Armer schwarzer Kater


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Wenn ein geliebter Mensch gestorben ist, dann gibt einem die Gesellschaft eine Art Auszeit. Um sich zu erholen, sich zu fangen oder um, wie es so schön therapeutisch heißt: Trauerarbeit zu leisten.

Aber nach einer gewissen Zeit muss man dann wieder die Alte oder der Alte sein, sonst beginnen sich die Freunde Sorgen zu machen. Also nimmt auch Lotta wieder am Dating-Zirkus teil.

Und wir hören uns einmal an, wie das so abläuft in ihrem Kopf und warum am Ende „Grey’s Anatomy“ und Mandeleis dabei rauskommt!


Download der Sendung hier.

Die Fiddle-Licks als Intermissionen sind von Jesse Maw

Musiktitel: „Chromatic black cat“ von aYçA / CC BY-NC-SA 3.0


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(Nur für Sektenmitglieder)


Die Geschichte zum Lesen

(Im Restaurant)

FA: O.k.! Nicht gleich aufgeben! Du hast Dir vorgenommen, heute ganz gelassen und unvoreingenommen an dieses Date ranzugehen! Also, Lotta: Tief durchatmen! Und durchhalten!

Machen wir erst einmal eine kleine Zwischenbilanz! Also, er sieht einigermaßen… erträglich aus. Gut, mit 1,75 m ist er mir deutlich zu klein. Da bin ich ja 3 cm größer! Aber das ist natürlich oberflächlicher Unsinn! Zwar nicht unwichtig, aber natürlich nicht das Wichtigste!

HW: Warum kuckt sie mich denn auf einmal so an? Mein Gott, ich glaube, sie ist eine Borg und scannt mich gerade! Sie will mich ins Kollektiv aufnehmen! Widerstand ist zwecklos!

Habe ich irgendwas auf dem Hemd? Habe ich mich angekleckert? Oder habe ich vielleicht Anzeichen von Beulenpest? So kuckt sie auf jeden Fall! Ich glaube, sie findet mich körperlich eher abstoßend.

FA: Na gut. Wenn er jetzt ein emotionales Genie wäre und gebildet und liebevoll und fürsorglich… Wenn er also alles das wäre, dann würde das die deutlichen körperlichen Mängel wahrscheinlich aufwiegen. Denn, wollen wir einmal ehrlich sein, die Wohlstandsrolle um die Hüften muss ja Mitte dreißig auch nicht sein.

Aber, man kann ja im Schlafzimmer im Notfall das Licht auch ausmachen und an jemand anderes denken!

Sag’ mal, was mach’ ich eigentlich da? So kann man doch keine Beziehung anfangen! Sich schon beim ersten Date vorzunehmen, beim Sex an jemand anderes zu denken! Das ist ja so ungefähr das Gegenteil von Verliebtsein! Wie verzweifelt bist Du, Lotta?

HW: Jetzt ist irgendetwas in ihrem Hirn passiert. Jetzt hat sie einen Schalter umgelegt. War es etwas, das ich gesagt habe? Ich meine, eigentlich kann man ja nicht viel falsch machen, wenn man über Heidegger spricht, oder? Den kennt zwar jeder, aber gelesen hat ihn keiner.

Jetzt gießt sie sich noch mehr Rotwein ein! Und wie sie den runterschluckt! Entweder sie ist sehr verzweifelt, oder sie will sich mich schön saufen. Oh je, das wird nichts!

Sollte ich ihr nicht einfach sagen, dass ich sie liebe? Schon immer liebe?

FA: Ach nee! Jetzt fängt der Zwerg auch noch mit den Existentialisten an! Der versucht wirklich mit allen Mitteln, mich zu beeindrucken. Und dann noch seine Wortwahl! „Das Seiende“ – wer redet denn bitte heute noch so daher?

Ach so, Heidegger. Der natürlich schon. Was will er denn mit dem alten Halb-Nazi? Wie? Der hätte die Metaphysik überwunden? Jetzt wird das Bürschchen auch noch frech! Ich glaube, ich geh’ sofort!

Oder wäre das zu unhöflich? Jetzt reiß’ Dich zusammen, Lotta! Der hat wahrscheinlich nach Dir gegoogelt und auf Facebook gesehen, dass Du Philosophie studiert hast. Und jetzt will er Dich beeindrucken. Das ist doch eigentlich sogar drollig!

