21, 22, 23, 24.


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Die Golden Gate Bridge wurde 1937 eingeweiht und war lange Zeit der Ort, an dem die meisten Menschen versuchten, sich umzubringen. Man schätzt, bisher waren es 1800 Personen, die den Sprung gemacht haben.

Es dauert vier Sekunden, bis man aufschlägt. Mit 120 km/h ist das Wasser wie Beton. 99% aller Springer haben das nicht überlebt.

Kevin Hines hat überlebt und er redet seitdem genau über dieses Erlebnis. Und über die psychische Verfassung, die ihn springen ließ. Über die bipolare Störung.


Website der Kevin & Margaret Hines Foundation
Download der Sendung hier.
Musiktitel: „Show Me What You Got“ von 14ICE_MUSIC / CC BY-NC-SA 3.0


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Die Geschichte zum Lesen

FA: 21.22.23.24.

Vier Sekunden.

Vier Sekunden der 2,5 Milliarden Sekunden, die ein Menschenleben dauert. Vier Sekunden, um es zu beenden.

Vier Sekunden dauert es von der Golden Gate Bridge bis zum Aufprall auf dem Wasser.

Vier Sekunden, bis der Körper sich auf 120 km/h beschleunigt.

Vier Sekunden, bis man die 75 Meter gefallen ist.

Danach schlägt der Körper auf das Wasser, als wäre es Beton.

Die Springer glauben, dieser Tod wäre schmerzlos.

Aber man stirbt an den inneren Verletzungen, wenn der Körper zertrümmert wird. 5% könnten den eigentlichen Sprung überleben, aber ertrinken. Einige wenige können sich schwimmend über Wasser halten, aber sterben an Unterkühlung.

Die Golden Gate ist ein Selbstmord-Magnet. Man schätzt, dass sich dort seit der Einweihung 1937 über 1800 Menschen das Leben genommen haben. Genaue Zahlen gibt es nicht, denn es ist anzunehmen, dass viele Sprünge nicht gesehen und viele Leichen nicht gefunden werden.

Die Golden Gate ist effizient. Von hundert Springern überlebt einer. Keine Brücke auf der Welt ist tödlicher.

Obwohl auf der Brücke Warnschilder und Hotline-Telefone angebracht sind und Freiwillige und Fachleute auf und ab patrouillieren, können nur zwei von drei Springern abgehalten werden.

HW: „Bipolare Störung? Ich? So ein Unsinn! Ich bin nicht psychisch krank. Das ist doch Unsinn! Hey, ich bin einer der besten Ringer in ganz Kalifornien! Das ist ja wohl ein Witz! Meine Kumpels in der Football-Mannschaft würden das auch niemals glauben! Das kann ich nicht ernst nehmen!

Ich bin nicht krank! Ich will nicht, dass ich so einen blöden Fehler habe. Bipolar – das ist doch nur ein Wort! Psychologen erfinden für alles ein Wort! Klar, manchmal geht’s mir echt dreckig. Aber geht das nicht jedem so? Das ist doch normal!

Meistens aber geht es mir nicht dreckig. Meistens geht es mir gut. Ich bin kein Trauerkloß. Ich bin beliebt in der Schule. Beliebt bei meinen Kumpels, bei den Lehrern – na ja, bei den meisten – und beliebt bei den Mädchen.

Schaut so jemand aus, der eine psychische Krankheit hat?

Hey, dass ich traurig bin, ist ja wohl auch kein Wunder! Immerhin lassen sich meine Eltern scheiden und ich habe nicht den blassesten Schimmer, wie mein Leben in ein paar Monaten aussieht! Aber das ist doch normal, dass man dann nicht immer super drauf ist, oder?“

So lief mein innerer Monolog nach der Diagnose. Jeden Tag.

Ich wollte, ich musste das mit aller Macht verdrängen. Koste es, was es wolle!

Und es kostet. Es kostet viel, viel Energie.

FA: 21.22.23.24.

Vier Sekunden. Vier Sekunden, um einem siebzehn Jahre alten Jungen seine Diagnose mitzuteilen: Bipolare affektive Störung.

