Aludino


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Es ist auch heute nicht selbstverständlich, dass man einen kreativen Beruf ergreift. Für viele Eltern, aber auch viele junge Menschen selber steht die Sicherheit im Vordergrund.

Darum kann es passieren, dass man Umwege geht, bevor man bei der Beschäftigung ankommt, die einen befriedigt.

So wie der junge Kellner in der heutigen Geschichte, der zum Glück von einem Aludino gerettet wird.


Download der Sendung hier.
Musiktitel: „The Dinosaurs Song“ von David Williams


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(Nur für Sektenmitglieder)


Die Geschichte zum Lesen

Diese Geschichte handelt davon, wie wichtig Kunst in unserem Leben ist.

Ich wollte schon immer Kunst machen, aber ich hatte als junger Mann meinen Glauben an sie verloren. Anders ausgedrückt: Um Kunst wirklich zu verstehen, musste ich sie erst einmal verlieren, erst einen unglücklichen Ort in meinem Leben erreichen.

Einen Ort, so dunkel, dass mich nur ein Aludino befreien konnte.

Eigentlich war mein Leben in trockenen Tüchern. Meine Eltern sind von der Generation, die angeblich Deutschland wieder aufgebaut haben. Das meinten sie aber bildlich, denn als alles in Trümmern lag, waren sie noch nicht einmal geboren.

Sagen wir also lieber, sie gehören zu der Generation, die behauptet, sie wolle, dass es den Kindern einmal besser geht als ihnen. Wobei „besser“ sich in Materiellem ausdrückt. Größeres Haus, größeres Auto, größerer Urlaube: Glück ist messbar!

Um glücklich zu werden, sollte ich einigermaßen durch die Schule kommen und dann die Handelsvertretung meines Vaters übernehmen, in seine Fußstapfen treten. Denn, mit Fleiß und ein bisschen Intelligenz, so sagt er, kann jeder wohlhabend werden.

Nun begab es sich aber leider, dass der einzige Sohn meines Vaters, der eigentlich das kleine Handelsimperium erben sollte, darauf überhaupt keinen Bock hatte.

Während mein Vater durch die Lande fuhr, um den Spielwarenhändlern der Republik Dinge zu verkaufen, von denen sie noch nicht wussten, dass sie sie brauchten, wandte sich sein Sohn dem kreativen Schreiben zu.

Sein Sohn bin ich. Gute Deutschnoten und meine Arbeit in der Schülerzeitung erweckten in mir den Wunsch, ein Schriftsteller zu werden. Jemand, der tiefe Gedanken hatte und mit der Tragödie der Existenz rang! Jemand, dessen Kampf mit den Wörtern andere inspirierte! Jemand, dessen Bücher Leben veränderten!

Das war mein Wunsch. Also sprach der edle Junker heroisch: „Nein, Vater! Ich lehne den schnöden Mammon ab! Ich strebe nach Höherem!“

Das hörte der Vater wohl. Und vielleicht brachte es auch in ihm eine Saite zum Klingen, die ich noch nicht kannte. Aber das zeigte er nicht.

Er sagte vielmehr: „Nun gut, mein Sohn! Dann … tja … dann mal: Tschüss!“

Sein Vorschlag: „Ich zahl‘ Dir im Monat 400 Mark im Monat, bis Du 24 Jahre alt bist. Danach kriegst Du keinen Pfennig mehr. Was Du mit diesem Geld und Deinem Leben machst, ist mir wurst. Und ruf‘ bitte nicht an, bis Du erwachsen geworden bist!“

Mit 18 Jahren klang diese Regelung wie ein Lottogewinn. Ich fand eine Zimmer in einer WG in der Innenstadt und einen Studienplatz für Germanistik.

Mein Vater hätte seine Enttäuschung bösartiger ausleben können. Mittlerweile habe ich sogar ein bisschen Mitleid, wenn ich mich zurückerinnere, wie arrogant der edle Junker damals war.

Denn der eingebildete Poet konnte mit seiner Freiheit nicht gut umgehen. Man möchte annehmen, dass er jeden Tag vor seiner Schreibmaschine verbrachte und mit den Wörtern rang, um ein inspirierender Schriftsteller zu werden.

Das Gegenteil war die Wahrheit. Ich gestehe. Mit jedem Semester rückte ich dem Termin näher, an dem ich keine Unterstützung mehr bekam. Geld wurde immer wichtiger und nahm bald eine zentralere Rolle ein, als im Leben meines materialistischen Vaters.

Ich nahm wahr, wie jedes Semester Germanisten über Menschen verfügte, die einfacher, eleganter und selbstverständlicher mit Sprache umgehen konnten als ich.

