Ayahuasca

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Unsere Erzählerin ist bei dem Versuch, ihre Rückenschmerzen zu bekämpfen, einen weiten Weg gegangen. Als ihr die Medizin nicht mehr weiterhelfen kann, wendet sie sich holistischen Formen der Heilung zu. Ihre Reise führt sie, auf Umwegen, in den Dschungel Limas und zu einem seltsam modernen Schamanen.


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Frei nach „The Magic Bus“ von Bokara Legendre

Download der Sendung hier.

Musiktitel: „Concrete Jungle“ von Dr. Groove Gang / CC BY-SA 3.0

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Die Geschichte zum Lesen

Ich lebte mein Leben ganz zufrieden im Jet-Set der Ostküste. Schicke Dinner-Partys und Reisen zu den exotischsten Plätzen der Erde – ihr wisst ja, wie das ist!

Keine Ahnung, wie es dazu kommen konnte, dass ich ein Jahr später nackt auf allen Vieren im Dschungel kauerte und mich übergab, als wollten meine Innereien unbedingt auch in Ruhe den schmutzigen Boden der Hütte untersuchen.


Damals, noch zur Zeit der schicken Dinner-Partys, hatte ich einen viel jüngeren, sexy Liebhaber, von dem Manche behaupteten, er verfüge über dunkle Mächte.

Na ja, was die Leute halt so reden!

Als er mir den Laufpass gab, brach mein Leben zusammen. Ich fühlte mich, als hätte ich ein Herz aus Glas und ich erinnerte mich plötzlich an alle Romanzen, an jede meiner Scheidungen und es fühlte sich an, als wäre mein Leben verschwendet.

Dann begannen die Schmerzen im Genick. Der Schmerz wanderte bald die Wirbelsäule hinunter und ich konnte mich kaum noch bewegen.

Ich war so schwach, dass ich beide Hände benötigte, um meine Haarbürste zu halten. Das Aufstehen am Morgen wurde zu einem Ritual der Qual. Ich rollte wie ein Kleinkind aus dem Bett und brauchte fünf Minuten, um aufrecht zu stehen.

Mein Arzt meinte, ich hätte eine Krankheit, die den Alterungsprozess beschleunigen würde – als ob der nicht ohnehin zu schnell vonstattenging!

Er meinte, ich solle mich damit abfinden, dass ich bald komplett versteift wäre und verschrieb mir Morphium.

Einige Jahre dauerte diese Nicht-Behandlung und ich muss gestehen, ich habe mein Morphium in dieser Zeit vielleicht ein bisschen zu sehr liebgewonnen.

Also beschloss ich, dass dieser Dauerzustand des Rausches ein Ende finden müsste. Ich würde einem holistischen Heilungsansatz eine Chance geben.

Also beschloss ich, erst einmal 14 Tage in der Wüste zu fasten.

Wer würde das nicht so machen, oder?

Das war in jenem Jahr, in dem es zum ersten Mal seit Beginn der Klima-Aufzeichnungen in der Wüste von Arizona 10 Tage ohne Unterbrechung regnen sollte – was meinen asketischen Anstrengungen nicht entgegenkam.

In der Wüste hatte ich einen Herzchirurgen auf seiner spirituellen Suche kennengelernt und wir wechselten in eine zu teure Klinik und gaben Ayurveda eine Chance.

Ich erinnere mich genau, wie wir eines Tages warmes Öl auf den Kopf geträufelt bekamen, stundenlang massiert wurden und im Speisesaal vor einer Schüssel Sonnenblumensamen saßen und bitterlich weinten. Vor Hunger allerdings…

Das war der Zeitpunkt, wo ich vermutete, dass meine Probleme wahrscheinlich ihre Wurzel darin haben, dass ich ein schlechter Mensch bin.

Die logische Konsequenz: Ich flog nach Bhutan und besuchte ein sehr schmutziges Kloster und verbrachte Monate in Meditation. Umgeben von Götterbildern, die grimmig blickten, betete ich zur Leere, sie möge mich doch bitte schleunigst erfüllen, damit ich mir in einem vernünftigen Hotel einen doppelten Gin Tonic gönnen könnte. Also hakte ich Meditation auch erfolglos ab.

Das Kapitel mit der Muscheldiät lasse ich jetzt am besten einmal aus, es geziemt sich nicht, detailliert über die Farbe von deutlich zu flüssigem Stuhlgang zu berichten.

Auf einer der Dinner-Partys, die ich in meiner Verzweiflung in meinen holistischen Zeitplan einschob, lernte ich einen Anthropologen kennen, der mir erzählte, auch er habe unter massiven Schmerzen der Wirbelsäule gelitten, bis ihn ein Schamane durch eine Ayahuasca-Kur davon erlöst habe.

Selbiger Anthropologe war so freundlich, mir meinen persönlichen Aufenthalt in Lima zu organisieren. Er verhalf mir zu einem fähigen Übersetzer, der – großer Vorteil – gut aussah, aber – großer Nachteil – am Tag nach meiner Ankunft verstarb.

