Annie „Londonderry“



Jules Verne veröffentlichte 1873 “Die Reise um die Welt in 80 Tagen”. Und löste damit einen regelrechten Boom an Weltumrundungen aus.

1894 stieg zum Beispiel in Boston Annie Kopchowsky auf ihr Fahrrad, um als erste Frau der Welt die Welt in weniger als 15 Monaten zu umrunden.

Doch es ging ihr nicht in erster Linie um den Rekord, sondern auch darum, sich und ihre Familie zu versorgen. Um beides zu bewerkstelligen musste sie vor allen eines werden: Eine Rekordhalterin in Sachen Selbstvermarktung.

Berühmt wurde sie als Annie „Londonderry” — und schon ihr Nachname war Teil der zu erwerbenden Werbeflächen.


Download der Sendung hier.
Musiktitel: „Bike” von John Option / CC BY-SA 3.0


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Skript zur Sendung

HW: Hallo Annie! Mein Name ist Brad. Ich habe heute angefangen. Ich habe gesehen, dass Sie schon seit Stunden dort sitzen und in den Garten starren. Soll ich sie rüberfahren ins Speisezimmer? Es gibt gleich Kaffee und Kuchen!

FA: Wie bitte? Ach! Ein neues Gesicht! Hallo Brad! Ich bin Annie. Die verrückte Alte mit den Lügengeschichten! Der keiner mehr zuhören will!

HW: Aha. Ja, ich habe schon von Ihnen gehört. Erzählen Sie denn Lügengeschichten?

FA: Ich? Nein, ich lüge nicht. Ich bin alleine um die Welt geradelt. Und zwar 1895. Glauben Sie mir das, Brad?

HW: Wenn Sie’s sagen. Sie können mich aber auch gerne duzen, kein Problem.

FA: Ach? Na, Du mich auch. Stellt sich also die Frage etwas anders: Glaubst Du mir, dass ich alleine um die Welt geradelt bin?

HW: Wenn Du das sagst. Stimmt das denn?

FA: Aber sicher! Und deswegen brauchst Du mich auch nicht ins Speisezimmer rüberfahren. Ich habe mich nur in den Rollstuhl gesetzt, weil der gerade in der Sonne stand!

HW: Na gut. Wollen wir dann ins Speisezimmer gehen?

FA: Also, ich nicht. Kaffee wäre sicher nett, aber den Kuchen, den kannst Du vergessen, Brad! Probiere den bloß nicht! Ich habe die Wüste gesehen, aber selbst in der Wüste gibt es nicht so eine Trockenheit wie in diesem Kuchen!

HW: Ja, ich kann den auch nicht ausstehen! Du hast Die Wüste gesehen…

FA: Ich habe die ganze Welt gesehen, Kleiner. Und hier glaubt mir das niemand mehr. Früher schon…

HW: 1895, sagst Du? Gab’s da überhaupt schon Fahrräder?

FA: Oh ja! Und ob! In den Neunzigern waren Fahrräder der letzte Schrei! Du kannst Dir gar nicht vorstellen, wie viele Fahrräder da verkauft wurden! Jeder wollte ein Fahrrad haben! Und vor allem jede Frau!

Als ich ein kleines Kind gewesen war und gerade in Amerika ankam, da gab es noch gar keine richtigen Fahrräder, das musst Du Dir ‚mal vorstellen! Nur diese Hochräder, kennst Du die?

HW: Glaub‘ schon. Hab‘ ich im Museum gesehen. Da sitzt man praktisch auf dem Vorderrad, oder? Und das ist riesig!

FA: Ja, unglaublich, oder? Hat aber Thomas Stevens nicht davon abgehalten auf so einem Monster einmal um die Welt zu fahren! Um die Welt fahren war seit Jules Vernes Roman auch eine neue Mode geworden.

HW: Auf einem Hochrad? Erstaunlich! Das hat ja keine Federung, oder?

FA: Federung? Das hatte mein Fahrrad auch nicht. Geht das?

HW: Na, ja, bei meinem Fahrrad sind so Sprungfedern am Sattel…

FA: Ach so! Das hatte mein zweites Fahrrad. Aber das Problem beim Hochrad war vor allem das Auf- und Absteigen. Das konnte man elegant nur an einem Baum oder an einer Laterne schaffen. Ansonsten musste man sich halt einfach fallen lassen. Nicht sehr damenhaft!