Das ist der Name, den wir dieser Erkrankung heute geben. Aber sie hat schon viele Namen gehabt, seit sie in der Antike zum ersten Mal beschrieben wurde.

Melancholische Manie, la folie circulaire, zirkuläres Irresein oder Manisch-Depressive Störung.

Je nach Gesellschaft betrifft sie 1% bis 1,5% aller Menschen und gilt von allen psychischen Störungen als die tödlichste. Mindestens ein Drittel der Erkrankten versucht sich umzubringen und mindestens jedem Fünften gelingt das.

Die Weltgesundheitsorganisation führt die bipolare Störung unter den 10 gefährlichsten Krankheiten. Dabei ist die Dunkelziffer enorm und man geht davon aus, dass die meisten Betroffenen eine Behandlung niemals erwägen. Selbst, wenn sie Hilfe suchen, kann die richtige Diagnose Jahre dauern.

Die bipolare Störung kommt in vielen verschiedenen Ausprägungen und Formen. Im Extremfall wird die begleitet von psychotischen Schüben, Paranoia und Halluzinationen.

Kevin Hines leidet an einer extremen Ausprägung.

HW: Ich verdrängte meine Krankheit mit aller Energie, bis es nicht mehr ging. Bis ich daran zerbrach. Bis ich die Schmerzen nicht mehr ertragen konnte.

Ich sehe mich noch an meinem Schreibtisch sitzen und einen Abschiedsbrief schreiben: „Mama, Papa, Bruder, Freundin! Ich liebe euch alle. Aber ich muss gehen!“ Das war alles.

Ich ging in das Schlafzimmer meines Vaters und weckte ihn.

„Was ist los, Kevin?“

„Nichts. Ich wollte Dir nur sagen, dass ich Dich sehr liebe!“

„Ich Dich auch. Aber es ist sechs Uhr morgens. Und meine Arbeit fängt erst um neun an. Ich schlafe noch ein bisschen, ok?“

Ich setzte mich vor sein Zimmer auf den Teppich und schaukelte mich hin und her. Weil ich eigentlich noch einmal reingehen wollte und ihm sagen: „Papa, da ist eine Stimme in meinem Kopf und die sagt mir, ich muss sterben. Sie sagt, dass es für alle besser ist, wenn ich sterbe. Sag’, dass das nicht stimmt!“

Ich ging nicht noch einmal rein. Ich war mir völlig sicher, dass ich für alle eine Last war. Und ich wollte diesen Schmerz nicht mehr ertragen. Ich konnte den Schmerz nicht mehr ertragen.

Also fuhr ich los. Mit dem Bus. Zur Golden Gate Bridge. Und während ich im Bus sitze, möchte ich eigentlich schreien. Laut schreien: „Da ist eine Stimme in meinem Kopf, die sagt ich soll mich umbringen! Aber ich will leben!“

Aber ich schrie nicht. Ich saß auf meinem Sitz und heulte stattdessen wie ein Baby. Der Rotz lief mir aus der Nase und ich schaute mich um.

Würde mich nur ein einziger fragen, ob es mir gut geht, ich würde ihm alles erzählen. Ich würde erzählen, dass ich nicht sterben will!

Aber keiner sagt ein Ton. Die Menschen schauen nicht einmal zu mir hin.

Der Bus kommt an der Golden Gate an. Endstation. Alle steigen aus, ich bleibe sitzen. Der Busfahrer kommt, der muss doch sehen, dass ich heule, dass es mir schlecht geht!

„Hey, Junge, steig’ aus! Das ist Endstation, meine Schicht ist zu Ende!“

Also steige ich aus und laufe eine Dreiviertelstunde die Brücke rauf und runter. Und ich heule immer noch. Weil die Stimme immer noch da ist und ich nicht sterben will!

Spaziergänger, Touristen, Jogger und sogar die Polizei laufen an mir vorbei, aber keiner schaut mich nur an. Keiner. Die Polizisten, die hier auf und ab laufen, gehen zwei Mal an mir vorbei, während ich am Geländer lehne.

Zwei Mal. Und ich lehne da und heule, aber keiner kommt und fragt mich, ob alles in Ordnung ist.

