2 mal 3 macht 4!


Auf jeder Website, in jeder Zeitung, im Radio und im Fernsehen werden uns ununterbrochen die Prozentzahlen um die Ohren gehauen.

Studie eins sagt das und Studie zwei sagt das. Widersprüchliche Ergebnisse sind nicht selten, auch wenn die meisten Medien genau die Weltsicht in den Statistiken finden, für die sie stehen.

Wir haben einige schlimme Beispiele von Statistik-Missbrauch gesammelt, um einmal ein paar einfache Kniffe zu erkennen und uns im Zeitalter der Prozentzahlen einen Survival-Guide zu erarbeiten.


Musik: Straight Chillin‘ von Mindfull / CC BY-SA 3.0
Die morgenradio-Playlist auf jamendo


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Skript zur Sendung


Kapitel eins: Spitzer ist spitze!
Oder: Woher kommen die schönen Zahlen?

Manfred Spitzer ist ein deutscher Psychiater, Hochschullehrer und – leider, leider – Buchautor. Er hat, just in der Kindheit meiner Kinder, vier Werke geschrieben. Die heißen
„Computer schaden Kindern mehr, als sie nützen“, „Digitale Demenz“ oder „Cyberkrank!“

Ist aber im Prinzip immer das gleiche Buch. Muss man auch nicht gelesen haben. Herr Spitzer begründet seine These, dass die modernen Medien die Kinder verdummen, mit einem Gemisch aus Erkenntnissen der Hirnforschung und persönlicher Sozialbeachtung.

Der Südwestfunk fragte ihn in einem Interview, ob denn Smartphones abhängig machen könnten. Niemand war überrascht, als er aus der Pistole geschossen antwortete: „ In Südkorea liegen die Zahlen vor. Da hat man unter den 10- bis 19-Jährigen über 30 Prozent mit nachgewiesener Smartphone-Abhängigkeit. Wir haben letztes Jahr acht Prozent ungefähr gehabt, wir sind also auf dem Weg dahin.“

Das ist erschütternd. Doch die ZEIT wollte daraufhin genauer wissen, woher denn die faszinierenden Zahlen aus Südkorea stammten. Den Wert dafür habe er „mit einer wissenschaftlichen Mitarbeiterin, die aus Südkorea kommt und sich dort gut auskennt, im Netz gefunden, direkt beim Wissenschaftsministerium in Südkorea“, war die Antwort.

Bleiben noch die acht Prozent. Die stammen aus der populären Studie „Mediatisierung Mobil“ der Universität Mannheim. Da steht wörtlich drinnen: „21 Prozent der 8-14Jährigen berichten von einem starken Involvement, acht Prozent von ihnen sind so stark involviert, dass sie als suchtgefährdet bezeichnet werden müssen.“

Warum ist das wichtig? Weil die Aussagen Spitzers auf so vielen Ebenen zugespitzert sind. Die eine Gruppe, die der halluzinierten Koreaner ist 10-19 Jahre alt, die andere 8-14.

Nachgewiesene Smartphone-Abhängigkeit ist garantiert kein wissenschaftlicher Ausdruck. Und drittens ist Abhängigkeit nicht das gleiche wie Gefährdung. Kann man auf der Wies’n sehen. Sind da nicht aaalle Alkoholiker.

Woher kommen die schönen Zahlen? Na ja, die werden, wie wir gesehen haben, manchmal schlicht und einfach erfunden. Oder sagen wir einmal geschätzt.

Als wir das blöde Burka-Verbot diskutierten, kursierten Zahlen im Netz. Eine war die Annahme, dass es auch in Deutschland 300 Burka-Trägerinnen gibt. Diese eindrückliche Zahl aber hat Hamed Abdel-Samad, ein islam-kritischer Politologe erfunden. Oder, wie er es selber ausdrückt: „Aufgrund eigener Sichtungen geschätzt.“ Tja, und ich schätze, im Studium der Politologie ist Statistik nicht vorgesehen.

Kapitel zwei: Armes Deutschland
oder: Presentation Zen

Es ist noch kein Jahr her, als der Paritätische Wohlfahrts-Gesamtverband in seiner offiziellen Pressemitteilung verlautbarte: „Die Armut in Deutschland ist auf einen neuen Höchststand von 15,7 Prozent angestiegen.“

Das ist natürlich erschütternd, wenn man darüber nachdenkt. Jeder achte Deutsche ist also arm. 12 Millionen arme Menschen!
„Wo es uns doch angeblicht so gut geht. 12 Millionen! Wenn das nicht an den Migranten liegt! Oder an Danke, Frau Merkel!“

Und das, so steht da noch, das geht auch schon seit mehreren Jahren so. Ein Trend hin zur Armut, der sich immer mehr verstärkt.

Doch woher kommen denn wieder diese Zahlen?