HW: Aber Du hattest ein normales Rad?

FA: Ja, so um 1885 wurde das sogenannte „Safety Bike“ erfunden. Und im Prinzip schauen Räder auch heute noch so aus. Und mit dem Safety Bike wurde das Fahren sicherer, schneller und die Fahrräder auch erschwinglicher. 1890 bekam man ein Fahrrad schon für 100 Dollar.

HW: Oh, das ist aber wirklich billig.

FA: Moment, Moment! Du musst schon wissen, dass das ein durchschnittliches Monatsgehalt war damals! Aber trotzdem: Es wurden Millionen an Fahrrädern verkauft! Überall entstanden neue Werkstätten und Verkaufsstellen. Die Gebrüder Wright zum Beispiel, die hatten so ein Geschäft!

HW: Und dann hast Du Dir Dein Fahrrad geschnappt und dachtest: Was dieser Thomas Stevens kann, das kann ich auch?

FA: Na ja. Willst Du die Wahrheit wissen?

HW: Na klar!

FA: Dann hol‘ uns doch einen Kaffee. Dann bekommst Du als erster Mensch die komplett wahre Geschichte erzählt!

HW: Ein Moment, bin gleich wieder da!

(Pause)

HW: So, da bin ich wieder! Dann ‚mal raus mit der Wahrheit!

FA: Die Wahrheit ist, dass das Ganze eine ausgesprochen blöde Idee war! Und zwar von mir!

HW: Aha. Aberes stimmt, oder? Du bist um die Welt geradelt?

FA: Ich habe, mit meinem Fahrrad in weniger als 15 Monaten die Welt umrundet. Das ist die Wahrheit.

HW: Weil zwei reiche Bostoner miteinander gewettet hatten, dass eine Frau das nicht kann, oder?

FA: Tja, und das ist schon die erste… sagen wir ‚mal… Das ist das erste, ornamentale Element.

HW: Wie? Das stimmt gar nicht?

FA: Also, fangen wir von vorne an. Ich bin 1870 in Litauen geboren, in die Staaten emigriert, da war ich vier. Meine Eltern starben, da war ich 17. Geheiratet habe ich mit 18. Und dann hab‘ ich ein Kind nach dem anderen bekommen.

Mein Mann, Sam, war Hausierer und das Einkommen unregelmäßig und dürftig. Darum arbeitete ich als Anzeigenverkäuferin für mehrere Zeitungen in Boston.

Ich kaufte praktisch Anzeigenplatz bei den Zeitungen – vorab – und verscherbelte das dann mit Gewinn weiter an die Unternehmen vor Ort. War einträglich, aber sehr mühsam.

Ich hatte einen guten Kunden, die Firma „Londonderry Lithium“. Die hießen so, weil angeblich Lithium in ihrem Mineralwasser war. Hält einen ewig jung. 1920 kam raus, dass das gar nicht stimmte und schon waren sie pleite.

Aber damals waren sie gut im Geschäft. Und ich kam mit denen prima aus, die kauften glatt Viertelseiten in der Times von mir. Das war dann immer schon einmal eine Woche in trockenen Tüchern.

Die Anzeigengeschäfte regelte eine Frau, mit der ich prächtig auskam – mein Jahrgang – und wir haben uns ein Werbegeschäft ausgedacht. Einfach eine Kombination von der Weltumradlung und der Weltreise der Nelly Bly. Die Idee: Die erste Weltumfahrung per Fahrrad durch eine Frau.

Und diese Frau sollte Annie Londonderry heißen. Das wäre dann ich. Und für diese Änderung meines Nachnamens von Kopchovsky auf Londonderry bekam ich 100 Dollar cash vorab auf die Hand. Bar.

Und das musste ich fast annehmen, oder? Die Idee war, dass ich unterwegs meine Geschichte verkaufe und auch noch für andere Unternehmen werbe. Schilder auf dem Radl, Anstecker, Aufnäher oder Fähnchen auf dem Fahrrad.

Und ein Fahrrad stellte man mir auch. Also sagte ich meinem Mann und meinen drei Kindern „Good Bye“ und radelte los!

HW: Wow! Und das 1895! Als Frau! Was hattest Du dabei?

FA: Nicht viel. Einen Satz Unterwäsche zum Wechseln, etwas Geld und einen Revolver in der Hosentasche!