Ich wäre so dankbar gewesen, wenn nur ein Einziger mich nicht behandelt hätte, als wäre ich Luft. Wenn nur ein Einziger nicht peinlich weggeschaut hätte, nachdem er gesehen hatte, dass ich Rotz und Wasser heule. Ein Einziger!

Eine Touristin kommt auf mich zu. Und sie fragt, mit starkem Akzent, ob ich ein Foto von ihr machen kann. Also nehme ich ihre Kamera und mache das blöde Foto. Und heule dabei immer noch. Sie nimmt ihre Kamera wieder, sagt Dankeschön und lässt mich zurück.

Als ich jetzt an dem Geländer stehe und die Stimme in meinem Kopf sagt:

Spring! Da springe ich!

FA:

21

Kevin springt am 24. September 2000.

22

Im Moment des Absprungs bereut er es.

23

Er betet: „Ich will nicht sterben! Gott, hilf mir!“

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Er schlägt auf. Er war kopfüber abgesprungen, aber sein Körper hatte sich gedreht. Er trifft in einer Sitzhaltung auf das Wasser, der Aufprall wird von den Beinen und der Wirbelsäule aufgefangen.

Drei Wirbel zerbrechen und verursachen innere Verletzungen. Er taucht über 25 Meter tief ins Wasser und kann nur seine Hände benutzen, um zur Oberfläche zu schwimmen, die Beine sind taub. Nur mit äußerster Mühe kann er immer wieder auftauchen, um Luft zu schnappen.

Eine Frau auf der Brücke hat den Fall beobachtet und die Küstenwache gerufen. Sie fischen den jungen Mann aus dem Wasser und fixieren ihn auf eine Bahre.

Einer der Männer der Küstenwache lehnt sich zu ihm und fragt:

„Weißt Du, wie viele Springer ich hier schon aus dem Fluss ziehen musste? Weißt Du das?“

„Nein. Und ich will das nicht wissen!“

„Ich sag’s Dir aber trotzdem. Ich habe schon 57 Menschen hier rausgezogen! Alle tot. Und nur einen, der noch lebt. Und das bist Du!“

Man schätzt, dass seit Einweihung der Brücke, insgesamt 36 Menschen den Sprung überlebt haben. Vor Kevin war es im Jahre 1985 Kenneth Baldwin. Und nach Kevin seitdem nur Luhe Vilagomez.

Im Jahre 2008 wurde beschlossen, ein Stahlnetz an der Golden Gate zu installieren, um die Selbstmorde zu verhindern. Es dauerte 10 Jahre, bis es gelang, dieses Projekt zu finanzieren. Im August haben die Bauarbeiten begonnen und man rechnet mit einer Fertigstellung im Jahre 2021.

HW: Ich habe das überlebt. Und mehr als das: Den Ärzten, die mich behandelten, gelang es, meine Beweglichkeit zu 100% wiederherzustellen. Dazu benötigte es einiges an experimenteller Chirurgie, aber ich war willens, alles dafür zu tun, wieder gesund zu werden.

Wenn ich meine Geschichte erzähle, dann erwarten die Zuhörer meistens etwas wie: „Und seitdem bin ich von meiner Krankheit geheilt! Und alles ist super! Ich bin nie mehr auch nur ein bisschen traurig, sondern ich genieße jeden Tag! Friede, Freude, Eierkuchen!“

Aber so ist es nicht. Der Sprung war keine Wunderheilung und keine Erleuchtung – eine bipolare Störung ist nicht einfach eine Verstimmung. Depressionen sind nicht nur ganz, ganz toll traurig sein!

Der Sprung war nur der Anfang eines langen Wegs. Ich war seit diesem Tag vor 18 Jahren sieben Mal in psychiatrischen Kliniken! Die ersten drei Male war es nicht einmal freiwillig, sondern gegen meinen Willen.

Aber die anderen vier Male – die anderen vier Male habe ich mich selber und freiwillig eingewiesen.

Alles, was anders ist als vor dem Sprung, ist, dass ich akzeptiert habe, dass ich diese Krankheit habe. Und jetzt werde ich alles tun, um das für mich und meine geliebten Menschen irgendwie zu handhaben.

