Anima & Animus


Wenn wir heute von Frauen und Männern reden, dann verwenden wir gerne, zur Definition, Gattungen wie Gender oder eben Sex.

Um zu unterscheiden, was uns denn jetzt genau ausmacht und wovon wir unser Rollenverständnis abhängig machen oder aber abhängig machen wollen.

Vor hundert Jahren hat C.G. Jung in der Psychoanalyse entdeckt, dass in jedem Mann eine Anima schlummert und in jeder Frau ein Animus.

Dazu kann man stehen, wie man will. Das hält uns aber nicht davon ab, darüber in einem sehr fragwürdigen Online-Test zu philosophieren.


Download der Episode hier.
Musik: Adieu Sweet Lovely Nancy von Robin Grey / CC BY-NC-SA 3.0
Die morgenradio-Playlist auf jamendo


Skript zur Sendung


Heute also wollen wir uns der Frage widmen, wieviel Frau ich bin und wieviel Mann Du bist. Weil Du ja die Theorie hast, ich sei eigentlich eine Frau und Du ein Mann…

Improv

Die Begriffe Animus und Anima sind ja eigentlich von C.G. Jung. Dessen Arbeit ich schon sehr schätze. Aber er ist natürlich auch das Einfallstor in den esoterischen Unsinn. Ich habe ‚mal rausgesucht, was er denn zu diesen Begriffen zu sagen hat.

Zuerst ist er in seiner Arbeit ja auf die Anima gestossen. Das war für ihn, Achtung Zitat:

„Jeder Mann trägt das Bild der Frau von jeher in sich, nicht das Bild dieser bestimmten Frau, sondern einer bestimmten Frau. Dieses Bild ist im Grunde genommen eine unbewusste, von Urzeiten herkommende und dem lebenden System eingegrabene Erbmasse“. Die Anima gründe auch in der „Mutter alt und jung, Demeter und Persephoneia, und der Sohn ist Gatte und schlafender Säugling in einem.“ Nicht nur als Bild der Mutter und der „Mutter-Geliebten“, „sondern auch der Tochter, der Schwester und der Geliebten, der himmlischen Göttin und der chthonischen Baubo, überall allgegenwärtig als altersloses Bild“, beschrieb Jung die Anima als Archetyp des Weiblichen. „Sie tritt, wo sie erscheint, in Träumen, Visionen und Phantasien, personifiziert auf“. Die Projektion der Anima auf eine reale Frau wird oft ein störender Faktor in Beziehungen, weil der Mann dann von einer Frau erwartet, die Verkörperung eines inneren Bildes des Weiblichen zu sein (weswegen Männer manchmal eine Frau für „meine Göttin“ halten). Auch die wunderhübschen „Nymphen und Dryaden“ seien „Animaprojektionen, wenn es sich um männliche Aussagen handelt.“

Na ja. Starker Tobak, finde ich. Das ist schon sehr ein Bild des Jung’schen Unbewussten. Irgendwann ist ihm dann aufgegangen, dass er auch weibliche Patientinnen hat. Was ist denn bitte dann mit denen?

Wieder Zitat: „Wie die Anima dem mütterlichen Eros entspricht, so der Animus dem väterlichen Logos.“ „Der Animus ist etwas wie eine Ansammlung von Vätern und sonstigen Autoritäten, die ex cathedra unanfechtbare, ‚vernünftige‘ Urteile aufstellen.“ Der Animus zeigt eine Affinität zum Archetyp des Helden, der Kraft und Orientierung zu großen Leistungen bieten kann. Im deutlich negativen Aspekt ist er wie ein „Zauberer, eine negative Vaterfigur“ oder ein „männlicher Dämon“. Als negative Wirkung kann der Animus sogar wie ein „Todesdämon“ wirken, der die Frau von allen realen Beziehungen fernhält und aus der diesseitigen Welt wegzieht. Eben wie jeder Archetyp, kann der Animus sowohl positiv als auch negativ wirken. Im Positiven kann er ein motivierender und vermittelnder Faktor für intellektuelle Tätigkeiten und geistige Entwicklungswege in Beziehung zum Unbewussten sein.

Der Animus tritt als männliche Figur in den Träumen von Frauen zum Beispiel als mysteriöser und faszinierender Liebhaber auf, als Vaterfigur, Pastor, Professor, als Prinz, Zauberer usw. Im Märchen manifestiert sich der Animus zum Beispiel als Prinz, als König Drosselbart oder Blaubart.

