Antiquariat mit Ente


Einst konnte man noch guten Gewissens Diesel fahren. Einst konnte man noch guten Gewissens überhaupt Auto fahren.

Aus diesen Tagen erzählt der Herr Wunderlich wieder eine Olli-Geschichte. Die natürlich mit seinem ersten Auto zu tun hat.

Und mit einer weiteren seiner genialen Geschäftsideen. Die wiederum mit vielen, vielen Büchern zu tun hat. Eben das Antiquariat in der Ente!


Musik: „Dans ma 2CV à fleurs“ von H-IL / CC BY-NC-SA 3.0
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Skript zur Sendung


Kapitel eins: Zweiter Anlauf

Der 14. Februar 1983 war ein Tag voller Schneeflocken. Große, weiche Schneeflocken, die still auf die Straßen schaukeln. Obwohl es damals in München nur halb so viele Autos gab wie heute, war der Verkehr am Kollabieren.

Auf jeder Straße standen die Autos Schlange. Vor jeder Ampel kam es zu Hupkonzerten, wenn wieder ein Wagen vor lauter Rutschen auf dem Eis nicht vom Fleck kam.

In einem dieser Autos saß ich. Es war, so glaube ich, ein dunkelblauer Golf. Neben mir saß ein Mann, den ich im Leben noch nie gesehen hatte! Ziemlich das Gegenteil von tiefenentspannt war er, er hatte ein Clipboard auf dem Schoß, an dem er sich festhielt.

Ab und zu gab er mir Anweisungen. Die ich aber kaum verstand, denn das Gebläse lief auf vollen Touren, damit die Scheiben nicht anliefen. Hinter mir saß noch ein Mann, den kannte ich aus unzähligen Fahrten mit genau diesem Auto. Das mir nicht einmal gehörte. Dieser Mann war mein Fahrlehrer.

Die Prüfung sollte am Ende statt einer halben Stunde dreimal so lange dauern wie geplant. Und das, obwohl wir eigentlich nur einmal um den Block sind. Gut, ein Stückchen Mittlerer Ring war dabei. Aber die meiste Zeit standen wir rum. Ab und zu versuchte mein Fahrlehrer mit einem Witz, um den Prüfer aufzulockern. Klappte aber nie. Nicht einmal ein Schmunzeln. Waren auch doofe Nazi-Witze.

Mein Fahrlehrer war Kampfflieger im Krieg gewesen. Er vermittelte mir nützliche Tricks, wie man ein Flugzeug abschüttelt, das einem folgt:

„Links blinken, aber rechts abbiegen!“ meinte er.
Bis jetzt hatte ich noch keine Gelegenheit, das auszuprobieren. Mein Verdacht ist ja auch, dass das bei Drohnen und Kampfjets nicht mehr sooo klappt.

Ich bestand die Prüfung, der Prüfer war ziemlich im Stress. Bei der Fahrschule frierten schon zwei andere Prüflinge seit einer Stunde vor sich hin.
„Sehr gut gemacht!“ sagte er.
Aber wahrscheinlich meinte er, dass ich im Gegensatz zu meinem Fahrlehrer einfach die Klappe gehalten hatte.

Aber ich hatte nun einen Führerschein.

Kapitel zwei: Die Ente

Nun galt es also, ein Kraftfahrzeug zu erwerben, um endlich die große Freiheit zu genießen. Und ich kaufte mir eine blaue Ente für DM 2400,-

Dank einer großzügigen Spende meiner Eltern in Höhe von ungefähr DM 2400,-
Für meinen Vater war das nämlich eine Art Initiation. Der wichtigste Schritt ins Erwachsenenleben. Weil das wahrscheinlich für ihn so war, als er sich sein erstes Auto leisten konnte, denke ich.

Aber für mich war das schon auch wirklich ein großer Schritt. 1983 wußten wir noch nichts von Klimaerwärmung oder Feinstaub. Da gab es noch eine ganz andere Art von Umweltschmutz, wie man es sich heute gar nicht mehr vorstellen kann.

Eine gelbe Dunstglocke über München bei bestimmten Wetterlagen. Und natürlich konnte man nicht in der Isar schwimmen. Und im Rhein trieben die Fisch mit dem Bauch nach oben.
Was konnte da schon meine kleine Ente ausrichten?