Und ich nahm auch wahr, wie niemand, der das Studium abschloss, Geld damit verdiente. Niemand, den ich kannte zumindest.

Ich wurde immer verzweifelter. Ich war mir sicher, dass ich alles im Leben falsch gemacht hatte; dass alle meine Entscheidungen in die Irre geführt haben und dass ich alle Menschen, denen ich begegnete, nur Unglück brachte!

Es war offensichtlich, dass die Menschheit, die Erde und – ja, wahrscheinlich das ganze Scheißuniversum besser dran wären ohne mich! Ich war zu depressiv, um zu erkennen, dass das natürlich Größenwahn war.

Ich bin an diesem Tag nicht gesprungen, aber sehr lange auf dieser bekannten Brücke gestanden.

Ich verabschiedete mich an diesem Tag von der Illusion, ein Künstler zu sein. Von der kindischen Idee, dass diese Welt noch einen Schriftsteller braucht.

Es war klar, dass diese Gesellschaft keine Kunst braucht. Und dass meine Eltern keine Kunst brauchen. Und dass Barbera keine Kunst in ihrem Leben braucht.

Es war klar, dass ich selber auch keine Kunst in meinem Leben brauchte; dass alles ein kindischer Traum war und es jetzt Zeit wurde, erwachsen zu werden.

Ich würde alles Geld, dass ich zum Leben brauchte, selber verdienen und auf eigenen Beinen stehen, wenn mein Vater mir die Unterstützung streichen würde! Jawohl!

Es war ein schlimmer Zeitpunkt in meinem Leben gewesen, als ich da auf der Brücke stand und ich bin stolz, dass ich nicht gesprungen bin. Es war nicht der Anfang von etwas Neuem und Aufregendem, es war der Anfang meiner Depression.

Ich verdiente das Geld für meinen Unterhalt, mit dem Fulltimejob in einem Luxus-Steakhouse, aber gerade eben so. Kulinarische Fließbandarbeit, getarnt hinter einer edel gestalteten Speisekarte und immer zu großen Tellern.

Für uns im Service keine leichte Sache, denn die Kundschaft waren Menschen, die glaubten, sie hätten es zu etwas gebracht. Genau die Klientel, die das Gefühl hat, sie würde permanent verarscht, wenn sie nicht auf der Hut sind.

Dann kam dieser besonders stressige Samstag. Eine Kollegin fiel aus, wir mussten uns ihre Tische teilen und das Abendgeschäft rückte näher. Unaufhaltsam.

Ich lief also schon auf 100% Leistung. Das bedeutet in meinem Fall: Nichts essen, sonst ist man abgelenkt und nichts trinken, sonst muss man im falschen Moment vielleicht auf die Toilette.

So einige Menschen in der Gastronomie laufen auf Koks, mein Mittel der Wahl: chronische Panik.

Auftritt: Diese Mutter, dieser Vater und deren zwei erwachsenen Kinder. Die waren anders. Ruhig und gelassen. Cool und doch vertraulich. Sofort hatte ich zu diesen Vier ein anderes Verhältnis als zu allen anderen Gästen im Restaurant.

Es entspann sich ein Dialog, der sich jedes Mal fortsetzte, wenn ich an ihren Tisch kam. Sie wurden zu meiner obersten Priorität und waren mir trotzdem ein Ruhepol in der Hektik.

Sie waren auch Gäste, die wussten, wie man Essen geht. In Deutschland eine kaum entwickelte kulturelle Technik. Bei uns ist ein Restaurant gut, wenn es möglichst billig möglichst große Portionen möglichst schnell serviert.

Diese Vier ließen sich alle Zeit der Welt, begannen mit Aperitifs und Amuse Gueule und schlemmerten sich langsam durch die Speisekarte. Sich sogar in einem Steakhouse ein Sieben-Gänge-Menü zu kreiern ist eine selten ausgeübte Kunst.

Gegen 23:00 Uhr beruhigte sich die Lage im Restaurant. Auch meine Lieblingsfamilie war beim Nachtisch angelangt. Mittlerweile war ich wieder entspannt und servierte vier Stück Rogel, den letzten Gang des Abends. Rogel ist ein typisch argentinischer Kuchen, den gab es nur bei uns.

Ich fragte, wie ich es gelernt hatte und wie ich es schon bei jedem anderen Gang gemacht hatte: „Kann ich Ihnen sonst noch etwas bringen?“

Und der Vater der Familie sagte, ohne zu zögern: „Ja, einen Aludino, bitte!“

Sichtlich hatten die Vier das schon vorher ausgeheckt, denn keiner am Tisch verzog auch nur eine Braue. Die Tochter und der Sohn meinten, völlig ernster Miene: „Ja, für mich auch bitte!“

Ich nickte verunsichert. Aludino? Vielleicht war das wieder etwas Gastronomisches, dass ich noch nicht kannte. Das passierte mir ab und an noch. Kürzlich hatte jemand einen Long Island Ice Tea geordert und ich habe einen Eistee gebracht, weil ich nicht wusste, dass es sich um einen Cocktail handelte – mit übrigens fünf Sorten Alkohol!