Bald war er durch einen Nachfolger ersetzt, der seines Zeichens Kartoffelbauer war und ein Anhänger von Deepak Chopras Lehren. Komisch, dass wir unser Heil immer in anderen Kulturen suchen müssen, dachte ich mir, als ich mit ihm in einem Fast-Food-Restaurant in Lima saß.

Er gestand, dass er sich, bevor er Deepak kennenlernte, auch von einem Schamanen behandeln ließ und zeigte mir auf dem Smartphone ein Foto.

Sein Heiler trug eine Krone aus bunten Vogelfedern, einen blauen Umhang und eine wirklich ansehnliche Kette aus Knochen um den Hals.

Ach, wie ich das schätze, wenn sich Menschen angemessen zu kleiden wissen!

Mein Schamane aber hieß Diego, trug nagelneue Trackingstiefel, eine Sonnenbrille und erzählte, dass er gerade vom Internetcafé käme. Das war doch kein Schamane und keine Art und Weise, wie ein Schamane seine Freizeit verbringen sollte!

Noch schlimmer: Am nächsten Tag brachen wir auf und fuhren mit dem Taxi in den Dschungel. Mit dem Taxi! Kann man auf der spirituellen Reise nicht wenigstens auf einem Esel zu einem exklusiven Drogentrip reiten?

Hat heute denn keiner mehr Gefühl für Stil?

Die Reise ging zu Fuß weiter, einen Hügel im Dschungel hinauf und ich schleppte unter Schmerzen meinen Louis Vuitton-Köfferchen durch den Matsch. Den hatte ich, in weiser Voraussicht mit den nötigsten Dingen gepackt:

Kleenex, Toilettenpapier, Insektenspray und Deodorant.

Als wir das Camp erreichten, führte mich Diego zu meiner Hütte. Obwohl das vielleicht nicht die passende Beschreibung ist für eine Holzplattform auf vier Stelzen mit einem Dach aus Palmblättern. Sichtlich waren den Architekten im Urwald gewisse bauliche Moden des Westens nicht geläufig. Wände, zum Beispiel.

Ich ließ mich nicht entmutigen und begann mein Hab und Gut auf dem kleinen Tisch zu sortieren, als Diego zum Abendessen rief.

Prima, sagte ich zu mir, vielleicht kennen die Küchenchefs im Urwald gekühlte Getränke. Der Speisesaal war eine Hütte wie meine, mit einem Tisch auf dem 12 Platten mit Essen standen. Reis und Gurken.

Das war der Speiseplan in den nächsten Wochen. Frühstück: Reis und Gurken; Mittagessen: Reis und Gurken und zum Abend, zur Abwechslung: Gurken und Reis.

Im Speisesaal lernte ich Susan kennen, die zu meiner Freude perfekt Englisch sprach und bemerkte: Fragen Sie bloß nicht, was es hier zum Tee gibt!

Nach dem frugalen Mahl trat Diego zu uns und erklärte mir:

„Du bist noch nicht bereit! Stattdessen werde ich Ayahuasca trinken und Dich diagnostizieren.“

Wir schritten zur Zeremonienhütte, die genauso aussah wie der Speisesaal und warteten auf einer Bank. Stundenlang. Die einzige Ablenkung von der Hitze und den Rückenschmerzen war es, meinem Schamanen beim Erbrechen zuzusehen.

Meine Diagnose erhielt ich am nächsten Morgen. Diego berichtete, er hätte eine schwarze Hand gesehen, die mein Gesicht verbarg und eine Stimme flüstern gehört, die sagte: „Sie gehört mir!“. Jemand hätte mich verflucht.

Ich antwortete, der Situation angemessen, schockiert: „Mein Gott! Aber wer!“

Doch eigentlich wusste ich es schon.

„Ein junger Mann“, antwortete Diego.

Dieser nichtsnützige, kleine Ganove von Liebhaber mit dem knackigen Hintern hatte mich mit einem Fluch belegt!

Diego hatte einen Behandlungsplan, der zuerst vorsah, dass ein Schamane namens Ruperto mich mit seinem Mariri behandeln sollte. Dazu muss man erwähnen, dass Mariri eine Schlange ist, die in Rupertos Hals wohnt und die böse Geister erkennen konnte.

Ruperto war starker Raucher, was man an seinem Körpergeruch erkannte und an seinen beige-farbigen Zähnen und an einem Tumor am Hals.

Oder war das Mariri?

Ich saß in meinem türkisfarbenen Sarong auf der Bank, als er sich näherte und mich auf einmal in den Nacken biss, um den bösen Geist auszusaugen und auf den Boden zu spucken.

Zeitgleich hatte ich eine Vision von einem jungen Mann mit knackigem Hintern und rief plötzlich laut: „Verschwinde! Hau ab!“. Susan versicherte mir, sie hätte ein schwarzes Tier fliehen sehen.