Dieses Auto, dass ich anderhalb Jahre später auch schrotten werde – im einzigen Unfall, an dem ich die Schuld trug – dieses Auto war das einzige, das ich jemals geliebt habe.

Ein schwerer Stahlrahmen, auf den ein bisschen Blech geschraubt war. Hydropneumatische Federung – man lag in den Kurven fast ein bisschen wie auf einem Motorrad. Rolldach – im Sommer war es ein Cabrio! Und man konnte es mit einer Kurbel starten. Das habe ich auch ein paar Mal machen müssen.

Und ich konnte bald alles an der Rostlaube reparieren. Weil es so einfach war. Öffnete man den Motorraum, kannte man sich aus. Großzügig waren die Kompnenten verteilt, alles war für den Laien zugängig.

Die Ente war einfach das minimale Fahrzeug schlechthin. Entfernte man nur eine Komponente, dann war es kein Auto mehr. Mehr ein aufgemotzter Rasenmäher. Gott habe sie selig.

Kapitel drei: Die Geschäftsidee

Die neue Freiheit führte gleich zu neuen Ideen. Die erste Idee von meinem Kumpel Jojo und mir war schon das Versprechen von Reichtum und Luxus.

Uns war aufgefallen, dass in den Mülltonnen auf unserem Schulweg immer wieder noch tadellose Bücher lagen – Mülltrennung war ja noch nicht erfunden. Die Leute warfen Bücher weg, für die man doch sicher auf dem Flohmarkt noch gut Geld bekam!

Und schon war unsere Geschäftsidee geboren! Wir setzten eine Kleinanzeige in die Zeitung: „Wir holen ihre Bücher ab – kostenlos und schnell! Telefonnummer 089-3549966“. Tja, wir waren jung und brauchten das Geld. Na ja, brauchen… Wir wollten das Geld!

Und tatsächlich riefen einige Leute an. Meistens alte Menschen, die sich wohnlich verkleinerten. Ins Altersheim gingen oder ins Umland von München. Schon damals stiegen die Mieten von Jahr zu Jahr.

Die hatten bloß meistens leider auch alte Bücher. Und die wollte auf den Flöhmärkten niemand. Nicht einmal für fünfzig Cent bekam man umfangreiche Bildbänder verkauft, wie z.B. über den deutschen Panzerkrieg.

In unseren Zimmern entstanden meterhohe Stapel mit ungewollter Literatur. Sogar mehrere Ausgaben von „Mein Kampf“. Die damals keine Sau kaufen wollte. Heute, wo Nazi-Erinnerungsstücke gesucht werden, wahrscheinlich ein Vermögen wert.

Irgendetwas war an unserer Geschäftsidee faul. Wie kommen wir nur an zeitgemäßere Literatur?
Da rief jemand an, der in Prien am Chiemsee lebte und uns große Mengen Bücher versprach. Bestseller, zeitgemäß. In rauhen Mengen.

Kapitel vier: Der Schreiber

Der fleißige Leser war ein Schreiber. Und zwar Herrmann Schreiber. Dessen Nomen echt ein Omen war, denn er hatte ein Haufen Sachbücher und Romane und Biographien geschrieben. Und tatsächlich waren einige Bestseller.

Und dieser erfolgreiche Schriftsteller trennte sich, wegen meterhoher Stapel an Büchern in seinem Haus – wir kannten das Problem – der trennte sich nun von einem Gutteil seiner Werke. Gegen mau. Konnten wir alles geschenkt haben.

Die Werke hießen „De Goten“ oder „De Vandalen“ – die holländischen Ausgaben seiner Werke.

Oder „Die zehn Gebote“ oder „Die Glut im Rücken“, „Paris – Biographie einer Weltstadt“, „Das Schiff aus Stein. Venedig und die Venezianer“, „Mein Sarg bleibt leer“, „Die Mätresse“, „Ein König und die Liebe“ oder „Blutroter September“.

Alles vorzugsweise in Niederländisch, Schwedisch, Dänisch und manchmal auch in Englisch. Eigentlich war das ja nicht ganz das, was wir uns ausgemalt hatten. Aber wir stimmten dem Handel zu. Denn es waren auch ein paar Bildbände über das Moulin Rouge und ähnlicher Softporno-Kram dabei.