Also ging ich zu Robert an die Theke und sagte: „Ich hätte gerne drei Aludinos!“

„Wie bitte?“

„Drei Aludinos!“

„Was soll das denn sein? Willst Du mich verarschen?“

Ein Aludino war also schon einmal kein Cocktail. Ich kehrte zurück in die Küche und riss mir von der Alufolienrolle drei Meter ab und dann begann ich für meine neuen Lieblingsgäste einen Dinosaurier zu basteln! Verdammt!

Alle Mitarbeiter in der Küche sammelten sich um mich und gaben mir Tipps: Da ein Schaschlik-Spießchen als Stütze für die Beine und dort Draht eines Champagnerverschlusses für die Krallen des Velociraptors – ich bin sicher kein begabter Bildhauer, aber schlecht sah die gut dreißig Zentimeter hohe Skulptur auch nicht aus!

Bevor ich den Aludino auf einem Tablet servierte, mit vier Glas Champagner auf Kosten des Hauses, riss ich noch einmal drei Meter Alufolie ab.

Meine vier Lieblingsgäste waren sprachlos! Ihnen fielen die Unterkiefer auf die Brust, als ich mein Kunstwerk servierte.

„Einen Aludino für drei, bitte schön! Soll ich ihn filetieren, oder wollen Sie das selber machen?“, fragte ich, so sachlich wie ich nur konnte.

„Auf keinen Fall filetieren!“, riefen alle vier.

„Und was wollen Sie mit der Alufolie, die Sie da hinter sich herziehen?“, fragte die Mutter.

„Das ist eine Herausforderung! Ich fordere Sie hiermit heraus, einen schöneren Aludino zu machen als ich!“

„Gut! Die Herausforderung ist angenommen!“, sagte der Vater und versuchte dabei möglichst ritterlich zu posieren.

Bald sammelten sich alle Gäste und viel Personal um den Tisch meiner Lieblingsfamilie und alle hatten Spaß dabei, zuzusehen, als die Vier versuchten, auch einen Dinosaurier aus Alufolie zu formen.

Eine alberne, überflüssige Sache. Keiner braucht Aludinos. Aber es war eine besondere Stimmung im Laden. Man hatte sich geöffnet und gegenseitig berührt.

Wir Anwesenden teilten etwas miteinander. Hier war kein Platz mehr für Stress oder Angst oder Konkurrenz. Wir hatten alle unser Leben ein bisschen verändert und für ein paar Momente etwas Neues, Ungewohntes geschaffen.

Dieser Abend war nicht weniger anstrengend als jeder andere Samstagabend. Ich hatte sogar zwei Tische mehr abgewickelt.

Aber trotzdem fühlte ich mich nicht kaputt und erschöpft. Sondern kaputt, erschöpft und angeregt. Weil diese vier Gäste entspannt waren. Und weil es jetzt auf der Welt sechs Meter Alufolie weniger und zwei Aludinos mehr gibt.

Natürlich fing ich noch in dieser Woche wieder das Schreiben an, denn ein schöneres Symbol für die Bedeutung von Kreativität als einen Aludino kann es ja nicht geben, oder?

Wir haben es in der Hand, unser Leben zu jedem Zeitpunkt in etwas Außergewöhnliches zu verwandeln. Im Wortsinn. Ich meine nicht, dass jeder Moment etwas Besonderes sein muss, oder etwas Wertvolles oder gar Heiliges! Nein, ich meine Außer-gewöhnlich, nicht so wie gewohnt.

Außergewöhnliches zu schaffen, das ist die Aufgabe des Kreativen. Dazu muss man keine Ausbildung als Bildhauer oder Germanistik studiert haben, dazu braucht es keine Stradivari oder die Adobe Creative Suit.

Dazu braucht es nur einen winzigen Funken Anderssein in einem drinnen und das nur ab und zu. Einen kurzen Augenblick, in dem man die Dinge anders wahrnimmt als sonst. Das ist alles!

Ich würde nicht behaupten, dass die Aludinos mich von der Hoffnungslosigkeit befreit haben – die überfällt mich immer noch gelegentlich. Aber sie haben mir beigebracht, dass ich meine Träume weiterverfolgen darf.

Denn: Dieses Erwachsensein, das wird total überschätzt!