HW: Ach, das mit der Überwindung der Metaphysik hat ihr anscheinend gefallen! Sie lächelt ja sogar ein bisschen! Ich dachte schon, ich rede mich um Kopf und Kragen! Na, dann sollte ich vielleicht erzählen, wie wichtig Heideggers Gedanken zur Technik als „Ge-Stell“ gerade heute sind.

Oder? Vielleicht bin ich schon wieder über das Ziel hinausgeschossen? Ich könnte ja einfach einmal gar nichts sagen. Das wäre doch einen Versuch wert? Mein Gott, dass ich jedes Mal so furchtbar nervös werde!

FA: Was ist denn jetzt? Der sagt ja gar nichts mehr! Und warum lächelt mich der Zwerg auf einmal so an? Soll das verführerisch sein? Soll ich vielleicht jetzt etwas sagen? Nachdem er 20 Minuten zu Martin Heidegger referiert hat?

Mein Gott, gibt es eigentlich überhaupt einen anderen Philosophen, der weniger sexy ist? Da würde ich ja lieber mit Camus’ Leiche Sex haben, als mit einem Heidegger. Selbst, wenn er einzneunzig wäre und athletisch gebaut!

Was denke ich denn da für einen Unsinn zusammen? Und, bei allem guten Willen: Das Beste, was Dir zu diesem Date einfällt ist: „Drollig“! Das ist ja wirklich anziehend!

„Wir sind ein Paar, weil er beim ersten Date so ‘drollig’ über Heidegger monologisiert hat!“

Das wird nichts. Nichts gegen drollig. Theo war ja auch manchmal drollig. Aber Theo ist tot.

HW: Oh je! Jetzt habe ich verloren! Sie schüttet sich noch ein Glas Rotwein hinter die Binde. Und sie hat ganz feuchte Augen bekommen. Ich glaube, sie muss gleich weinen! Was tut ihr nur so weh?

Ich will nicht, dass sie so leiden muss! Ich habe alles falsch gemacht. Sie muss weinen wegen mir. Das wollte ich nicht! Die Arme! Dabei liebe ich sie so! Warum passiert das immer wieder? Jedes Mal!

FA: Am besten ist, ich verschwinde schnell! Mach’s gut, Martin Heidegger!

HW: Und das war’s! Sie ist schneller aufgebrochen, als ich mich wieder setzen konnte. Wieder nichts!

(Im Café)

FA: Das ist ja schon nett, wenn jemand Manieren hat. Ist zwar ein bisschen altmodisch, wenn der Mann der Frau den Stuhl wegrückt, wenn sie sich setzt, aber hat etwas irgendwie.

Hoffentlich will er mir nachher nicht in den Mantel helfen. Das geht nämlich immer schief. Da gibt es einen Kniff. Nämlich das Ärmelloch des zweiten Ärmels auf Hand-Höhe heben. Sonst muss man als Frau da so peinlich rumangeln. Das wird dann sozusagen der Gute-Manieren-Härtetest!

HW: Sie hat wirklich das bezauberndste Lächeln der Welt! Diese zwei Grübchen sind unglaublich süß! Und irgendwie sexy. Keine Ahnung, warum ich darauf so abfahre! Aber das war schon immer so: Grübchen sind mein Ding irgendwie!

Und sie hat auch einen einmaligen Körper! Und das Sommerkleid, das sie ausgewählt hat, bringt das so richtig zur Geltung. Klar, da wäre das Dekolleté, aber ich mag vor allem die Schlüsselbeine, muss ich sagen. Die machen mich richtig an!

FA: Holla! Der geht aber ran mit seinen Augen! Das ist ja wie eine Untersuchung beim Hautarzt hier! Ist das dieses „Mit den Blicken ausziehen“, von dem man immer wieder liest?

Ich meine, irgendwie schmeichelt es mir ja. Aber ich fühle mich nicht besonders hübsch. Erstens bin ich blass wie Dracula persönlich und zweitens habe ich nach Theos Tod zu viel abgenommen. Ich sollte diesen Dating-Scheiß wirklich lassen!

HW: Oh, jetzt habe ich sie wohl zu lange angekuckt! Das ist ihr unangenehm. Kann ich ja auch verstehen. Irgendwie habe ich sie ja gerade mit meinen Blicken ausgezogen. Ach, das ist mir aber jetzt peinlich. Aber ich kann ja auch nicht aus meiner Haut!