Also verbrachten wir geschlagene zwei Stunden damit, jeden freien Raum in der Ente mit Büchern zu füllen. Die Rückbank hatten wir in weiser Vorraussicht sowieso im München gelassen. Dieser Vorrat würde auf jeden Fall für diese Flohmarkt-Saison reichen!

Gut, die Ente zog jetzt nicht mehr so richtig. Zugegeben. Und hinten lag sie so tief, dass man bei jeder Bodenwelle so ein komisches Schrammelgeräusch hörte.

Aber diese Menge an Büchern! Wenn wir nur für jedes eine Mark bekommen würden, dann wären das ja wahrscheinlich Hunderte von Märkern! Und vielleicht gibt es ja in München viele Holländer, Schweden, Dänen oder Engländer, die echt Probleme hatten, an gute Literatur zu kommen.

Die Aussicht auf den plötzlich Reichtum ließ uns jegliches Leid ertragen. Wie zum Beispiel die Tatsache, dass das Auto nicht mehr schneller als 40 km/h fahren konnte.

Kapitel fünf: Der Berg ruft!

Der liebe Gott in seiner Weisheit hat ja oft natürliche Grenzen für bestimmte Ökosphären eingerichtet. So hat er den Briten eine Insel gegeben, damit sie nicht Kontinentaleuropa mit ihren Würstchen aus Pressspan vergiften. Und er hat die Bewohner des Chiemsees mit einem großen Berg davor bewahrt, dass zuviele Münchner die Brotzeitpreise in den Wirthäusern ruinieren.

Dieser große Berg heißt Irschenberg. Und die Lastwagenfahrer Europas und die Wohnwagenfahrer Europas und die Traktorfahrer Bayerns singen heute noch Balladen darüber, wie sie den Aufstieg doch geschafft haben.

Wie sie den Widrigkeiten der Natur getrotz haben und mit ihren Vehikeln diese Strafe Gottes letzten Endes doch überwunden haben. Wie sie ihren Augen nicht trauen wollten, als die Steigung immer steiler wurde. Und der Zeiger auf dem Tacho in Krämpfen auf die Null hin zuckte.

Doch dann, so erzählen es die Legenden, doch dann schalteten sie einen Gang runter. Und sie drückten das Gaspedal durch und beteten schweißnass zu allen Heiligen – Und. Siehe. da! Sie schafften es. Wie gut, dass ihr Fahrzeug 150 PS hat! Danke, Gott, danke!

So gehen die Heldengeschichten vom Irschenberg! In Bayern eine eigene Literaturgattung.

Wir hatten aber leider nur… 17 PS. Und wahrscheinlich an die 500 kg Bücher im Auto. Ich kann mich erinnern, wie ich meinen Augen nicht traute, als die Steigung immer steiler wurde. Und der Zeiger auf dem Tacho in Krämpfen auf die Null hin zuckte. Bloß, in unserem Fall erreichte der Zeiger die Null auch. Und die Ente gab hustend auf.

Ohne mich, Jungs, ich bin nur ein verzauberter Rasenmäher!

In weiser Vorraussicht hat Gott auf dieser Autobahn auch eine Standspur geschaffen. Und da standen wir auch. Und schauten vom Waldrand auf ein dampfendes Auto, dass da schweratmend stand. Während riesige Laster mit 50 km/h an ihm vorbeirauschten. Es wackelte bei jedem Laster immer ein bisschen hin und her, als ob es den großen Geschwistern winken wollte.

Wir hatten keine Wahl. Wir mussten ausladen. Und so trugen wir, an einem schönen Sommertag, stapelweise Bücher in Niederländisch, Schwedisch oder Dänisch in den oberbayerischen Bergwald. Als brave Gymnasiasten haben wir da aber nicht achtlos in die Natur geworfen.

Außer Sichtweite der Autobahn bauten wir einen kleinen, ansehnlichen Würfel aus „De Goten“ und „De Vandalen“ und „Paris, eine Weltstadt“. Und, widerwillig, ließen knapp die Hälfte unseres zukünftigen Reichtums unter Fichten liegen. Ein kleiner Herrmann-Schreiber-Altar.