Die, so steht es da auch, die stammen aus dem Mikrozensus. Da werden die Netto-Einkommen erfasst und sortiert. Und dann hat man da auch einen Mittelwert, den sogenannten Median.

Und die Wohlfahrtsverbandler sagen, wer weniger als 60% davon hat, ist arm.

Das leuchtet ein. Bei irgendeiner Zahl muss man das ja ankoppeln. Warum nicht quasi beim Durchschnittseinkommen? Aber ob da halt wirklich das einfache Netto-Einkommen reicht? Da sind ja viele Dinge nicht drin. Wenn eine geerbt hat, z.B. wenn einer sein Geld schwarz verdient, z.B. – und hey, ich kenne ganze Branchen, die das tun… Oder ein Haus hat.

Egal – das Einkommen kann Armut nicht messen. Das reicht nicht. Klingt komisch, aber es wird einem vielleicht statistisch klar, wenn wir ein Gedankenspiel machen. Durch ein Wunder verdoppelt sich das Netto-Einkommen aller Deutschen. Aller! Alle haben doppelt soviel.

So. Das zweite deutsche Wirtschaftswunder. Jeder hat 2018 doppelt so viel.

Doch? O weh? Was ist das?

Eine Pressemitteilung des Paritätische Wohlfahrts-Gesamtverband: „Die Armut in Deutschland ist bei 15,7 Prozent stagniert.“

Siehe da. Es macht keinen Unterschied. Beziehungsweise: Es misst eigentlich nur den Unterschied.

In einer superprimitiven Gesellschaft, wo alle nur Wurzeln kauen und sonst kein Einkommen haben, findet sich auch ein Meridian. Und von dem aus gemessen, sind in Wurzel-Kauistan dann wahrscheinlich unter 1 Prozent der Bevölkerung arm. Die ohne Zähne…

Es wäre aber durchaus wünschenswert, wenn wir uns einmal genauer formulieren würden, was wir denn so meinen mit Armut. Denn das bräuchte unsere Gesellschaft. Und das sollte nicht alleine am Durchschnittseinkommen gemessen werden, sondern an der Menschenwürde.

Kapitel drei: Ja, was essen sie denn?
Oder: Pinocchio mag Dinkelsemmeln

Wo wir schon in Wurzel-Kauistan sind, hast Du, habt ihr, eigentlich auch den Eindruck, dass wir langsam zu einer Vegetariernation mutieren? Die Supermärkte voller Veggie-Fleischpflanzerl und jeder, den man kennt, erklärt beim Grillen: „Wir essen ja nur noch selten Fleisch“!

Fleisch und Wurst sind nicht mehr täglich auf den Tellern Deutschlands. Nur jeder Fünfte, sagt eine aktuelle Umfrage des Civey-Insituts, isst täglich Fleisch und Wurst. Tendenz steigend.

90 Prozent der Deutschen geben an, sie würden für artgerechteres oder Bio-Fleisch gerne auch mehr Geld ausgeben. Angenommen, Normalo-Fleisch kostet 10 Euro, dann würde die Hälfte der Befragten gerne auch 15 Euro dafür hinlegen, fast 30 Prozent sogar noch mehr.

Über 90 Prozent achten bei sich auf gesunde Ernährung. Sagt die Studie. Die Mehrheit isst täglich Obst, nur 20 Prozent trinken Limos und Cola und 15 Prozent nur kochen sich Fertiggerichte.

Tja. Da haben wir es schwarz auf weiß. Die Ernährung in Deutschland stellt sich um.

Da ist nur ein kleines Problem… Das stimmt schlicht und einfach nicht.

Der Fleisch- und Wurstkonsum ändert sich seit Jahren nicht. Wenn achtzig Prozent der Deutschen nur selten so etwas essen, dann müssen die halt dafür dann das Doppelte verschlingen. Oder sie wissen vielleicht nicht, dass auch Döner, Curry-Wurst und Hühnchen in diese Kategorie fällt.

Und schön auch, wenn sie für Bio-Fleisch mehr ausgeben wollen. Die Frage ist bloß: Warum tun sie es dann nicht? Denn der Bioanteil bei Geflügel-, Rind- und Schweinefleisch in Deutschland liegt immer noch unter fünf Prozent des Gesamtmarktes.

Und dann noch zu Obstessern, die sich nie Fertiggerichte kochen: Auch das stimmt einfach nicht. Der Anteil an Fertigkost steigt immer noch ständig, die Hälfte der Obstesser schiebt sich halt nach der Banane noch eine Fertigpizza rein. Der Pro-Kopf-Verbrauch an Tiefkühlkost liegt im Durchschnitt bei fast einem Zentner.

Für diese Diskrepanzen gibt es eine ganz einfache, schlichte Erklärung:
Wenn man Leute fragt, dann lügen die halt. Alle Patienten lügen, hat Dr. House immer gesagt.