Diego erklärte, dass ein weiteres meiner Probleme sei, dass ich zu viele Gedanken hätte. Ich solle auf das Licht der Kerze achten und dabei eine Viertelstunde nicht denken und nicht zwinkern. Das wäre die Kur.

Also tat ich, wie mir geheißen. Nach sechs Minuten musste ich zwinkern, was ich schamvoll gestand. Diego meinte: „Dann beginne von vorne!“

Es dauerte neun Minuten, bis ich wieder zwinkerte. Allerdings gestand ich dieses Mal meine Schande nicht ein: Ich schummelte bei der Gehirnwäsche.

Schritt drei war die rituelle Reinigung. Ich wurde nackt in glühend heiße Decken gewickelt und während ich gut die Hälfte meines Körpergewichts in Form von Schweiß absonderte, brachten Gehilfen eine Schüssel mit Weihrauch in den Raum.

Damit wurde ich, tropfnass vom Schweiß, wie mich Gott schuf, von oben bis unten eingeräuchert, bis ich – nach Stunden – zu schwach wurde und nicht mehr stehen konnte.

Jetzt, so verkündete Diego, wäre ich reif für Ayahuasca.

Und schon die nächste Nacht sollte die große Nacht sein!

Während wir also zur Ayahuasca-Hütte wanderten, deren Bauplan ich nicht weiter erläutern muss, plagten mich Sorgen. Denn mein Rücken war immer noch steif und meine Rippen schmerzten immer noch bei jedem Atemzug. In diesem Zustand war ich nicht in der Lage zu niesen oder zu gähnen – Erbrechen aber schien mir völlig ausgeschlossen.

Diego blieb stehen und meinte: „Schamanen lassen sich nicht bezahlen. Sie arbeiten nicht für Geld, sondern sie heilen!“

Ich dachte mir: „Im Ernst? Kurz vor meinem Tod erpresst mich mein Schamane noch um Geld?“

Er bräuchte für seine Arbeit einen Schulbus. Der würde 15.000 Dollar kosten.

Ich war enttäuscht und meinte, kurz angebunden: „Ich denke darüber nach!“

Wir kommen in der Hütte an und ich bekomme mein Glas mit brauner Brühe und ich trinke das schlimmste Getränk meines Lebens und setze mich auf die Bank.

Nichts passiert. Gar nichts. Ich sitze auf der Bank und schaue den anderen dabei zu, wie sie sich die Seele aus dem Körper reihern.

Ich schwitze, ich friere, ich schwitze, ich friere und ich bin so beschäftigt damit, dass ich beinahe die riesige Schlange vor mir nicht bemerke. Sie ist knallgrün und sie hat blaue Augen. Und lange Wimpern – ich vermute, sie trägt Mascara.

Sie schaut mich an und sagt: „Ich werde Dich reinigen!“

Als diese Wörter verhallt sind, verwandele ich mich in eine Waschmaschine.

Alles dreht sich, als ob ich die Wäsche in einer Waschmaschine bin und das Gedrehe dauert Stunden, bis wieder die wunderschöne Schlange zu mir spricht und mit verführerischer Stimme flüstert: „Ich liebe Dich!“

Und ich liebe sie auch! Ich liebe die Schlange! Ich möchte für immer mit meiner Schlange zusammen sein!

Diego aber verkündet: „Das Ritual ist vorbei!“

Am Morgen kommt Diego in die Hütte, meint: „Schön, dass Du noch lebst!“ und er hat Grapefruits in den Händen.

„Endlich Frühstück am Bett!“, denke ich. Doch er meint, die Grapefruit braucht er, um meinen Körper abzureiben, damit die Geister des Ayahuasca den Körper verlassen.

Während er mich abreibt, erklärt er mir, dass ich zu 90% geheilt sei. Und dass er mich in seiner Vision gesehen hat. Ich hätte Flügel gehabt und Federn am ganzen Leib.

Ich blieb noch drei Wochen, aber meine Schlange habe ich nie wieder gesehen.

Als ich das Camp verließ, war mein Rücken nicht geheilt.

Doch das Camp hat tiefe Spuren in meinem Leben hinterlassen.

Doch etwas hatte sich in mir gelöst. Ich hatte erkannt, dass meine Krankheit nicht völlig ohne Bedeutung war: Zum ersten Mal im Leben war ich dazu in der Lage, mich still zu halten, mich nicht ständig zu bewegen.

Und ich erkannte, dass es diese ganzen tragischen Romanzen gab und diese Liebschaften aus Verzweiflung und dass mein Leben tatsächlich oberflächlich war – aber, dass das nicht automatisch bedeutete, dass ich ein schlechter Mensch war.

Das Beste aber, an diesem Besuch im Dschungel, war aber etwas anderes. Ich kaufte den Bus für Diego. Er machte aus ihm eine Schule und erteilte den Kindern im Dschungel darin Unterricht.

Ich habe also auch meine Spuren im Camp hinterlassen!


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