Ich beschäftige mich mit allen Behandlungsmethoden, die man heute kennt. Und der kleinste gemeinsame Nenner ist immer der gleiche: Routine. Ritus. Alltag. Jeder Tag zählt, jede Stunde zählt.

Ich stehe jeden Tag um die gleiche Uhrzeit auf und zur gleichen Uhrzeit ins Bett. Ich esse immer ungefähr zur gleichen Uhrzeit. Ich mache jeden Tag eine Stunde Kraftsport. Ich meditiere. Ich mache eine Musiktherapie und ich nehme meine Medikamente, wenn ich Medikamente verschrieben bekomme.

Achtzehn Jahre ist es her, dass ich gesprungen bin und ich bin nicht geheilt. Ich bin immer noch manisch und immer noch depressiv. Ich habe immer noch psychotische Schübe und immer noch Halluzinationen. Ich nehme immer noch Medikamente und ich bin immer noch in Therapie.

Ich habe gedacht, das Leben ist nur eine Chance, und ich hätte die vermasselt. Ich habe gedacht, dass ich allen nur eine Last bin und niemand mich sieht.

Das habe ich gedacht und ich habe gelernt, dass das ein Fehler war.

Der Unterschied ist: Wenn ich jetzt diese Stimme in meinem Kopf höre, die mich damals über die Brücke geschickt hat, dann weiß ich, dass das nur meine Gedanken sind. Aber man muss nicht alles machen, was einem die eigenen Gedanken sagen.

Und dann versuche ich sofort mit jemandem zu reden. Ich warte nicht mehr darauf, dass mich jemand anspricht. Ich gehe auf meine Frau zu, meinen Bruder, meine Freunde und ich erzähle ihnen, wie es mir geht. Ich suche so schnell es geht Hilfe.

Wenn ihr leidet, dann redet darüber! Je länger man schweigt, desto schmerzhafter wird der Aufprall.

Zum Schluss noch einmal:

Ich weiß echt nicht, wie man diese Krankheit besiegt.

Ich übe nur, damit zu leben.

Auch heute gibt es noch viele Tage, an dem ich den Silberstreif am Horizont nicht sehen kann. Keine Hoffnung weit und breit.

Aber ich weiß, dass dieser Silberstreif da ist, auch wenn ich ihn nicht sehen kann!

Hoffnung macht den Unterschied. Aber natürlich kann man sich nicht einfach dazu überreden, zu hoffen. Aber man kann einfach Tag für Tag, Stunde für Stunde leben – die Hoffnung wird wieder kommen!

Du musst nicht gesund und glücklich sein! Das ist nicht die Aufgabe.

Die Aufgabe ist: Du musst diesen Tag überleben.

Und dann den nächsten.

Irgendwann ist da wieder Hoffnung.

Viele sagen zu mir: Hoffnung! Pfft! Was soll ich mit Hoffnung?

Das ist doch kein Plan, das ist doch kein vernünftiger Ratschlag!

Stimmt. Aber: Hey! Es ist ein Anfang!

Und – hey – noch etwas zum Schluss: Wenn mich damals im Bus oder auf der Brücke auch nur ein Mensch angesprochen hätte, ich wäre nicht gesprungen.

Wenn ihr jemanden seht, der leidet, dann sprecht ihn bitte an! Bitte!

FA: 21.22.23.24.

Seit dem 24. September 2000 sind 2.5 Millionen Mal vier Sekunden vergangen.

Zwei Wochen waren seit dem ersten Krankenhausaufenthalt vergangen, als Kevin Hines seine Geschichte zum ersten Mal vor Zehntklässlern erzählte.

Seitdem hat er niemals aufgehört damit. 2000 Universitäten und 3000 Schulen hat er besucht. Zwei Bücher hat er geschrieben und gerade einen Film abgedreht. „Suicide. The Ripple Effect“

Das Motto, das auf den T-Shirts steht, die seine Stiftung verkauft ist:

„Be here tomorrow!“

HW: Du musst nicht gesund und glücklich sein! Das ist nicht die Aufgabe.

Die Aufgabe ist: Du musst diesen Tag überleben!


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