17. April 1986


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Eigentlich hatte sich der Herr Wunderlich schon lange vorgenommen, diese Geschichte zu erzählen, weil sie ihm so wichtig ist. Aber dann hat er sich gedrückt.

Heute also die Geschichte, wie Herr Wunderlich am 17. April 1986 gestorben ist. Und dann halt doch nicht. Die etwas intime Schilderung eines Nahtod-Erlebnissen. Zum letzten Mal.


Download der Sendung hier.

Musiktitel: „He’s dead, Jim!“ von The Stormclouds


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Die Geschichte zum Lesen

Ich erzähle diese Geschichte nicht gerne. Ich habe mir das schon für den Explikator vorgenommen gehabt, aber immer vor mir hergeschoben.

Sie ist mir sehr wichtig, aber gerade deshalb hat sie im Lauf der Zeit ein bisschen gelitten. Wenn man eine Erinnerung oft benutzt, dann verändert man sie. Bei jedem Mal kommt die Erinnerung an das gerade Erzählte neu zu der eigentlichen Erinnerung hinzu.

Ich kann die Geschichte kaum erzählen, ohne an die vielen Erzählungen zu denken, die ich daraus schon gemacht habe. Dabei habe ich sie am Anfang ganz für mich behalten und niemandem gezeigt. Später im Leben wollte ich ihr begegnen, indem ich sie ganz oft erzählte.

Bei meinem Konfirmanden zum Beispiel an einem Samstag vier Mal hintereinander. Da habe ich zum ersten Mal gespürt, dass ich die Erinnerung kaputt mache. Und seitdem bin ich wieder sehr, sehr sparsam damit umgegangen.

Aber sie gehört zu mir und sie ist mir wichtig. Es ist die Geschichte, wie ich am 17. April 1986 gestorben bin. Und dann halt doch nicht.

Sie beginnt am 16. April 1986 in der Kunstschule, die ja schon zwei Mal im Morgenradio vorkam. Ich war eigentlich gerade auf meinem Weg, diese zu verlassen. Ende Juni wäre meine Ausbildung zum Illustrator vorbei gewesen und ich hatte schon den einen oder anderen Auftrag abgewickelt.

An diesem Mittwoch saßen wir nach dem Aktzeichnen am späten Abend noch lange in der kleinen Cafeteria. Flo, der selbst ernannte Barmann, legte wieder einmal Creedence Clearwater auf. Nicht, dass ich mich daran so genau erinnern könnte: Er legte das immer auf!

Für mich und Giorgio war es aber noch nicht spät genug, als Hans – der Inhaber der Kunstschule – den Laden dichtmachen wollte. Wir liehen uns den Rosthobel vom Martin, fuhren ihn nach Hause und brachen von dort auf, um Züge zu zeichnen.

Oder, anders ausgedrückt, um mitten in einer dunklen Nacht über die Abstellgleise in Allach zu stromern. Was natürlich nicht erlaubt war. Heute steht da ein Rangierbahnhof, damals standen da Waggons, die keiner mehr brauchte.

Zum Beispiel von der Reichsbahn. Waggons mit sichtbaren Einschusslöchern aus dem Krieg. Waggons der dritten und der vierten Klasse. Die ersten mit Holzbänken, die letzteren ohne richtige Sitzgelegenheit und aus dem Jahr 1924!

Der Plan war, diese aussterbenden Dinosaurier aus der Vergangenheit zu zeichnen. Aber erst einmal mussten wir das Gelände ausgiebig erforschen. Auf dem Dach eines Waggons lieferten wir uns ein imaginäres Duell, wie in einem John-Wayne-Film und veranstalteten dann ein Wettrennen über den Zug, der in unserer Phantasie mit Vollgas durch den Wilden Westen fuhr.

Tatsächlich regredierten wir aber nicht komplett zurück zu kleinen Jungs, sondern wollten auch ernsthaft zeichnen. Mein Plan war es, einen der flachen Güterwaggons zu zeichnen, auf die man Container laden kann.