Ob wohl je ein fleißiger Pilzsucher den Stapel gefunden hat?

„Und, Liebling, hast Du Pilze gefunden?“
„Nein, ich habe mich festgelesen. Wußtest Du, dass die Vandalen, als sie 455 Rom plünderten, die Bevölkerung gar nicht grausam niedermetzelten, sondern nur auf Beute aus waren?“

Unsere Stimmung war nicht mehr richtig optimistisch. Und ein bisschen angespannt, als wir unseren zweiten Versuch unternahmen, den Berg zu meistern. Einfach, weil er da war.
Der Scheißberg!

Und es gelang! Wenn wir auch nur knapp mit dem Leben davonkamen, denn Laster nach Laster hupte uns bösartig an, bevor er uns überholte. Trucker nach Trucker überschüttete uns mit Schimpfkanonaden, weil sie ja jetzt selber, wie wir, auch mit nur 10 km/h den Berg hochkriechen mussten.

Wir hatten wirklich den Eindruck, zu Fuß wären wir schneller gewesen. Aber, einmal am Gipfel angekommen, hob sich unsere Laune wieder. Die Hälfte der Beute hatten wir zwei Vandalen ja noch im Auto. Halber Reichtum ist irgendwie auch noch Reichtum!

Kapitel sechs: Flohmarkt

Und so verbrachten wir den Rest der Ferien und des Sommers und des Herbstes damit, von Flohmarkt zu Flohmarkt zu trödeln und unsere Ware feilzubieten. Wer konnte schon der Versuchung widerstehen, sich eine Exemplar von „De Vandalen“ auf Niederländisch für den Wohnzimmerschrank zu holen. Kostet auch nur zwei Markt! Noch eingeschweißt!

Sagen wir eine Mark! Na gut, weil es Du bist: Wie wäre es mit 50 Pfenning? Auch nicht?

Tja, es schien, als ob jeder, der an unseren Teppichtisch trat, der Versuchung widerstehen konnte. Wirklich jeder. Einer meinte sogar: „Wenn ihr mir eine Mark gebt, dann nehme ich zwei Bücher mit!“

Und ich spielte wirklich kurz mit dem Gedanken…

Bald sahen wir ein, dass unsere Geschäftsidee vielleicht doch irgendwie ein Flop war. Story of my life. Monatelang fuhren wir mit der Ente voller Bücher durch München. Schweren Herzens trennten wir uns dann von den Soft-Porno-Bildbänden, die uns zu stolzen Preisen nur so aus den Händen gerissen wurden. So kamen wir wenigstens auf eine schwarze Null.

Auf dem Rückweg von der Schule kuckten wir ab jetzt nicht mehr nach, was die Leute so Brauchbares weggesschmissen haben. Wir wussten ja jetzt, dass es einen guten Grund hatte, dass sie ihre Bücher entsorgten.

Machten wir ja auch. Jede Woche so viele Bücher, bis die Mülltonne voll war.

Trotzdem war die Geschichte irgendwie lustig. Und auf den Flohmärkten war es immer nett. Wir erholten uns von unserer Niederlage und schmiedeten in diesem September unsere nächste grandiose Geschäftsidee! Doch dazu mehr in einer anderen Sendung!

3 antworten auf “Antiquariat mit Ente”

  1. Hallo Oliver,

    mir gefällt der Soundschnipsel, den du bei 06:15 Minute zur Untermalung des Endes deiner Ente kurz angespielt hast. Verrätst du, wie das Stück heißt?

    Liebe Grüße
    Tanja

    1. Hallo Tanja!
      Ui- Du magst „sad violin“? Schön, aber…
      Erstens ist das kein Musikstück, sondern nur ein Soundeffekt, hat genau vier Takte und nicht mehr.
      Und zweitens weiß ich nicht mehr, wo ich den herhabe. Der lag schon länger ‚rum…
      In der Regel hole ich die von freesound.org – vielleicht da ‚mal kucken?
      Tut mir leid!

      1. Daß das ein Soundeffekt sein könnte, hatte ich befürchtet.
        Bei freesound.org hab ich es nicht gefunden. Dafür aber dank deiner Titelangabe bei YouTube. Da ist es 22 Sekunden lang und ja, ich finde es schön.
        Vielen Dank!

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