Jetzt hat sie sich trotz der Hitze wieder ihre Strickjacke angezogen! Wahrscheinlich, weil ich ihre Schlüsselbeine angestarrt habe wie ein Bildhauer! Aber sie ist nun einmal so verdammt hübsch! Ich habe noch niemanden getroffen in meinem ganzen Leben, den ich sofort attraktiv fand und zu dem ich mich auch seelisch so hingezogen fühlte wie Lotta.

FA: Okay, Lotta! Entspann’ Dich wieder! Du hast Deiner Therapeutin und Deiner besten Freundin versprochen, wieder zu daten. Wieder raus zu gehen aus Deiner Wohnung und am sozialen Leben teilzunehmen.

Theo ist schon zwei Jahre tot und Du bist eine junge Frau! Du hast jedes Recht, Dich wieder umzusehen nach anderen Männern! Das ist völlig normal! Sagt Deine Freundin. Und es ist gesund! Sagt Deine Therapeutin.

Die werden das schon wissen. Aber es ist sehr, sehr unangenehm, wenn ein fremder Mann beim ersten Date solche Begehrlichkeiten signalisiert. Das hast Du schön ausgedrückt, Lotta. Du meinst: Er ist ein geiler Bock.

Ich sollte das als Kompliment nehmen, wahrscheinlich. Wenn ich nicht so hysterisch und Psycho wäre, dann wäre das wahrscheinlich ein Kompliment. So geht das Spiel, Lotta! Jetzt öffne Dich ein bisschen!

Er schaut ja auch wirklich nicht schlecht aus, oder? Um so einen Körper zu haben, braucht es schon ein bisschen Selbstdisziplin. Der lässt sich nicht einfach gehen und hockt jeden Abend auf dem Sofa und kuckt Fantasy-Serien. Reiß’ Dich zusammen!

HW: Jetzt lächelt sie mich an. Das ist ja überhaupt nicht verkrampft – nein, völlig natürlich! Man sieht ihr gar nicht an, dass sie sich anstrengt, mir zu gefallen!

Wahrscheinlich macht sie diesen Dating-Zirkus nur mit, weil Petra auf sie eingeredet hat. Oder ihre Therapeutin. Und dann komme ich daher, in einem Luxuskörper – das möchte ich ja schon einmal bemerken – und was tue ich mit meiner Chance? Ich glotze sie an!

Die Arme! Sie tut mir so leid! Ich wünschte, ich könnte ihr die Wahrheit einfach ganz offen sagen! Ich wünschte wirklich, ich könnte ihr sagen, wie sehr ich sie liebe! Und dass ich alles tun würde auf der Erde, um mit ihr zusammen zu sein. Und nicht nur alles auf der Erde, alles auf dem Mond, dem Mars und auch auf Alpha Centauri!

Aber, wenn ich ihr das jetzt sage, dann läuft sie sicher weg. Warum passiert mir das bei jedem Mal? Merkt sie nicht, dass ich es bin? Wie oft müssen wir das Spielchen noch wiederholen?

FA: Was mache ich eigentlich wirklich hier? Ich spüre meine lächelnde Fratze von innen. Wie wenn es eine Karnevalsmaskerade wäre? Wem will ich hier mit meiner Pappnase eigentlich gefallen?

Diesem sympathischen Channing-Tatum-Typen mir gegenüber? Oder eher meiner lieben Freundin, oder meiner Therapeutin?

Was soll der ganze Zirkus hier überhaupt? Damit mir endlich jemand die Absolution erteilt?

Nein, nein, nein. Ich will das einfach noch nicht! Ich bin noch nicht soweit! Das ist jetzt das fünfte Date in zwei Wochen und immer endet es in einer Katastrophe. Immer denke ich früher oder später an Theo. Und dann muss ich weinen und die Stimmung ist im Arsch und mein Date denkt, er hätte alles verbockt und ich renne weg, so schnell ich kann!

Das ist doch nicht nur für mich Scheiße, sondern auch für meine Dates. Armer Sheldon, armer Keanu Reeves, armer Albert Einstein, armer Martin Heidegger und armer Channing Tatum! Oh, mein Gott, ich habe deren echte Namen alle vergessen!

Ich weiß nicht einmal, wie der sexy Typ mir gegenüber heißt und eigentlich ist es mir auch egal! Ich werde mich jetzt höflich verabschieden und diesen erbärmlichen Schwachsinn aufhören!