Darauf wollte ich dann die Theresienkirche platzieren und mit der Zeichnung an einem Wettbewerb für Zugreisen nach München teilnehmen. Keine tolle Idee, denn außerhalb von München kennt kein Mensch die Theresienkirche. Aber die Frauenkirche war einfach zu abgedroschen. Und auf jeden Fall die hässlichere der beiden. Und: Ich war ja Künstler!

Ich kletterte auf einen Wagen, der dem ausgewählten Güterwaggon gegenüber lag und setzte mich hin. Ich weiß nicht mehr, ob ich die Zeichnung fertig gestellt habe oder nicht. Ab diesem Zeitpunkt werden die Erinnerungen ungenau.

Auf jeden Fall stand ich irgendwann auf, um Giorgio zu zuwinken, der immer noch fasziniert über das Gelände lief. Was ich vorher nicht gesehen hatte, war, dass dieses eine Gleis, auf dem mein Waggon steht, noch eine Oberleitung hatte.

Davon sprang ein Lichtbogen in den Ellenbogen meines rechten Arms. 20.000 Volt liefen durch meinen Körper und verließen ihn wieder an der rechten Ferse, wo sie, an der Gummisohle meiner Schuhe vorbei, weiter in den Zug flossen.

Ich fiel vom Waggon auf das Gleisbett und verlor noch nicht gleich das Bewusstsein. Giorgio eilte zu mir und fragte mich, was er denn tun soll? Ich sagte ihm, er muss einen Notarzt besorgen. Was 1986, ohne Handy, auf einem abgelegenen Gleis keine leichte Aufgabe war.

Er lief los und ich blieb liegen. Das war der Zeitpunkt, an dem ich begann zu sterben.

Ich hatte keinerlei Schmerzen. Nicht, dass ich mich erinnern könnte, die kamen erst später. Ich war eher sehr erschöpft. Ich wusste in diesem Moment ganz genau, dass ich das nicht überleben würde. Eine nüchterne Feststellung, denn ich hatte keine Angst zu sterben.

Das Gefühl, das ich hatte, war eher: Es war ein sehr, sehr anstrengender Tag. Und darum darf ich mich jetzt auf die Couch legen und die Augen zu machen und darf endlich einschlafen.

Aber beschreibt nicht alles. Es war noch mehr. Nicht nur ein Nickerchen machen, sondern ganz und gar einschlafen. Ganz aufhören. Einfach nicht mehr die Person Oliver Wunderlich sein müssen.

Es war wie endlich irgendwo daheim zu sein! Nach Hause gehen.

Alles war ganz, perfekt, geheilt, zusammen, erfüllt, richtig, in Ordnung.

Und noch mehr als das. Ich fühlte mich nicht alleine. Ich war nicht alleine. Da war eine andere Präsenz. Es war, als würde ich in jemandes Schoß liegen. Als wäre ich geborgen, weil mich jemand beschützt.

Ich kann mich nicht erinnern, dass mein Leben als Film noch einmal vor meinen Augen abgelaufen wäre. Gott sei Dank, denn das wäre sicher ein langweiliger und zu kurzer Streifen gewesen.

Aber ich erlebte einzelne Szenen wieder, begleitet von einem intensiven, moralischen Drängen. Das war nicht schön, das war furchtbar, aber: Trotzdem perfekt, geheilt, in Ordnung.

Ein Beispiel: Da war diese Erinnerung, die ich bis dahin komplett verdrängt hatte. In der Grundschule hatten wir zwei türkische Mädchen. An der ganzen Schule – ja. Und weil die anders waren, spielte niemand mit den beiden.

Bloß ich. Denn ich war in sozialen Dingen ausgesprochen unterentwickelt. Ich hatte keinerlei Vorkenntnisse in „peer pressure“ oder „mobbing“, weil ich nicht in den Kindergarten gegangen bin.

Ich spielte mit den beiden und sie waren sehr dankbar. Allerdings fiel das meinen Klassenkameraden auf und ich bekam richtig Druck.

