. Für die Evolution haben wir mit erwachsenen Kinder unser Mindesthaltbarkeitsdatum ja schon überschritten.

Alle unsere tollen Eigenschaften vom Profil der Partnerschaftsbörse sind doch eigentlich nicht wichtig, oder?

Denn eigentlich, tief im Inneren, wollen wir alle doch einfach so geliebt werden wie wir sind. Mit allen Mängeln und allen Schwächen. Mit dem schlechten Musikgeschmack oder mit den Senkspreizfüssen.

Der Partner oder die Partnerin, die sollen uns einfach annehmen, wie wir sind. Zu 100%. So, dass wir uns nicht verstellen und verdrehen müssen. So, dass wir uns in der Gegenwart des anderen so verhalten können, wie wir das wollen.

So muss das sein mit der Liebe. Wir wollen eigentlich alle bedingungslos geliebt werden. Unconditional love. Wie die Donna Summer es ausgedrückt hat.

Und während wir das wollen, bedingungslos geliebt werden, denkt es zynisch in uns: So ein romantischer Schwachsinn. So läuft das nicht. Keiner liebt mich, so wie ich bin.

Tja. Und die Wahrheit ist: Stimmt. Stimmt genau. Ihr werdet nicht bedingungslos geliebt. Und das liegt an der kleinen, störenden Tatsache, dass ihr alle Arschlöcher seid.

(Wow, ich kann das, unsere Hörenden so richtig an unseren Radio-Podcast zu binden, oder? So bleiben die uns sicher treu, diese Arschlöcher!)

Es ist natürlich so, dass wir alle halt auch Arschlöcher sind. Das ist einfach die Wahrheit. Und deswegen betreiben wir halt Partnerschaften in Wirklichkeit doch meistens wie einen Handel. Wie oben genau geschildert.

Und dann denken wir uns: Ja, der Sex ist in Ordnung, aber er hat halt kaum noch Haare. Oder sie riecht aus dem Mund. Oder er macht schlechte Witze oder sie hat oft Blähungen. Und dann die Tischmanieren! Und der Musikgeschmack! Das geht ja gar nicht!

Aber es ist ein Handel, ein Deal. Und im Laufe der Zeit werde ich sie schon ändern. Oder ihn. Wenn sie noch nicht meine Traumfrau ist, dann werde ich das schon noch hinkriegen. Wenn er noch nicht mein Traum-Mann ist, dann bastele ich ihn mir halt hübsch.

Ich finde, dass ist ziemlich genau das, was ich in den meisten Beziehungen so beobachte. Erst lernt man einen Menschen kennen und dann irgendwann den Partner dazu. Und manchmal kriegt man einen entschuldigenden Blick auch noch dazu, man muss dem Partner halt schon verzeihen – der kann richtig nervig sein, aber eigentlich ist er ein prima Kerl.

Ist wie bei Hunden: Der will nur spielen!

Da ist, glaube ich des Pudels Kern, um gleich bei Hunden zu betreiben. Wir wollen zwar schon selber bedingungslos geliebt werden, aber selber machen wir das natürlich nicht.

Liebe, das ist ein Gefühl für uns, das entsteht, wenn das Kleingedruckte im Beziehungswerk auch ungefähr stimmt. In Wirklichkeit können wir ja nichts dafür, ob wir jetzt lieben oder nicht. Ist ja so ein komisches Psycho-Dings. Ich liebe Dich. Und jetzt liebe ich Dich nicht. Unsere Liebe ist vorbei. Unsere Liebe beginnt. Ich kann Dich nicht lieben, tut mir leid. Ich würde ja schon wollen, aber es geht halt nicht…

Da liegt der Hase im Pfeffer. Gleich neben des Pudels Kern. Denn ich bin mir mittlerweile ziemlich sicher, dass es eine Entscheidung ist, zu lieben. Keine reine Verstandes-Entscheidung, aber doch.

Ich liebe Dich, Frau Anders. Weil ich beschlossen habe, Dich zu lieben. Ich habe mich dazu entschieden.

Das klingt jetzt natürlich nicht so wildromantisch wie in einem Hollywood-Film. Wo die Protagonisten ihren Emotionen immer willenlos ausgeliefert sind. Zugegeben. Das ist nicht romantisch.

Aber in Wirklichkeit das bessere Fundament. Ich liebe an Dir mittlerweile eigentlich alles.