Mein Gott, dann bin ich halt über Theo noch nicht weg! Vielleicht komme ich nie über Theo weg! Na und? Das ist dann halt meine Entscheidung! Ich brauche diesen ganzen Kindergarten hier nicht mehr! So wichtig ist mir Sex nun auch nicht!

HW: Und weg ist sie! Na, toll! Mann, ich halte das nicht mehr aus ohne sie!

(Zu Hause)

FA: So! Das war die verdammt richtige Entscheidung! Endlich wieder Ruhe! Dauernd dieses schlechte Gewissen! Sollen die Männer mich endlich in Frieden lassen! Ich brauche nichts weiter zum Leben als dieses leckere Mandeleis, eine Packung Taschentücher und die letzte Staffel „Grey’s Anatomy!“

Versteht sowieso kein Mann, warum das eine tolle Serie ist! Das ist einfach so ein Frauending, glaube ich. Ehrlich gesagt: Verstehe ich ja selber nicht, warum es so ist!

Aber Theo hat das auch immer gerne gekuckt. Obwohl er ein Mann ist. Aber Theo war halt auch einzigartig. So einen gibt’s nicht noch einmal. Damit muss ich mich halt abfinden.

Aber, Lotta, sei stark! Jetzt nicht an Theo denken! Es gibt noch 10 Folgen zu kucken, bevor Du einschlafen darfst! Das ist nur etwas für die ganz Harten!

Was war das? War da nicht ein Geräusch? Klang, wie wenn jemand an der Tür kratzen würde! Wer sollte denn an der Tür kratzen? Das bildest Du Dir nur ein, Lotta!

Jetzt ist es auch nicht mehr zu hören. Vielleicht war das im Soundtrack von der Folge? Aber wer sollte denn im Krankenzimmer von Maggies Adoptivmutter kratzen? Die stirbt jetzt doch sowieso gleich!

Da war das Geräusch schon wieder! Das ist sicher nicht in der Fernsehserie! Ich meine, ich verstehe ja total, dass Amelia nicht über den Tod ihres Sohns hinwegkommt, aber deswegen kratzt der ja nicht an der Tür. Ich glaub ich geh’ ‘mal nachschauen!

Und, siehste, Lotta! Nichts! Niemand weit und breit! Alles nur Einbildung! Schau lieber nach, ob noch mehr Eis in der Tiefkühle ist und kuck’ in aller Ruhe weiter!

So! Da hätten wir doch noch eine halbe Packung Schoko-Sahne-Eis! Die hat zwar lässig achtzigtausend Kalorien, aber das ist ja egal! Ich brauch’ ja keinem Mann mehr gefallen. Und Theo würde mich auch lieben, wenn ich so ein breites Gesäß hätte wie Miranda Bailey – die ist ja auch trotzdem eine Superfrau!

Da! Schon wieder! Da kratzt doch jemand! Schon wieder! Das kommt gar nicht von der Tür! Das kommt vom Fenster! Da sitzt jemand vor meinem Fenster und kratzt! Wer ist denn bei dem Wetter da draußen? Aber… Da ist ja niemand!

Es kratzt schon wieder! Soll ich das Fenster aufmachen? Und wenn einer da am Boden liegt und aufspringt, sobald ich aufmache?

Immer noch dieses Kratzen! Komm schon, Lotta! Reiß Dich zusammen! Wer sollte sich denn auf den Boden legen, um an Deinem Fenster zu kratzen? Wenn Dich einer umbringen will, dann bricht der auch das Fenster auf!

Aber was ist das denn? Das ist ja ein tropfnasser Kater! Was macht der denn hier? Der Arme! Na, komm rein, Kleiner! Ich trockne Dich ab. Und dann bekommst Du von mir ein bisschen Sahne! Wäre das was für Dich, Du Hübscher?

Ob der wohl bei mir bleibt, wenn ich ihn gut behandele? Das wäre ja toll! So einen schönen Kater hätte ich wirklich gerne als Gesellschaft! Das reicht mir eigentlich, da brauche ich sonst keinen Mann!

Wie heißt Du denn, mein süßer schwarzer Kater? Kein Anhänger. Na, dann werde ich Dir einfach einen Namen geben! Ich nenn’ Dich… Ich taufe Dich auf den Namen „Alex“! So wie den einzig sympathischen Doktor in Grey’s Anatomy!

HW: Von mir aus! Ist mir egal! Sie kann mich nennen, wie sie will! Hauptsache, ich kann für immer bei ihr bleiben! Spielt ja keine Rolle, dass ich in Wirklichkeit „Theo“ heiße!