Häme, Spott, Isolation und in einem Fall sogar richtig Dresche. Warum spielte ich mit den Türkenkindern? Wusste ich nicht, dass die alle stinken?

Und eines Tages wurde mir der Druck zu viel. Und ich sagte zu den beiden auf dem Pausenhof, dass ich nie mehr mit ihnen spielen will, weil: Türken stinken. Und sie spielten nie mehr mit mir.

Solche Erinnerungen hatte ich auf einmal wieder. Ich schäme mich heute noch, dass zu erzählen. Ich bin mir sicher, dass ich als Siebenjähriger schon gewusst habe, dass ich falsch handele.

Es gab kein Gericht, ich hörte keine Vorwürfe bei meiner Afterlife-Party. Es war eher so, dass ich auch solche Fehler jetzt ablegen durfte. Das waren die Fehler von Oliver Wunderlich und ich durfte jetzt aufhören, diese Person zu sein. Nach Hause gehen.

Mittlerweile hatten sich auf der anderen Seite meines Gehirns Sanitäter eingefunden. Giorgio war auf die Allacher Straße gerannt und hatte das erste Taxi angehalten, dass dann den Notarzt rief.

Die Sanitäter schütteten erst einmal einen Eimer Wasser über mir aus, um die ganzen Schwelbrände zu löschen. Mein Lieblings-Sweatshirt war wohl mehr Plastik als Baumwolle und hatte sich in meinen Oberarm gekokelt.

In der Ambulanz erklärten mich die Sanitäter für klinisch tot. Das heißt, mein Herz schlug nicht und ich atmete nicht mehr. Und die Sanis wussten nicht, wie lange das schon so war. Und natürlich macht man im Auto nicht gemütlich eine Ableitung der Hirnströme.

Ich weiß das nicht, weil ich eine Out-of-Body-Experience hatte. Oder weil ich den Sanis dabei zusah, wie sie versuchten, mich wieder zu beleben. Diese Sachen haben sie mir erzählt, als sie mich im Krankenhaus besuchten.

Zurück auf die Innenseite meines Gehirns. Da lief noch die Abschiedsparty von diesem Typen namens Oliver. Und ich hatte immer noch keine Angst, sondern fand das – summa summarum – eigentlich eine ziemlich gute Idee. Ich hatte nicht die geringsten Einwände, was die Gestaltung betrifft. Im Gegenteil: So zufrieden war ich vorher und nachher nie mehr!

Bis ich wieder aufstehen musste. Man soll ja gehen, wenn’s am schönsten ist, aber meine Pause war plötzlich aus. Es war mir plötzlich, als würde eine Stimme sagen: „Steh auf. Du musst jetzt wieder aufstehen! Genug ausgeruht!“

Eine echte Zumutung! Eine Frechheit! Das wollte ich nun wirklich nicht. Das war fies, gemein und total unfair! Wenn ich wütend hätte aufstampfen können, hätte ich das gemacht. Wenn heiße Tränen geholfen hätten, hätte ich geweint. Ich hätte mich auf den Boden geworfen oder rumgeschrien – aber es half alles nichts!

Die Wiederbelebung hatte funktioniert! Mein Herz schlug wieder und ich musste und durfte wieder Oliver Wunderlich sein.

Danach begannen die Schmerzen. Ich hatte Verbrennungen an gut Zweidrittel meiner Haut, bei einem Viertel meiner Haut drittgradig. Die Ärzte erklärten meinen Eltern, dass ich das wahrscheinlich überleben würde – eine Schwester ließ sich hinreißen, mir eine 10%ige Überlebenschance zu geben.

Ich spürte die Angst der Menschen um mich herum sehr wohl. Doch ich wusste, dass ich das überleben würde. Sonst hätte ich ja schließlich nicht vom Sterben aufstehen müssen, oder?