Oi weh. Kann ich da nur sagen.

FA: wieso… ich träume permanent von dir als mein gebieterischer Pastor! Herr Wunderlich

Kritiker haben schon zu Lebzeiten ganz richtig analysiert, dass Herr Jung da einfach die zu seiner Zeit üblichen Rollenzuschreibungen transportiert und eigentlich sogar, per Psychoanalyse, mythologisiert.

Wenn die Anima also die unbewusste Gefühlsseite des Mannes ist und der Animus die unbewusste Geistseite der Frau – also bitte! Das sehen andere Kulturen und andere Zeiten völlig anders. Das können keine Archetypen der menschlichen Seele sein, das sind eher Projektionen eines C.G.Jung und seiner Zeit.

Das passt genau zu Nietzsche, Wagner, Freud und Konsorten: Die Frau als gefühlige, mindere Version des Mannes…

FA: hmm jaa, … also Nietzsche würde ich in der Aufzählung mal rausnehmen.
Und zu Jung möchte ich noch kurz was sagen, wie ich ihn verstehe: Später beschrieb er die Anima „als eine Brücke zum Unbewußten, als Funktion der Beziehung zum Unbewußten“, wobei Anima und Animus „Inhalte des kollektiven Unbewußten an das Bewußtsein vermitteln“. Das würde dann bedeuten: Verliert ein Mann den Kontakt zu seiner Anima, verliert er damit „den Zusammenhang mit dem kompensierenden Unbewußten überhaupt … In einem derartigen Falle (so sagt er auch) pflegt das Unbewußte Emotionen zu produzieren, wie Gereiztheit, Unbeherrschtheit, Überheblichkeit, Minderwertigkeitsgefühle, Launen, Depressionen, Zornausbrüche etc.

Der Unterschied zwischen Mann und Frau
Es ist die polare Beziehung zwischen männlich und weiblich, diesen beiden präexistenten Wesenszügen, die das Wesen jedes Menschen sowie Wesen und Qualität jeder Beziehung ausmachen.
In jedem Gesellschaftssystem werden die biologischen Geschlechtsmerkmale von Mann und Frau dazu verwendet, um ihnen soziale Rollen zuzuordnen, wodurch wiederum deren Haltung und Habitus langfristig geprägt werden. Keine Gesellschaft belässt es nur dabei, dass es natürliche Unterschiede zwischen Mann und Frau gibt, sondern entwickelt noch andere kulturelle und sozialen Unterscheidungsmerkmale zur Orientierung. Aus diesem Grund stehen die körperlichen Geschlechtsmerkmale in enger Verbindung zu vielschichtigen psychischen Kennzeichen bzw. einem gewissen Rollenverständnis.
Ein Mann beispielsweise wird nicht nur aufgrund seines Geschlechts als Mann bezeichnet, sondern es werden von ihm auch maskuline Wesenszüge und maskulines Verhalten erwartet. Insgesamt betrachtet werden die natürlichen Unterscheidungsmerkmale dazu genutzt, um soziale Verschiedenheiten festzulegen.
Die Unterschiede werden bereits in der Sozialisation determiniert
Während Jungs eher dominant erzogen und dazu angehalten werden, sich maskulin zu verhalten, lernen Mädchen von früh an, sich feminin zu verhalten und sich unterzuordnen. Ferner stellen weibliche und männliche Eigenschaften Charakteristika der jeweiligen Geschlechtsidentität dar, die oft auch mit sozialer Diskriminierung einher gehen. Sobald dieses Rollenverständnis einmal vorhanden ist, verteidigen und legen sie diese als Benachteiligung fest.

„Da aber in jeder Liebesbeziehung auch Animus und Anima im Spiel sind, sei es besonders wichtig, sich nicht mit den wechselseitigen Projektionen zu identifizieren, erst dann werde eine bewusste Auseinandersetzung mit diesen inneren Kräften möglich“

Nehmen wir das also lieber alles nicht zu ernst. Sondern eben als Spiel.

Lassen wir auch die Begriffe gender und sex einmal außen vor, was ein – in meinen Augen sehr viel realistischer (zeitgemäßer?) Ansatz ist – sondern spielen wir also dieses Spiel…

Wieviel Mann steckt in Herrn Wunderlich und wieviel Frau in Frau Anders?

https://anima-animus.plakos.de/