Als wir uns kennengelernt haben, da haben wir wahrscheinlich auch unbewusst so Verhandlungen geführt. Und dies bewertet und jenes auch. Und abgewogen. Ich zumindest habe das getan, ich gebe es offen zu.

FA: Ach ja? Das würde ich aber schon mal gerne wissen, was du bei von auf den Prüfstein gestellt hast?! Vielleicht meine Schnarcherei? Oder meine Traansfunseligkeit..?

Nach 28 Jahren Beziehung, nach 25 Jahren Ehe, nach den ganzen Dates über die Partnerschaftsbörse war ich völlig verunsichert, was ich überhaupt noch empfinden kann.

Ich habe mich wirklich sehr mit der Frage beschäftigt, wie das geht, dieses Verlieben. Und ob es das braucht. Und wie man überhaupt so eine Beziehung beginnt zu einem wildfremden Menschen. Ich wußte das überhaupt nicht mehr.

Weißt Du eigentlich noch, was das allererste war, was Du mir gesagt hast, als wir uns das erste Mal gesehen haben? Wo Du mich aus der Dusche geklingelt hast, weil Du viel zu früh dran warst?

FA: Hast mal ein Euro ich steh an einer Parkuhr und hab meinen Geldbeutel vergessen…

HW: Es hat einige Zeit gedauert, bis ich aus meiner Verkrampfung rausgekommen bin. Bis ich mich öffnen konnte. Bis ich mich entspannte. Bis ich mich auch ein bisschen habe fallenlassen können.

Ich brauche ja immer lange für alles, was mit Emotionen zu tun hat.

Aber vor kurzem habe ich dieses warme Gefühl für Dich in mir wieder einmal beobachtet. Und es ist mir aufgefallen, dass ich mittlerweile gerade die Sachen an Dir liebe, die mir am Anfang nicht so gut gefallen haben.

Ja, ist blöd, das zu sagen, ich weiß. Ich habe doch gesagt, wir sind alle Arschlöcher. Und bei mir kann ich das besonders gut beurteilen.

Es ist wahr. Eigentlich ist Liebe bedingungslos. Liebe muss heißen:
Da bist Du. Ich sehe Dich. Ich sehe Deine Fehler. Aber ich bleibe bei Dir. Nicht obwohl du so bist wie du bist, sondern weil du so bist wie du bist.
Oder: Jetzt haben wir ein ganz schönes Problem. Aber wir packen das an. Ich bleibe bei Dir.
Und: Du bist es wert, geliebt zu werden.

Denn ich habe beschlossen, zu lieben.

Das andere Modell, das darauf basiert, das man einen Handel eingeht und dann die Liebe schon kommen wird, das macht auf Dauer unglücklich. Unser aller Handelsware wird nicht besser.

Und noch schlimmer ist das Hollywood-Modell von der romantischen Liebe, die einen wehrlos macht und plötzlich überfällt. Und dann ist man völlig wehrlos.

Diese beiden Vorstellungen von Liebe sind ein sicherer Weg zu einer schlechten Beziehung. Denn da ist ja noch dieses andere Profil auf der Partnerschaftsbörse. Da ist noch diese andere Frau auf Tinder, vielleicht bekomme ich da mehr Ware für meinen Einsatz?

Liebe ist ein Gefühl. Aber es ist ein Gefühl, für dass man sich entscheiden muss. Das glaube ich mittlerweile ganz fest.

Zum Schluss möchte ich noch sagen, dass das hier kein Beziehungsratgeber ist. Es gibt da draußen viele unsymmetrische Beziehungen, wo ein Partner liebt und der andere nicht.

Wenn ihr unter eurem Partner leidet, dann solltet ihr euch vielleicht nicht wirklich dazu überreden, dass ihr ihn nur bedingungslos lieben müsst. Und ihr euch halt entscheiden müsst. Das sollte nicht mein Ratschlag sein. Es gibt genug Partnerschaften, die ungesund sind und dann macht es natürlich Sinn, sich zu trennen.

Eigentlich wollte ich nur sagen: Es gibt eine Stelle, einen Zeitpunkt, da entscheiden wir uns für den anderen. Und es ist völlig in Ordnung, wenn man dabei keine tiefen Hollywood-Emotionen hat.

Es spielen da keine Geigen, es regnet keine Rosenblätter. Es ist einfach nur so, dass in uns – kurz, ganz kurz – die Angst aufhört. Das ist der Zeitpunkt. Das ist Liebe.