HW: Eine Pistole?

FA: Ja!

HW: Und? Hast Du die dann jemals gebraucht?

FA: Zweimal habe ich die gezückt. Aber abgedrückt habe ich nie. Im Gegensatz zu dem, was ich in meinen Ornamenten behauptet habe.

HW: Ornamente?

FA: Ausschmückungen zur Abrundung der Erzählstruktur!

HW: Ah! Flunkereien! So wie die Geschichte von den beiden reichen Männern aus Boston, die darauf wetteten, dass Du’s nicht schaffst!

FA: Das ist ein Ornament! Aber das ist mir nicht einmal selber eingefallen. Das hat sich ein Schreiberling ausgedacht. Doch ich habe das dann auch erzählt. Denn dadurch war meine Story noch ein bisschen mehr wie „In 80 Tagen um die Welt“, verstehst Du?

HW: Klar! Und wie ging die Geschichte weiter?

FA: Na ja. Großes Tamtam bei meinem Aufbruch! Presse, Werbeträger, Passanten, Familie – ein riesiger Menschenauflauf! Es war der 24 Juni 1894. Da stand ich mit dem schweren Fahrzeug. Ein Columbian-Damenfahrrad. Über 20 Kilo schwer.

Und ich brav im Rock und im Korsett, wie es sich für eine viktorianische Dame so gehört. Ein Foto wurde gemacht – das war damals noch ein riesiger Aufwand, kann ich Dir sagen!

Und dann fuhr ich los. Das Radeln hatte ich erst ein paar Tage vorher gelernt – und es war viel anstrengender, als ich dachte!

Und schon nach einer Stunde war ich raus aus Boston und da erst begann ich mir so Gedanken zu machen, wie das denn so wirklich weitergehen sollte.

Beim Radfahren kann man prima nachdenken, musst Du wissen.

Und so radelte ich, ohne einen Kunden zu finden, weiter bis nach Chicago. Ich war fix und fertig und schon Wochen hinter dem Zeitplan. Zehn Kilo hatte ich abgenommen und ich würde es nicht mehr vor dem Winter über die Rockies schaffen.

Aber sollte ich jetzt aufgeben? Das wäre eine schöne Pleite! Nicht nur für mich persönlich, sondern auch für die Company. Die Presse würden schreiben „Annie Londonderry gibt auf!“. Schlechte Presse für die Firma. Mein Ruf als Anzeigenverkäuferin wäre vollkommen ruiniert.

Gott sei Dank fand ich für das blöde Fahrrad eine gute Werkstätte. Die waren sogar so gut, dass sie mir, statt das blöde Columbian zu reparieren, ein Männer-Fahrrad spendierten. Das nur die Hälfte wog.

Und mir rieten, ich sollte auch lieber Männer-Klamotten tragen beim Radeln, das wäre deutlich einfacher, als dauernd den Rock aus den Speichen oder der Kette zu ziehen.

Und recht hatten sie. Auf dem Männerrad hatte ich eine ganz andere Sitzhaltung. Eine ganz andere Kraftübertragung – da konnte ich meinen ganzen Körper einsetzen! Das ging viel einfacher!

Und so fasste ich wieder neuen Mut. Und beschloss, meine Reise – hier und jetzt in Chicago – noch einmal anzufangen. Aber statt in den Westen fuhr ich jetzt in den Osten! Jawoll!

Das ersparte mir den Winter in den Bergen und ermöglichte mir auch, neue Werbekunden zu gewinnen, die mir im übrigen die Überfahrt nach Frankreich finanzieren konnten!

Also stieg ich in den Zug…

HW: Moment, Moment! Wie? Du bist mit dem Zug zurück nach Boston gefahren?

FA: Was? Na klar! Warum nicht! Hey, ich bin die ganze Strecke von Boston nach Chicago schließlich schon einmal ganz ehrlich rüber geradelt, oder?

HW: Schon. Aber…

FA: Nix aber! Du erwartest hoffentlich nicht, dass ich Dir gleich erzähle, ich hätte auch den Atlantik auf dem Fahrrad überquert!

HW: Nein, DAS natürlich nicht!

FA: Siehst du! Auf jeden Fall stellte sich das schnell als die richtige Entscheidung heraus! In Richtung vieler Menschen zu fahren, statt einfach in den Wilden Westen.