Man mag den Teilnehmern an solchen Studien zugute halten, dass sie sich vielleicht auch bei ihrem Konsumverhalten irren. Und es sich nur ein ganz kleines bisschen schöner reden wollen.

Das ändert nicht viel an der Tatsache, dass solche Umfragen halt wenig Sinn haben. Das sieht man ja auch an letzten Wahlvorhersagen, die immer mehr von den echten Wahlergebnissen abdriften.

Wir sind anscheinend schon alle so oft von Marktforschern und Demografen ausgequetscht worden, dass wir das halb-professionell betreiben.

Und speziell Umfrage-Ergebnisse sind da halt besonders anfällig. Wer wurde wann gefragt? Ist die Studie repräsentativ für den Bevölkerungsdurchschnitt? Was wurde gefragt? Wie war die Frage formuliert? Ein sehr wichtiges Detail, zum Teil sind die ja hochsuggestiv.

Ein berühmtes Beispiel ist ja die Studien, die der Basis vom Mythos ADHS sind. Zuerst 2003 und dann 2007 kamen große amerikanische Studien zweimal zu dem eindeutigen Ergebnis, dass die ADHS-Fälle deutlich steigen. Im letzteren Beispiel gar um ein Viertel. Tausende wurden befragt, so hieß es.

Doch, wenn man genauer hinkuckt, wie man zu diesen Ergebnissen kam, ist das schon fast zum Lachen. Es wurden nicht Untersuchungsergebnisse ausgewertet, nein. Die Auswahl der Befragten war nicht repräsentativ, nein. Sondern willkürlich. Und zwar Eltern.

Das Ergebnis stellt also bestenfalls das Gefühl der Menschen dar, die da gegen ihren Willen am Telefon belästigt wurden. Die gefühlte ADHS-Häufigkeit.

Und die liegt halt falsch. Genau wie die gefühlte Zunahme der Kriminalität oder des Welthungers oder der Bedrohung durch den Islam.

Kapitel vier: Und was nun?
Oder: Ich glaube nur Statistiken, die ich selber manipuliert habe…

Hat er übrigens wahrscheinlich nicht einmal gesagt, der Herr Churchill.

Es ist wirklich sehr schwierig, in all dem Zahlendonner und den Prozentzeichen, die uns ständig um die Ohren gehauen werden, eine Orientierung zu behalten. Was aber trotzdem wichtig ist, weil das alles nur zum Gefühl von Bedrohung beiträgt.

Wenn man also so eine Meldung findet, dann gibt es drei Ebenen von Checks.

Erstens: Welches Medium berichtet uns von diesen Studien?
Medien sind verschieden glaubwürdig. Wenn es um Studienergebnisse geht, zum Beispiel in der Pädagogik. Kinder werden immer dümmer, zum Beispiel, dann gibt es da auch Abstufungen.

Irgendeine Facebook- oder Twittermeldung ist schlechter als eine direkte Meldung. Bei direkten Meldungen sind am fragwürdigsten unbekannte Websiten, bekannte Websiten ohne Quellen, die Bildzeitung – kommt auch weit vorne, RTL vor ARD, bekannte Zeitschriften oder Zeitungen.

Am besten ist der Link in einem Fachblatt, meinetwegen bei der Bäckerblume oder in unserem Beispiel beim Lehrer- und Lehrerinnenmagazin.

Und am allerbesten ist es natürlich, man findet die Studie selber. Und liest erst einmal das Abstract. An der Stelle trennt sich die Spreu erst einmal vom Weizen.

Zweitens: Wer hat die Studie finanziert?
Da muss man auch die Studie oder der Website finden. Aber auch das ist eine wichtige Hilfe, bevor man selber anfangen muss, Statistik zu studieren.

Drittens: Wie genau ist der Studienaufbau?
Sind die Probanden repräsentativ ausgewählt. Durch alle Bildungs- und Einkommensschichten zum Beispiel. Hat man da eine Doppelblindstudie gemacht? Oder einfach Werte aus irgendwelchen Kohortenstudien unzulässig korreliert?

Aber das geht jetzt vielleicht schon zu sehr in die Tiefe. 80% der Quellen für so einen Unsinn sind ja jetzt sowieso schon ausgeschieden, das ist jetzt eigentlich nur der Feinschliff.

Bleibt noch viertens: Wer hat einen Nutzen von diesen Ergebnissen?
Herr Spitzer zum Beispiel hat seine koreanischen Daten ja erfunden, weil sie seine These bestätigten. Studien über die Harmlosigkeit von Tabak waren bis in die Sechziger meist von Rauchmittelherstellern beauftragt.

Oder, anders ausgedrückt: Wenn in der taz stünde, dass Redakteure bei Springer statistisch gesehen deutlich intelligenter sind als bei der taz…

Dann hat das eine hohe Glaubwürdigkeit, weil es den Interessen der taz ja gerade nicht entspricht.

Ich allerdings würde in diesem Fall besonders genau nachkucken…

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