Es war aber auch kein Honigschlecken. Die erste Woche waren die Schmerzmittel so hoch dosiert, dass ich nur zwischendurch wache Momente hatte. Ich hatte zwölf Operationen unter Vollnarkose und die Ärzte verpflanzten mir die Haut vom rechten Bein und meinem Hintern quer über die Baustellen an meinem Körper.

Ich verlor zwischendurch beinahe einen Arm, bin seitdem auf einem Auge nur noch bei 10%, auf einem Ohr quasi taub, aber alles in allem galt ich als eine kleine Wunderheilung.

Verdanken tu ich das natürlich dem Pflegepersonal und den Ärzten auf der Schwerbrand-Intensiv. Die waren ein ganz besonderer Menschenschlag. Die sahen viele Menschen jede Woche sterben sahen.

Anfang Juni, zum Beispiel, wurde das Wetter sommerlich und Jürgen, ein Pfleger, meinte: „Oh je, heute wird’s wieder voll.“ Und recht sollte er haben: Das erste Sommerwetter und schon wurden schwarzverkohlte Griller durch die Station gefahren. Zum Beispiel ein Vater, der seinen Sohn gleich mit verbrannt hat. Beide starben innerhalb der ersten zwei Tage.

Ein anderes Beispiel für das Pflegepersonal ist “meine” Schwester Gisela. Die setzte sich manchmal für die Erledigung ihres Papierkrams in mein Zimmer. Das hatte 36 Grad und sie musste sich komplett umziehen, aber sie tat das. Damit ich mich nicht so alleine fühlte.

Dieser 17. April 1986 hat mein Leben verändert. Es ist nicht so, dass ich dadurch religiös geworden wäre. Das war ich vorher schon. Es ist nicht so, dass ich das Meditieren angefangen hätte, das erste Sesshin hatte ich auch schon vorher. Es ist nicht so, dass ich von einem Leben nach dem Tod berichte – da ich berichten kann, war ich nicht tot.

Und es ist auch nicht so, dass ich seitdem lebensmüde wäre. Im Gegenteil: Ich hatte seit diesem Tag nicht auch nur einmal den Anflug eines Selbstmordgedankens. Den Wunsch, einfach nicht mehr da zu sein oder den Wunsch nicht mehr Oliver Wunderlich sein zu müssen, denn hatte ich allerdings schon manchmal.

Aber ich könnte mich niemals selber umbringen. Ich glaube fest, dass ich mich dann nicht mehr so einfach zurücklehnen dürfte, wie an diesem 17. April. Und die Vorstellung, den Selbstmord vor meinem eigenen Gewissen beim Sterben verantworten zu müssen, ist untragbar.

Es ist eher so, dass mir das Leben seitdem wichtiger ist als vorher. Beim zweiten Durchgang will ich vorsichtiger sein, habe ich mir vorgenommen. Und besser dabei sein, wenn mir das Leben widerfährt.

Es war nicht toll, dass ich wieder aufstehen musste. Ich bin immer noch ein kleines bisschen beleidigt – egal, wer dafür verantwortlich ist.

Aber wenn ich mir anschaue, was seit diesem Tag geschehen ist, dann bin ich auch sehr dankbar, dass diese Stimme mich gegen meinen Willen aufgescheucht hat.

Jedes Jahr denke ich an diesen Unfall zurück. An meinen zweiten Geburtstag. In Zweit-Geburtstag-Lebensjahren bin ich übrigens auch schon so alt wie Lady Gaga. So lange ist das her.

Das war meine Geschichte vom 17. April 1986. Ich weiß, es sind sicher noch viele Fragen offen. Die kann ich euch auch gerne beantworten, wenn ihr wollt. Aber ich habe mir vorgenommen, diese Geschichte ab jetzt nicht mehr zu erzählen.

Ein besonderer Tag. Ohne diesen 17. April wäre mein Leben ein anderes geworden. Ich weiß nicht, ob ich die Untiefen, die dann noch kamen, alle gemeistert hätte.

Und, wenn man es genau nimmt, verdanke ich diesem Tag auch euch, die ihr euch meine geheime Geschichte jetzt angehört habt.