Wo viele Menschen, da viele Kunden für Londonderry! Und alle anderen Sponsoren, die ich schon bald nicht einmal suchen musste. Die kamen einfach zu mir!

Und so stieg ich am 24. November 1894 an Bord der „La Touraine“ und kam in Europa am 3. Dezember an. In Le Havre. Aber Frankreich wollte mich erst nicht haben und ich saß am Zoll fest.

Während sich französischen Magazine darüber echauffierten, dass ich Hosen anhatte! Mein Gott!

In den Staaten hatten sich manche Männer ja schon darüber aufgeregt, wie das Reiben am Fahrrad-Sattel uns Frauen unnötig sexuell reizen würde!

HW: (lacht)

FA: Ja, Du lachst! Jetzt, 1947 – aber vor fünfzig Jahren bastelten tatsächlich ein paar Männer einen besonders harten Sattel, damit Frauen nicht auf dumme Gedanken kommen!

Und ich muss mich in Frankreich derweil für mein Herren-Fahrrad und meine Herren-Hosen rechtfertigen. Irgendwann wurde mir das alles zu dumm. Und dann bin ich einfach losgefahren.

Trotz schlechten Wetters und zweier Unfälle war ich dann zwei Wochen später in Marseille.

Und, was soll ich Dir sagen, Brad: Abgesehen von dem etwas holprigen Start war ich in Frankreich eine Sensation! Und auch eine Mode-Sensation! Ich und mein Fahrrad waren auf der Titelseite der „Vogue“!

In Marseille stieg ich dann auf ein Dampfschiff mit dem Namen „Sydney“ und auf ging es in die wirklich fremde Welt! Ins Abenteuer! Du kannst Dir nicht vorstellen, was ich alles erlebt habe!

Ich wäre beinahe in einen Harem verkauft worden, ich kam in japanische Haft als Kriegsgefangene, wurde von Banditen entführt und flüchtete und…

HW: (lacht)

FA: …was gibt es da – bitteschön – zu lachen, junger Mann? Ich war alleine als Frau mit einem Fahrrad unterwegs in einer Welt, die Frauen als Wesen zweiter Wahl verstand! In einer Zeit, als Du noch nicht einmal geboren warst!

HW: Sorry. Tut mir leid. Aber das klang alles sehr nach Ornamenten.

FA: Wie bitte?

HW: Ausschmückungen zur Abrundung der Erzählstruktur!

FA: Hm. Gut. Na ja. Vielleicht hab‘ ich mich schon ein bisschen zu sehr an meine eigenen Ornamente gewöhnt. Mag sein. Die reine, langweilige, faktische Wahrheit ist, dass ich die meiste Zeit wirklich auf Schiffen verbrachte.

Aber ich fuhr auch viel Rad! Tatsächlich! Und ich war immerhin überall MIT dem Rad unterwegs.

Allerdings kam ich nicht in japanische Kriegsgefangenschaft. Und ich wurde auch nicht beinahe in einen Harem verkauft. Und auch nicht von Banditen überfallen.

Genauso, wie ich nicht ein Waisenkind war oder die Erbin eines großen Vermögens oder die Erfinderin der Stenografie. In Indien war ich auch nicht mit dem deutschen Kaiser auf Tiger-Jagd. Das sind alles naja… Ornamente eben.

Ich bin ein kleines Mädchen aus einem Stedl in Litauen, die aber trotzdem alleine mit einem Rad rund um die Welt unterwegs war. Diese Geschichte ist eigentlich die unglaublichere.

Und damit die Menschen diese eigentlich völlig irre Geschichte leichter verdauen, habe ich ihnen ein paar Ornamente gegeben. Zum Festhalten!

HW: Ist völlig in Ordnung, Annie! Du brauchst Dich nicht rechtfertigen! Ich bin schon jetzt ein großer Fan!

FA: Gut. Danke. Das ist mir wichtig. So richtig ging der Erfolg dann los, als ich wieder, von Japan aus, in San Francisco ankam. Ich hatte eine Camera Obscura dabei und einen Haufen von Bildplatten. Sozusagen die Vorläufer von Dias und vom Dia-Projektor, wenn Du Dir das besser vorstellen kannst.

Und auf der ganzen Strecke hielt ich dann Vorlesungen über meine Reise und meine Abenteuer. So was hatten die Leute im Wilden Westen noch nicht gesehen! Das waren immer komplett ausverkaufte Veranstaltungen!

Und die lokale Presse liebte alles, was die Frau in Männer-Hosen zu erzählen hatte! Dieses wilde Manns-Weib, dass um die ganze Welt geradelt war…

HW: …gesegelt war!

FA: Gut. O.k. Mit dem Fahrrad und dem Dampfschiff und der Eisenbahn um die ganze Welt gereist war! Was diese tolle Frau zu sagen hatte! Ich war bald sehr berühmt. Und noch mehr Geld als für meine Dia-Abende oder meine Interviews verdiente ich bald mit Fotos, Ansteckern und Autogrammen!

Du glaubst es nicht, aber als ich am Ende – am 24. September – also in 15 Monaten inklusive der doppelten Strecke nach Chicago! Also: Als ich wieder in Boston war, da hatte ich 10.000 Dollar verdient! Ich war eine gemachte Frau!

So viel hätte ich in meinem ganzen Leben nicht als Anzeigenverkäuferin verdienen können! Aber ich habe dann so getan, als wäre die ganze Kohle der Wetteinsatz gewesen der beiden alten Bostoner Säcke. Wie bei Jules Verne eben. Hat mir eine Menge Ärger gespart.

Ich verkaufte noch ein paar Artikel über meine Reise, aber im großen und ganzen hatte ich eigentlich ausgesorgt. Die Welt vergaß mich bald wieder, aber das war mir gerade recht.

Jetzt weiß keiner mehr, wer ich war. Hier in diesem Altersheim kennt keiner mehr die Geschichte von Annie Londonderry – obwohl das ja meine Jahrgänge wären hier. Alles vergessen.

HW: Das ist eigentlich traurig, oder?

FA: Nein! Das ist überhaupt nicht traurig! Das wollte ich ja so!

Ich hatte sehr schnell begriffen, wie der Hase läuft. Ich war ja schließlich eine Anzeigenverkäuferin!

Und ich selber war die Fläche, auf der man Anzeigen schalten konnte. Ich, Annie Kopchovsky, geborene Cohen, war die Plattform, auf die andere ihre Erwartungen projezieren konnten.

Das ist ein einfacher Deal: Ihr wollt eine Abenteurerin, also bekommt ihr für euer Geld Abenteuer. Die Menschen zahlten für die Ornamente. Die Ornamente waren das Produkt.

Mir ging es nicht in erster Linie darum, zu demonstrieren, dass Frauen alles können, was Männer auch können. Das wäre ja langweilig!

Schau‘ Dir die Welt an, Brad! Es ist 1947 und die ganze Welt liegt in Schutt und Asche. Europa: Eine große Ruine! Japan: Zwei Städte von Atombomben weg gebrannt von der Erdoberfläche. Das große British Empire: Pleite!

Ist ja nicht so, dass ihr Männer das toll hingekriegt hättet, oder?

HW: (traurig) Nein. Kann man nicht behaupten. Aber es geht wieder aufwärts, oder?

FA: Ich bin mir nicht sicher. Das muss ich aber nicht mehr beurteilen, ich bin eine alte Oma. Aber es gibt schon eine Sache, die mich stört. Wenn wir schon ganz ehrlich sind…

HW: Und die wäre?

FA: Die eigentliche Leistung war nicht die, die Welt alleine, als Frau mit einem Fahrrad, so schnell bereist zu haben. Die eigentliche Leistung war es, in einer Welt von Männern und in einer Welt, in der Männer alle Regel machen, auch noch Profit zu machen.

Ich würde mir wünschen, als Frau, dass ich nicht als Heldin des Radsports oder als Heldin der Weltreisen oder als Frau per se bewundert worden wäre.

Es wäre mir eigentlich lieber gewesen, die Welt hätte erkannt, dass ich eine Heldin des Marketings bin.

HW: O.k. Verstehe. Aber dann hättest Du ja alle Ornamente preisgeben müssen, oder?

FA: Genauso ist es! Du bist wirklich ein Junge mit rascher Auffassungsgabe! Gratuliere! Ich finde Dich sehr sympathisch!

HW: Danke, Annie! Das war eine sehr faszinierende Viertelstunde! Soll ich uns noch einen Kaffee holen?

FA: Da ist doch einmal ein Mann, der weiß, wie man sich nützlich macht!